BMBF veröffentlicht Open-Access-Strategie

Etwas verzögert der Hinweis auf die jüngst veröffentlichte Open-Access-Strategie des Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Auszug aus der Pressemitteilung des Ministeriums:

„Eine zentrale Maßnahme der neuen BMBF-Strategie ist die Einführung einer Open Access-Klausel für alle durch das BMBF geförderten Projekte. Wissenschaftliche Artikel aus vom BMBF geförderten Projekten sollen entweder gleich unter einem Open Access-Modell publiziert oder nach Ablauf einer Embargofrist in einen geeigneten Dokumentenserver eingestellt werden können. Die Forscherinnen und Forscher bleiben dabei frei in ihrer Wahl, ob und in welcher Zeitschrift sie veröffentlichen wollen.“

open-access-in-deutschlandNeben diesem Vorhaben werden in der zwölfseitigen Strategieschrift (PDF) weitere Maßnahmen des BMBF zur Förderung von Open Access beschrieben. Wisspub-Autor Marco Tullney hat die Strategie im TIB-Blog ausführlich kommentiert.

Seitdem es bereits seit einigen Monaten Anforderungen an die offene Zugänglichkeit von Forschungsdaten in diversen BMBF-Ausschreibungen gibt, leistet das Ministerium mit der jetzt angekündigten Verankerung von Open Access in der Forschungsförderung einen wichtigen Beitrag zur Verankerung von Open Science im europäischen Forschungsraum.

Auf die Entwicklung einer Open-Access-Strategie hatten sich CDU, CSU und SPD im Koalitionsvertrag geeinigt. In einem Interview mit der „Welt“ erläutert Bundesministerin Johanna Wanka das Anliegen der jetzt vorgestellten Open-Access-Strategie.

Harvard Library Report: Flipping Journals zu Open Access

Nach einer öffentlichen Kommentierungsphase ist nun der umfangreiche Auftragsreport der Harvard Library zur Konvertierung von Journals zu Open Access online verfügbar:

Die finnischen Autoren haben aufgrund einer ausführlichen Literatur Review verschiedene Wege aufgezeigt, wie Journals in der Vergangenheit zu Open Access überführt wurden. Diesem Text wurden die Kommentare von weiteren 20 Experten (grau) eingefügt. Dies stört zuweilen den Lesefluss, ist aber auf Grund der unterschiedlichen Sichtweisen der Experten mit vielen Praxisbeispielen sehr bereichernd.

Erwartungsgemäss ist das analysierte Spektrum der Wege zu Open Access vielfältig. Für jedes Szenario, sei es nun APC-basiert oder nicht, haben die Autoren die Stärken und Schwächen zusammengetragen. Der Report verzichtet darauf eine klare Empfehlung zu geben.

Allerdings lässt sich gerade mit Blick auf die Schwächen einzelner Szenarien doch ausmachen, dass einige kaum nachhaltig und skalierbar sind. Open Access Journals die sich beispielsweise über eine Fachgesellschaft subventionieren, Einnahmen über Werbung oder Verkäufe der Print-Version (Freemium) realisieren, sowie stark auf freiwilliger Arbeit basieren (z.B. Open Medicine) dürften es im Wettbewerb mit Journals/Verlagen die mit ein APC-Modell operieren schwer haben und eher Nischengeschäftsmodelle bleiben.

Ebenfalls darf der Weg über Hybrid-OA – sofern nicht als Zwischenlösung mittels Offsetting Deals realisiert um double dip zu vermeiden – als nicht funktionierend abgeschrieben werden.

Natürlich wird auch das dominante APC-Modell im Report kritisch angesprochen und die Skepsis, ob das was zurzeit sehr gut funktioniert, wirklich die beste Lösung ist, wird in manchen Kommentaren gut ersichtlich. Alternativ werden auch Submission Fees (Bezahlungen bereits beim Einreichen, und nicht erst bei der Publikation) diskutiert. Besonders lesenswert ist hier der Kommentar von Thomas Munro (S. 84), welcher anmerkt, dass solche Submission Fees in den ökonomischen Zeitschriften bereits normal seien (wenn auch noch nicht um wirklich OA zu finanzieren).

Auch ausführlich besprochen werden die neueren Finanzierungsmodelle via Konsortium (OLH, SCOAP3). Während diese grundsätzlich als attraktiv für konvertierende OA-Journals angesehen werden, stellt sich hier verstärkt das Problem von kollektiven Handeln, dem dadurch entstehenden Koordinationsaufwand, und bei zu vielen Freeridern auch eine Unterfinanzierung.

