Open Science in der Klimaforschung 

Diese Woche findet zum zwölften Mal die internationale Open Access Week statt. Seit 2010 bietet die Aktionswoche einen Rahmen für die Diskussion über den Stand und die Herausforderungen des offenen Zugangs zu wissenschaftlichen Erkenntnissen. Während die Aktionswoche in ihren Anfangsjahren einen Fokus auf den Zugang zu wissenschaftlichen Artikeln (Open Access) legte, widmen sich die Aktivitäten in diesem Jahr vermehrt auch anderen Aspekten von Open Science. So z. B. den Themen Open Research Data und Open Research Software. 

Die Aktionswoche wird von wissenschaftlichen Einrichtungen weltweit mit verteilten Aktivitäten begangen. Für Deutschland findet sich auf der Webseite open-access.network eine Übersicht von Aktivitäten. Seit 2012 wird jedes Jahr ein Motto für die Woche festgelegt. 

Das Motto „Open for Climate Justice“ der Open Access Week 2022

In diesem Jahr lautet das Motto “Open for Climate Justice”.  Dieses Motto würdigt zum einen die lange Tradition von Open-Science-Praktiken im Bereich der Klimaforschung, betont aber auch die Verantwortung der Politik in der Klimakrise. 

Im Folgenden werden einige der Open-Science-Praktiken in der Klimawissenschaft sowie der damit verbundene Transfer der wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Eindämmung der Klimakrise beleuchtet.

Open Access zu Texten, Daten und Tools

Der Anteil der Open-Access-Publikationen in den Erd- und Umweltwissenschaften ist höher als in anderen Fächern. Auf europäischer Ebene fördert die European Geosciences Union (EGU) als Fachgesellschaft seit vielen Jahren Open Access und hat sich gemeinsam mit dem Verlag Copernicus Publications bei der Weiterentwicklung des Open Peer Review verdient gemacht. Mit EGUsphere, EarthArXiv und ESSOAr stehen darüber hinaus Preprint-Server bereit. 

Die 2014 von der American Geophysical Union (AGU)  gegründete “Coalition for Publishing Data in the Earth and Space Sciences (COPDESS)” widmet sich als Netzwerk der offenen Zugänglichkeit von Forschungsdaten in der Erd- und Weltraumforschung. Wissenschaftliche Einrichtungen, Fachgesellschaften und Verlage arbeiten in dem Netzwerk gemeinsam an Standards zur Realisierung der FAIR-Prinzipien

Auch das “Data Sharing” ist in den Geowissenschaften weiter verbreitet als in anderen Fachgebieten. Auf Forschungsdaten-Repositorien wie z. B. PANGAEA, das am Alfred-Wegener-Institut und der Universität Bremen betrieben wird, werden Daten der Klimaforschung offen publiziert. Dazu kommen in Deutschland eine Vielzahl von institutionellen Angeboten des Forschungsdatenmanagements, die aktuell im Rahmen des geowissenschaftlichen Konsortiums NFDI4Earth der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) vernetzt und weiterentwickelt werden. 

Internationale Großprojekte 

Gerade in den großen und kollaborativen geowissenschaftlichen Projekten ist Open Research Data seit Jahren ein Paradigma. Prominentes Beispiel ist die MOSAiC-Expedition. Von September 2019 bis Oktober 2020 driftete das Forschungsschiff Polarstern, in der größten Arktisexpedition aller Zeiten, durch das Nordpolarmeer. Beteiligt waren Forscher:innen aus 20 Nationen. Erhoben wurden 150 Terabyte Forschungsdaten und 10.000 Proben. Die Analyse dieser Daten sorgt für ein besseres Verständnis der Klimaprozesse in der Arktis und deren Rolle im Erdsystem. Eine Data Policy sorgt dafür, dass die Forschungsdaten der Expedition Anfang 2023 auf Forschungsdaten-Repositorien offen publiziert werden. Die Unterzeichnung der Policy war für jede der beteiligten Forscher:innen Voraussetzung für die Teilnahme an der Expedition. 

Während andere Fachgebiete noch über Standards diskutieren, ist die Open-Science-Praxis in den Klimawissenschaften, auch dank ihrer Internationalität, weit fortgeschritten. Die ISO-Norm 19115 „Geographic Information – Metadata“ oder auch das Directory Interchange Format (DIF) zur Beschreibung geographischer Informationen können hier als Beispiele für Standardisierungsaktivitäten genannt werden. Auch ist die Zitation von Datensätzen in Fachartikeln und damit auch das Zusammenspiel von Artikeln und Forschungsdaten an vielen Stellen bereits Realität. Dabei ist die Anwendung von Persistent Identifiers (PIDs) für Proben, Daten, Software verbreitet. 

Globale Kooperation für Open Science 

Die Förderung von Open Science wird von wissenschaftlichen Einrichtungen in den Erd-und Umweltwissenschaften weltweit vorangetrieben. Unter dem Motto “Transform to Open Science (TOPS)” widmet sich z. B. die NASA von 2022 bis 2027 in einem Schwerpunktprogramm der Weiterentwicklung von Open Science in den Forschungseinrichtungen der US-Behörde. Für 2023 hat die NASA sogar ein Open Science Jahr ausgerufen. Die NASA-Aktivitäten beeindrucken. Sie adressieren an vielen Stellen Aspekte der Diskussion um Klimagerechtigkeit und fördern Datenkompetenz und Dialog mit vom Klimawandel betroffenen Regionen. Folgendes Video gibt einen Überblick über die vielfältigen Aktivitäten der NASA im Kontext der Schaffung von Klimagerechtigkeit: 

Aktivitäten der NASA im Kontext von Open Science und Klimagerechtigkeit

Der Dialog der Forschenden auf internationaler Ebene ist auch nötig, um wissenschaftliche Daten auf globaler Ebene zu erheben. In weltweiten Messe-Netzwerken (z. B. in der Seismologie oder der Meteorologie) arbeiten Forschende aus aller Welt zusammen. Um die Daten bilden sich kollaborative Data Communities, die sich der Erhebung, dem Management und der Analyse von Forschungsdaten widmen. 

