Plan S: Europäische Förderorganisation wollen OA

Mit Plan S wollen europäische Forschungsförderer bei Open Access nun endlich Nägel mit Köpfen machen und akzeptieren ab 1.1.2020 nur noch Publikationen in Gold OA-Journals/Plattformen sowie Green OA mit 0 Embargo. Eigentlich nur konsequent und im Sinne der Gesellschaft und Wissenschaft als Ganzes. Doch die Radikalität von Plan S, schreckte auch einige Förderorganisationen ab. Nur 11 von 38 Mitglieder von ScienceEurope, dem Dachverband der europäischen Forschungsförderer haben sich bislang ganz offiziell zu Plan S bekannt.

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Wie man bei Nature News ausgerechnet hat, verfügt die Koalition der Willigen ein gemeinsames Forschungsbudget von €7.6 Mia. Im Vergleich zum us-amerikanischen NIH mit einem Budget von $37.3 Mia ist das noch wenig. Aber die absoluten Zahlen spielen nicht so eine grosse Rolle. Wichtig ist das Signal und die Orientierung welche Plan S vermittelt. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass noch mehr Funders dazu stossen. Von Seite DFG oder SNF gab es immerhin unterstützende Meldungen.

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Marc Schiltz

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Robert-Jan Smits

Hinter dem Plan S steht der von der EU extra zur Umsetzung von OA angeheuerte Berater Robert-Jan Smits. Er hat im Sommer hinter den Kulissen zusammen mit Marc Schiltz, Präsident von ScienceEurope für Plan S geweibelt und die Funders soweit möglich auf eine Linie gebracht.

In seiner Ankündung zu Plan S, rechnet Schiltz deftig mit dem Subskriptionsmodell ab:

Monetising the access to new and existing research results is profoundly at odds with the ethos of science. There is no longer any justification for this state of affairs to prevail and the subscription-based model of scientific publishing, including its so-called ‘hybrid’ variants, should therefore be terminated.

Die 10 Prinzipien, welche Plan S verfolgt, nehmen viele Kritikpunkte der OA-Bewegung auf. Zum einen sollten APCs wenn möglich durch Institutionen und nicht durch einzelne Forschenden bezahlt werden. Ebenso sollen die APCs europaweit gedeckelt werden. Hybrid wird explizit ausgeschlossen und alternative Publikationsmodelle bzw. OA-Infrastrukturen sollen ebenfalls unterstützt werden.

Etwas irritierend wird das Thema Green OA behandelt. Grundsätzlich ist Green OA noch möglich, wenn Forschende ohne Embargo das Verlags-PDF mit einer CC-BY Lizenz auf ein Repository stellen können. Es ist aber klar, dass dies für ein Verlag extrem unattraktiv sein wird und eigentlich Gold OA gewollt ist. Da die Idee von Green OA aber durchaus überholt ist und auch kein Endzustand sein kann, ist das eine gute Entscheidung.

Der Druck auf die Verlage, die längst einkalkulierte Transformation zu Gold OA nun durchzuführen, wächst mit  Plan S bedeutend. Allerdings besteht die Gefahr, dass sich diese Transformation hinzieht. Auch wenn Plan S Sanktionen beinhaltet, wird noch zu sehen sein, ob diese in der Praxis auch verhängt werden. Die Verlage haben aus der vergangenen Erfahrung viel Anlass anzunehmen, dass dies nicht der Fall sein wird und sie weiterhin von den Forschenden mit guten Papers rechnen können.

Von daher ist es wichtig, dass der Druck auch über die Einstellung von Subskriptionskosten angehoben wird. Dies schmerzt den Verlag viel schneller und bewirkt einen effektiveren Wechsel. Hier sind insbesondere die Bibliotheken gefordert anzuerkennen, dass das Aussteigen aus Subskriptionsverträgen etwas Positives ist. Die Erfahrungen aus Deutschland und Schweden bei der Abbestellung von Elsevier Journals zeigt bemerkenswert, dass die Welt dabei nicht untergeht. Im Gegenteil es zeigt für manche wohl überraschend, dass man schon viel früher hätte handeln können, siehe: German and Swedish libraries shrug off Elsevier shutdown.