Dem Report angehängt ist eine kommentierte Bibliografie der gesichteten Literatur, sowie eine Liste aller konvertierten Journals, die im Report erwähnt werden.

Wellcome Open Research

Der Wellcome Trust kündigt an, mit F1000 als Umsetzungspartner, ein neues Journal Wellcome Open Research zu lancieren. Nur Forschende mit Finanzierung des Wellcome Trust sollen darin veröffentlichen können. Die erwarteten APCs – je nach Artikellänge zwischen 150$ und 1000$ – werden direkt vom Forschungsförderer übernommen.

Neben klassischen Artikeln, sollen explizit auch Forschungsdaten oder negative Forschungsergebnisse publiziert werden können. Die Qualitätssicherung erfolgt, wie bei F1000Research, als Open Peer Review nach der ersten Online-Schaltung. Artikel mit ausreichend positiven Begutachtungen sollen auch in Pubmed indexiert werden.

Wellcome_Open_Research.jpg

Bereits mit eLife hat der Wellcome Trust zusammen mit der Max Planck Gesellschaft und dem HHMI ein attraktives und erfolgreiches Open Access Journal aus dem Boden gestampft. Mit der Gründung und dem Branding eines eigenen Journals geht der Wellcome Trust nun noch einen Schritt weiter, die Wichtigkeit vom Open Science und die Relevanz der unterzeichneten DORA-Deklaration zu betonen. Um beim Forschungsförderer im Wettbewerb um Forschungsgelder gut abzuschneiden, wird es nun eine weitere anerkannte Alternative, zu den traditionellen Closed-Access Journals aufgezeigt.

EU- und G7-Staaten setzen auf Open Science

Heute hat der Rat für Wettbewerbsfähigkeit („Competitiveness Council“) der Europäischen Union seine „Council Conclusions on the Transition towards an Open Science System“ verabschiedet (PDF).

In einer Pressemitteilung der niederländischen Ratspräsidentschaft, unter dem Titel „Europa entscheidet sich für Open Access“, wird der Kern der europäischen Open-Science-Strategie deutlich:

„Ab 2020 müssen alle wissenschaftlichen Publikationen zu Ergebnissen öffentlich finanzierter Forschungsarbeiten frei zugänglich sein.“

Über diese klare Richtungsentscheidung hinaus sollen, so der Rat, auch die „Beurteilungskriterien für wissenschaftliche Arbeiten angepasst werden“:

„Es sollte nicht mehr vorrangig darum gehen, wie viele Publikationen ein Wissenschaftler vorweisen kann und wie oft er in anderen Arbeiten zitiert wird. Vielmehr sollten die gesellschaftlichen Auswirkungen einer Forschungsarbeit eine viel größere Rolle spielen.“

Zur offen Zugänglichkeit und Nachnutzung von Forschungsdaten unterstreichen der Rat in seinen „Conclusions“,

„that research data originating from publicly funded research projects could be considered as a public good, and encourages the Member States, the Commission and stakeholders to set optimal reuse of research data as the point of departure, whilst recognising the needs for different access regimes because of Intellectual Property Rights, personal data protection and confidentiality, security concerns, as well as global economic competitiveness and other legitimate interests. Therefore, the underlying principle for the optimal reuse of research data should be: ‚as open as possible, as closed as necessary‘.“

Amsterdam Call for Action on Open Science

Amsterdam Call for Action on Open ScienceIn den „Conclusions“ werden auch einige Maßnahmen des lesenswerten „Amsterdam Call for Action on Open Science“ (PDF) aufgegriffen, der im April im Rahmen der niederländischen Ratspräsidentschaft veröffentlicht wurde.

Dieser „Call“ benennt zentrale Maßnahmen zur Förderung von Open Science auf. U. a. gibt es eine Aufforderung an die wissenschaftlichen Einrichtungen in Europa zukünftig auf Vertraulichkeitsvereinbarungen mit Verlagen zu verzichten.

Zur weiteren Begleitung des Prozesses hin zu Open Science hat Carlos Moedas, EU-Kommissar für Forschung, Wissenschaft und Innovation, Mitglieder für die „European Open Science Policy Platform“ (OSPP) nominiert (PDF).

