„Pay it Forward“-Studie

Wie wird sich ein globaler Wechsel zu Gold OA basierend auf Article Processing Charges (APCs) finanziell auf forschungsintensive Universitäten auswirken?  Die mit einem 800’000$-Grant der Mellon-Foundation unterstützte Studie „Pay it Foward“ (185 Seiten) ging dieser Frage an den Beispielen der grossen nordamerikanischen Universitäten British Columbia, California, Harvard und Ohio State nach.

Ermittlung Forschungsoutput über Scopus und Web of Science

Für die einzelnen Universitäten wurden zunächst aus Scopus und Web of Science Daten über das Publikationsverhalten der Universitäten ermittelt. Im Fokus standen Zeitschriftenartikel (inkl. Reviews) und Konferenzbeiträge von 2009-2013. Mit spezieller Unterstützung durch Elsevier und Thomson Reuters wurde die institutionelle Zugehörigkeit von AutorInnen und Corresponding-Authors identifiziert. Je nach Messmethode (Umgang mit Corresponding Authors, die mehrere Affiliations haben) und Datenbank wurde eine Corresponding-Author-Quote zwischen 45-61 Prozent ermittelt. Dieser Anteil deckt sich mit den Erfahrungen der Max Planck Digital Library. In einem weiteren Schritt wurden die Daten von Scopus mit denen von Web of Science zusammengeführt.

Übrigens: Den Rohdaten von Web of Science (WoS_aggregate.csv) ist zu entnehmen, dass 7.5% (26’355 von 354’556) Dokumente in WoS als Gold Open Access gekennzeichnet wurden.

Ermittlung Subskriptions- und Open Access Bezahlungen.

Aufgrund einer „in-scope Titel Liste“ (ohne Aggregatoren oder Backfile-Einkäufe) wurde bei den Bibliotheken die Subskriptionsausgaben (nach Rechnungsjahren) gesammelt. Die Zahlen zeigten, dass inzwischen weit über 90% der betrachteten Ausgaben nur für e-only aufgewendet werden. Bei der University of British Columbia im Jahre 2013 bereits 97%. Für den weiteren Studienverlauf wurde deshalb auf eine Unterscheidung von Print und Elektronisch verzichtet. Zusätzlich wurden die Ausgaben für Open Access in Form von Verlags-Mitgliedschaften oder APC-Zahlungen erfasst. Insgesamt wurde im Jahr 2013 von allen Hochschulbibliotheken gut 50 Millionen Dollar für Subskriptionen bezahlt, für Gold OA jedoch bloss $365’000!

Ermittlung realistischer Article Processing Charges (APCs)

Um herauszufinden welche Kosten auf die Universitäten zukämen, wenn künftig die Publikationen überwiegend per APCs bezahlt werden müssten, wollte man von möglichst realistischen APCs ausgehen. Es wurde versucht sich dem „richtigen“ Preis von verschiedenen Seiten zu nähern.

a) tatsächlich bezahlte APCs (Open Data)

Die Daten der veröffentlichten Zahlungen des RCUK, Wellcome Trust, von Deutschen Universitäten (Siehe auch neue Analyse Jahn & Tullney 2016) sowie des FWF wurden herangezogen und auf die projekteigene Disziplinenliste aufgeschlüsselt.

APC-Payment European Payments

Hier ergab sich eine durchschnittliche APC von $1865.

b) Preisangaben der Verlage/Journals.