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Transparenz bei Subskriptionskosten in der Schweiz: Bilanz nach vier Jahren

Vor vier Jahren, am 23. Juni 2014, habe ich die Schweizer Hochschulbibliotheken nach ihren Ausgaben an die drei grossen Verlage Elsevier, Springer und Wiley angefragt. Die Antworten waren ernüchternd. Bis auf die Tessiner Universität (USI) war keine Hochschule bereit die Zahlen offenzulegen. Mit viel Unverständnis nahm ich den juristischen Kampf für die Transparenz dieser Kosten auf. Updates und Dokumente dieses andauernden Unterfangen habe ich jeweils hier im Blog verlinkt.

Juristische Bilanz

Bislang musste ich bei 14 Institutionen Beschwerde einreichen. In 11 Fällen (Uni Bern, ZB Zürich, Hauptbibliothek Uni Zürich, ZHAW, ETHZ, EPFL, Lib4RI, Uni Genf, Uni Fribourg, Uni Lausanne, Bibliothek am Guisanplatz) stellte sich in teils mehrjährigen Verfahren heraus, dass der Informationszugang widerrechtlich verhindert wurde. Zwei Fälle in St. Gallen (Uni und FH) sind noch hängig. Lediglich im Fall Basel habe ich vor Bundesgericht verloren.

Mehrheitlich kann man deshalb sagen, dass in der Schweiz die bisher leichtfertig unterzeichneten Vertraulichkeitsklauseln keine absolute Sperrwirkung haben und die bezahlten Summen alleine keine objektiven Geschäftsgeheimnisse der Verlage darstellen.

Finanzielle Bilanz

Für alle Rekurse habe ich bisher 22’043 CHF Gerichts- und Anwaltskosten aufgewendet. Durch das Crowdfunding, weiteren Spenden und Entschädigung durch die Gerichte kamen 6’927 CHF wieder zurück. Insgesamt musste ich somit für das ganze Unterfangen persönlich 15’116 CHF bezahlen. Dazu kommen natürlich Hunderte von Stunden, die ich für das Schreiben von Rekursen und das Bestreiten von Schlichtungen aufwenden musste.

Meine ernüchternde Erfahrung insbesondere aus dem Rekurs gegen die Universität Genf: Selbst wenn man letztlich vor Gericht vollständig Recht bekommt, werden einem nicht automatisch die entstandenen Auslagen zurückerstattet. Es überwiegt auch die bittere Erkenntnis, dass man als Bürger ökonomisch immer verliert, wenn man gegen die Verwaltung den juristischen Weg einschlägt. Denn der Aufwand, der durch Fehlentscheide von gut bezahlten Juristinnen oder Führungspersonen in der Verwaltung verursacht wird, geht immer auf Staatskasse und letztlich wieder auf die Kosten der Steuerzahlenden.

Bilanz zu den erhaltenen Daten

Gerne möchte ich einmal zu den initialen Auswertungen (Uni Bern, Uni Zürich, ETHZ) eine Übersicht zu den Gesamtdaten machen und diese in Vergleich zu anderen Ländern setzen. Doch dies erweist sich als schwierig, da ich immer noch diverse grundsätzliche Lücken bestehen (Universität Basel, Hochschule Luzern, St. Gallen) und ich auch von einigen Hochschulen inzwischen keine aktualisierten Daten mehr erhalte ohne Tausende von Franken Gebühren zu bezahlen.

Dennoch zeigen die ersten erhalten Daten, insbesondere auch die „offizielle“ Datenerhebung des SNF und swissuniversities, dass in der Schweiz weit mehr für Zeitschriften bezahlt wird als in vergleichbaren Ländern. Eine Umstellung zu Open Access, selbst zu den aktuellen Preisen der Verlage, würde die Schweiz mit einem Wechsel zu OA massiv Geld sparen.

Bilanz für Open Access

Noch aber hat sich bei meinem eigentlichen Anliegen „Open Access“ in der Schweiz nichts wirklich getan. Obwohl ich am Beispiel Springer erstmalig öffentlich aufzeigen konnte, dass die Schweizer Bibliotheken im Vergleich zum Ausland schon massiv schlechtere Konditionen ohne Open Access haben, entschieden sich die Verantwortlichen im Jahre 2018 weiterhin Springer und dem klassischen Modell die Treue zu halten.