European Open Science Cloud

Bereits gestern hat der Rat „Conclusions“ zum „Digital Single Market“ veröffentlicht (PDF). In diesen wird u. a. die Bedeutung der „European Open Science Cloud“ (EOSC) betont. Mit Hilfe dieser „Europäische Dateninfrastruktur“ sollen Forschungsdaten „über Fachgebiete und Grenzen hinweg“ ausgetauscht werden können. Carlos Moedas, erklärte im April in einer Pressemitteilung das Anliegen der EOSC:

„Unser Ziel ist die Schaffung einer Europäischen Cloud für offene Wissenschaft – einer zuverlässigen Umgebung, die es über Technologien, Fachgebiete und Grenzen hinweg Millionen von Forschern ermöglicht, Forschungsdaten auszutauschen und zu analysieren, um so die Effizienz und Produktivität in der Wissenschaft zu erhöhen. Wir haben den Appell der Wissenschaftler, eine Infrastruktur für offene Wissenschaft aufzubauen, gehört und einen umfangreichen Plan entwickelt, mit dem wir uns nun an die Arbeit machen können. Der Nutzen der offenen Daten für Europas Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft wird enorm sein.“

G7 –  Tsukuba Communiqué

Auch die G7-Wissenschaftsministerinnen und -ministern befassten sich Mitte Mai im japanischen Tsukuba mit dem Thema Open Science. In dem dort verabschiedeten „Tsukuba Communiqué“ (PDF) heißt es:

„We recognized a growing need to share common international principles for open science and to put these principles into practice through open access to scholarly publications and open data. Furthermore, we recognized the importance of stronger foundations for the support of open science, such as incentives for researchers and institutions, support systems and human resources. We recognize the need to promote access, taking into consideration privacy, security, and legitimate proprietary rights, and different legal and ethical regimes, as well as global economic competitiveness and other legitimate interests.“

Open Innovation, Open Science, Open to the WorldWeiter kündigen die G7-Wissenschaftsministerinnen und -ministern in dem „Communiqué“ die Einsetzung einer Arbeitsgruppe an, die sich u. a. mit Praktiken und Anreizen für Open Science befassen soll.

Passend zu diesen Entwicklungen hat die EU-Kommission heute das Zukunftskonzept  „Open Innovation, Open Science, Open to the World – a vision for Europe“ veröffentlicht – natürlich frei zugänglich (PDF).

Globale Initiative zur Open-Access-Transformation gestartet

Führende Wissenschaftsorganisationen haben heute die Initiative „Open Ac­cess 2020“ gestartet. Im Fokus steht die großflächige Umstellung der wissenschaftlichen Zeitschriften vom Subskriptionssystem hin zu Open Access. Ziel ist es, ein Großteil der wissenschaftlichen Zeitschriften in den kommenden Jahren auf Open Access umzustellen. Die drei Kernaussagen der heute veröffentlichten Erklärung lauten:

„We aim to transform a majority of today’s scholarly journals from subscription to OA publishing in accordance with community-specific publication preferences. At the same time, we continue to support new and improved forms of OA publishing.“

„We will pursue this transformation process by converting resources currently spent on journal subscriptions into funds to support sustainable OA business models. Accordingly, we intend to re-organize the underlying cash flows, to establish transparency with regard to costs and potential savings, and to adopt mechanisms to avoid undue publication barriers.“

„We invite all parties involved in scholarly publishing, in particular universities, research institutions, funders, libraries, and publishers to collaborate on a swift and efficient transition for the benefit of scholarship and society at large.“

Unterstützt wird die Initiative, u. a. vom Austrian Science Fund (FWF), der Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), der European University Association (EUA), der Fraunhofer-Gesellschaft, der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), der Helmholtz-Gemeinschaft, der Leibniz-Gemeinschaft, der Max-Planck-Gesellschaft und der Netherlands Organisation for Scientific Research (NWO).

Eine Website informiert über die Initiative und ihre Unterstützer.

Ich habe für helmholtz.de ein paar Zeilen dazu geschrieben. Die Max-Planck-Gesellschaft hat eine Pressemitteilung zum Vorhaben veröffentlicht.