Durch die Studien Solomon und Björk (2012) und Morrison et al. (2015) standen bereits nutzbare Daten zur Verfügung, was Verlage/Journals auf ihren Webseiten für Preise angaben. Für die weitere Auswertung wurden die Daten von Morrison et al. durch das Studienteam zu Beginn 2016 auf den neusten Stand gebracht und auf die aus WoS/Scopus extrahierten Publikationen bzw. die eigenen Disziplinen gemappt:apcs_pricing

Hier ergab sich eine durchschnittliche APC von $1864 auf Journal-Level, bzw. $1892 auf Artikelebene. Wie auch schon bei der Analyse der europäischen APCs erweist sich eine disziplinspezifische Betrachtung aufgrund ungleicher Verteilung (kaum Daten bei den Geistes- und Sozialwissenschaften oder der Ökonomie) als wenig aussagekräftig. Eine ausführliche Analyse zu diesen APCs wurde inzwischen auch ausgelagert veröffentlicht (Solomon & Björk 2016).

Eine Kategorisierung der OA-Publikationen nach Bezahlmodell zeigt sehr deutlich die heutige Dominanz des APC-Modells: 89% von 22’209 OA-Artikel sind in APCs-basierten Zeitschriften publiziert worden. Diese Tatsache relativiert das trügerische Bild, welches sich aus der Betrachtung von Journals im DOAJ ergibt, wonach eine Mehrheit der dort verzeichneten Journals keine APC verlangt.

OA Journals used.jpg

In was für Open Access Journals publizieren AutorInnen der Universitäten British Columbia, California, Harvard und Ohio State?
Eine Kategorisierung der OA-Journals in denen im Zeitraum 2009-2013 mindesten 10 Artikel erschienen sind.

Interessanterweise weisen die Bibliotheken insgesamt nur Ausgaben von $365’000 für Open Access ($159’000 OA memberships + $206’000 APC Payments) aus. Daraus lässt sich klar schliessen, dass das Geld, das AutorInnen für Open Access bisher aufgewendet haben, nur zu einem winzigen Teil von den Bibliotheken stammt. D.h. auch die nordamerikanischen Bibliotheken haben es in den vergangenen Jahren verschlafen, das wachsende Bedürfnis nach finanzieller Unterstützung beim OA-Publizieren anzugehen.

c) Preisberechnung mit Source Normalized Impact per Paper (SNIP)

Nun ist es kein Geheimnis, dass insbesondere kommerzielle Verlage zurzeit ihre Preise nicht an ihren realen Kosten, sondern häufig an der Reputation (Impact Factor) ihrer Journals ausrichten.

Die „Pay it forward“-Studie hat diese gängige Preissetzung untersucht und eine positive Korrelation zwischen der Höhe der APC und der „Qualität“ gemessen als Source Normalized Impact per Paper (SNIP ; = Elseviers offenes Pendant zum Impact Factor) eines Journals festgestellt. Nach einer Regressionsanalyse getrauen sich die StudienautorInnen sogar eine Formel bekannt zu geben, mit welcher sich für jedes Journal mit einem SNIP die voraussichtliche APC ausrechnen lässt.

APC = 1147.68 + 709.4 * SNIP

Beispiel: Für das Journal Water Research (IF 6 / SNIP 2.4) wäre die APC demzufolge:

1147.68+ 709 * 2.4 = 2849 USD

(Wobei Elsevier heute im Hybrid-Modus interessanterweise 3500$ verlangt).

d) effektive Verlagskosten

Aus der Literatur und teils anonymen Quellen der Verlagsindustrie, den Steuerangaben von Non-Profit-Verlagen in den USA (990 Tax Form) und einer Umfrage bei der Association of Learned & Professional Society Publishers (ALPSP) versuchten die Studienautorinnen ebenfalls die effektiven Verlagskosten in Erfahrung zu bringen.

effektive-kosten

Man erkennt schnell, dass keine Klarheit über die effektiven Kosten besteht. Ein ähnliches Resultat hatte schon der Beitrag „The true cost of science publishing“ ergeben. Die Pay it Forward-Studie legt jedoch nahe, dass mit mindestens $1000 Dollar als Kosten eines Artikel gerechnet werden muss.