Als Beispiel kann das Projekt “West African Science Service Centre on Climate Change and Adapted Land Use (WASCAL)” genannt werden, in dem afrikanische und deutsche Forscherinnen u. a. an einem Erdsystemmodell für Westafrika arbeiten. Ausbildung, Datenmanagement, Forschung und die Bereitstellung von Klimaänderungsinformationen prägen die gemeinsame Arbeit. Ein weiteres Beispiel mit deutscher Beteiligung ist das “Southern African Science Service Centre for Climate Change and Adaptive Land Management (SASSCAL). Teil dieses Kooperationsprojektes ist der Betrieb des “Open Access Data Center (OADC)”. Über das Portal werden Forschungsdaten rund um Klimaveränderungen in den südafrikanischen Ländern offen zugänglich gemacht. 

Forschungsdatenmanagement für den IPCC 

Auch der Transfer neuester wissenschaftlicher Ergebnisse der Klimaforschung in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft wird auf internationaler Ebene verfolgt. Zentraler Akteur ist das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Der Rat wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UN Environmental Programme) und der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) gegründet. Anliegen des IPCC ist es, Entscheidungsträger:innen über den Stand der Forschung zu informieren und damit eine Grundlage für wissenschaftsbasiertes Handeln zu formulieren. Die Ergebnisse werden seit 1990 in den IPCC-Berichten veröffentlicht. Die Berichte bewerten den Stand der Forschung anhand eines Assessments von Quellen. Dabei sichern mehrstufige Begutachtungsverfahren die Qualität der Berichte. 

Aktuell ist der sechste Sachstandsbericht in Arbeit. Die Formulierung des Sachstandsberichts wird in drei Arbeitsgruppen organisiert. Arbeitsgruppe 1 widmet sich den naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels. Arbeitsgruppe 2 befasst sich mit den Folgen des Klimawandels. Dabei stehen Aspekte wie Anpassung und Verwundbarkeit im Fokus. Die Minderung des Klimawandels ist Gegenstand der Arbeitsgruppe 3. Die Berichte gliedern sich neben der Beschreibung der einzelnen Kapitel in je eine Executive Summary, eine Technical Summary sowie eine Summary for Policymakers. Zu jedem Kapitel wird darüber hinaus Begleitmaterial publiziert. Weitere Anhänge ergänzen die Berichte. Alle IPCC-Berichte und zugehörige Materialien sind offen zugänglich. Für den Bericht der Arbeitsgruppe 1 wurde ein Atlas erstellt, der auch als interaktive Anwendung im Web zugänglich ist. Er kann unter https://interactive-atlas.ipcc.ch abgerufen werden. Die dem Atlas zugrunde liegenden Daten werden unter der Creative-Commons-Lizenz CC-BY bereitgestellt

Eine zentrale Rolle beim Forschungsdatenmanagement der IPCC-Berichte spielt das Data Distribution Centre (DDC). Deutscher Partner im DDC ist das Deutsche Klimarechenzentrum (DKRZ). Wer sich für die Praxis des Forschungsdatenmanagements beim IPCC interessiert, dem seien die Publikationen von Stockhause et al. (2019) und Stockhause & Lautenschlager (2022) zur Lektüre empfohlen, die die Umsetzung der FAIR-Prinzipien beim IPCC beleuchten. (Siehe auch Open Science Factsheet Nr. 7 des Helmholtz Open Science Office). Dank der Arbeiten des DDC und der beteiligten Datenzentren werden die Forschungsdaten des IPCC per Digital Object Identifier (DOI) adressiert und können so dauerhaft referenziert werden. Diese Praxis fördert, über die einfache Zitierung der Daten hinaus, auch die Transparenz über die verwendeten Quellen und unterstützt die dauerhafte Zugänglichkeit der Forschungsdaten, die Grundlage der IPCC-Berichte sind. 

Wissenstransfer in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft 

Der Transfer der Ergebnisse des IPCC-Berichts wird darüber hinaus z. B. durch Übersetzungen unterstützt. So organisiert die Deutsche IPCC-Koordinierungsstelle den Wissenstransfer zwischen Forschung und Klimapolitik und erstellt die Übersetzung zentraler IPCC-Publikationen für Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Der Transfer der Erkenntnisse der Klimaforschung wird auch von vielen wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland unterstützt. Ein Beispiel ist die Helmholtz-Klima-Initiative, die u. a. diverse Klimainformationen aufbereitet. Mit Blick auf die nötigen Anpassungen an den Klimawandel leistet das Climate Service Center Germany (GERICS) des Helmholtz-Zentrums Hereon eine wichtige Transferleistung. Das Center informiert mit einer Vielzahl an wissenschaftsbasierten Dienstleistungen über klimabezogenen Daten. So betreibt GERICS den GERICS-Bundesländer-Check, der zu Szenarien der Klimaentwicklung in den Bundesländern informiert. Auch bietet GERICS Workshops und Beratungsinstrumente für die Wirtschaft an. Z. B. steht ein Unternehmensbaukasten bereit, der Firmen bei der Implementierung von Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel unterstützt. 

Ein weiteres Beispiel der Aufbereitung von Klimadaten für die breite Öffentlichkeit in Deutschland ist der Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ). Über den Monitor können tagesaktuelle Informationen zum Bodenfeuchtezustand in Deutschland abgerufen werden. 

