Transparenz bei Subskriptionskosten in der Schweiz: Bilanz nach vier Jahren

Vor vier Jahren, am 23. Juni 2014, habe ich die Schweizer Hochschulbibliotheken nach ihren Ausgaben an die drei grossen Verlage Elsevier, Springer und Wiley angefragt. Die Antworten waren ernüchternd. Bis auf die Tessiner Universität (USI) war keine Hochschule bereit die Zahlen offenzulegen. Mit viel Unverständnis nahm ich den juristischen Kampf für die Transparenz dieser Kosten auf. Updates und Dokumente dieses andauernden Unterfangen habe ich jeweils hier im Blog verlinkt.

Juristische Bilanz

Bislang musste ich bei 14 Institutionen Beschwerde einreichen. In 11 Fällen (Uni Bern, ZB Zürich, Hauptbibliothek Uni Zürich, ZHAW, ETHZ, EPFL, Lib4RI, Uni Genf, Uni Fribourg, Uni Lausanne, Bibliothek am Guisanplatz) stellte sich in teils mehrjährigen Verfahren heraus, dass der Informationszugang widerrechtlich verhindert wurde. Zwei Fälle in St. Gallen (Uni und FH) sind noch hängig. Lediglich im Fall Basel habe ich vor Bundesgericht verloren.

Mehrheitlich kann man deshalb sagen, dass in der Schweiz die bisher leichtfertig unterzeichneten Vertraulichkeitsklauseln keine absolute Sperrwirkung haben und die bezahlten Summen alleine keine objektiven Geschäftsgeheimnisse der Verlage darstellen.

Finanzielle Bilanz

Für alle Rekurse habe ich bisher 22’043 CHF Gerichts- und Anwaltskosten aufgewendet. Durch das Crowdfunding, weiteren Spenden und Entschädigung durch die Gerichte kamen 6’927 CHF wieder zurück. Insgesamt musste ich somit für das ganze Unterfangen persönlich 15’116 CHF bezahlen. Dazu kommen natürlich Hunderte von Stunden, die ich für das Schreiben von Rekursen und das Bestreiten von Schlichtungen aufwenden musste.

Meine ernüchternde Erfahrung insbesondere aus dem Rekurs gegen die Universität Genf: Selbst wenn man letztlich vor Gericht vollständig Recht bekommt, werden einem nicht automatisch die entstandenen Auslagen zurückerstattet. Es überwiegt auch die bittere Erkenntnis, dass man als Bürger ökonomisch immer verliert, wenn man gegen die Verwaltung den juristischen Weg einschlägt. Denn der Aufwand, der durch Fehlentscheide von gut bezahlten Juristinnen oder Führungspersonen in der Verwaltung verursacht wird, geht immer auf Staatskasse und letztlich wieder auf die Kosten der Steuerzahlenden.

Bilanz zu den erhaltenen Daten

Gerne möchte ich einmal zu den initialen Auswertungen (Uni Bern, Uni Zürich, ETHZ) eine Übersicht zu den Gesamtdaten machen und diese in Vergleich zu anderen Ländern setzen. Doch dies erweist sich als schwierig, da ich immer noch diverse grundsätzliche Lücken bestehen (Universität Basel, Hochschule Luzern, St. Gallen) und ich auch von einigen Hochschulen inzwischen keine aktualisierten Daten mehr erhalte ohne Tausende von Franken Gebühren zu bezahlen.

Dennoch zeigen die ersten erhalten Daten, insbesondere auch die „offizielle“ Datenerhebung des SNF und swissuniversities, dass in der Schweiz weit mehr für Zeitschriften bezahlt wird als in vergleichbaren Ländern. Eine Umstellung zu Open Access, selbst zu den aktuellen Preisen der Verlage, würde die Schweiz mit einem Wechsel zu OA massiv Geld sparen.

Bilanz für Open Access

Noch aber hat sich bei meinem eigentlichen Anliegen „Open Access“ in der Schweiz nichts wirklich getan. Obwohl ich am Beispiel Springer erstmalig öffentlich aufzeigen konnte, dass die Schweizer Bibliotheken im Vergleich zum Ausland schon massiv schlechtere Konditionen ohne Open Access haben, entschieden sich die Verantwortlichen im Jahre 2018 weiterhin Springer und dem klassischen Modell die Treue zu halten.

Immerhin ist inzwischen von swissuniversties eine Open Access Strategie geschaffen worden. Bis 2024 sollen alle Publikationen von Schweizer Forschenden frei zugänglich sein.

Ebenfalls gibt es erstmals eine definierte Strategie für die kommenden Verhandlungen mit den Verlagen Elsevier, Springer Nature und Wiley. Darin ist nun auch endlich verankert, dass keine Vertraulichkeitsklauseln mehr akzeptiert werden:

Die Lizenzverträge werden aus öffentlichen Geldern bezahlt. Deren Inhalte sollten entsprechend ebenfalls öffentlich zugänglich sein. Gesellschaftlich werden Vertraulichkeitsklauseln nicht mehr akzeptiert.

Es wird zu testen sein, ob dem so sein wird und die Verträge aktiv offengelegt werden.

Bilanz Öffentlichkeitsprinzip

Das Öffentlichkeitsprinzip und die dazugehörigen Gesetze sind in meinen Augen eine grosse rechtsstaatliche Errungenschaft und gewissermassen auch eine Messlatte für den Stand einer Demokratie. Viele dieser Gesetze sind noch jung und die (Rechts-)Praxis ist noch nicht gefestigt. Meine Anstrengungen haben dazu beigetragen das Öffentlichkeitsprinzip mindestens in der Bibliotheksbranche und dem Hochschulbereich bekannt zu machen.

Mit der zunehmenden Bekanntheit ergeben sich aber auch neue Probleme. So entdeckte man an der ETH-Bibliothek, dass man den Sinn des Öffentlichkeitsprinzips mit hohen Gebührenforderungen aushebeln kann. So forderte die ETH-Bibliothek auf meine zweite Anfrage nach aktualisierten Daten eine Gebühr von 4000 CHF. Dies fand man an der Universität St. Gallen inspirierend und verlangte plötzlich auch 3000 CHF. Es folgte die Hauptbibliothek der Universität Zürich, welche in einer zweiten Runde gar 4250 CHF für die Herausgabe verlangte.

Rechtlich komme ich da zurzeit nicht weiter, weil die meisten Öffentlichkeitsgesetze tatsächlich Gebühren als Option vorsehen. Zumindest auf Bundesebene gibt es schon seit längerem einen politischen Vorstoss dies zu ändern. Ausgelöst durch die Gebührenforderung der Hauptbibliothek der Universität Zürich ist nun auch im Zürcher Kantonsrat eine ähnliche parlamentarische Initiative aufgegleist.

Persönliche Bilanz

Es war nicht immer ganz einfach in diesen vier Jahren. Meine Anfragen und Beschwerden, sowie meine Berichterstattung hier auf dem Blog missfielen gerade denjenigen, welche den bisherigen Kurs mit den Verlagen stark mitbestimmt haben oder leichtfertig mitgegangen sind. Anstatt Verantwortung zu übernehmen und diesen Kurs zu korrigieren, versteiften sich einige Akteure darauf mir persönlich Steine in den Weg zu legen. In einem Fall ging das sogar soweit, dass der Vizepräsident einer Hochschule bei meinem Arbeitgeber vorstellig wurde und mich beruflich zu diskreditieren suchte. Neben solchem Machtmissbrauch habe ich auch viel Unvermögen, Unsachlichkeit und Opportunismus erlebt, so dass ich heute gegenüber der Verwaltung viel kritischer eingestellt bin, als ich es eigentlich sein möchte.

Umgekehrt habe ich von vielen Leuten Zusprache und tolle Unterstützung erhalten. Auch bei den wirklich unabhängigen Beschwerdeinstanzen, insbesondere von den Öffentlichkeitsbeauftragten, hatte ich den Eindruck, dass ein grosses Interesse an einer sorgfältigen Prüfung vorhanden war und man mich mit meinem Anliegen ernst nahm.

Insgesamt bleibt dieses „Projekt“ eine wichtige Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Für Überzeugungen auch gegen viel Widerstand einzustehen, hat viel Erfüllendes. Zu sehen, dass man mit Risikobereitschaft, Engagement und die Berufung auf die gegebenen Rechte durchaus etwas in der realen Welt bewegen kann, ist letztlich viel befriedigender, als diese Erfahrung in den virtuellen Welten von Games und Serien nachzuerleben (was ich auch gerne tue).