Immerhin ist inzwischen von swissuniversties eine Open Access Strategie geschaffen worden. Bis 2024 sollen alle Publikationen von Schweizer Forschenden frei zugänglich sein.

Ebenfalls gibt es erstmals eine definierte Strategie für die kommenden Verhandlungen mit den Verlagen Elsevier, Springer Nature und Wiley. Darin ist nun auch endlich verankert, dass keine Vertraulichkeitsklauseln mehr akzeptiert werden:

Die Lizenzverträge werden aus öffentlichen Geldern bezahlt. Deren Inhalte sollten entsprechend ebenfalls öffentlich zugänglich sein. Gesellschaftlich werden Vertraulichkeitsklauseln nicht mehr akzeptiert.

Es wird zu testen sein, ob dem so sein wird und die Verträge aktiv offengelegt werden.

Bilanz Öffentlichkeitsprinzip

Das Öffentlichkeitsprinzip und die dazugehörigen Gesetze sind in meinen Augen eine grosse rechtsstaatliche Errungenschaft und gewissermassen auch eine Messlatte für den Stand einer Demokratie. Viele dieser Gesetze sind noch jung und die (Rechts-)Praxis ist noch nicht gefestigt. Meine Anstrengungen haben dazu beigetragen das Öffentlichkeitsprinzip mindestens in der Bibliotheksbranche und dem Hochschulbereich bekannt zu machen.

Mit der zunehmenden Bekanntheit ergeben sich aber auch neue Probleme. So entdeckte man an der ETH-Bibliothek, dass man den Sinn des Öffentlichkeitsprinzips mit hohen Gebührenforderungen aushebeln kann. So forderte die ETH-Bibliothek auf meine zweite Anfrage nach aktualisierten Daten eine Gebühr von 4000 CHF. Dies fand man an der Universität St. Gallen inspirierend und verlangte plötzlich auch 3000 CHF. Es folgte die Hauptbibliothek der Universität Zürich, welche in einer zweiten Runde gar 4250 CHF für die Herausgabe verlangte.

Rechtlich komme ich da zurzeit nicht weiter, weil die meisten Öffentlichkeitsgesetze tatsächlich Gebühren als Option vorsehen. Zumindest auf Bundesebene gibt es schon seit längerem einen politischen Vorstoss dies zu ändern. Ausgelöst durch die Gebührenforderung der Hauptbibliothek der Universität Zürich ist nun auch im Zürcher Kantonsrat eine ähnliche parlamentarische Initiative aufgegleist.

Persönliche Bilanz

Es war nicht immer ganz einfach in diesen vier Jahren. Meine Anfragen und Beschwerden, sowie meine Berichterstattung hier auf dem Blog missfielen gerade denjenigen, welche den bisherigen Kurs mit den Verlagen stark mitbestimmt haben oder leichtfertig mitgegangen sind. Anstatt Verantwortung zu übernehmen und diesen Kurs zu korrigieren, versteiften sich einige Akteure darauf mir persönlich Steine in den Weg zu legen. In einem Fall ging das sogar soweit, dass der Vizepräsident einer Hochschule bei meinem Arbeitgeber vorstellig wurde und mich beruflich zu diskreditieren suchte. Neben solchem Machtmissbrauch habe ich auch viel Unvermögen, Unsachlichkeit und Opportunismus erlebt, so dass ich heute gegenüber der Verwaltung viel kritischer eingestellt bin, als ich es eigentlich sein möchte.

Umgekehrt habe ich von vielen Leuten Zusprache und tolle Unterstützung erhalten. Auch bei den wirklich unabhängigen Beschwerdeinstanzen, insbesondere von den Öffentlichkeitsbeauftragten, hatte ich den Eindruck, dass ein grosses Interesse an einer sorgfältigen Prüfung vorhanden war und man mich mit meinem Anliegen ernst nahm.