Ermittlung Break-Even APCs

Mit dem verfügbaren Subskriptionenbudget der Bibliothek und dem Publikationsverhalten konnte pro Hochschule Break-Even APCs ausgerechnet werden. Dabei wurde vorsichtshalber davon ausgegangen, dass künftig für alle Artikel eine APC bezahlt werden müsste:

Break-even points

Man sieht schnell, dass der Umstieg für auf ein vollständig APC basiertes Modell alleine mit dem heute eingesetzten Bibliotheksbudget und dem heutigen Durchschnittspreis von ca. 1850$ pro APC für die meisten Universitäten finanziell nicht möglich sein wird.

Verschiedene Finanzierungsmodelle für eine Gold OA Welt

Die Studie geht deshalb in Folge davon aus, dass bei einer Umstellung zu Gold OA das Geld zunehmend auch von anderen Quellen, insbesondere die von Forschungsförderer kommen muss. Es werden verschiedene Modelle skizziert, wie bei einem Wechsel auf Gold OA die Kosten für APCs zwischen Bibliothek, Forschungsförderer und anderen Geldquellen sinnvoll aufgeteilt werden können. Ein wesentliches Element dieser Modelle ist der stärkere finanzielle Einbezug der Forschenden. Die Hoffnung besteht, dass diese eine (neue) Sensibilität hinsichtlich Preis von Verlagsleistung entwickeln.

Qualitativer Teil: Faktoren zur Auswahl des Journals

Die Studie beinhaltet auch einen qualitativer Teil, bei dem mit Fokusgruppen und Umfragen ermittelt wurde, was Forschende über das wissenschaftliche Publizieren, OA und den finanziellen Aspekten denken. Dieser Teil wurde inzwischen separat veröffentlicht (Tenopir et al. 2016).

Die Resultate bestätigen grundsätzlich vorhergehende Arbeiten (mitunter auch die Resultate meiner Masterarbeit). Die Idee von Open Access für Perspektive des Lesers wird durchgängig begrüsst. Beim eigenen Publizieren spielt OA jedoch nachwievor untergeordnet eine Rolle. Qualität, Reputation, inhaltliche Übereinstimmung, erwartetes Publikum, Chance angenommen zu werden, Geschwindigkeit vom Einreichen zur Publikation oder die Herausgeber sind wichtigere Faktoren bei der Wahl eines Journals als OA.

Desweiteren gibt es disziplin-spezifische Unterschiede. Etwas zugespitzt: Physiker und Mathematiker brauchen Gold OA nicht, da sie ja ArXiv haben. Für Mediziner und Biologen sind APCs schon fast Alltag. Geistes- und Sozialwissenschaftler haben Vorbehalte gegenüber APCs.

Fazit

Das wesentliche Resultat der Studie ist durchaus keine Überraschung, wie David Crotty auf Scholarly Kitchen zutreffend kommentiert. Es war immer wahrscheinlich anzunehmen, dass forschungsintensive Institutionen bei einem Wandel zu Gold OA stärker zur Kasse gebeten werden könnten. Dennoch ist es wichtig diese Annahme einmal mit offiziellem Zahlenmaterial untermauert zu sehen.

Was die Studie leider nicht liefert, ist ein Vergleich zwischen den Ausgaben und Publikationen auf Stufe Verlag. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es bei einer Transformation zu OA auch bei den Verlagen grössere Gewinner und Verlierer geben würde.

Zumindest zeigen die Zahlen aus der Schweiz, insbesondere diejenige der forschungintensiven ETH Zürich, dass ein Wechsel auf Gold OA zumindest bei den Verlagen Elsevier, Springer und Wiley finanziell ohne weiteres möglich wäre und bei diesen Verlagen sogar mit Kosteneinsparungen verbunden wäre. In Angesicht der Resultate von Pay it Forward stellt sich die Frage, ob dieser Unterschied daran liegt, weil man in der Schweiz und bei der ETH Zürich grundsätzlich mehr zahlt, als bei Harvard & Co., oder ob dies eher an dem spezifischen Fokus auf die drei grössten Verlage liegt, der in Nordamerika ebenfalls zu Tage käme, hätte man die Zahlen auf Stufe Verlag verglichen.