Natürlich wäre es schön gewesen, wenn die Bibliotheken und Hochschulen – wie in Finnland – nach dem ersten Urteil schneller zu einer konstruktiven Sachlichkeit zurückgefunden hätten. Die Energie, die selbst nach den ersten klaren Urteilen immer noch in die Verhinderung von Transparenz und gegen meine Person gesteckt wurde (und sogar immer noch wird), wäre besser direkt in den anstehenden Kampf gegen die Grossverlage geleitet worden.

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Umfrage zu Open Access an der ETH Zürich

Die ETH Zürich führte im Februar 2017 bei ihren Forschenden eine Umfrage zu Open Access durch, deren Resultate nun veröffentlicht wurden. An der Umfrage nahmen 16% (992 von 6212) ETH-Wissenschaftler (inkl. Assistierende) teil.

Zustimmung zu OA und Transformation.

  • 90% aller Befragten sind der Meinung, dass wissenschaftliche Publikationen grundsätzlich online frei zugänglich sein sollten. Bei der grossen SOAP-Studie (2011) waren es 89%.
  • 74% der Befragten würden eine vollständige Transformation des wissenschaftlichen Publikationswesens vom Subskriptionsmodell hin zu OA positiv bewerten.

Boykottwille vorhanden

Besonders interessant war die Frage, zu was ETH-Wissenschaftler bereit wären, wenn ein Verlag Zeitschriftenpreise fordert, welche aus Sicht der ETH Zürich inakzeptabel sind. Knapp 50% wären bereit auf den Zugriff zu verzichten und über 70% wären bereit die Tätigkeit in einem Editorial Board oder als Reviewer abzulehnen oder niederzulegen.

Abbestellung_Review_Verzicht

Für eine bloss hypothetische Frage ist diese Zustimmung zu einem Boykott sehr hoch.  Man kann sich gut vorstellen, dass bei einem entsprechenden realen Fall, bei dem die Wissenschaftler auch mit mehr konkreter Informationen versorgt werden, die Bereitschaft und Zustimmung zum Boykott noch erhöht werden kann.

OA-Policy und Repository wenig bekannt

  • 74% der Befragten ETHZ-Wissenschaftler kennen die 2008 eingeführte verpflichtende Open Access Policy der ETHZ nicht.
  • 24% haben noch nie vom Repository ETH E-Collection (seit Juli 2017: Research Collection) gehört.
  • Academic Social Networks werden dem Institutionellen Repository gar vorgezogen:

Wo_OA_publizieren.png

Gründe gegen Gold-OA

Die Gründe gegen Gold/Hybrid OA sind vielfältig:

Gründe gegen OA.png

Interessanterweise gibt es an der reichen ETH doch 20% Wissenschaftler, die angeben aus finanziellen Gründen nicht OA zu publizieren. Erschreckend ist die Zahl derer, die aus Unkenntnis nicht OA publiziert. Als ob es so komplex wäre.

Gründe gegen Grün-OA

Gründe gegen grün.png

Auch bei den Gründen warum 600 ETH-Wissenschaftler im letzten Jahr kein Repository benutzt haben oder, um es klar zu benennen, der OA-Policy nicht nachgekommen sind, wird mehrheitlich Ahnungslosigkeit vorgeschoben.

Finanzierung von Gold/Hybrid OA

Die Umfrage fragte auch nach der Finanzierungsquelle und der Höhe der Ausgaben:

Finanzierung OA.png

Ähnlich der Resultaten aus der „Pay it forward„-Studie, scheint vielen ETH-Wissenschaftlern (Hybrid) Gold OA so wichtig, dass sie nicht auf die Bibliothek warten, bis diese verlagsunabhängiges OA-Funding anbietet oder sich um Offsetting-Verträge kümmert. Sie bezahlen APCs gleich direkt aus ihrem Forschungsetat. Dabei ist es sehr wahrscheinlich, dass Forschende auch für Hybrid OA bezahlen und es so zu dem berüchtigten Double Dip kommt.

Unterschiede pro Gruppe

Je nach Anstellungsform und Forschungsjahre konnten teils signifikante Unterschiede in den Antworten erkannt werden:

  • Professorinnen und Professoren stimmen am wenigsten zu, dass wissenschaftliche Publikationen grundsätzlich online frei zugänglich sein sollten. Sie fordern am stärksten eine weiterhin freie Wahl des Publikationsorgans und stimmen am wenigsten zu, dass die OA Policy generell verpflichtend sein soll. Sie bezahlen auch die höchsten Gebühren für Veröffentlichungen aller Art.
  • Wissenschaftlichen Mitarbeitenden mit befristeter Anstellung ist eine weiterhin freie Wahl des Publikationsorgans am wenigsten wichtig und sie stimmen einer vollständigen Transformation des Publikationswesen hin zu OA am ehesten zu.
  • Befragte mit mehr als 20 Jahren Forschungserfahrung stimmen am wenigsten zu, dass wissenschaftliche Publikationen grundsätzlich online frei zugänglich sein sollten. Auch einer vollständigen Transformation des Publikationswesen hin zu OA stimmen sie am wenigsten zu. Der Anteil an Personen, welche die OA Policy kennen, ist am höchsten und langjährig Forschende haben in den letzten 12 Monaten auch am meisten OA-Publikationsmöglichkeiten genutzt.

Fazit

Insgesamt bestätigt die Umfrage weitgehend, was man bereits über OA an der ETHZ wusste. Die OA-Policy der ETHZ ist gut, nur fehlt es ihr seit Jahren an internem Gewicht zur Durchsetzung. An der ETHZ und insbesondere in der Bibliothek gibt es niemand der die Forschenden in mühsamer Arbeit auffordert, den Postprint für diese und jene Publikation aufs Institutionelle Repository zu stellen. Entsprechend kommt so kein regelmässiger Kontakt und Austausch zwischen Bibliotheksmitarbeitenden und Forschenden zustande und entsprechend äussern sich viele Forschenden, dass sie uninformiert sind. So bleibt auch das Repository leer. Sucht man aktuell (22.8.2017) in Research Collection nach Artikeln aus dem Jahr 2017 findet man insgesamt 2797 Artikel verzeichnet, aber nur gerade mal 122 (4%) sind Open Access. Bei ZORA sind es vergleichsweise 598 von 1404, also 42%.

Wirklich neu ist die Erkenntnis, dass Forschende sehr wohl zu Boykott-Massnahmen bereit sind. Dies widerspricht der, insbesondere der Schweiz vertretenen Aufassung vieler BibliotheksdirektorInnen, dass man als Bibliothek zwischen Verlag und Forschenden als Opfer gefangen ist und sich letztlich den Verlagen nicht widersetzen könne. Die Umfrage zeigt vielmehr, dass beim Einbezug der Forschenden und einer transparenten Information über die Preise und Verhandlungen, durchaus mit Unterstützung von Forschungsseite gerechnet werden kann. Denn letztlich begrüssen 74% der Forschenden einen Wechsel vom Subskriptionsmodell zu OA.

Mal schauen, ob Rafael Ball den durch die Resultate der Umfrage zugespielten Ball aufnehmen kann. Noch im letzten Jahresbericht der ETH-Bibliothek, warnt Ball vor Schnellschüssen und „Aktionismus“.

Doch zunehmend gewinnt man den Eindruck, dass auch Bibliotheken mehr und mehr tangiert werden von aktuellen politischen Umwälzungen und Ereignissen, denen sie sich nicht mehr verschliessen können und dürfen. Da ist zum Beispiel das Thema «Open Access», das deutlich mehr ist als eine weitere Spielart der Literaturversorgung. Es ist vielmehr eine politische und wirtschaftliche Problematik, die bis in die Führung von Staaten reicht und auf der gleichen Ebene wie Wirtschaftssubventionen oder Marktinterventionen abgehandelt wird. Denn die Konsequenzen sind so gewaltig und grundlegend, dass viele Akteure sie nicht mehr zu überschauen scheinen und das Thema mit einem blossen Aktionismus mit ungewissem Ausgang vorantreiben. Denn die Konsequenzen sind so gewaltig und grundlegend, dass viele Akteure sie nicht mehr zu überschauen scheinen und das Thema mit einem blossen Aktionismus mit ungewissem Ausgang vorantreiben.