Insgesamt bleibt dieses „Projekt“ eine wichtige Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Für Überzeugungen auch gegen viel Widerstand einzustehen, hat viel Erfüllendes. Zu sehen, dass man mit Risikobereitschaft, Engagement und die Berufung auf die gegebenen Rechte durchaus etwas in der realen Welt bewegen kann, ist letztlich viel befriedigender, als diese Erfahrung in den virtuellen Welten von Games und Serien nachzuerleben (was ich auch gerne tue).

Natürlich wäre es schön gewesen, wenn die Bibliotheken und Hochschulen – wie in Finnland – nach dem ersten Urteil schneller zu einer konstruktiven Sachlichkeit zurückgefunden hätten. Die Energie, die selbst nach den ersten klaren Urteilen immer noch in die Verhinderung von Transparenz und gegen meine Person gesteckt wurde (und sogar immer noch wird), wäre besser direkt in den anstehenden Kampf gegen die Grossverlage geleitet worden.

Elsevier blockiert Open Access – schwedisches Konsortium beendet Vertrag

Nachdem Elsevier nicht auf die Open-Access-Forderungen des schwedischen Konsortiums eingegangen ist, hat das Konsortium beschlossen, den Elsevier-Vertrag nicht fortzusetzen. Forscher/innen in Schweden verlieren den unmittelbaren institutionellen Zugriff auf neue Elsevier-Inhalte. Die Open-Access-Forderungen in Schweden ähneln denen des deutschen DEAL-Projekts.

Bis 2026 möchte Schweden kompletten und unmittelbaren freien Zugang zu Forschungspublikationen erhalten. Dazu wird in nationalen Konsortialverhandlungen auf eine Open-Access-Transformation gedrängt. Das schwedische Konsortium Bibsam hat in den Verhandlungen mit Elsevier folgende Ziele verfolgt:

  • unmittelbaren Open Access zu den Publikationen zugehöriger Autor/innen (aus den teilnehmenden Institutionen) in Elsevier-Zeitschriften („publish“)
  • lesenden Zugriff für alle zugehörigen Wissenschaftler/innen auf alle Elsevier-Zeitschrifteninhalte („read“)
  • ein nachhaltiges Kostenmodell

Die Ziele entsprechen denen, die im deutschen DEAL-Projekt für die Verhandlungen mit Elsevier, Springer Nature und Wiley aufgestellt worden sind. Ähnlich wie in Deutschland hat Elsevier kein passendes Angebot unterbreitet, und das schwedische Konsortium wird nun den Vertrag nicht erneuern (Pressemitteilung).

Einige Punkte sind besonders interessant:

  • Es ist ein weiterer nationaler Elsevier-Vertrag, der platzt. Eine SPARC-Seite verfolgt die gekündigten big deals, inklusive DEAL und vieler anderer Verträge. Unter den Verlagen, deren Open-Access-Angebote nicht ausreichten, findet sich auch Springer. In Frankreich gibt es kein neues Springer-Konsortium, und auch in Deutschland gibt es bisher nur Zwischenstände.
  • Ähnliche Forderungen in verschiedenen Konsortien/Ländern mögen am Ende helfen – ein Einwand von Verlagen ist häufig, dass keine gesonderten Modelle für einzelne Länder erstellt werden könnten.
  • Das schwedische Konsortium betont die Notwendigkeit nicht nur eines nachhaltigen Kostenmodells, sondern auch eines verlässlichen Monitorings – weil die Kosten („total cost of publication“) bereits jetzt zu stark und zu wenig transparent stiegen. Steigende Lizenzkosten und zusätzliche APC-Zahlungen für Open Access werden auch in Schweden als Problem gesehen.
  • Das schwedische Konsortium weist die Wissenschaftler/innen darauf hin, wie sie auch ohne Elsevier-Vertrag auf viele kommende Elsevier-Publikationen zugreifen können: durch automatische Tools, die Open-Access-Versionen finden, durch Anfragen an andere Kolleg/innen sowie per Fernleihe.

Die bisherigen Elsevier-Lizenzkosten lagen laut Meldung bei etwa 12 Millionen EUR pro Jahr, hinzu kamen 2017  1,3 Millionen EUR für Open-Access-Artikelkosten (APC). (Ein Teil dieser Kosten ist in der Open-APC-Datensammlung nachgewiesen bzw. im schwedischen Nachbau Open APC Sweden.)