Ebenfalls muss in Betracht gezogen werden, dass eine nahezu 100% Umstellung auf OA finanzielle Einsparungen an vielen anderen Orten ergibt. Dabei meine ich nicht nur die radikale Vereinfachung von vielen bibliothekarischen Prozessen, sondern auch die Tatsache, dass ausserhalb der forschungsintensiven Hochschulen es noch zahlreiche andere öffentliche Institutionen (z.B. Fachhochschulen, Spitäler, Behörden etc.) gibt, bei denen bei einer Umstellung Subskriptionskosten entfallen würden. Diese Gelder könnten zumindest anteilsmässig zugunsten des finanziellen Mehrbedarf von forschungsintensiven Hochschulen umgeschichtet werden.

Letztlich scheint es nachvollziehbar, dass die Kosten des heutigen Systems auch bereits durch jemanden bezahlt werden und die Transformation mehr eine Frage der Organisation der Umschichtung von Geldern ist, als tatsächlich ein finanzielles Problem. SCOAP3 hat dies ja unlängst gezeigt.

Meines Wissens ist Pay it Forward die erste öffentliche Studie, bei welcher das Potential der Subskriptionskosten auf institutioneller Ebene für OA solide analysiert wurde. Das weckt Hoffnung, dass auch andere Institutionen dem Beispiel folgen und sich Kennzahlen zu ihrem Potential für OA verschaffen und dies veröffentlichen.

Präsentation an der 8th Conference on OA Scholarly Publishing (COASP)

Zum Schluss sei noch auf eine Präsentation der Studie von MacKenzie Smith, University Librarian, UC Davis am 21. September 2016 verwiesen.

BMBF veröffentlicht Open-Access-Strategie

Etwas verzögert der Hinweis auf die jüngst veröffentlichte Open-Access-Strategie des Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Auszug aus der Pressemitteilung des Ministeriums:

„Eine zentrale Maßnahme der neuen BMBF-Strategie ist die Einführung einer Open Access-Klausel für alle durch das BMBF geförderten Projekte. Wissenschaftliche Artikel aus vom BMBF geförderten Projekten sollen entweder gleich unter einem Open Access-Modell publiziert oder nach Ablauf einer Embargofrist in einen geeigneten Dokumentenserver eingestellt werden können. Die Forscherinnen und Forscher bleiben dabei frei in ihrer Wahl, ob und in welcher Zeitschrift sie veröffentlichen wollen.“

open-access-in-deutschlandNeben diesem Vorhaben werden in der zwölfseitigen Strategieschrift (PDF) weitere Maßnahmen des BMBF zur Förderung von Open Access beschrieben. Wisspub-Autor Marco Tullney hat die Strategie im TIB-Blog ausführlich kommentiert.

Seitdem es bereits seit einigen Monaten Anforderungen an die offene Zugänglichkeit von Forschungsdaten in diversen BMBF-Ausschreibungen gibt, leistet das Ministerium mit der jetzt angekündigten Verankerung von Open Access in der Forschungsförderung einen wichtigen Beitrag zur Verankerung von Open Science im europäischen Forschungsraum.

Auf die Entwicklung einer Open-Access-Strategie hatten sich CDU, CSU und SPD im Koalitionsvertrag geeinigt. In einem Interview mit der „Welt“ erläutert Bundesministerin Johanna Wanka das Anliegen der jetzt vorgestellten Open-Access-Strategie.