Gerade hier ist es wichtig, dass sich Bibliotheken ihrer Jahrhunderte alten Tradition als Kultur- und Gedächtnisinstitution erinnern und neuen Trends – zumal wenn sie irreversible Konsequenzen haben – mit dem notwendigen Sachverstand und der gebotenen Tiefe nähern und die beteiligten Akteure mit validen Informationen und Statements unterstützen. Die ETH-Bibliothek ist gerade bei diesem Thema im besten Sinne des Wortes professionell mit dabei: Qualifiziert, durchdacht, konstruktiv, aber ohne Schnellschüsse.

Schweiz: Springer Open Access Agreement ab 2018?

In der Schweiz läuft Ende 2017 die konsortiale Lizenz zu den Springer Zeitschriften aus. Bei der aktuell laufenden Neuverhandlung bietet sich für die Schweizer Hochschulen nun die Möglichkeit den nationalen Gold-OA Anteil ab 2018 schlagartig um etwa 6% zu erhöhen. Um diese Chance für OA zu realisieren, müssen die Schweizer nicht einmal besonders kreativ sein. Wie ich im Folgenden aufzeige, reicht es schon, wenn sie von Springer die gleichen Konditionen einfordern, welche für die niederländischen Universitäten schon seit Jahren gelten.

Niederländisches Springer-Agreement als Vorbild

Dem kürzlich öffentlich gewordenem Agreement der niederländischen Universitäten von 2015-2016 kann man nämlich folgende Zahlen für 2015 entnehmen:

  • Publishing Fees: € 2.63m
  • Reading Fees: € 200k

In der Übersicht von der VSNU zu den Zahlungen pro Verlag/Universität werden die gesamten Ausgaben an Springer 2015 mit € 3m beziffert. Ich vermute dies hat mit dem Hinzurechnen der Mehrwertsteuer zu tun.

Nun kann man auf openaccess.nl sehen, dass 2015 ingesamt 1927 OA-Artikel mit niederländischen Corresponding-Authors bei Springer mit OA publiziert wurden.

openaccess.nl - Springer OA articles.png

Wenn wir also nun die im Vertrag vereinbarten Publikationskosten von € 2.63m nehmen und diese durch 1927 Artikel dividieren, erhalten wir eine durchschnittliche APC von € 1365. Zum Vergleich: Die durchschnittliche APC bei BMC/SpringerOpen ist laut OpenAPC € 1496.

Niederländische Konditionen im Schweizer Kontext

Gemäss einer Analyse der Publikationen in Scopus wurden im Jahre 2015 bei Springer insgesamt 2789 Papers von AutorInnen mit Schweizer Affiliation publiziert. Dies entspricht 9% des gesamt schweizerischen Outputs. Mit dem üblichen „Corresponding Author“-Anteil von 65% kommt man dabei auf 1813 Papers, welche durch die Schweiz zu finanzieren wären. Multipliziert man diese mit der niederländischen APC kommt man auf voraussichtliche Publikationskosten von € 2.47m.

1813 Schweizer Corresponding Author Papers * € 1365 APC = € 2.47m

Rechnet man dann noch die zusätzliche Reading-Fee von 200k EUR und eine Mehrwertsteuer von 8% (= € 214k) dazu, ergeben sich Kosten von insgesamt € 2.88m.

Dies wäre der Betrag, den die Schweizer Hochschulen zu bezahlen hätten, damit ihre Angehörigen einerseits den bisherigen Zugang zu den laufenden Closed-Access Inhalten hätten, und anderseits als „Corresponding Authors“ automatisch mit Gold OA und CC-BY Lizenz bei Springer publizieren.

Teurer oder günstiger als aktuelle Subskriptionskosten?

Bislang gibt es noch keine offizielle Angabe, was im Jahre 2015 alle Schweizer Hochschulen für Springer Zeitschriften bezahlt haben. Mit den Zahlungsdaten, welche über Öffentlichkeitsgesetz-Anfragen bekannt geworden sind, lässt sich jedoch näherungsweise eine Zahl ableiten. Aufgrund der Heterogenität der erhaltenden Daten (in CHF oder EUR, mit und ohne Mwst, nach Zahlungsjahr oder Abo-Jahr, mit und ohne Backfiles, Rückgriff auf Jahr  2014 bei HBZ und EPFL) besteht natürlich eine gewisse Unsicherheit hinsichtlich der Genauigkeit. Dennoch ergibt sich eine Gesamtsumme von mindestens € 2.8 m.

Dabei fehlen die Zahlungen der mittelgrossen Universität Basel und der kleinen Universität Luzern. Die beiden Hochschulen wollen diese Zahlungen nicht bekanntgeben und juristisch lässt sich Transparenz zurzeit nicht durchsetzen (Siehe Bundesgerichtsurteil zu Basel und Antwort aus Luzern). Auch noch nicht aufgeführt sind die Zahlungen der Fachhochschulen, da die relativ sehr geringen Ausgaben nicht klar auf den Medientyp Zeitschriften aufgeteilt werden können.

Die wohl insgesamt etwa € 3 Millionen Subskriptionskosten für Springer Journals reichen somit aus, um bei Springer ohne zusätzliches Geld OA mit CC-BY Lizenz für die eigene Artikelproduktion zu erwirken.

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt.

Das niederländische Beispiel (inkl. Musterklauseln für den Vertrag) existiert. An Geld mangelt es nicht. Und die Zielvorgaben sind auch da: 100% OA und bis 2020 (SNF) und bis 2024 (swissuniversities).

Was vermutlich noch fehlt, ist der Wille von Springer bzw. heute ja SpringerNature, den Schweizer die gleichen Konditionen zu gewähren wie den Niederländern. Und wie man so hört, möchte SpringerNature tatsächlich nicht in Verhandlungen über OA für die Schweiz eintreten, da man angeblich stark mit Verhandlungen in anderen Ländern, insbesondere Deutschland (DEAL) ausgelastet sei.

Hoffentlich erkennen die Verantwortlichen in der Schweiz, wie unglaublich dreist eine solche Antwort ist. Das niederländische Modell ist sehr einfach und kann von SpringerNature in den verbleibenden vier Monaten für die Schweiz adaptiert werden. Etwas Wille und drei zusätzliche Seiten im Vertrag, sind alles was es braucht.

Wenn dieser Wille bei SpringerNature nicht vorhanden ist, sollten die Schweizer Verantwortlichen die Konsequenzen daraus ziehen und den Lizenzvertrag nicht erneuern.

Man darf SpringerNature (und die Angsthasen in den eigenen Reihen) durchaus darauf aufmerksam machen, dass der Download aus Sci-Hub für den privaten Gebrauch in der Schweiz legal ist. Und gemäss einer neueren Analyse von Himmelstein et al. sind inzwischen 89.4% aller Zeitschrifteninhalte von SpringerNature auf Sci-Hub verfügbar.

Die Schweizer Open Access Strategie

Bis 2024 sollen alle mit öffentlichen Geldern finanzierten wissenschaftlichen Publikationen aus der Schweiz im Internet frei zugänglich sein. So sieht es die Open Access Strategie vor, welche Ende Januar 2017 durch swissuniversities verabschiedet wurde und zu der nun bis Ende Jahr ein Aktionsplan ausgearbeitet wird.

Die Strategie setzt hierzu auf mehrere insgesamt sinnvolle Leitlinien und Massnahmen. Im Schweizer Kontext sticht jedoch die Massnahme „Verhandlungen mit den Verlagshäusern“ besonders hervor, da sie mit relativ wenig Aufwand schnell zu einem grossen Anteil Gold OA führt:

Bei Verhandlungen sollten verschiedenste Modelle berücksichtigt werden, wie Lizenzklauseln zum grünen OA-Weg, Mitgliedschaften bei Open-Access-Verlagen und Offset Vereinbarungen mit OA-Komponenten. Eine Ausstiegsoption muss vorgesehen sein, falls die Verhandlungen scheitern. Obwohl Offset Agreements die Stellung bestehender grosser Verlagshäuser durch die Ausweitung ihrer Rolle in die Welt von OA stärken, werden die Vereinbarungen als eine notwendige Übergangsmassnahme eingeschätzt.

80 Prozent Open Access bei Zeitschriftenartikel aus 23 Verhandlungen

Wie eine Analyse des Publikationsverhalten von Schweizer Forschenden anhand der Scopus Datenbank zeigt, wurden 80% von 31365 Zeitschriftenartikel im Jahre 2015 bei nur 27 Verlagen (inkl. vier OA Verlage) publiziert. 43% alleine bei Elsevier, Springer und Wiley!