Über den Wasser-Monitor des Forschungszentrums Jülich (FZJ) können Personen in der Landwirtschaft, aber auch auch jede interessierte Bürgerin, Daten zum Wasserhaushalt im Boden – in hoher räumlicher Auflösung von etwa 600 Metern – für ganz Deutschland abrufen. Die Daten werden im Jülicher Supercomputing Centre (JSC) simuliert und tagesaktuell, bis zu neun Tage in die Zukunft, berechnet. Dabei werden diverse Parameter wie z. B. Niederschlag, Luftfeuchtigkeit oder Windgeschwindigkeit ​​berücksichtigt. 

Wissenstransfer rund um den Klimawandel bieten auch die vier regionalen Klimabüros der Helmholtz-Gemeinschaft. Diese unterstützen z. B. Stadtplaner:innen oder Landwirt:innen im Umgang mit dem Klimawandel. Der Blick auf das Dienstleistungsportfolio des Mitteldeutschen Klimabüros am UFZ zeigt die Vielfalt der Transferaktivitäten, mit denen Forschende wissenschaftliche Erkenntnisse in die breite Öffentlichkeit vermitteln. Neben dem dialogbasierten Wissensaustausch mit der Privatwirtschaft und NGOs, werden Weiterbildungsprogramme, Politikberatung aber auch diverse Angebote für Schüler:innen und Studierende erbracht.

Citizen Science in der Klimaforschung

Neben diesen Services sind es auch Citizen-Science-Projekte, in denen die institutionalisierte Wissenschaft mit Bürgerforscher:innen gemeinsam an der Erforschung des Klimawandels arbeitet. Der Klick auf buergerschaffenwissen.de gibt einen guten Überblick über die Breite der Citizen-Science-Projekte in Deutschland. Darüber lassen sich viele Projekte mit Bezug zur Klimaforschung recherchieren. Z. B das Fraunhofer-Projekt “PV2Go”, in dem interessierte Bürger:innen über einen Zeitraum von einem Jahr die Sonneneinstrahlung auf ihrem Autodach messen können. Ein weiteres Beispiel, das sich an Schüler:innen richtet, ist “UndercoverEisAgenten”. In Kooperation mit Schulen in Deutschland und Kanada werden per App Daten über das Auftauen des Permafrosts erhoben. Darüber hinaus gibt es in der Biodiversitätsforschung viele spannende Mitmachprojekte zur Erforschung der Artenvielfalt. So werden im Projekt “VielFalterGarten” Schmetterlingszählungen durchgeführt oder im Projekt “IGAMon-Dog” die Suche nach invasiven Pflanzen unterstützt. Bürgerforscher:innen leisten so einen wichtigen Beitrag bei der Erhebung von Daten rund um den Klimawandel.

Verantwortung der Politik 

Die hier skizzierten Aktivitäten zeigen, dass sich Open Science in der Klimaforschung dynamisch entwickelt. Auf die globale Klimakrise wird in internationalen Projekten und Initiativen reagiert. Darüber hinaus wird ein breites Angebot an wissenschaftsbasierten Transferleistungen für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft organisiert. 

Die dringende Notwendigkeit, den “Knowledge-Action Gap” zu schließen, der die Lücke zwischen wissenschaftlichem Wissen und politischem Handeln beschreibt, ist eine politische Aufgabe. Die mangelnde Reaktion der Politik auf wissenschaftsbasierte Erkenntnisse in der Klimakrise erschwert die notwendige Schaffung einer Klimagerechtigkeit, im Sinne der Nord-Süd-Gerechtigkeit und der Generationengerechtigkeit.  

Somit ist es – dem Motto “Open for Climate Justice” der diesjährigen Open Access Week folgend – die Aufgabe der politischen Entscheidungsträger:innen die offen publizierten Erkenntnisse zu nutzen und auf Basis wissenschaftlicher Ergebnisse Klimagerechtigkeit zu sichern.

US-Regierung erlässt wegweisende Open-Science-Policy   

Heute hat das White House Office of Science and Technology Policy (OSTP) seine Open-Science-Policy aus dem Jahr 2013 aktualisiert. In einem wegweisenden Memorandum (PDF) unter dem programmatischen Titel “Ensuring Free, Immediate, and Equitable Access to Federally Funded Research” der Biden-⁠Administration werden die US-Bundesbehörden (z. B. NASA und NSF) zur Umsetzung folgender drei Punkte verpflichtet: 

  • Update their public access policies as soon as possible, and no later than December 31st, 2025, to make publications and their supporting data resulting from federally funded research publicly accessible without an embargo on their free and public release;
  • Establish transparent procedures that ensure scientific and research integrity is maintained in public access policies; and,
  • Coordinate with OSTP to ensure equitable delivery of federally funded research results and data“.

Während die aktuelle Open-Science-Policy, erlassen im Jahr 2013 von der Obama-Administration, bei der Umsetzung von Open Access zu wissenschaftlichen Artikeln noch eine Embargo-Periode von 12 Monaten vorsah (PDF), wird diese Sperrfrist nun abgeschafft. Zukünftig müssen peer-reviewed Publikationen, die im Rahmen der öffentlich geförderten Forschung der Bundesbehörden entstehen, mit ihrem Erscheinen offen zugänglich gemacht werden. (Eine Übersicht der Implementierungen der 2013er-Policy in den einzelnen US-Behörden bietet Science.gov. Ein Report für den US-Kongress, der ebenfalls heute veröffentlicht wurde beleuchtet die Hintergründe der Abschaffung des 12-Monats-Embargos.)