Thüringen will Open Access konsequent vorantreiben

Das Bundesland Thüringen hat sich eine „Strategie für die Digitale Gesellschaft“ gegeben, die auch das Thema Open Access berücksichtigt. In der Pressemitteilung des Thüringer Ministeriums für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft heißt es:

„Gemeinsam mit den Hochschulen hat das Wissenschaftsministerium eine Strategie zur Digitalisierung an Hochschulen entwickelt. Ein Ziel ist z.B. der hochschulübergreifende Datenaustausch und die Nutzung gleicher Campus-Management-Systeme, durch die etwa gemeinsame Schulungen organisiert oder Informationen ausgetauscht werden können. Bis Ende 2019 wird auch die Einführung von „Open Access Systemen“ angestrebt, die den offenen Zugang zu wissenschaftlicher Forschung ermöglichen. Auch die Lehrformate und -inhalte werden angepasst, entsprechende Modellprojekte gefördert.“

In der Strategieschrift (PDF), die gestern auf den Weg gebracht wurde, werden folgende vier Maßnahmen zur Förderung von Open Access benannt:

  1. „Aufforderung an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, verstärkt in Open-Access-Medien zu publizieren sowie das durch § 38 Abs. 4 UrhG gewährleistete Zweitveröffentlichungsrecht konsequent zu nutzen“,
  2. „Information und Beratung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler durch Open-Access-Beauftragte an den Hochschulbibliothekszentren“,
  3. „Hochschulen intensivieren ihre Zusammenarbeit in den Bereichen Elektronisches Publizieren und Open Access im Rahmen des Kooperationsverbundes Thüringer Hochschulbibliotheken mit der Digitalen Bibliothek Thüringen (DBT) als gemeinsamer Plattform“,
  4. „Regelmäßiges Monitoring des Publikationsverhaltens ab 2019.“

Thüringen_Open_AccessInteressant ist, das die Strategieschrift durch eine Online-Umfrage unterfüttert wurde. Nach dieser sprechen sich 65,9 Prozent der Thüringerinnen und Thüringer für einen verstärkten Ausbau kostenfreier Zugänge zu Forschungsarbeiten aus. Unter den befragten Studierenden sprechen sich sogar 85,2 Prozent für die Förderung von Open Access aus.

In der Vergangenheit haben bereits einige Bundesländer Open-Science-Strategien (Baden-Württemberg, Berlin und Hamburg) und Open-Access-Strategien (Schleswig-Holstein) auf den Weg gebracht oder angekündigt.

Schweden: Springer und IOP Offsetting

In Schweden ist ein Zwischenbericht zu den Offsetting-Agreements mit Springer und IOP veröffentlicht worden. Von dem 24-Seitigen Bericht in schwedischer Sprache, gibt es auch eine zweiseitige Zusammenfassung auf Englisch.

Springer Compact: Juli 2016 – Dezember 2017

Der Deal des Bibsam Konsortium umfasst die Publikationsmöglichkeit in 1705 Hybrid-Journals von Springer und den Zugriff auf 2110 Journals von SpringerLink (1997-).

Im ersten Jahr (Juli 2016 – Juli 2017) wurden insgesamt 1232 Publikationen in Hybrid OA Journals von Springer publiziert. Eine Liste der Publikationen bis April 2017 findet sich inzwischen auch auf OpenAPC. Beim Abschluss des Agreements, ging man davon aus, dass in den nächsten drei Jahren etwa 15% mehr publiziert werden würde. Zumindest bei den Hybrid-Journals von Springer blieb dieser Effekt aus. Es wurden letztlich sogar 20% weniger publiziert als man dies vereinbart hatte.

Schweden bezahlt für den ganzen Springer Compact Deal 4.2 Mio EUR, und somit 60% mehr als bisher.