(Diagramm Full Screen)

Würden die Schweizer Hochschulen ihre Macht als Käufer von Subskriptionen und Lieferanten von Leistungen (Manuskripte, Begutachtung, Herausgeber Tätigkeiten) gegenüber diesen 23 grössten Verlagen ausspielen und ein Offsetting von Subskriptions- und Publikationskosten fordern, wären innerhalb kürzester Zeit und ohne zusätzliche Kosten 80% der Schweizer Zeitschriftenartikel direkt bei den Verlagen in der von den Forschenden bevorzugten Verlagsversion frei zugänglich.

Exzellente finanzielle Ausgangslage für 100% Offsetting

Die Zahlen auf nationaler Ebene sprechen eine deutliche Sprache. Wie die offizielle Finanzflussanalyse zeigte, bezahlen Schweizer Hochschulen heute für Zeitschriften-Abonnemente (70 Mio. Franken) weit mehr, als dass sie dies bei einem global erfolgten Wechsel zu OA für die APCs der eigenen Publikationen tun müssten (30-60 Mio. Franken). Durch dieses Verhältnis von Subskription und Artikelproduktion, haben die Schweizer Hochschulen insgesamt eine relativ einfache Ausgangslage um in den Verhandlungen eine Win-Win Situation herzustellen.

Denn jedes Angebot der Schweizer Hochschulen, dass nicht auf eine vollumfängliche Realisierung dieser Einsparungen zielt, sondern die Ausgaben auf dem heutigen überteuerten Niveau hält, ist für die Subskriptionsverlage in der Tendenz (Unterschiede pro Verlag vorbehalten) ein nachwievor gewinnbringendes und somit auch ein annehmbares Angebot.

„Ausstiegsoption“ vorgesehen

Wird ein solches Angebot bzw. die Forderung nach mehr OA von den Verlagen abgelehnt, sieht die Schweizer OA-Strategie eine Ausstiegsoption vor. Auch wenn diese Option nicht näher beschrieben wird, dürfte mindestens die Abbestellungen von Zeitschriften, wenn nicht gar die Einstellung von Einreichungen, Gutachten und  und Editorial Services an die Verlage gemeint sein.

Für Schweizer Verhältnisse ist die Erwähnung einer solchen Ausstiegsoption für das Ziel OA ein besonders bedeutender Schritt. Denn wie das Projekt zur Transparenz von Subskriptionszahlungen zeigt, ist vielen Hochschulbibliotheken das Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Öffentlichkeit und das Gespür für ihre Einflussmöglichkeiten abhanden gekommen. Die Meinung, man sei auf die Inhalte der Verlage via Subskription zwingend angewiesen, ist weit verbreitet und sorgt für eine konstant schwache Verhandlungsposition.

Dabei zeigt das Beispiel Niederlande: Signifikate Veränderungen zu OA lassen sich nur erzielen wenn die Hochschulen auch bereit sind die Big Deals aufzukündigen (in NL aktuell z.B. bei Oxford Universtiy Press).

Verhandlungsebene erhöhen

Ebenfalls sieht die Strategie eine Ergänzung des Verhandlungsgremium mit führenden Persönlichkeiten aus dem Hochschulwesen vor:

Für die Verhandlungen muss ein bestehendes und erfahrenes Gremium (z.B. das Konsortium der Schweizer Hochschulbibliotheken) durch führende Persönlichkeiten im Hochschulwesen ergänzt werden, die über die notwendigen Ressourcen und entsprechende politische Unterstützung verfügen.

In den Niederlande war auch dies ein wesentlicher Teil der Erfolge in den letzten Jahren, wie die Vereinigung niederländischer Universitäten VSNU schreibt:

Contrary to normal practice, the VSNU and UKB (a consortium of thirteen Dutch university libraries and the National Library of the Netherlands) took negotiations to the highest administrative level. Whereas normally, the boards of the libraries are expected to meet with the publishers, this is now done by a number of Executive Board Presidents of universities, who negotiate through the VSNU, with the mandate of all universities and university libraries, and with the support of SURF. This means that there is attention for the subject at the highest administrative level from the outset. This strong foundation has made it possible to negotiate at a different strategic level.

Guter Start – Mieses Mittelstück – Guter Abschluss?

Insgesamt kommt die Schweizer OA Strategie spät. Die bisherige Passivität und der immer offensichtlichere Rückstand zu anderen Ländern steht nun vermehrt im Fokus von Medien (z.B. Aargauer Zeitung, Le Courrier) und Politik (Interpellation Chevalley, Postulat Spiess-Hegglin).

Dabei hatte man in der Schweiz eigentlich recht früh die Bedeutung des Themas verstanden. Bereits im Jahr 2006 hatten die Rektorenkonferenzen der Schweizer Hochschulen inkl. SNF und Akademien, die wichtige Berliner Erklärung unterzeichnet. Viele Hochschulen folgten mit starken OA-Policies und der Errichtung von Repositories.

Noch im Jahre 2010 sah der Bundesrat in der Beantwortung der Motion Pfister keinen weiteren Bedarf die Ziele von Open Access durch das Gewicht des Geldgebers aktiver zu vertreten:

Insgesamt werden nach Einschätzung des Bundesrates die Arbeiten im Bereich Open Access von den verantwortlichen Akteuren zielführend und effizient angegangen.

Eine Einschätzung die übertrieben optimistisch war. Theophil Pfister, der im Schweizer Parlament für OA einstand, hatte zu seinen Lebzeiten nicht einmal annähernd die Chance die eigentlich einfache Vision der Berliner Erklärung umgesetzt zu sehen. Bleibt zu hoffen, dass es mit der Schweizer OA-Strategie nun endlich vorwärts geht.

Schweiz: Studie belegt massives Sparpotential beim Wechsel zu Open Access

Eine Studie von Swissuniviersities und des Schweizer Nationalfonds (SNF) hat erstmals die aktuellen Kosten von Schweizer Hochschulen im Zusammenhang mit dem wissenschaftlichen Publizieren untersucht und Modelle zur Transformation zu Open Access aufgearbeitet. Die Studie wurde durch die Beratungsfirma CEPA in Zusammenarbeit mit John Houghton durchgeführt. Die bisherigen „Houghton-Reports“ haben schon für Australien, Grossbritannien, Dänemark, Niederlanden sowie Deutschland aufgezeigt, dass ein Umstieg auf Open Access sich volkswirtschaftlich lohnt.

Ermittlung Ausgaben Schweizer Hochschulen

Über eine Umfrage an Schweizer Hochschulen bzw. deren Bibliotheken wurde ermittelt, dass 2015 in der Schweiz  für Zeitschrifteinsubskriptionen 70 Mio. Fr. ausgegeben wurden. Zusätzlich wurde für Gold OA 4.4 Mio Fr. und für Hybrid OA 1.7 Mio Fr bezahlt. Der relativ hohe Betrag für Hybrid erstaunt, da Hybrid weder von Hochschulen, noch von Forschungsförderorganisationen offiziell unterstützt wird. Insbesondere bei den Kosten für Hybrid wird jedoch darauf verwiesen, dass aufgrund fehlender Rückläufe zur Umfrage und der unterschiedlichen Datenqualität Schätzungen vorgenommen wurden, und somit eine Unsicherheit über die tatsächlichen Zahlungen besteht.

Die Studie verzichtet unverständlicherweise darauf die Ausgaben per Hochschule oder per Verlag aufzuschlüsseln.

Ermittlung Publikationsverhalten

Eine Auswertung der Daten von Scopus durch die Max Planck Digital Library (MPDL) zeigt, das 2015 gegen 31’000 Artikel mit einer AutorIn aus der Schweiz publiziert wurden, was je nach Datenquelle 1-2% aller weltweiten produzierten Artikel darstellt. 16% davon sind bereits heute Gold OA.

Von diesen 31’000 in Scopus indexierten Artikel mit Schweizer Beteiligung, dürfte bei 54% (also 17’000 Artikel) auch der Corresponding Author einen Bezug zu einer Schweizer Institution haben. Bei dieser Zahl ist zu berücksichtigen, dass Scopus grundsätzlich nicht vollständig ist und zum Zeitpunkt der Analyse (April 2016) zudem noch nicht ganz alle Artikel des Jahres 2015 erfasst wurden. Unter Berücksichtigung dieser Unsicherheit gehen wir mal von gut 20’000 Artikel aus, welche bei einem Wechsel zu zu einem Author-Pays Modell durch Schweizer Institutionen bezahlt werden müssten.