Das verlorene Potenzial von Forschung

Es ist ein zynisches Schauspiel, welches Subskriptionsverlage immer dann wieder vorführen, wenn der freie Zugang zu Forschungsresultaten ein bisschen höher auf der Agenda ist als sonst. So zum Beispiel bei der aktuellen Zika Epidemie. Plötzlich zeigt sich Elsevier von seiner freundlichen Seite und macht entsprechende Inhalte frei zugänglich:

zicka_elsevier

Zika Virus: Elsevier bietet temporär freien Zugang zu Forschungsergebnissen

Am 10. Februar 2016 haben zudem BMJ, JAMA, Science Journals, Springer Nature, NEJM zusammen mit vielen Forschungsförderen ein „Statement on data sharing in public health emergencies“ verfasst, in dem sich u.a. die Journals zu freien Zugang verpflichten:

Journal signatories will make all content concerning the Zika virus free to access. Any data or preprint deposited for unrestricted dissemination ahead of submission of any paper will not pre-empt its publication in these journals

Letztlich bestätigt dieses positive Ausnahmeverhalten, wie viel Potenzial von Forschung durch das noch vorherrschende Closed Access Geschäftsmodell im Publikationswesen verloren geht. Die in der Berliner Erklärung festgehaltene Bemerkung, dass „die Wissenschaft“ ihre Aufgabe nur halb erfüllt, wenn es ihr nicht gelingt Information für die Gesellschaft in umfassender und einfacher Weise zugänglich zu machen, hat an ihrer Gültigkeit leider nichts verloren.

Ebola_Free_Access

Auch beim  Ebola Ausbruch 2014/2015 war freier Zugang zu Publikationen etwas wichtiger als sonst.

Selbstverständlich kennen wir diese Art von zynischem Schauspiel auch von anderen Teilen unseres Lebens auf der priviligerten Seite der Welt. Doch anders als bei den Themen Hunger, Flüchtlinge oder Klimawandel, ist die Lösung des beschränkten Zugang zu wissenschaftlicher Information relativ einfach. Dies deshalb, weil digitale Information im Gegensatz zu andern Ressourcen (Kapital, Öl, Boden, Nahrungsmittel) eine spezifische Eigenschaft hat, welche für minimale Interessenskonflikte sorgt. Eine Eigenschaft für welche inzwischen sogar Elsevier selber Werbung macht:

Elsevier_Wissen

Ein solches Zitat aus dem Munde von Elsevier ist blanker Hohn. Denn Elsevier sträubt sich mit Klagen und Parteispenden gegen ein Geschäftsmodell, bei welchem genau dieser Vorteil zum Tragen kommt. Sei es, dass Elsevier sich weigert Subkriptionszeitschriften in ein Gold-OA Geschäftsmodell umzuwandeln oder sei es, dass Elsevier seine Sharing Policy verschärft.

Aber noch schlimmer als das Beharren auf ein überholtes Geschäftsmodell der Subskriptionsverlage – und Elsevier ist da nur der Grösste davon – ist das passive und über weite Strecken widersprüchliche Verhalten wissenschaftlicher Institutionen, welche sich dies in den Rollen als Käufer (Bibliotheken) und als Zulieferer (AutorInnen) nahezu widerstandslos bieten lassen. Viele von ihnen haben zwar schon seit Jahren die Berliner Erklärung unterzeichnet und streben auf dem Papier eigentlich Open Access an, doch im alles entscheidenen Punkt, dem Geld, hat sich seit Jahren nichts geändert. Das wissenschaftsfeindliche Subskriptionsmodell wird trotz offensichtlicher Nachteile und trotz vorhandenen und erfolgreichen Alternativen von vielen Institutionen künstlich am Leben erhalten, ausgebaut, und gegen Versuche Transparenz bei den Kosten herzustellen, von den wissenschaftlichen Institutionen geschützt.

Wenn man einmal weiss, dass zumindest im STM-Bereich die Kosten des jetztigen Subskriptionsmodell zu 100% von wissenschaftlichen Bibliotheken bezahlt werden, ist es besonders schwer nachvollziehbar, weshalb diese Bibliotheken es selbst 13 Jahre nach der Berliner Erklärung immer noch nicht auf die Reihe bekommen Open Access zu Publikationen herzustellen.

Gewiss, mit Open Access zu Publikationen (und Daten) wird nicht alles automatisch besser. Doch wenn wir es als Gesellschaft, die Wissenschaft für wichtig hält, nicht einmal schaffen in dem Bereich etwas zu ändern, wo es uns ausser weltweiter Koordination überhaupt nichts kostet, wie weit entfernter dürften da Lösungen sein, die tatsächlich auf Probleme bei der Verteilung von nicht vermehrbaren Ressourcen beruhen.