Verlagsverbände hatten im Vorfeld gegen die „zero embargo“ Open-Access-Policy protestiert. Seit dem Plan S, den eine Gruppe von Forschungsfördern, darunter auch die EU-Kommission, im Jahr 2018 auf den Weg brachte, gewinnt die Verbreitung dieser „zero embargo“ Policies jedoch auf internationaler Ebene an Verbreitung.

Über Open Access hinaus wird auch das Themenfeld Open Research Data in dem Memorandum adressiert. Unter Bezugnahme auf die erfolgreiche Anwendung von Open-Science-Praktiken bei der Erforschung von COVID-19 müssen die Bundesbehörden zukünftig sicherstellen, dass Mittelempfänger:innen ihrer Fördermittel, auch die Forschungsdaten, die einer wissenschaftlichen Veröffentlichung zugrunde liegen, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung frei verfügbar und öffentlich zugänglich gemacht werden, falls dem keine Beschränkungen entgegenstehen. 

Bei der Realisierung des offenen Zugangs zu Forschungsdaten betont das OSTP die Bedeutung von Persistenten Identifikatoren (PDIs) zur dauerhaften Identifikation und Vernetzung von Forschungsdaten.

Bei dem Betrieb von digitalen Forschungsdaten-Repositorien müssen zukünftig die Anforderungen des National Science and Technology Council (NSTC) aus dem Mai berücksichtigt werden. 

SPARC, eine Vereinigung von wissenschaftlichen Einrichtungen und Bibliotheken in den USA, begrüßt den Schritt der US-Regierung als “enormous leap forward” in der längjährigen Diskussion um die Realisierug von Open Science. 

Neben der deutlichen Forderung nach der sofortigen Umsetzung von Open Access und Open Research Data, ist die prominente Rolle von digitalen Repositorien in dem Memorandum des OSTP bemerkenswert. Spannend wird nun sein, wie die Behörden die Anforderungen in ihrer Förderpraxis im Detail umsetzten. 

Dazu passend: Bereits im Juli wurde Open Science als Teil der Innovationspolitik der USA im sogenannten „Chips and Science Act“ verankert

Google Scholar: Neue Open-Access-Funktion

Im März hat Google Scholar die Funktion „Public access“ in Google-Scholar-Profilen integriert. Anliegen ist es, so Google, Forschende bei der Umsetzung von Open-Access-Policies („public access mandates“) zu unterstützen.

In Google Scholar sind nun die Open-Access-Policies von 182 Förderorganisationen und wissenschaftlichen Einrichtungen hinterlegt (Stand: 09.04.2021). Aus Deutschland u. a. die Open-Access-Policies der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der Fraunhofer-Gesellschaft, der Helmholtz-Gemeinschaft und der Leibniz-Gemeinschaft.

Wie so oft bei Google Scholar ist das Verfahren eine Blackbox, d.h. wir können nur vermuten wie Google die „Public access“-Funktion im Detail umsetzt. Ein lesenswertes Interview hierzu mit Anurag Acharya, einem der Köpfe hinter Google Scholar, findet sich in Nature.

In diesem Interview wird der Ansatz der „Public access“-Funktion deutlich: Automatisiert werden die „Funding Acknowledgements“ in Papers mit den Policy-Informationen abgeglichen. Ist ein Artikel nicht frei im Web auffindbar, erscheint ein Hinweis in der „Public access“-Sektion in dem Google-Scholar einer/eines Autor*in. Die Auffindbarkeit bezieht sich dabei nicht nur auf Open-Access-Repositorien und Verlagsportale, sondern auf jegliche von Google indexierte Verzeichnisse im Web. 

Offenbar wurde die Funktion langsam ausgerollt. Seit einigen Tagen findet sich die Funktion auch in dem Back-End meines Google-Scholar-Profils. Folgender Screenshot zeigt die „Public access“-Funktion in meinem Profil:

Screenshot: Anzeige der „Public access“-Funktion im Google-Scholar-Profil

Per Klick auf die Funktion landet man auf einer Webseite, die Artikel listet, die laut Google Scholar durch eine Open-Access-Policy tangiert sind. In meinem Fall sind dies, so Google, 14 Veröffentlichungen. Zu jeder der Publikationen wird eine Leit- oder Richtlinie („Mandate“) angezeigt (siehe Screenshot).

Screenshot: Liste der Publikationen, die so Google Scholar, durch eine Open-Access-Policy tangiert sind

In meinem Fall waren bereits alle von Google identifizierten Publikationen frei zugänglich. Die Auswahl der 14 Paper und ihre Zuordnung zu den Open-Access-Policies überrascht jedoch und zeigt die Schwäche der neuen Funktion. Der automatisierte Abgleich der Angaben zu den Förderorganisationen und wissenschaftlichen Einrichtungen scheint wenig verlässlich. So erscheint in meiner Liste z. B. dreimal die National Institutes of Health (NIH) als Förderorganisation, obwohl ich bisher noch nie in einem von den NIH geförderten Projekt involviert war. Auch kann ich die Auswahl der 14 Paper nicht nachvollziehen. Somit scheint weder die Zuordnung noch die Auswahl verlässlich.

Zu hoffen ist, dass sich solche Fehler, die bei sprachbasierten Verfahren wenig überraschend sind, in Zukunft durch das Research Organization Registry (ROR) und dessen persistenten Identifikator für wissenschaftliche Einrichtungen und Förderorganisationen erledigen. (Siehe dazu unsere Arbeiten im ORCID-DE-Projekt.)

Auch irritiert es, das Google statt dem weltweit gebräuchlichen Term „Open Access“ den Begriff „Public access“ verwendet. Dieser ist zwar in den USA durch eine Verordnung der US-Regierung zu Open Access aus dem Jahr 2013 gängig, aber international kaum verbreitet.