Hoher Break-Even APC

Würde man das Geld der Subskriptionen in einen grossen Publikationsfonds umwandeln, könnten die Hochschulen den (corresponding) AutorInnen pro Artikel 3’500 CHF zu Verfügung stellen:

70 Mio. Fr. / 20’000 Artikel = 3’500 Fr.

Das heisst selbst wenn wir von den heutigen (zu hohen) Hybrid-Kosten von 3’000 Franken pro Artikel (wie sie der SNF aktuell zahlt) ausgehen, wäre es der Schweiz locker möglich alle eigenen Publikationen über Gold OA zu publizieren:

20’000 Artikel * 3000 Fr. = 60 Mio. Fr.

Allerdings dürften die Ersparnisse weitaus grösser ausfallen, da in einer Gold OA Welt der Preis pro Artikel weitaus günstiger ausfallen wird. Basierend auf heutigen Erfahrungswerten aus dem Ausland, geht die Studie (S. 86) von einer durchschnittlichen APC von 1’567 Fr. für Gold OA aus. Das heisst in einer reinen Gold OA-Welt, in der jedes Land seinen Output finanziert, müsste die Schweiz sogar nur noch 31 Mio Fr. zahlen:

20’000 Artikel * 1567 Fr. = 31 Mio. Fr.

Mit einem globalen Wechsel zu OA ergibt sich somit ein beachtliches Einsparpotential von 10 bis 40 Mio. Fr. für die Schweiz.

Szenarien hin zu 100% Open Access für Schweizer Literaturproduktion

Die Studie überprüfte nun verschiedene Wege um den OA Anteil für „Schweizer“ Artikel bis 2024 auf 100% zu erhöhen. Empfohlen wird letztlich ein gemischtes Szenario von Förderung von Gold OA (ohne Hybrid) und dem Beibehalten von Green OA.

mixed_oa_modell2

Empfehlung: Bis 2024 sollen alle Artikel aus der Schweiz entweder per Gold oder Green OA frei zugänglich sein. Dabei wird davon ausgegangen, dass der weltweite OA-Anteil (Green, Gold und Hybrid) wie bisher nur sehr zögerlich wächst, so das selbst 2024 das Subskriptionsmodell beim Zugriff auf fremde Literatur noch dominant sein wird.

Finanzielle Auswirkung

Für jedes Szenario wurden auch die finanziellen Auswirkungen aufgezeigt. Für das empfohlene Szenario (Green OA und Gold OA gemischt) sieht der Fianzierungbedarf wie folgt aus:

finanzieller-bedarf

Sollen künftig 50% der Publikationen über Gold OA finanziert werden, sieht die Studie einen zusätzlichen Finanzbedarf von 20-25 Mio Fr. bis 2024 vor. Die bisherigen Kosten für Hybrid würden wegfallen. Für Repositories fallen leicht mehr Kosten an. Der Posten für Subskriptionen nimmt im Umfang des stetigen Publikationswachstums zu.

Ein wesentlicher Faktor dabei ist, ob und wie schnell andere Länder den Wechsel zu Open Access ebenfalls vollziehen:

Switzerland represents a small proportion of global output (1.2%) and unless the world chooses to go OA, a large proportion of funding will still go to paying for conventional subscriptions. Hence, if Switzerland can encourage other countries to move to OA (most likely through setting an example and through international partnerships), this has the potential to significantly reduce costs.

D.h. auch die Studie anerkennt, dass es sich bei Open Access (zumindest aus der Sicht der Schweiz) um ein Problem der Koordination und nicht wirklich um ein finanzielles Problem handelt.

Hoch lebe das Subskriptionsmodell bis in alle Ewigkeit

Trotzdem irritiert die Studie mit der Empfehlung, dass um mehr Gold OA zu erreichen, auf unabsehbare Zeit weitere Millionen Franken in das System reingebuttert werden sollen.

Dies deshalb, weil in jedem aufgezeigten Szenario die 70 Mio. Fr. für Subskriptionen unverändert beibehalten werden sollen. Die Studie setzt völlig unkritisch die heute per Subskription erworbenen Inhalte (gemäss Studie 2.5 Mio. Artikel) mit dem tatsächlichen Konsum der Forschenden gleich. Das Erwerbungsmodell „Patron-driven acquisition“, welches eine solche Aussage vielleicht noch annäherend stützen könnte, ist jedoch hauptsächlich bei den Bücher gebräuchlich, nicht bei den Zeitschriftenartikel. Vielmehr ist aus der Praxis bekannt, dass es bei der Erwerbung von Zeitschriften oder Zeitschriftenpakete (Big Deals), grosse Streuungsverluste gibt, wobei etwa zwei Drittel der erworbenen Inhalte kaum bis nie genutzt werden.

Dazu muss man auch anmerken, dass in der Schweiz die „Zeitschriftenkrise“ im Budget der Hochschulen bzw. deren Bibliotheken nie merklich stattfand. Die meisten Bibliotheken konnten mit der Preissteigerung gut mitgehen und mussten ihr Erwerbungsverhalten nie gross hinsichtlich Kosten und Nutzen überprüfen.

Das Label „Bildung und Forschung“ funktioniert in der Schweizer Politik seit Jahren immer nahezu bedingungslos und sorgte für stetiges Budgetwachstum, insbesondere auch beim tertiären Hochschulbereich inkl. Forschung. Dieses Budgetwachstum färbt sich dann natürlich auch auf die Hochschulbibliotheken ab.

Bildungsausgaben.jpg

Äussere Anreize sich in diesem Umfeld bei den Ausgaben auf das wirklich Notwendige zu beschränken oder nachhaltige Lösungen zu suchen sind deshalb grundsätzlich kaum vorhanden. Schweizer Hochschulbibliotheken kaufen und mieten was das Budget hergibt. Tatsächlicher Bedarf, Nachhaltigkeit und Transparenz bleibt sekundär. Die unsinnigen Nationallizenzen, welche inzwischen für OUP, CUP, De Gruyter und Springer gekauft wurden, zeigen dies besonders deutlich. Völlig mut- und visionslos werfen hier die BibliotheksdirektorInnen den Verlagen Millionen von Franken hinterher ohne je den tatsächlichen Bedarf der Forschung erhoben oder aufgezeigt zu haben.

Die vorliegende Studie scheint leider in diesem verschwenderischen Stil weiterfahren zu wollen. Dabei war gerade in den Niederlanden insbesondere die Vorgabe aus der Politik: „Mehr OA aber ohne zusätzliches Geld“ jenes Schlüsselelement weshalb dort die konventionellen Verlage in harten Verhandlungen zu mehr Open Access für die niederländische Forschung bewegt werden konnten. Diese Vorgabe scheint mir in der Schweiz ebenfalls angebracht.

Alternatives Szenario: Subskriptionen runter – Gold OA Funding hoch

Ein sinnvolles Szenario wäre beispielsweise, dass man in der Schweiz die bisherigen Subskriptionen von 70 Mio Fr. auf 40 Mio. Franken reduziert und mit den freigewordenen 30 Mio Fr. eine anständige und durchgehende Gold OA Unterstützung bietet. Mit 40 Mio Fr. lässt sich immer noch ganz ordentlich Zugriff für die Forschenden herstellen. Mehr Selektion und Fokusierung auf das Wesentliche wird die Forschung in der Schweiz nicht in die Knie zwingen (Siehe auch Nabe and Fowler 2012; Toni 2012).

Man darf Forschenden für das wichtige Ziel OA auch temporär zumuten gelegentlich auf Pay-Per-View, Dokumentlieferdienste, Fernleihe, Repositories aus dem Ausland, Autorenwebseiten oder auf Sci-Hub zuzugreifen. Manche Forschende könnten so endlich ein akkurates Verständnis von der Problematik um OA und ihre Mitverantwortung entwickeln. Ebenfalls würden Bibliotheken feststellen, dass die Welt auch ohne Big Deals weiterläuft, was diesen dann bei Verhandlungen für mehr OA und vernünftigen Preisen helfen würde. Oder wie es Timothy Gowers kürzlich treffend auf den Punkt gebracht hat:

Part of the problem is that the people who negotiate on our behalf are, quite reasonably, afraid of the reaction they would get if we lost access to important journals. It’s just a pity that they are not also afraid of the reaction if the deal they strike is significantly more expensive than it need have been. (We are in a classic game-theoretic situation where there is a wide range of prices at which it is worth it for Elsevier to provide the deal and not worth it for a university to cancel it, and Elsevier is very good at pushing the price to the top of this range.) Pressure should also be put on librarians to get organized with a proper Plan B so that we can survive for a reasonable length of time without Big Deal subscriptions. Just as with nuclear weapons, it is not necessary for such a Plan B ever to be put to use, but it needs to exist and be credible so that any threat to walk away from negotiations will be taken seriously.