Harvard Library Report: Flipping Journals zu Open Access

Nach einer öffentlichen Kommentierungsphase ist nun der umfangreiche Auftragsreport der Harvard Library zur Konvertierung von Journals zu Open Access online verfügbar:

Die finnischen Autoren haben aufgrund einer ausführlichen Literatur Review verschiedene Wege aufgezeigt, wie Journals in der Vergangenheit zu Open Access überführt wurden. Diesem Text wurden die Kommentare von weiteren 20 Experten (grau) eingefügt. Dies stört zuweilen den Lesefluss, ist aber auf Grund der unterschiedlichen Sichtweisen der Experten mit vielen Praxisbeispielen sehr bereichernd.

Erwartungsgemäss ist das analysierte Spektrum der Wege zu Open Access vielfältig. Für jedes Szenario, sei es nun APC-basiert oder nicht, haben die Autoren die Stärken und Schwächen zusammengetragen. Der Report verzichtet darauf eine klare Empfehlung zu geben.

Allerdings lässt sich gerade mit Blick auf die Schwächen einzelner Szenarien doch ausmachen, dass einige kaum nachhaltig und skalierbar sind. Open Access Journals die sich beispielsweise über eine Fachgesellschaft subventionieren, Einnahmen über Werbung oder Verkäufe der Print-Version (Freemium) realisieren, sowie stark auf freiwilliger Arbeit basieren (z.B. Open Medicine) dürften es im Wettbewerb mit Journals/Verlagen die mit ein APC-Modell operieren schwer haben und eher Nischengeschäftsmodelle bleiben.

Ebenfalls darf der Weg über Hybrid-OA – sofern nicht als Zwischenlösung mittels Offsetting Deals realisiert um double dip zu vermeiden – als nicht funktionierend abgeschrieben werden.

Natürlich wird auch das dominante APC-Modell im Report kritisch angesprochen und die Skepsis, ob das was zurzeit sehr gut funktioniert, wirklich die beste Lösung ist, wird in manchen Kommentaren gut ersichtlich. Alternativ werden auch Submission Fees (Bezahlungen bereits beim Einreichen, und nicht erst bei der Publikation) diskutiert. Besonders lesenswert ist hier der Kommentar von Thomas Munro (S. 84), welcher anmerkt, dass solche Submission Fees in den ökonomischen Zeitschriften bereits normal seien (wenn auch noch nicht um wirklich OA zu finanzieren).

Auch ausführlich besprochen werden die neueren Finanzierungsmodelle via Konsortium (OLH, SCOAP3). Während diese grundsätzlich als attraktiv für konvertierende OA-Journals angesehen werden, stellt sich hier verstärkt das Problem von kollektiven Handeln, dem dadurch entstehenden Koordinationsaufwand, und bei zu vielen Freeridern auch eine Unterfinanzierung.

Dem Report angehängt ist eine kommentierte Bibliografie der gesichteten Literatur, sowie eine Liste aller konvertierten Journals, die im Report erwähnt werden.

Wellcome Open Research

Der Wellcome Trust kündigt an, mit F1000 als Umsetzungspartner, ein neues Journal Wellcome Open Research zu lancieren. Nur Forschende mit Finanzierung des Wellcome Trust sollen darin veröffentlichen können. Die erwarteten APCs – je nach Artikellänge zwischen 150$ und 1000$ – werden direkt vom Forschungsförderer übernommen.

Neben klassischen Artikeln, sollen explizit auch Forschungsdaten oder negative Forschungsergebnisse publiziert werden können. Die Qualitätssicherung erfolgt, wie bei F1000Research, als Open Peer Review nach der ersten Online-Schaltung. Artikel mit ausreichend positiven Begutachtungen sollen auch in Pubmed indexiert werden.

Wellcome_Open_Research.jpg

Bereits mit eLife hat der Wellcome Trust zusammen mit der Max Planck Gesellschaft und dem HHMI ein attraktives und erfolgreiches Open Access Journal aus dem Boden gestampft. Mit der Gründung und dem Branding eines eigenen Journals geht der Wellcome Trust nun noch einen Schritt weiter, die Wichtigkeit vom Open Science und die Relevanz der unterzeichneten DORA-Deklaration zu betonen. Um beim Forschungsförderer im Wettbewerb um Forschungsgelder gut abzuschneiden, wird es nun eine weitere anerkannte Alternative, zu den traditionellen Closed-Access Journals aufgezeigt.