Rafael Ball: Inkompetenz an kompetenter Stelle

Als der Schriftsteller Franz Hohler gefragt wurde, was ihn selbst in seinem Alter noch zornig mache, antwortete er: „Inkompetenz an kompetenter Stelle“. Ich glaube viele können sich zurzeit gut vorstellen was Hohler damit meint. Diverse undifferenzierte Äusserungen des ETH-Bibliotheksdirektor Rafael Ball, insbesondere im Interview Weg mit den Büchern! (NZZ am Sonntag) und dem Nachtrag in SRF Kultur sorgten für eine wohl noch nie dagewesene Empörungswelle in der Schweizer Bibliotheksszene und darüber hinaus. Inzwischen gibt es diverse Reaktionen, darunter auch eine Beschwerde des Berufsverbandes BIS an die Leitung der ETH Zürich.

Viele dürften sich spätestens jetzt gefragt haben, wie jemand mit so wenig Gespür für die Verantwortung seines Amtes,  und mit solch unqualifzierten, überheblichen und vorallem destruktiven Äusserungen, als ETH-Bibliotheksdirektor eingestellt werden konnte?

Erstaunlich ist die Selektion von Ball auch deshalb, weil seine Haltung zum wichtigen Thema Open Access nicht zu den Anforderungen der ETH passt. Bald ist es nämlich zehn Jahre her, seit Konrad Osterwalder als Rektor der ETH Zürich die Berliner Erklärung unterzeichnet hat, und damit der freie Zugang zu Forschungsergebnissen der ETHZ als strategisches Ziel definiert hat.

Wie wir inzwischen wissen, ist in der Ära Neubauer hinsichtlich OA zu wenig passiert. Die massiven Ausgaben an die Subskriptionsverlage stiegen permanent und das Repository der ETHZ weist so wenig frei zugängliche Zeitschriftenartkel auf, als dass man den grünen Weg bei der ETHZ als gescheitert betrachten muss. Einzig beim Funding von Gold OA ist die ETHZ einigermassen mit den internationalen Entwicklungen auf der Höhe. Grundsätzlich hätte man sich da eine kompetentere und aktivere Nachfolge gewünscht. Stattdessen wird ausgerechnet Ball eingestellt, welcher von Klaus Graf bereits vor zehn Jahren als „der dezidierteste Open-Access-Feind in der Reihe der deutschen Bibliothekare“ entlarvt wurde.

Ball’s Open Access Vorstellung von 2006

Bereits im Jahre 2006 äusserte sich Rafael Ball, damals noch Leiter der Zentralbibliothek des Forschungszentrums Jülich, in einem Artikel (Green Road – Golden Road: Open Access – The Road to Hell?) gegen die Wichtigkeit von Open Access. An begründeter und deutlicher Kritik fehlte es auch damals nicht:

Klaus Graf: Rafael Balls Irrtümer:

Balls Versuch einer Entzauberung des OA-Mythos ist ein ausserordentlich schwaches Pamphlet, das man ignorieren sollte.

Jürgen Lübeck: Open Access – The Road to Hell?:

Ich fasse für mich zusammen, dass der Herr Ball Argumente, Schein-Argumente, Vorurteile, Ignoranz und Halbwahrheiten zu einem Hohelied auf die Produktionsweise der etablierten Verlage arrangiert hat.

Jürgen Plieninger: OA angeblich nicht allein selig machend

Alles in allem: Ein [..] beachtenswertes Konvolut eines Leiters einer Spezialbibliothek, welcher vermutlich genug für seinen Erwerbungsetat bekommt, um keine Nöte spüren zu müssen und wenig Ahnung davon hat, wie es an Hochschulen aussieht. Die Schere zwischen sinkenden Etats und steigenden Zeitschriftenpreisen, welche er im Vorübergehen lässig erwähnt, sie würgt, würgt, würgt!

Ball’s Open Access Vorstellung von 2016

Zehn Jahre später legt Ball, nun mittlerweile Direktor der ETH-Bibliothek, mit einer erneuten Polemik gegen Open Access nach: „Total Open Access: the new gospel of scientific communication

Auch dieser Text ist auf einem solch unterirdischen Niveau, dass man ihn gerne ignorieren wollte, stammte er nicht von jemanden, von dem man aufgrund seines Amtes mehr erwartet.

Gehen wir Ball’s neuestes Pamphlet (Zitate in blau)  doch kommentierend vollständig durch:

Einleitung

Scientific communication has evidently hit a brick wall. A growing number of scientists are publishing an increasing number of results and findings from research all over the world. Never before has the output from scientific publications been so great.