Mehrere Kolleg*innen weisen kritisch darauf hin, dass Google Scholar, im Falle eines nicht frei zugänglichen Artikels, seine Dienst Google Drive als Alternative zu Open-Access-Repositorien bewirbt. Diesem Hinweis von Google sollte man besser nicht folgen und sich anstelle an seine lokale Bibliothek wenden. Die Bibliothekar*in wird sicher ein passendes Repositorium empfehlen können und eine/einen Autor*in im Idealfall auch gleich bei der Rechteprüfung unterstützen.

Die Google-Scholar-Funktion kann dazu beitragen wissenschaftliche Autor*innen für Open Access zu sensibilisieren, auch wenn die Angaben von Google Scholar nur bedingt belastbar scheinen. Auch zeigt die Funktion, dass die Relevanz der Compliance von Open-Access-Förderbedingungen steigt. Hierzu passt auch der Einstieg von Förderorganisationen in das Verlagswesen, wie es jüngst die Europäische Kommission mit ihrer Open-Access-Zeitschrift „Open Research Europe (ORE)“ tat. Die Europäische Kommission stellt mir ORE eine Plan-S-konforme Publikationsplattform bereit. Die Zeitschrift richtet sich an Forschende, die Ergebnisse aus EU-geförderten Projekten publizieren.

Gerüchte um eine „zero embargo“ Open-Access-Policy in den USA

Aktuell machen Gerüchte über die Planung einer Executive Order der US-Administration zum Thema Open Access die Runde: Wie das Blog The Scholarly Kitchen berichtet, soll eine Verordnung in Arbeit sein, die die US-Behörden verpflichten würde, eine „zero embargo“ Open-Access-Policy umzusetzen. Eine Executive Order ist eine Durchführungsverordnung der US-Regierung, die ohne weitere Abstimmungen im Kongress rechtlich bindend verankert werden kann. 

AAP_Letter_Open_Acess_2019

Die aktuelle Policy der US-Regierung aus dem Jahr 2013 sieht eine Embargoperiode von 12 Monaten vor (PDF). Sie gilt für die forschenden und forschungsfördernden Behörden in den USA wie z. B. die Weltraumbehörde NASA und die National Institutes of Health (NIH). Eine Übersicht der Implementierungen dieser Policy in den einzelnen US-Behörden bietet Science.gov.

Gestern hat nun die Association of American Publishers (AAP) einen offene Brief veröffentlicht, der von über 125 Fachgesellschaften und Verlagen (u. a. Elsevier und Wiley) unterzeichnet wurde und vor der Verankerung einer solchen Open-Access-Policy warnt. In einer begleitenden Pressemitteilung des Verlagsverbandes AAP heißt es:

„In a new major letter signaling deep concern, more than 125 organizations – representing publishers in scientific and medical societies, global companies, and the U.S. Chamber of Commerce – have expressed their strong opposition to a proposed Administration policy that would mandate immediate free distribution of peer-reviewed journal articles reporting on federally funded research.“ 

In dem offenen Brief (PDF) schildern die Verlage und verlegerisch tätigen Fachgesellschaften ihre Bedenken gegen das Vorhaben: 

„Going below the current 12 month “embargo” would make it very difficult for most American publishers to invest in publishing these articles. As a consequence, it would place increased financial responsibility on the government through diverted federal research grant funds or additional monies to underwrite the important value added by publishing. In the coming years, this cost shift would place billions of dollars of new and additional burden on taxpayers. In the process, such a policy would undermine American jobs, exports, innovation, and intellectual property.“

In der Pressemitteilung findet sich die völlig absurde Behauptung, dass im aktuellen wissenschaftlichen Publikationssystem keine Kosten für die/den Steuerzahler*in anfallen:

„Hundreds of non-profit and commercial publishers across America make significant investments, at no cost to taxpayers, to finance the peer-review, publication, distribution, and long-term stewardship of these articles.“ 

Dabei sind die steuerfinanzierten US-Behörden zentrale Kunden der Verlagsdienstleistungen.

Interessanterweise wird in dem Schreiben der Verlage auch der Umgang mit Forschungsdaten adressiert. Dazu stellen die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des Briefes fest:

„We write to express our strong opposition to this proposal, but in doing so we want to underscore that publishers make no claims to research data resulting from federal funding.“ 

Auch wurde ein Brief (PDF) des US-Senator Thom Tillis (R-NC), Chairman of the Senate Judiciary Intellectual Property Subcommittee, an die US-Administration veröffentlicht, in dem dieser seine Bedenken gegen das Vorhaben äußert. 

Dass mit der Herausgabe von Open-Access-Zeitschriften und so mit den Bedingungen einer „zero embargo“ Open-Access-Policy durchaus Geld zu verdienen ist, wie viele Open-Access-Verlage beweisen, unterschlagen die Verlage in ihrer Positionierung völlig. Auffallend ist auch, dass der Verlag Springer Nature, der sich selbst als „largest OA publisher“ bezeichnet, das Schreiben nicht unterzeichnet hat. Auch die wohl größte Fachgesellschaft in den USA, die American Association for the Advancement of Science (AAAS), trägt das Schreiben nicht mit. 

In der sogenannten “cOAlition S” arbeiten bereits einige Forschungsförderer, u. a. die Europäischen Kommission, der Europäischen Forschungsrat (ERC) und die Weltgesundheitsorganisation WHO, an der Umsetzung einer „zero embargo“ Open-Access-Policy namens “Plan S”, die ab 2021 in Kraft treten wird. Mittelempfängerinnen und -empfänger dieser Förderorganisationen müssen ab dem 01.01.2021 Ergebnisse aus geförderten Projekten in offen zugänglichen Open-Access-Zeitschriften oder -Repositorien unter „zero embargo“-Bedingungen veröffentlichen. 