Fazit

Der Umstand, dass die Finanzflussanalyse kein Szenario geprüft hat, in dem der Wechsel tatsächlich kostenneutral gelingen kann, scheint mir neben dem Verzicht auf detaillierte Ausgaben pro Hochschule und pro Verlage die grösste Schwäche der Studie zu sein. Die empfohlene Stossrichtung mit Gold und Grün weiterzufahren scheint mir realistisch. Offsetting von Hybrid-APCs mit Subskriptionskosten sollte aber ebenfalls berücksichtigt werden, da eben genau dieses Instrument hilft, die zusätzliche Kosten bei der Transformation zu vermeiden und der globale Wechsel zu letztlich Pure Gold OA zu beschleunigen.

Der in der Studie immer wieder durchscheinende Vorschlag, die Schweiz könnte sich über OA als internationaler Leader und Beispiel profilieren gefällt. Es ist höchste Zeit, dass man OA verbindlich als Ziel anvisiert und sich endlich an den internationalen Initiativen beteiligt.

Disclosure: Mein Arbeitgeber hat die Studie mitfinanziert. Ich war jedoch zu keinem Zeitpunkt in die Studie involviert und hatte auch erst Zugang zur Studie als sie offiziell auf Zenodo veröffentlicht wurde. Dieser Post beinhaltet (wie immer auf diesem Blog) meine persönliche Meinung.

Rafael Ball: Inkompetenz an kompetenter Stelle

Als der Schriftsteller Franz Hohler gefragt wurde, was ihn selbst in seinem Alter noch zornig mache, antwortete er: „Inkompetenz an kompetenter Stelle“. Ich glaube viele können sich zurzeit gut vorstellen was Hohler damit meint. Diverse undifferenzierte Äusserungen des ETH-Bibliotheksdirektor Rafael Ball, insbesondere im Interview Weg mit den Büchern! (NZZ am Sonntag) und dem Nachtrag in SRF Kultur sorgten für eine wohl noch nie dagewesene Empörungswelle in der Schweizer Bibliotheksszene und darüber hinaus. Inzwischen gibt es diverse Reaktionen, darunter auch eine Beschwerde des Berufsverbandes BIS an die Leitung der ETH Zürich.

Viele dürften sich spätestens jetzt gefragt haben, wie jemand mit so wenig Gespür für die Verantwortung seines Amtes,  und mit solch unqualifzierten, überheblichen und vorallem destruktiven Äusserungen, als ETH-Bibliotheksdirektor eingestellt werden konnte?

Erstaunlich ist die Selektion von Ball auch deshalb, weil seine Haltung zum wichtigen Thema Open Access nicht zu den Anforderungen der ETH passt. Bald ist es nämlich zehn Jahre her, seit Konrad Osterwalder als Rektor der ETH Zürich die Berliner Erklärung unterzeichnet hat, und damit der freie Zugang zu Forschungsergebnissen der ETHZ als strategisches Ziel definiert hat.

Wie wir inzwischen wissen, ist in der Ära Neubauer hinsichtlich OA zu wenig passiert. Die massiven Ausgaben an die Subskriptionsverlage stiegen permanent und das Repository der ETHZ weist so wenig frei zugängliche Zeitschriftenartkel auf, als dass man den grünen Weg bei der ETHZ als gescheitert betrachten muss. Einzig beim Funding von Gold OA ist die ETHZ einigermassen mit den internationalen Entwicklungen auf der Höhe. Grundsätzlich hätte man sich da eine kompetentere und aktivere Nachfolge gewünscht. Stattdessen wird ausgerechnet Ball eingestellt, welcher von Klaus Graf bereits vor zehn Jahren als „der dezidierteste Open-Access-Feind in der Reihe der deutschen Bibliothekare“ entlarvt wurde.

Ball’s Open Access Vorstellung von 2006

Bereits im Jahre 2006 äusserte sich Rafael Ball, damals noch Leiter der Zentralbibliothek des Forschungszentrums Jülich, in einem Artikel (Green Road – Golden Road: Open Access – The Road to Hell?) gegen die Wichtigkeit von Open Access. An begründeter und deutlicher Kritik fehlte es auch damals nicht:

Klaus Graf: Rafael Balls Irrtümer:

Balls Versuch einer Entzauberung des OA-Mythos ist ein ausserordentlich schwaches Pamphlet, das man ignorieren sollte.

Jürgen Lübeck: Open Access – The Road to Hell?:

Ich fasse für mich zusammen, dass der Herr Ball Argumente, Schein-Argumente, Vorurteile, Ignoranz und Halbwahrheiten zu einem Hohelied auf die Produktionsweise der etablierten Verlage arrangiert hat.

Jürgen Plieninger: OA angeblich nicht allein selig machend

Alles in allem: Ein [..] beachtenswertes Konvolut eines Leiters einer Spezialbibliothek, welcher vermutlich genug für seinen Erwerbungsetat bekommt, um keine Nöte spüren zu müssen und wenig Ahnung davon hat, wie es an Hochschulen aussieht. Die Schere zwischen sinkenden Etats und steigenden Zeitschriftenpreisen, welche er im Vorübergehen lässig erwähnt, sie würgt, würgt, würgt!

Ball’s Open Access Vorstellung von 2016

Zehn Jahre später legt Ball, nun mittlerweile Direktor der ETH-Bibliothek, mit einer erneuten Polemik gegen Open Access nach: „Total Open Access: the new gospel of scientific communication

Auch dieser Text ist auf einem solch unterirdischen Niveau, dass man ihn gerne ignorieren wollte, stammte er nicht von jemanden, von dem man aufgrund seines Amtes mehr erwartet.

Gehen wir Ball’s neuestes Pamphlet (Zitate in blau)  doch kommentierend vollständig durch:

Einleitung

Scientific communication has evidently hit a brick wall. A growing number of scientists are publishing an increasing number of results and findings from research all over the world. Never before has the output from scientific publications been so great.

As some publishers of journals exploit their market position and pitch subscription prices as if they hold the monopoly, however, many libraries are no longer able to afford these publications. In the so-called journal crisis, which began around 15 years ago, the mounting calls among librarians for free access to scientific information mirrored the soaring subscription fees.

Soweit so gut.

Unklare Definition: „Total Open Access“

The basic idea behind the golden path of open access is to reverse the paying conditions: under the ‚author pays‘ model, it is no long the subscribers to a journal (such as libraries) who pay, but rather the scientist who submits the paper to the journal.

This fee already has a name: the article processing charge (APC). The APC can be anything up to USD3,000 per article, depending on the publisher. The information should then be freely accessible everywhere – for all journals worldwide! Some refer to it as ‚pay science‘, others a revolution in scientific communication. I call it ‚Total Open Access‘.

Hier fängts schon an: „Author Pays“ ist im allgemeinen Fachverständnis nur eine Möglichkeit von Gold OA. APC’s, welche man in Fachkreisen schon mindestens seit sechs Jahren so bezeichnet, sind zudem nicht auf 3000$ begrenzt. Die American Geophysical Union verlangt z.B. $3500. Nature Communication gar $5200.

Der mir völlig unbekannte Begriff „Pay Science“ liefert auf Google mit der Kombination Open Access gerade mal 238 Resultate, welche zudem nicht zum Kontext passen. Ball bezieht sich hier offenbar auf ganz exotische Referenzen.

Es ist weiter nicht klar was Ball genau mit Total Open Access meint. Ich schätze wohl die Vorstellung, dass alle wissenschaftliche Zeitschriftenartikel frei zugänglich werden oder sind. Weil Ball aber völlig verwirrend zuerst das Gold OA Author-Pays Modell aufführt, meint er vielleicht auch die Vorstellung das alle Artikel aller Zeitschriften über APC finanziert werden. Möglicherweise bezieht sich Ball auch auf den zurzeit viel beachteten Vorschlag der MPDL das klassische Subkriptionsmodell zu ändern.

Bibliotheken haben mit Änderungen im Publikationswesen nichts zu tun.

The astonishing thing is that all these proposals stem from the very group least affected by the upheaval in publication conditions: librarians. After all, how and where scientists publish their results had never interested anyone in the libraries. But if libraries suddenly decide on the form of scientific communication and look to dictate how the scientific community should publish, this takes on a new quality. And a very negative one at that.

Wieder ist völlig unklar was Ball mit „all these proposals“ meint. Referenzen sind bei solchen Verkürzungen kein Luxus sondern Pflicht, wenn man beabsichtigt verstanden zu werden.