As some publishers of journals exploit their market position and pitch subscription prices as if they hold the monopoly, however, many libraries are no longer able to afford these publications. In the so-called journal crisis, which began around 15 years ago, the mounting calls among librarians for free access to scientific information mirrored the soaring subscription fees.

Soweit so gut.

Unklare Definition: „Total Open Access“

The basic idea behind the golden path of open access is to reverse the paying conditions: under the ‚author pays‘ model, it is no long the subscribers to a journal (such as libraries) who pay, but rather the scientist who submits the paper to the journal.

This fee already has a name: the article processing charge (APC). The APC can be anything up to USD3,000 per article, depending on the publisher. The information should then be freely accessible everywhere – for all journals worldwide! Some refer to it as ‚pay science‘, others a revolution in scientific communication. I call it ‚Total Open Access‘.

Hier fängts schon an: „Author Pays“ ist im allgemeinen Fachverständnis nur eine Möglichkeit von Gold OA. APC’s, welche man in Fachkreisen schon mindestens seit sechs Jahren so bezeichnet, sind zudem nicht auf 3000$ begrenzt. Die American Geophysical Union verlangt z.B. $3500. Nature Communication gar $5200.

Der mir völlig unbekannte Begriff „Pay Science“ liefert auf Google mit der Kombination Open Access gerade mal 238 Resultate, welche zudem nicht zum Kontext passen. Ball bezieht sich hier offenbar auf ganz exotische Referenzen.

Es ist weiter nicht klar was Ball genau mit Total Open Access meint. Ich schätze wohl die Vorstellung, dass alle wissenschaftliche Zeitschriftenartikel frei zugänglich werden oder sind. Weil Ball aber völlig verwirrend zuerst das Gold OA Author-Pays Modell aufführt, meint er vielleicht auch die Vorstellung das alle Artikel aller Zeitschriften über APC finanziert werden. Möglicherweise bezieht sich Ball auch auf den zurzeit viel beachteten Vorschlag der MPDL das klassische Subkriptionsmodell zu ändern.

Bibliotheken haben mit Änderungen im Publikationswesen nichts zu tun.

The astonishing thing is that all these proposals stem from the very group least affected by the upheaval in publication conditions: librarians. After all, how and where scientists publish their results had never interested anyone in the libraries. But if libraries suddenly decide on the form of scientific communication and look to dictate how the scientific community should publish, this takes on a new quality. And a very negative one at that.

Wieder ist völlig unklar was Ball mit „all these proposals“ meint. Referenzen sind bei solchen Verkürzungen kein Luxus sondern Pflicht, wenn man beabsichtigt verstanden zu werden.

Wieso Bibliothekare nicht von den Änderungen im Publikationswesen betroffen sein sollten leuchtet mir in dieser Formulierung jetzt auch nicht ein. Schliesslich sind Bibliothekare für das Bezahlen des jetztigen Systems verantwortlich. Wieso sollten sie am wenigsten betroffen sein?

Zu behaupten, Bibliotheken interessierten sich noch nie, wo Forschende publizieren, ist in der Tendenz sicherlich zutreffend, aber in der pauschalisierenden Zuspitzung schlicht falsch. Bibliothekare die sich für Open Access einsetzen, versuchen schon seit längerem das Publikationsverhalten zu verstehen und AutorInnen für Open Access (Green und Gold) zu gewinnen. Wie es übrigens auch in der Berliner Erklärung vorgesehen ist, welche ja auch von der ETHZ unterzeichnet wurde.

Zumindest für die Schweiz kann ich beurteilen, dass es noch nie einen Zwang gab in OA-Journals zu publizieren und ich wüsste auch nicht wer sowas fordert.

Kompromisslose Open Access Initiativen

The latest open access initiatives tend to come across as a new ideological movement of the post-1968 generation: unyielding, one-sided and unwilling to compromise.

Auch hier ist völlig unklar auf welche OA Initiativen sich Ball bezieht. Es gibt inzwischen unglaublich viele Aktivität in vielen Bereichen von Open Access aus unterschiedlichen Richtungen mit unterschiedlichen Mitteln und teils auch mit unterschiedlichen Zielen. Offenbar stört sich Ball daran, dass sich Leute vehement für Open Access einsetzen, weshalb das schlimm sein soll, bleibt unklar.