Es bleibt spannend! Jedoch: Gerücht ist Gerücht und nicht mehr! 

Brandenburg verabschiedet Open-Access-Strategie

Mit der “Open-Access-Strategie des Landes Brandenburg” (PDF) legt heute ein weiteres Bundesland ein Policy-Dokument zur Gestaltung des Transformationsprozesses hin zu Open Access vor. 

Das Dokument, welches heute in Potsdam vorgestellt wurde, beschreibt den Handlungsbedarf auf für die Akteursgruppen Forschende, Hochschulen, Hochschulbibliotheken sowie für die Landesregierung selbst. In einer Pressemitteilung betont Wissenschaftsministerin Martina Münch: 

Wir nutzen die Chancen des digitalen Wandels für Brandenburg: Mit der neuen ‘Open-Access-Strategie‘ schaffen wir die Voraussetzungen für den freien und breiten Zugang zu öffentlich finanzierten und publizierten Forschungsergebnissen in unserem Land. Dieser freie Zugang stärkt nicht nur Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Hochschulen und Forschungseinrichtungen – er erleichtert auch den Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen in die Gesellschaft. Davon profitieren kleine und mittelständische Unternehmen ebenso wie zivilgesellschaftliche Initiativen oder interessierte Bürgerinnen und Bürger.“

Zur Umsetzung der Strategie soll neben einer Vernetzungs- und Kompetenzstelle ein Fonds zur Finanzierung von Open-Access-Publikationen geschaffen werden.

Herauszuheben ist das Kapitel “Monitoring der Zielerreichung und Maßnahmenumsetzung”, in dem sich das Land und seine Hochschulen zu einem Prozess der Evaluierung der beschriebenen Massnahmen bekennen.

Zuletzt hatte  Thüringen eine Strategie zu Open Access verabschiedet, die mittlerweile auch durch eine Open-Access-Strategie der Thüringer Hochschulen (PDF) flankiert wird. Darüber hinaus haben bereits Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg und Schleswig-Holstein Open-Access-Strategien auf den Weg gebracht. Andere Bundesländer haben die Verankerung entsprechender Policies angekündigt

Disclosure: Ich war für Helmholtz in den Prozess der Strategieentwicklung in Brandenburg involviert.

Neuer DFG-Kodex „Leitlinien zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“

Bereits letzte Woche kommunizierte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), sie habe „ihre Empfehlungen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis sowie die Verfahrensordnung zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten (VerfOwF) grundlegend überarbeitet.“

Seit heute Nachmittag ist der Kodex, der bereits am 1.8.2019 in Kraft tritt, online. Es gilt jedoch eine Übergangsfrist: Alle Hochschulen und außerhochschulischen Forschungseinrichtungen müssen ihn bis zum 31.7.2021 rechtsverbindlich umsetzen, um auch in Zukunft Fördermittel durch die DFG erhalten zu können. Der Kodex löst damit die aus dem Jahre 1998 stammende „Denkschrift „Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ der DFG ab. Diese wurde zuletzt 2013 aktualisiert.

Bemerkenswert ist, wie tief die Forderung nach Open Science den Kodex durchdringt. Hierfür drei Beispiele:

Z. B. wird der Begriff „Publikationsorgan“ in Leitlinie 15 breit definiert. In der Erläuterung heiß es dazu: „Neben Publikationen in Büchern und Fachzeitschriften kommen insbesondere auch Fachrepositorien, Daten- und Softwarerepositorien sowie Blogs in Betracht.“

Die Leitlinie 13 widmet sich der „Herstellung von öffentlichem Zugang zu Forschungsergebnissen“. Dort findet sich der folgende Satz (Inkl. einem Bezug zu den FAIR-Prinzipien in den Erläuterungen):

„Dazu gehört es auch, soweit dies möglich und zumutbar ist, die den Ergebnissen zugrunde liegenden Forschungsdaten, Materialien und Informationen, die angewandten Methoden sowie die eingesetzte Software verfügbar zu machen und Arbeitsabläufe umfänglich darzulegen.“

In der Leitlinie 17 „Archivierung“ werden über die Forschenden hinaus auch die wissenschaftlichen Einrichtungen und ihre Informationsinfrastrukturen in die Pflicht genommen:

„Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sichern öffentlich zugänglich gemachte Forschungsdaten beziehungsweise Forschungsergebnisse sowie die ihnen zugrunde liegenden, zentralen Materialien und gegebenenfalls die eingesetzte Forschungssoftware, gemessen an den Standards des betroffenen Fachgebiets, in adäquater Weise und bewahren sie für einen angemessenen Zeitraum auf. Sofern nachvollziehbare Gründe dafür existieren, bestimmte Daten nicht aufzubewahren, legen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dies dar. Hochschulen und außerhochschulische Forschungseinrichtungen stellen sicher, dass die erforderliche Infrastruktur vorhanden ist, die die Archivierung ermöglicht.“

Weitere Informationen finden sich auf der Webseite der DFG. Dort finden sich auch Informationen zur Umsetzung des Kodex. Weitere Fallbeispiele und Erläuterungen sollen in einem dynamisches Dokument folgen. Eine journalistische Einordnung des neuen Kodex findet sich bei Jan-Martin Wiarda.

Open Science: Parteipositionen zur Europawahl 2019

Am 26. Mai 2019 findet die Europawahl 2019 statt. Einige der Parteien adressieren das Thema Open Science in ihren Wahlprogrammen. Hier einige Auszüge aus den Wahlprogrammen von CDU/CSU, SPD, FDP, Grüne und Linke mit Fokus auf die Themenfelder Open Access, offene Forschungsdaten und das Wissenschaftsurheberrecht.