EU- und G7-Staaten setzen auf Open Science

Heute hat der Rat für Wettbewerbsfähigkeit („Competitiveness Council“) der Europäischen Union seine „Council Conclusions on the Transition towards an Open Science System“ verabschiedet (PDF).

In einer Pressemitteilung der niederländischen Ratspräsidentschaft, unter dem Titel „Europa entscheidet sich für Open Access“, wird der Kern der europäischen Open-Science-Strategie deutlich:

„Ab 2020 müssen alle wissenschaftlichen Publikationen zu Ergebnissen öffentlich finanzierter Forschungsarbeiten frei zugänglich sein.“

Über diese klare Richtungsentscheidung hinaus sollen, so der Rat, auch die „Beurteilungskriterien für wissenschaftliche Arbeiten angepasst werden“:

„Es sollte nicht mehr vorrangig darum gehen, wie viele Publikationen ein Wissenschaftler vorweisen kann und wie oft er in anderen Arbeiten zitiert wird. Vielmehr sollten die gesellschaftlichen Auswirkungen einer Forschungsarbeit eine viel größere Rolle spielen.“

Zur offen Zugänglichkeit und Nachnutzung von Forschungsdaten unterstreichen der Rat in seinen „Conclusions“,

„that research data originating from publicly funded research projects could be considered as a public good, and encourages the Member States, the Commission and stakeholders to set optimal reuse of research data as the point of departure, whilst recognising the needs for different access regimes because of Intellectual Property Rights, personal data protection and confidentiality, security concerns, as well as global economic competitiveness and other legitimate interests. Therefore, the underlying principle for the optimal reuse of research data should be: ‚as open as possible, as closed as necessary‘.“

Amsterdam Call for Action on Open Science

Amsterdam Call for Action on Open ScienceIn den „Conclusions“ werden auch einige Maßnahmen des lesenswerten „Amsterdam Call for Action on Open Science“ (PDF) aufgegriffen, der im April im Rahmen der niederländischen Ratspräsidentschaft veröffentlicht wurde.

Dieser „Call“ benennt zentrale Maßnahmen zur Förderung von Open Science auf. U. a. gibt es eine Aufforderung an die wissenschaftlichen Einrichtungen in Europa zukünftig auf Vertraulichkeitsvereinbarungen mit Verlagen zu verzichten.

Zur weiteren Begleitung des Prozesses hin zu Open Science hat Carlos Moedas, EU-Kommissar für Forschung, Wissenschaft und Innovation, Mitglieder für die „European Open Science Policy Platform“ (OSPP) nominiert (PDF).

European Open Science Cloud

Bereits gestern hat der Rat „Conclusions“ zum „Digital Single Market“ veröffentlicht (PDF). In diesen wird u. a. die Bedeutung der „European Open Science Cloud“ (EOSC) betont. Mit Hilfe dieser „Europäische Dateninfrastruktur“ sollen Forschungsdaten „über Fachgebiete und Grenzen hinweg“ ausgetauscht werden können. Carlos Moedas, erklärte im April in einer Pressemitteilung das Anliegen der EOSC:

„Unser Ziel ist die Schaffung einer Europäischen Cloud für offene Wissenschaft – einer zuverlässigen Umgebung, die es über Technologien, Fachgebiete und Grenzen hinweg Millionen von Forschern ermöglicht, Forschungsdaten auszutauschen und zu analysieren, um so die Effizienz und Produktivität in der Wissenschaft zu erhöhen. Wir haben den Appell der Wissenschaftler, eine Infrastruktur für offene Wissenschaft aufzubauen, gehört und einen umfangreichen Plan entwickelt, mit dem wir uns nun an die Arbeit machen können. Der Nutzen der offenen Daten für Europas Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft wird enorm sein.“