Open Access ist doch nur eine Ersatzreligion von gedemütigten Bibliothekaren!

Mit folgender Passage verhöhnt Ball zunächst mal alle Bibliothekare die sich seit Jahren ernsthaft und mit sehr guten Gründen um Open Access bemühen:

Moreover, the open access gurus succumb to the illusion of simply wanting to replace an existing market-based system of scientific communication. It degenerates into a pure surrogate religion of insulted and humiliated librarians. The movement has its priests, its pilgrimages and its own Holy Grail.

The new gurus travel up and down the country preaching free access to information and knowledge. And they have already reached the long march through the institutions.

Das ausgerechnet Ball die Open Access Bewegung in einen religiösen Kontext stellt und damit die Ernsthaftigkeit des Anliegens ins Lächerliche zieht, hat zumindest etwas ironisches. Schliesslich ist es doch gerade er, der sich ständig mit viel missionarischem Eifer, aber umsoweniger Qualifikation, sich als ein in die Zukunft blickender Guru  („weil ich natürlich sehe, was in 10, 20, 30 Jahren passiert„)  und „begnadeter Vordenker“ präsentiert, dem nun alle zu glauben hätten.

Bitte nicht das nachhaltige und zuverlässige Subskriptionsmodell zerstören!

Im folgenden Abschnitt schiesst Ball nun den Vogel komplett ab:

After all, neither the libraries nor science benefit from the result of Total Open Access. Not only does it destroy established, reliable and sustainable structures of information supply and security; it also offers scientific communication up as fair game on the internet.

Ball’s Verständnis von nachhaltig ist schlicht realitätsverweigernd. So schrieb doch Neubauer im Jahre 2012 ganz unmissverständlich:

Seit vielen Jahren werden Universitäten und ihre Informationseinrichtungen von einem Thema verfolgt: Die Zeitschriftenpreise steigen stetig und offensichtlich unaufhaltsam. Häufig erhöhen sich die Preise in nur wenigen Jahren mit Raten von 50 bis 60%. 8% pro Jahr sind die unangenehme Realität. Für die ETH Zürich ist dies deshalb besonders unerfreulich, als in den Technik- und Naturwissenschaften Zeitschriften das bevorzugte Medium für die wissenschaftliche Kommunikation sind.

Aber Ball’s Sorgen bei einem Umstieg auf „Total Open Access“ gehen noch weiter:

For anyone who no longer concludes contracts for the purchase of contents will have to rely on the fact that everything is freely available on the web in future. And this is not how scientists or the majority of librarians envisaged a professional information supply.

Vermutlich bezieht sich Ball hier auf das Risiko (First-mover disadvantage), welches eine Institution eingeht, wenn sie das Geld von Subskriptionen und zu Gold OA verlagert, wie ich es kürzlich für die ETHZ für die Verlage Elsevier, Springer und Wiley als Möglichkeit skizzenhaft vorgerechnet habe. Ein solches Argument gegen eine Umstellung ist aus mehreren Gründen Unsinn und zeigt, wie wenig Ahnung Ball von den aktuellen Entwicklungen im OA-Bereich hat.

  1. Das Problem von dem Ball Angst hat besteht heute ja längstens schon und wird immer grösser. Das sagt er ja bei der Einleitung selber. Unglaublich viele Wissenschaftler müssen aus finanziellen Gründen darauf hoffen, dass andere ihre Forschung frei zugänglich machen. Das betrifft ja nicht nur Drittweltländer, sondern auch schon schlicht ein kleines Stadtspital in der Schweiz, in welchem Ärztinnen u.a. auf die Forschung von Schweizer Hochschulen zugreifen möchten.
  2. Wie Offsetting-Agreements von anderen Ländern (NL, UK, AT) zeigen, ist ein institutioneller/nationaler Wechsel auf Gold-OA bei gleichzeitigem Zugriff auf Subskriptionen möglich.
  3. Durch ein weltweites koordiniertes Vorgehen, wie es zurzeit durch die MPDL skizziert und an der Berlin 12 thematisiert wurde, kann das Risiko des „First-mover disadvantage“ weiter reduziert werden. Bei SCOAP³ hat es auch funktioniert.

Nichts gegen Open Access und gegen Bibliotheken, aber..

Just to clarify: I am not against open access and I am not against new forms of scientific communication. And I am certainly not against libraries and librarians.