CDU/CSU

Im Wahlprogramm (PDF) von CDU/CSU finden sich keine konkrete Aussagen zu den genannten Themen. Folgende Forderungen streifen jedoch das Thema Open Science:

  • Zudem wollen wir die europäischen öffentlichen National- und Staatsbibliotheken unter dem Dach einer europäischen digitalen Bibliothek noch besser vernetzen.“ (S.10)
  • „Wir sagen den großen Volkskrankheiten den Kampf an. Krebs und Alzheimer sollen bald der Vergangenheit angehören. Das können wir schaffen, indem wir unsere Kräfte in Europa bündeln. Mit einem Masterplan werden wir die Forschungsgelder zielgerichtet einsetzen sowie medizinische Forschung und Big Data zusammenbringen.“ (S. 12)

SPD

In ihrem Wahlprogramm (PDF) fordert die SPD eine „[e]uropäische Cloud für offene Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Forschung und Entwicklung der Wirtschaft“ und adressiert in diesem Zusammenhang die hier behandelten Themen:

  • „Europäische Cloud für offene Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Forschung und Entwicklung der Wirtschaft. Angesichts neuer Herausforderungen in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft wollen wir eine europäische Cloud aufbauen, durch die Forschungsergebnisse, Forschungsdaten und Dateninfrastruktur frei zugänglich gemacht wird. Das ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche Nutzung von maschinellem Lernen und Big Data Analytics.“ (S. 46)

FDP

Die FDP widmet sich in ihrem Wahlprogramm (PDF) den Aspekten Open Access und Open Data. Dazu heißt es mit Blick auf die Wissenschaft:

  • Auf Basis des europäischen Forschungs-Rahmen-Programms „Horizont Europa“ muss ein digitaler Austausch unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern jederzeit gewährleistet werden. Hierzu gehören die dezentrale Bereitstellung von Materialien für Open Data und die digitale Durchführbarkeit von PhD- oder anderen Forschungsprojekten. In diesem digitalen europäischen Netzwerk für Wissenschaft und Forschung muss der Schutz des geistigen Eigentums gewahrt bleiben. Gleichzeitig wollen wir die Verfügbarkeit von wissenschaftlichen Ergebnissen, die mehr als 50 Prozent durch europäische Forschungsförderung finanziert wurden, durch Open Access zum Standard machen. Schutz von geistigem Eigentum und Nutzungsrechten der Forscher, Institute und forschenden Wirtschaft bleiben hiervon unberührt. Dies verbessert die stark begrenzte Verfügbarkeit, besonders die zu hohe Schwelle zwischen Wissenschaft und wirtschaftlicher Innovation und macht die europäische Forschungsförderung zu einem Beschleuniger im internationalen Wettbewerb.“ (S. 46)

Grüne 

Open Access und Co. werden im Wahlprogramm (PDF) der Grünen im Kontext von „Horizon Europe“ behandelt:

  • „Auch ist es uns wichtig, Forschungsergebnisse durch das gezielte Fördern von Open-Access-Publikationen allen frei zugänglich zu machen. Dazu wollen wir etwa Projekte wie cOAlition S, die öffentlich geförderte Publikationen frei zugänglich machen, auf europäischer Ebene vorantreiben.“ (S. 166)

Linke

Im Wahlprogramm der Linke (PDF) gibt es einen ganzen Abschnitt zum Thema „[f]reier Zugang zu Wissen und Informationen“. Open Access und das Wissenschaftsurheberrecht werden mehrfach adressiert. U .a. heißt es in dem Wahlprogramm:

  • „Wir fordern eine europäische Open-Access-Initiative. Das europäische Urheberrecht soll wissenschaftsfreundlich gestaltet werden. Der Wissenstransfer in ärmere Regionen innerhalb und außerhalb Europas soll ausgebaut werden – etwa durch offene Publikationsformen und Datenbestände, aber auch eine sozial verantwortliche Lizenzierungspolitik. Um der Monopolstellung und dem Profitstreben einiger Wissenschaftsverlage entgegenzuwirken, wollen wir auf europäischer Ebene eine öffentlich geförderte Open-Access-Plattform schaffen, damit öffentliche Publikationen unabhängig von Verlags- und Lizenzstrukturen gelingen können.“ (S. 55)
  • „Im Rahmen der EU-Urheberrechtsreform sind die bisher ausgehandelten Ausnahmen für Bildung, Kultur und Forschung sowie die out-of-commerce-Regelung für verwaiste Werke umzusetzen, damit endlich mehr Rechtssicherheit zum Beispiel für die Speicherung, Kulturforschung, die digitale Präsenz von Sammlungen und Archiven sowie für Bibliotheken in den Mitgliedstaaten umgesetzt werden können.“ (S. 57)

Thüringen will Open Access konsequent vorantreiben

Das Bundesland Thüringen hat sich eine „Strategie für die Digitale Gesellschaft“ gegeben, die auch das Thema Open Access berücksichtigt. In der Pressemitteilung des Thüringer Ministeriums für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft heißt es:

„Gemeinsam mit den Hochschulen hat das Wissenschaftsministerium eine Strategie zur Digitalisierung an Hochschulen entwickelt. Ein Ziel ist z.B. der hochschulübergreifende Datenaustausch und die Nutzung gleicher Campus-Management-Systeme, durch die etwa gemeinsame Schulungen organisiert oder Informationen ausgetauscht werden können. Bis Ende 2019 wird auch die Einführung von „Open Access Systemen“ angestrebt, die den offenen Zugang zu wissenschaftlicher Forschung ermöglichen. Auch die Lehrformate und -inhalte werden angepasst, entsprechende Modellprojekte gefördert.“