Wieso Bibliothekare nicht von den Änderungen im Publikationswesen betroffen sein sollten leuchtet mir in dieser Formulierung jetzt auch nicht ein. Schliesslich sind Bibliothekare für das Bezahlen des jetztigen Systems verantwortlich. Wieso sollten sie am wenigsten betroffen sein?

Zu behaupten, Bibliotheken interessierten sich noch nie, wo Forschende publizieren, ist in der Tendenz sicherlich zutreffend, aber in der pauschalisierenden Zuspitzung schlicht falsch. Bibliothekare die sich für Open Access einsetzen, versuchen schon seit längerem das Publikationsverhalten zu verstehen und AutorInnen für Open Access (Green und Gold) zu gewinnen. Wie es übrigens auch in der Berliner Erklärung vorgesehen ist, welche ja auch von der ETHZ unterzeichnet wurde.

Zumindest für die Schweiz kann ich beurteilen, dass es noch nie einen Zwang gab in OA-Journals zu publizieren und ich wüsste auch nicht wer sowas fordert.

Kompromisslose Open Access Initiativen

The latest open access initiatives tend to come across as a new ideological movement of the post-1968 generation: unyielding, one-sided and unwilling to compromise.

Auch hier ist völlig unklar auf welche OA Initiativen sich Ball bezieht. Es gibt inzwischen unglaublich viele Aktivität in vielen Bereichen von Open Access aus unterschiedlichen Richtungen mit unterschiedlichen Mitteln und teils auch mit unterschiedlichen Zielen. Offenbar stört sich Ball daran, dass sich Leute vehement für Open Access einsetzen, weshalb das schlimm sein soll, bleibt unklar.

Open Access ist doch nur eine Ersatzreligion von gedemütigten Bibliothekaren!

Mit folgender Passage verhöhnt Ball zunächst mal alle Bibliothekare die sich seit Jahren ernsthaft und mit sehr guten Gründen um Open Access bemühen:

Moreover, the open access gurus succumb to the illusion of simply wanting to replace an existing market-based system of scientific communication. It degenerates into a pure surrogate religion of insulted and humiliated librarians. The movement has its priests, its pilgrimages and its own Holy Grail.

The new gurus travel up and down the country preaching free access to information and knowledge. And they have already reached the long march through the institutions.

Das ausgerechnet Ball die Open Access Bewegung in einen religiösen Kontext stellt und damit die Ernsthaftigkeit des Anliegens ins Lächerliche zieht, hat zumindest etwas ironisches. Schliesslich ist es doch gerade er, der sich ständig mit viel missionarischem Eifer, aber umsoweniger Qualifikation, sich als ein in die Zukunft blickender Guru  („weil ich natürlich sehe, was in 10, 20, 30 Jahren passiert„)  und „begnadeter Vordenker“ präsentiert, dem nun alle zu glauben hätten.

Bitte nicht das nachhaltige und zuverlässige Subskriptionsmodell zerstören!

Im folgenden Abschnitt schiesst Ball nun den Vogel komplett ab:

After all, neither the libraries nor science benefit from the result of Total Open Access. Not only does it destroy established, reliable and sustainable structures of information supply and security; it also offers scientific communication up as fair game on the internet.

Ball’s Verständnis von nachhaltig ist schlicht realitätsverweigernd. So schrieb doch Neubauer im Jahre 2012 ganz unmissverständlich:

Seit vielen Jahren werden Universitäten und ihre Informationseinrichtungen von einem Thema verfolgt: Die Zeitschriftenpreise steigen stetig und offensichtlich unaufhaltsam. Häufig erhöhen sich die Preise in nur wenigen Jahren mit Raten von 50 bis 60%. 8% pro Jahr sind die unangenehme Realität. Für die ETH Zürich ist dies deshalb besonders unerfreulich, als in den Technik- und Naturwissenschaften Zeitschriften das bevorzugte Medium für die wissenschaftliche Kommunikation sind.

Aber Ball’s Sorgen bei einem Umstieg auf „Total Open Access“ gehen noch weiter:

For anyone who no longer concludes contracts for the purchase of contents will have to rely on the fact that everything is freely available on the web in future. And this is not how scientists or the majority of librarians envisaged a professional information supply.

Vermutlich bezieht sich Ball hier auf das Risiko (First-mover disadvantage), welches eine Institution eingeht, wenn sie das Geld von Subskriptionen und zu Gold OA verlagert, wie ich es kürzlich für die ETHZ für die Verlage Elsevier, Springer und Wiley als Möglichkeit skizzenhaft vorgerechnet habe. Ein solches Argument gegen eine Umstellung ist aus mehreren Gründen Unsinn und zeigt, wie wenig Ahnung Ball von den aktuellen Entwicklungen im OA-Bereich hat.

  1. Das Problem von dem Ball Angst hat besteht heute ja längstens schon und wird immer grösser. Das sagt er ja bei der Einleitung selber. Unglaublich viele Wissenschaftler müssen aus finanziellen Gründen darauf hoffen, dass andere ihre Forschung frei zugänglich machen. Das betrifft ja nicht nur Drittweltländer, sondern auch schon schlicht ein kleines Stadtspital in der Schweiz, in welchem Ärztinnen u.a. auf die Forschung von Schweizer Hochschulen zugreifen möchten.
  2. Wie Offsetting-Agreements von anderen Ländern (NL, UK, AT) zeigen, ist ein institutioneller/nationaler Wechsel auf Gold-OA bei gleichzeitigem Zugriff auf Subskriptionen möglich.
  3. Durch ein weltweites koordiniertes Vorgehen, wie es zurzeit durch die MPDL skizziert und an der Berlin 12 thematisiert wurde, kann das Risiko des „First-mover disadvantage“ weiter reduziert werden. Bei SCOAP³ hat es auch funktioniert.

Nichts gegen Open Access und gegen Bibliotheken, aber..

Just to clarify: I am not against open access and I am not against new forms of scientific communication. And I am certainly not against libraries and librarians.

Okay, dass muss man ja schon explizit sagen, denn es ist ja im vorhergehenden Text implizit nicht ersichtlich. Ball könnte es ja auch mal mit Argumenten oder – wie in der Schweiz besonders gerne gesehen – mit Taten zum Ausdruck bringen.

What gets my goat, however, is the vehemence with which open access missionaries not only proclaim their gospels, but also want to implement them. What appalls me is how the entire industry is painted as black and white, and the fact that librarians want to decide for the whole of science here.

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen dieser Abschnitt stamme von einem Vertreter von Elsevier. Es ist ja schon fast rührend wie Ball sich um das Image der Verlagsindustrie kümmert, von denen ja allgemein bekannt ist, dass sie sich ja keine Lobbyisten leisten können. Ob Ball vielleicht auch einige Elsevier Aktien hat?

Ich weiss auch nicht, was Ball mit schwarz und weiss malen meint. Schliesslich ist er es doch, der die Verlage zunächst pauschal als Gauner bezeichnet und gleichzeit sagt „Die Verlage leisten einen Mehrwert und müssen dafür etwas bekommen“.

Ich für meinen Fall, habe in der Verlagsbranche durchaus sehr vernünftige Leute kennengelernt und habe nicht a priori etwas gegen Verlage. Man muss aber doch schon zu Kenntnis nehmen, das Gold OA als Geschäftsmodell funktioniert, denn die allermeisten grossen Verlage haben ja beides im Angebot. Es ist deshalb schwer nachvollziehbar – und weder Ball, noch die Verlage liefern da gute Gründe – weshalb akademische Bibliotheken, welche für 75% für den Umsatz von Subskriptionsverlage im STM-Bereich verantwortlich sind, nicht einen sofortigen Wechsel einfordern sollten oder könnten.

Der behauptete Gegensatz zwischen Bibliotheken und Wissenschaft scheint mir, wenn schon umgekehrt zu existieren. Wären Forschende besser und transparent über die Kosten und Probleme des heutigen System informiert, würde OA vielleicht schneller implementiert sein als jetzt. Siehe Beispiel Lingua.

Total Open Access ist nicht fair!

Ball endet mit einer nichtssagenden Floskel.

Open access as one of many options for shaping scientific communication is a serious and important issue that everyone involved needs to work upon. But total open access as a new gospel for the ground libraries have lost is simply not on. And it certainly is not ‚devoid of alternatives‘ for a fair and contemporary reorganisation of the publication and communication conditions in science and research.