Okay, dass muss man ja schon explizit sagen, denn es ist ja im vorhergehenden Text implizit nicht ersichtlich. Ball könnte es ja auch mal mit Argumenten oder – wie in der Schweiz besonders gerne gesehen – mit Taten zum Ausdruck bringen.

What gets my goat, however, is the vehemence with which open access missionaries not only proclaim their gospels, but also want to implement them. What appalls me is how the entire industry is painted as black and white, and the fact that librarians want to decide for the whole of science here.

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen dieser Abschnitt stamme von einem Vertreter von Elsevier. Es ist ja schon fast rührend wie Ball sich um das Image der Verlagsindustrie kümmert, von denen ja allgemein bekannt ist, dass sie sich ja keine Lobbyisten leisten können. Ob Ball vielleicht auch einige Elsevier Aktien hat?

Ich weiss auch nicht, was Ball mit schwarz und weiss malen meint. Schliesslich ist er es doch, der die Verlage zunächst pauschal als Gauner bezeichnet und gleichzeit sagt „Die Verlage leisten einen Mehrwert und müssen dafür etwas bekommen“.

Ich für meinen Fall, habe in der Verlagsbranche durchaus sehr vernünftige Leute kennengelernt und habe nicht a priori etwas gegen Verlage. Man muss aber doch schon zu Kenntnis nehmen, das Gold OA als Geschäftsmodell funktioniert, denn die allermeisten grossen Verlage haben ja beides im Angebot. Es ist deshalb schwer nachvollziehbar – und weder Ball, noch die Verlage liefern da gute Gründe – weshalb akademische Bibliotheken, welche für 75% für den Umsatz von Subskriptionsverlage im STM-Bereich verantwortlich sind, nicht einen sofortigen Wechsel einfordern sollten oder könnten.

Der behauptete Gegensatz zwischen Bibliotheken und Wissenschaft scheint mir, wenn schon umgekehrt zu existieren. Wären Forschende besser und transparent über die Kosten und Probleme des heutigen System informiert, würde OA vielleicht schneller implementiert sein als jetzt. Siehe Beispiel Lingua.

Total Open Access ist nicht fair!

Ball endet mit einer nichtssagenden Floskel.

Open access as one of many options for shaping scientific communication is a serious and important issue that everyone involved needs to work upon. But total open access as a new gospel for the ground libraries have lost is simply not on. And it certainly is not ‚devoid of alternatives‘ for a fair and contemporary reorganisation of the publication and communication conditions in science and research.

Fazit

Ich habe selten so ein oberflächlichen und wirren Text über Open Access gelesen. Gewiss kann man unterschiedlicher Meinung sein wie Open Access erreicht werden soll (Präferenz auf Gold, Green, Hybrid, Höhe von APCs etc.) und diese Diskurse werden durch Experten mit guten Argumenten geführt. Doch Ball signalisiert in diesem Text nur, dass ihm gar kein Open Access am liebsten wäre. Er erwähnt an keiner Stelle, nicht einmal andeutungsweise, was denn aus seiner Sicht die Alternative wäre (ausser nichts zu tun). Schlimmer noch, er sympathisiert ganz offen mit völlig absurden Argumenten mit den Subskriptionsverlagen. Die bewusste Ignoranz, mit der Ball schon nur die ökonomischen Probleme des heutigen Systems negiert, wie schon zehn Jahre zu vor, ist völlig verantwortungslos und unangemessen für den Posten eines ETH-Bibliotheksdirektor.

Man mag sich fragen, was Ball antreibt so ganz „ohne Not“ eine plumpe Schmähschrift gegen Open Access zu schreiben?

Nun, ich weiss zumindest durch diverse extrem unsympathische Reaktionen im Nachgang zur Offenlegung der Subskriptionskosten der ETHZ, dass Ball sich gewaltig darüber genervt hat. Ich schätze er hat sich den lang ersehnten Wechsel von Regensburg nach Zürich in die „andere Liga“ etwas anders vorgestellt. Dass in der Schweiz auf höchster Ebene die Sensibilität bezüglich Subskriptionskosten und Open Access gewachsen ist, bringt Ball in einen unangenehmen Zugzwang, den er nun zu gerne von sich weist. Denn nun wird früher als erwartet offensichtlich, dass Ball sich in den letzten Jahren so sehr darauf fokussiert hat ein „begnadeter Vordenker“ werden zu wollen, dass er es völlig verpasst hat einer zu sein. Also konzentriert sich Ball auf das wenige, was er wirklich gut kann: Provokation und Selbstdarstellung.