In der Strategieschrift (PDF), die gestern auf den Weg gebracht wurde, werden folgende vier Maßnahmen zur Förderung von Open Access benannt:

  1. „Aufforderung an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, verstärkt in Open-Access-Medien zu publizieren sowie das durch § 38 Abs. 4 UrhG gewährleistete Zweitveröffentlichungsrecht konsequent zu nutzen“,
  2. „Information und Beratung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler durch Open-Access-Beauftragte an den Hochschulbibliothekszentren“,
  3. „Hochschulen intensivieren ihre Zusammenarbeit in den Bereichen Elektronisches Publizieren und Open Access im Rahmen des Kooperationsverbundes Thüringer Hochschulbibliotheken mit der Digitalen Bibliothek Thüringen (DBT) als gemeinsamer Plattform“,
  4. „Regelmäßiges Monitoring des Publikationsverhaltens ab 2019.“

Thüringen_Open_AccessInteressant ist, das die Strategieschrift durch eine Online-Umfrage unterfüttert wurde. Nach dieser sprechen sich 65,9 Prozent der Thüringerinnen und Thüringer für einen verstärkten Ausbau kostenfreier Zugänge zu Forschungsarbeiten aus. Unter den befragten Studierenden sprechen sich sogar 85,2 Prozent für die Förderung von Open Access aus.

In der Vergangenheit haben bereits einige Bundesländer Open-Science-Strategien (Baden-Württemberg, Berlin und Hamburg) und Open-Access-Strategien (Schleswig-Holstein) auf den Weg gebracht oder angekündigt.

Verlage kündigen Klage gegen ResearchGate an

Laut der Verlagsinitiative „Coalition for Responsible Sharing“ ist die außergerichtliche Einigung zwischen dem Verband der Wissenschaftsverlage STM und ResearchGate gescheitert. (Hintergrund.)

In einem Statement auf der Website der Initiative werden „formal steps to remedy the illicit hosting of millions of subscription articles on the ResearchGate site“ angekündigt. Unterzeichnet wurde die Erklärung von den Unternehmen American Chemical Society, Brill, Elsevier, Wiley und Wolters Kluwer.

Ankündigt wird jetzt die Versendung von sogenannten „takedown notices“ an ResearchGate. Mit diesen „Mahnschreiben“ wollen die Verlage erreichen, dass aus ihrer Sicht unrechtmäßig zugänglich gemachte Fachartikel von der Plattform entfernt werden. Ähnliche Schritte hat Elsevier bereits 2013 gegen Academia.edu unternommen.

Darüber hinaus streben die American Chemical Society und Elsevier ein gerichtliches Verfahren an, in dem „ResearchGate’s copyright responsibility“ geklärt werden soll. Dieses Verfahren könnten aus deutscher Sicht sehr interessant werden, da es auch das Zweitverwertungsrecht in § 38 Abs. 4 Urheberrechtsgesetz tangieren könnte.

Auf der Plattform des Berliner Start-Ups ResearchGate können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Artikel und Forschungsdaten teilen. Laut eigenen Angaben nutzen über 13 Millionen Forschende aus 193 Ländern das Netzwerk und teilen dort über 100 Millionen Artikel. Laut einer Studie von Jamali aus dem Februar 2017 werden knapp über 50 Prozent der Artikel auf ResearchGate ohne Zustimmung der Verlage zugänglich gemacht.

„Hamburg Open Science“ gestartet

Nachdem bereits einige Bundesländer Open-Science-Strategien (Baden-Württemberg, Berlin) oder Open-Access-Strategien (Schleswig-Holstein) auf den Weg gebracht oder angekündigt haben, hat nun auch die Hansestadt Hamburg ein Programm zur Förderung von Open Science gestartet. In einer Pressemitteilung des Hamburger Senats heißt es dazu:

„Die Ergebnisse öffentlich finanzierter Hamburger Forschung sollen frei zugänglich und einfach auffindbar für alle sein. Hamburg Open Science will in mehreren Schritten ein nutzerfreundliches Internetportal bieten, das wissenschaftliche Publikationen, Forschungsdaten und Informationen zu Forschungsprojekten, Open Access und Open Science zentral verfügbar macht. Der Senat stellt für die Umsetzung des Programms für 2018 bis zu 2,9 Mio. Euro bereit.“

Die Umsetzung von „Hamburg Open Science (HOS)“ soll ab dem Jahr 2018 in vier Programmlinien erfolgen:

  • Open-Access-Publikationen
  • Forschungsdatenmanagement
  • Forschungsinformationssysteme
  • Gestaltung des digitalen Kulturwandels

Zu diesem Programmlinien soll nach einer bereits erfolgten Vorstudie nun Prototypen realisiert werden.

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#21 HÖRSAAL“ von Rolf Appelt (CC BY-NC-SA)

Das Programm „Hamburg Open Science (HOS)“ versteht sich, laut Haushaltsplan 2017/2018 (PDF) der Hansestadt, als „eine hochschul­übergreifende Strategie, die von der Universität Ham­burg (UHH), der Technischen Universität Hamburg Harburg (TUHH), der Hochschule für Angewandte Wissenschaft (HAW), der HafenCity Universität Ham­burg (HCU), der Hochschule für bildende Künste (HFBK), der Hochschule für Musik und Theater (HFMT), dem Universitätsklinikum Hamburg­ Eppen­dorf (UKE) und der Staats­ und Universitätsbibliothek Hamburg (SUB) gemeinsam mit der Behörde für Wis­senschaft, Forschung und Gleichstellung (BWFG) […] entwickelt wurde.“