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Ausgaben des Schwedischen Bibsam Consortiums ohne und mit Springer Compact
Quellen: 2. Evaluationsbericht zu Springer Compact und IOP vom 20.09.2017 ; Auskunft Ulf Kronman 4.10.2017

Vergleich mit Niederlande

Der preisliche Unterschied zum Niederländischen Deal ist frappant. So konnten die Niederländer in den ausgesprochen harten Verhandlungen die Hybrid-APC auf unter €1’400 drücken. Im Schwedischen Agreement wurde ursprünglich mit einer APC von €2’200 kalkuliert. Da aber dann weniger als angenommen publiziert wurde, ist der effektive Preis jedoch sogar bei €3’000. Die Niederländer bezahlen somit trotz mehr Hybridpublikationen (2015: 1927 Artikel) eine Million Euro weniger als die Schweden. Wohl deshalb wehrte sich SpringerNature wohl besonders stark gegen die Offenlegung des Niederländischen Vertrags.

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Ausgaben der Niederländischen Universitäten 2011-2016 für Springer Journals & Artikel. 
Quellen: Subskriptionskosten 2011-2014 ; Springer Agreement 2015-2016

Institute of Physics (IOP): Januar 2017 – Dezember 2019

Zum noch relativ jungen Agreement mit IOP liegen noch keine spezifischen Daten zur Analyse vor. Allerdings sollen die entstandenen Kosten von Hybrid-Zahlungen im Folgejahr zu 90% von den Schwedischen Subskriptionskosten, und zu 10% von den globalen Preisen von Hybridjournals abgezogen werden.

Fazit

Die Schwedische Evaluationsgruppe zieht im Bericht ein ambivalentes Fazit. Der Anstieg von OA ist erfreulich. Befragte Forschende zeigen sich von dem Agreement begeistert und wünschen sich weitere solche Deals mit anderen Verlagen. Anderseits wurde erkannt, dass der Preis dafür doch sehr hoch ist. Auch der Fokus auf Hybrid Journals, anstatt reine OA Journals wird als Nachteil aufgeführt.

„Hamburg Open Science“ gestartet

Nachdem bereits einige Bundesländer Open-Science-Strategien (Baden-Württemberg, Berlin) oder Open-Access-Strategien (Schleswig-Holstein) auf den Weg gebracht oder angekündigt haben, hat nun auch die Hansestadt Hamburg ein Programm zur Förderung von Open Science gestartet. In einer Pressemitteilung des Hamburger Senats heißt es dazu:

„Die Ergebnisse öffentlich finanzierter Hamburger Forschung sollen frei zugänglich und einfach auffindbar für alle sein. Hamburg Open Science will in mehreren Schritten ein nutzerfreundliches Internetportal bieten, das wissenschaftliche Publikationen, Forschungsdaten und Informationen zu Forschungsprojekten, Open Access und Open Science zentral verfügbar macht. Der Senat stellt für die Umsetzung des Programms für 2018 bis zu 2,9 Mio. Euro bereit.“

Die Umsetzung von „Hamburg Open Science (HOS)“ soll ab dem Jahr 2018 in vier Programmlinien erfolgen:

  • Open-Access-Publikationen
  • Forschungsdatenmanagement
  • Forschungsinformationssysteme
  • Gestaltung des digitalen Kulturwandels

Zu diesem Programmlinien soll nach einer bereits erfolgten Vorstudie nun Prototypen realisiert werden.

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#21 HÖRSAAL“ von Rolf Appelt (CC BY-NC-SA)

Das Programm „Hamburg Open Science (HOS)“ versteht sich, laut Haushaltsplan 2017/2018 (PDF) der Hansestadt, als „eine hochschul­übergreifende Strategie, die von der Universität Ham­burg (UHH), der Technischen Universität Hamburg Harburg (TUHH), der Hochschule für Angewandte Wissenschaft (HAW), der HafenCity Universität Ham­burg (HCU), der Hochschule für bildende Künste (HFBK), der Hochschule für Musik und Theater (HFMT), dem Universitätsklinikum Hamburg­ Eppen­dorf (UKE) und der Staats­ und Universitätsbibliothek Hamburg (SUB) gemeinsam mit der Behörde für Wis­senschaft, Forschung und Gleichstellung (BWFG) […] entwickelt wurde.“

 

Umfrage zu Open Access an der ETH Zürich

Die ETH Zürich führte im Februar 2017 bei ihren Forschenden eine Umfrage zu Open Access durch, deren Resultate nun veröffentlicht wurden. An der Umfrage nahmen 16% (992 von 6212) ETH-Wissenschaftler (inkl. Assistierende) teil.