G7 –  Tsukuba Communiqué

Auch die G7-Wissenschaftsministerinnen und -ministern befassten sich Mitte Mai im japanischen Tsukuba mit dem Thema Open Science. In dem dort verabschiedeten „Tsukuba Communiqué“ (PDF) heißt es:

„We recognized a growing need to share common international principles for open science and to put these principles into practice through open access to scholarly publications and open data. Furthermore, we recognized the importance of stronger foundations for the support of open science, such as incentives for researchers and institutions, support systems and human resources. We recognize the need to promote access, taking into consideration privacy, security, and legitimate proprietary rights, and different legal and ethical regimes, as well as global economic competitiveness and other legitimate interests.“

Open Innovation, Open Science, Open to the WorldWeiter kündigen die G7-Wissenschaftsministerinnen und -ministern in dem „Communiqué“ die Einsetzung einer Arbeitsgruppe an, die sich u. a. mit Praktiken und Anreizen für Open Science befassen soll.

Passend zu diesen Entwicklungen hat die EU-Kommission heute das Zukunftskonzept  „Open Innovation, Open Science, Open to the World – a vision for Europe“ veröffentlicht – natürlich frei zugänglich (PDF).

Globale Initiative zur Open-Access-Transformation gestartet

Führende Wissenschaftsorganisationen haben heute die Initiative „Open Ac­cess 2020“ gestartet. Im Fokus steht die großflächige Umstellung der wissenschaftlichen Zeitschriften vom Subskriptionssystem hin zu Open Access. Ziel ist es, ein Großteil der wissenschaftlichen Zeitschriften in den kommenden Jahren auf Open Access umzustellen. Die drei Kernaussagen der heute veröffentlichten Erklärung lauten:

„We aim to transform a majority of today’s scholarly journals from subscription to OA publishing in accordance with community-specific publication preferences. At the same time, we continue to support new and improved forms of OA publishing.“

„We will pursue this transformation process by converting resources currently spent on journal subscriptions into funds to support sustainable OA business models. Accordingly, we intend to re-organize the underlying cash flows, to establish transparency with regard to costs and potential savings, and to adopt mechanisms to avoid undue publication barriers.“

„We invite all parties involved in scholarly publishing, in particular universities, research institutions, funders, libraries, and publishers to collaborate on a swift and efficient transition for the benefit of scholarship and society at large.“

Unterstützt wird die Initiative, u. a. vom Austrian Science Fund (FWF), der Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), der European University Association (EUA), der Fraunhofer-Gesellschaft, der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), der Helmholtz-Gemeinschaft, der Leibniz-Gemeinschaft, der Max-Planck-Gesellschaft und der Netherlands Organisation for Scientific Research (NWO).

Eine Website informiert über die Initiative und ihre Unterstützer.

Ich habe für helmholtz.de ein paar Zeilen dazu geschrieben. Die Max-Planck-Gesellschaft hat eine Pressemitteilung zum Vorhaben veröffentlicht.

Das verlorene Potenzial von Forschung

Es ist ein zynisches Schauspiel, welches Subskriptionsverlage immer dann wieder vorführen, wenn der freie Zugang zu Forschungsresultaten ein bisschen höher auf der Agenda ist als sonst. So zum Beispiel bei der aktuellen Zika Epidemie. Plötzlich zeigt sich Elsevier von seiner freundlichen Seite und macht entsprechende Inhalte frei zugänglich:

zicka_elsevier

Zika Virus: Elsevier bietet temporär freien Zugang zu Forschungsergebnissen

Am 10. Februar 2016 haben zudem BMJ, JAMA, Science Journals, Springer Nature, NEJM zusammen mit vielen Forschungsförderen ein „Statement on data sharing in public health emergencies“ verfasst, in dem sich u.a. die Journals zu freien Zugang verpflichten:

Journal signatories will make all content concerning the Zika virus free to access. Any data or preprint deposited for unrestricted dissemination ahead of submission of any paper will not pre-empt its publication in these journals

Letztlich bestätigt dieses positive Ausnahmeverhalten, wie viel Potenzial von Forschung durch das noch vorherrschende Closed Access Geschäftsmodell im Publikationswesen verloren geht. Die in der Berliner Erklärung festgehaltene Bemerkung, dass „die Wissenschaft“ ihre Aufgabe nur halb erfüllt, wenn es ihr nicht gelingt Information für die Gesellschaft in umfassender und einfacher Weise zugänglich zu machen, hat an ihrer Gültigkeit leider nichts verloren.

Ebola_Free_Access

Auch beim  Ebola Ausbruch 2014/2015 war freier Zugang zu Publikationen etwas wichtiger als sonst.

Selbstverständlich kennen wir diese Art von zynischem Schauspiel auch von anderen Teilen unseres Lebens auf der priviligerten Seite der Welt. Doch anders als bei den Themen Hunger, Flüchtlinge oder Klimawandel, ist die Lösung des beschränkten Zugang zu wissenschaftlicher Information relativ einfach. Dies deshalb, weil digitale Information im Gegensatz zu andern Ressourcen (Kapital, Öl, Boden, Nahrungsmittel) eine spezifische Eigenschaft hat, welche für minimale Interessenskonflikte sorgt. Eine Eigenschaft für welche inzwischen sogar Elsevier selber Werbung macht:

Elsevier_Wissen

Ein solches Zitat aus dem Munde von Elsevier ist blanker Hohn. Denn Elsevier sträubt sich mit Klagen und Parteispenden gegen ein Geschäftsmodell, bei welchem genau dieser Vorteil zum Tragen kommt. Sei es, dass Elsevier sich weigert Subkriptionszeitschriften in ein Gold-OA Geschäftsmodell umzuwandeln oder sei es, dass Elsevier seine Sharing Policy verschärft.

Aber noch schlimmer als das Beharren auf ein überholtes Geschäftsmodell der Subskriptionsverlage – und Elsevier ist da nur der Grösste davon – ist das passive und über weite Strecken widersprüchliche Verhalten wissenschaftlicher Institutionen, welche sich dies in den Rollen als Käufer (Bibliotheken) und als Zulieferer (AutorInnen) nahezu widerstandslos bieten lassen. Viele von ihnen haben zwar schon seit Jahren die Berliner Erklärung unterzeichnet und streben auf dem Papier eigentlich Open Access an, doch im alles entscheidenen Punkt, dem Geld, hat sich seit Jahren nichts geändert. Das wissenschaftsfeindliche Subskriptionsmodell wird trotz offensichtlicher Nachteile und trotz vorhandenen und erfolgreichen Alternativen von vielen Institutionen künstlich am Leben erhalten, ausgebaut, und gegen Versuche Transparenz bei den Kosten herzustellen, von den wissenschaftlichen Institutionen geschützt.

Wenn man einmal weiss, dass zumindest im STM-Bereich die Kosten des jetztigen Subskriptionsmodell zu 100% von wissenschaftlichen Bibliotheken bezahlt werden, ist es besonders schwer nachvollziehbar, weshalb diese Bibliotheken es selbst 13 Jahre nach der Berliner Erklärung immer noch nicht auf die Reihe bekommen Open Access zu Publikationen herzustellen.

Gewiss, mit Open Access zu Publikationen (und Daten) wird nicht alles automatisch besser. Doch wenn wir es als Gesellschaft, die Wissenschaft für wichtig hält, nicht einmal schaffen in dem Bereich etwas zu ändern, wo es uns ausser weltweiter Koordination überhaupt nichts kostet, wie weit entfernter dürften da Lösungen sein, die tatsächlich auf Probleme bei der Verteilung von nicht vermehrbaren Ressourcen beruhen.