Zustimmung zu OA und Transformation.

  • 90% aller Befragten sind der Meinung, dass wissenschaftliche Publikationen grundsätzlich online frei zugänglich sein sollten. Bei der grossen SOAP-Studie (2011) waren es 89%.
  • 74% der Befragten würden eine vollständige Transformation des wissenschaftlichen Publikationswesens vom Subskriptionsmodell hin zu OA positiv bewerten.

Boykottwille vorhanden

Besonders interessant war die Frage, zu was ETH-Wissenschaftler bereit wären, wenn ein Verlag Zeitschriftenpreise fordert, welche aus Sicht der ETH Zürich inakzeptabel sind. Knapp 50% wären bereit auf den Zugriff zu verzichten und über 70% wären bereit die Tätigkeit in einem Editorial Board oder als Reviewer abzulehnen oder niederzulegen.

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Für eine bloss hypothetische Frage ist diese Zustimmung zu einem Boykott sehr hoch.  Man kann sich gut vorstellen, dass bei einem entsprechenden realen Fall, bei dem die Wissenschaftler auch mit mehr konkreter Informationen versorgt werden, die Bereitschaft und Zustimmung zum Boykott noch erhöht werden kann.

OA-Policy und Repository wenig bekannt

  • 74% der Befragten ETHZ-Wissenschaftler kennen die 2008 eingeführte verpflichtende Open Access Policy der ETHZ nicht.
  • 24% haben noch nie vom Repository ETH E-Collection (seit Juli 2017: Research Collection) gehört.
  • Academic Social Networks werden dem Institutionellen Repository gar vorgezogen:

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Gründe gegen Gold-OA

Die Gründe gegen Gold/Hybrid OA sind vielfältig:

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Interessanterweise gibt es an der reichen ETH doch 20% Wissenschaftler, die angeben aus finanziellen Gründen nicht OA zu publizieren. Erschreckend ist die Zahl derer, die aus Unkenntnis nicht OA publiziert. Als ob es so komplex wäre.

Gründe gegen Grün-OA

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Auch bei den Gründen warum 600 ETH-Wissenschaftler im letzten Jahr kein Repository benutzt haben oder, um es klar zu benennen, der OA-Policy nicht nachgekommen sind, wird mehrheitlich Ahnungslosigkeit vorgeschoben.

Finanzierung von Gold/Hybrid OA

Die Umfrage fragte auch nach der Finanzierungsquelle und der Höhe der Ausgaben:

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Ähnlich der Resultaten aus der „Pay it forward„-Studie, scheint vielen ETH-Wissenschaftlern (Hybrid) Gold OA so wichtig, dass sie nicht auf die Bibliothek warten, bis diese verlagsunabhängiges OA-Funding anbietet oder sich um Offsetting-Verträge kümmert. Sie bezahlen APCs gleich direkt aus ihrem Forschungsetat. Dabei ist es sehr wahrscheinlich, dass Forschende auch für Hybrid OA bezahlen und es so zu dem berüchtigten Double Dip kommt.

Unterschiede pro Gruppe

Je nach Anstellungsform und Forschungsjahre konnten teils signifikante Unterschiede in den Antworten erkannt werden:

  • Professorinnen und Professoren stimmen am wenigsten zu, dass wissenschaftliche Publikationen grundsätzlich online frei zugänglich sein sollten. Sie fordern am stärksten eine weiterhin freie Wahl des Publikationsorgans und stimmen am wenigsten zu, dass die OA Policy generell verpflichtend sein soll. Sie bezahlen auch die höchsten Gebühren für Veröffentlichungen aller Art.
  • Wissenschaftlichen Mitarbeitenden mit befristeter Anstellung ist eine weiterhin freie Wahl des Publikationsorgans am wenigsten wichtig und sie stimmen einer vollständigen Transformation des Publikationswesen hin zu OA am ehesten zu.
  • Befragte mit mehr als 20 Jahren Forschungserfahrung stimmen am wenigsten zu, dass wissenschaftliche Publikationen grundsätzlich online frei zugänglich sein sollten. Auch einer vollständigen Transformation des Publikationswesen hin zu OA stimmen sie am wenigsten zu. Der Anteil an Personen, welche die OA Policy kennen, ist am höchsten und langjährig Forschende haben in den letzten 12 Monaten auch am meisten OA-Publikationsmöglichkeiten genutzt.

Fazit

Insgesamt bestätigt die Umfrage weitgehend, was man bereits über OA an der ETHZ wusste. Die OA-Policy der ETHZ ist gut, nur fehlt es ihr seit Jahren an internem Gewicht zur Durchsetzung. An der ETHZ und insbesondere in der Bibliothek gibt es niemand der die Forschenden in mühsamer Arbeit auffordert, den Postprint für diese und jene Publikation aufs Institutionelle Repository zu stellen. Entsprechend kommt so kein regelmässiger Kontakt und Austausch zwischen Bibliotheksmitarbeitenden und Forschenden zustande und entsprechend äussern sich viele Forschenden, dass sie uninformiert sind. So bleibt auch das Repository leer. Sucht man aktuell (22.8.2017) in Research Collection nach Artikeln aus dem Jahr 2017 findet man insgesamt 2797 Artikel verzeichnet, aber nur gerade mal 122 (4%) sind Open Access. Bei ZORA sind es vergleichsweise 598 von 1404, also 42%.

Wirklich neu ist die Erkenntnis, dass Forschende sehr wohl zu Boykott-Massnahmen bereit sind. Dies widerspricht der, insbesondere der Schweiz vertretenen Aufassung vieler BibliotheksdirektorInnen, dass man als Bibliothek zwischen Verlag und Forschenden als Opfer gefangen ist und sich letztlich den Verlagen nicht widersetzen könne. Die Umfrage zeigt vielmehr, dass beim Einbezug der Forschenden und einer transparenten Information über die Preise und Verhandlungen, durchaus mit Unterstützung von Forschungsseite gerechnet werden kann. Denn letztlich begrüssen 74% der Forschenden einen Wechsel vom Subskriptionsmodell zu OA.

Mal schauen, ob Rafael Ball den durch die Resultate der Umfrage zugespielten Ball aufnehmen kann. Noch im letzten Jahresbericht der ETH-Bibliothek, warnt Ball vor Schnellschüssen und „Aktionismus“.

Doch zunehmend gewinnt man den Eindruck, dass auch Bibliotheken mehr und mehr tangiert werden von aktuellen politischen Umwälzungen und Ereignissen, denen sie sich nicht mehr verschliessen können und dürfen. Da ist zum Beispiel das Thema «Open Access», das deutlich mehr ist als eine weitere Spielart der Literaturversorgung. Es ist vielmehr eine politische und wirtschaftliche Problematik, die bis in die Führung von Staaten reicht und auf der gleichen Ebene wie Wirtschaftssubventionen oder Marktinterventionen abgehandelt wird. Denn die Konsequenzen sind so gewaltig und grundlegend, dass viele Akteure sie nicht mehr zu überschauen scheinen und das Thema mit einem blossen Aktionismus mit ungewissem Ausgang vorantreiben. Denn die Konsequenzen sind so gewaltig und grundlegend, dass viele Akteure sie nicht mehr zu überschauen scheinen und das Thema mit einem blossen Aktionismus mit ungewissem Ausgang vorantreiben.

Gerade hier ist es wichtig, dass sich Bibliotheken ihrer Jahrhunderte alten Tradition als Kultur- und Gedächtnisinstitution erinnern und neuen Trends – zumal wenn sie irreversible Konsequenzen haben – mit dem notwendigen Sachverstand und der gebotenen Tiefe nähern und die beteiligten Akteure mit validen Informationen und Statements unterstützen. Die ETH-Bibliothek ist gerade bei diesem Thema im besten Sinne des Wortes professionell mit dabei: Qualifiziert, durchdacht, konstruktiv, aber ohne Schnellschüsse.