Fazit

Ich habe selten so ein oberflächlichen und wirren Text über Open Access gelesen. Gewiss kann man unterschiedlicher Meinung sein wie Open Access erreicht werden soll (Präferenz auf Gold, Green, Hybrid, Höhe von APCs etc.) und diese Diskurse werden durch Experten mit guten Argumenten geführt. Doch Ball signalisiert in diesem Text nur, dass ihm gar kein Open Access am liebsten wäre. Er erwähnt an keiner Stelle, nicht einmal andeutungsweise, was denn aus seiner Sicht die Alternative wäre (ausser nichts zu tun). Schlimmer noch, er sympathisiert ganz offen mit völlig absurden Argumenten mit den Subskriptionsverlagen. Die bewusste Ignoranz, mit der Ball schon nur die ökonomischen Probleme des heutigen Systems negiert, wie schon zehn Jahre zu vor, ist völlig verantwortungslos und unangemessen für den Posten eines ETH-Bibliotheksdirektor.

Man mag sich fragen, was Ball antreibt so ganz „ohne Not“ eine plumpe Schmähschrift gegen Open Access zu schreiben?

Nun, ich weiss zumindest durch diverse extrem unsympathische Reaktionen im Nachgang zur Offenlegung der Subskriptionskosten der ETHZ, dass Ball sich gewaltig darüber genervt hat. Ich schätze er hat sich den lang ersehnten Wechsel von Regensburg nach Zürich in die „andere Liga“ etwas anders vorgestellt. Dass in der Schweiz auf höchster Ebene die Sensibilität bezüglich Subskriptionskosten und Open Access gewachsen ist, bringt Ball in einen unangenehmen Zugzwang, den er nun zu gerne von sich weist. Denn nun wird früher als erwartet offensichtlich, dass Ball sich in den letzten Jahren so sehr darauf fokussiert hat ein „begnadeter Vordenker“ werden zu wollen, dass er es völlig verpasst hat einer zu sein. Also konzentriert sich Ball auf das wenige, was er wirklich gut kann: Provokation und Selbstdarstellung.

Der ETH-Bereich und Elsevier: Teil 2

Nach dem ersten Teil über die unterschiedlichen Positionen der EPF Lausanne und der ETH Zürich bezüglich Elsevier-Verhandlungen, folgt hier der zweite Teil. Zur Rekonstruktion der Ereignisse dienen weitere über das Öffentlichkeitsgesetz befreite 65 Seiten Protokolle und Unterlagen des ETH-Rats.

ETH-Bereichssitzung vom 31.8.2011

Aus der letzten Bereichssitzung erging der Auftrag an die Bibliotheksdirektoren der ETHZ und der EPFL, mögliche Gutachter vorzuschlagen, welche eine Stellungnahme zum Thema Konsortium, bzw. zu den rechtlichen Möglichkeiten, bessere Konditionen zu erreichen, abgeben könnten. In der Bereichssitzung vom 31. August wurden nun drei Kandidaten präsentiert und akzeptiert. Im vom ETH-Rat erhaltenen Protokoll, sind Namen und Funktion geschwärzt.

Weiter war vorgesehen Verbindungen zu anderen Hochschulen insbesondere der University of California und dem MIT aufzunehmen.

Resultate Neubauer

ETH-Bibliotheksdirektor Neubauer hatte sich vorgenommen bei der California Digital Library und dem Boston Consortium nachzufragen. Nach einer anfänglichen Kontaktaufnahme, hatte es sich offenbar gezeigt, dass es nicht sinnvoll möglich ist, die Komplexität der Fragestellungen per Mail oder Telefon zu klären. Neubauer gibt bekannt direkt bei den Institutionen vorbeigehen zu wollen, weshalb sich die Berichterstattung um ein halbes Jahr verzögere.

Ebenfalls lässt er die Bereichssitzung wissen:

Bei allen Aktivitäten sollte man berücksichtigen, dass das Thema „Elsevier-Lizenzen“ vom Schweizer Konsortium verhandelt wird, der ETH-Bereich also nur einer der Mitspieler ist. Es dürfte somit sehr sinnvoll sein, dieses Faktum angemessen zu berücksichtigen. Bereits die Aktivitäten im letzten Herbst haben bei den anderen Beteiligten erhebliche Unruhe und Unverständnis ausgelöst.

Resultate Aymonin

Weitaus schneller mit den Abklärungen war der EPFL-Bibliotheksdirektor Aymonin. Er hatte am 19. Juli und 4. August Gespräche mit zwei Verhandlungleiter aus Belgien und dem französischen Konsortium geführt. In den Gesprächen ermittelte er die landesspezifischen Eigenheiten und Erfahrungen und hielt sie in einer Tabelle fest.

Im Fazit beim Punkt What to remember vermerkte Aymonin beim französischen Konsortium:

Don’t bother with price calculation formula or model, based on any sort of parameter. The only thing Elsevier wants is to keep its turn over. There is a margin in negotiation if you keep this in mind, and thus you can get more content or services for the same amount of money.

und bei Belgien:

Don’t bother with price calculation. The only thing Elsevier wants is to keep its turn over. Define very precisely what your objectives are and say clearly to Elsevier that you are ready to leave the table of negotiation at any time.

ETH-Bereichssitzung vom 2.11.2011

Die beiden Bibliotheksdirektoren der ETH und EPFL hatten mittlerweile einen 2-seitigen Fragenkatalog für mögliche externe Gutachter zusammengestellt. Ein paar Fragen daraus:

  • Confidentiality: Is this clause commonly accepted or should the Swiss Consortium insist on the removal of this clause? Has this clause often been removed in your experience?
  • How would you judge the possibility of perpetual access to the freedom collection? Would you expect additional costs for this?
  • Do you know of contracts in which an electronic interlibrary loan is allowed? Would you expect additional costs for this?
  • Open Access: Do you know of contracts which allow institutional archiving of the publisher’s version of the scientific papers? Would you expect additional costs for this?
  • The agreement defines a considerable amount in fees for the Swiss institutions with considerably high annual increases. According to your experience, are these fees and increases comparable to other contracts?
  • If conditions for other contracts are better, which at are the circumstances that result in better conditions? Do you think that Elsevier takes the economic situation in the various countries into account?
  • Is it helpful or even necessary to cancel subscriptions to Elsevier journals for some time to get better conditions? In your experience, how long does it take to get better conditions? Does this mean a constraint to scientific work at the institutions concerned? Are there any alternatives for the scientists to gain access to Elsevier content?
  • What would be your recommendations to the consortium to gain better conditions for the Elsevier agreement? Could a public statement like the one of RLUK be helpful in gaining better conditions – or might this even be counterproductive? lf helpful, who should initiate such a statement?

Am 3. Oktober 2011 verschickte der ETH-Rat dann offiziell die Anfragen an die drei potentiellen externen Gutachter. Doch nur eine Person war überhaupt bereit dem ETH-Rat zu antworten. Und diese eine Antwort ist wirklich bemerkenswert:

Dear Mrs Weber,

I’m a bit surprised by your request. You don’t make clear why you’re asking me for this purpose, nor what the request will imply in terms of expectations that you have with respect to my ‚advisory opinion‘. I’m not a consultant, but just another university librarian with some practical expertise in licensing scholarly contents. Librarians from European universities and consortia are as you may know connected (informally) by ICOLC (International Coalition of Library Consortia), which held her annual meeting just a few weeks ago in Istanbul. So I’m not intended to formulate an ‚offer for an advisory opinion‘ but I’m prepared to give my opinion and my advise as a colleague, as far as this can be done within reasonable limits of time spent etc. So I’m curious to have more information on the meaning and the ‚bandwith‘ of your request,

Best wishes,

ETH-Bereichssitzung vom 8.2.2012

Neben dem scheinbar fehlenden Interesse bei den angeschriebenen Experten, kam plötzlich noch ein anderes Problem dazu. Sollte der ETH-Rat ein Gutachten in Auftrag geben, bräuchten die Experten Einsicht in die Verträge des ETH-Bereichs mit Elsevier. Nun hatte das Konsortium aber dummerweise gerade in den abgeschlossenen Verträgen Vertraulichkeit mit Elsevier über den Vertragsinhalt vereinbart.

Um den Umfang dieser Vertraulichkeitsklauseln zu verstehen, wurde beim ETH-Rat eine rechtliche Einschätzung vorgenommen. Aus der Aktennotiz dieser Einschätzung wird erstmals deutlich, dass auf Stufe ETH-Rat und folglich Leitung Konsortium bereits seit Frühling 2011 bekannt war, dass andere Universitäten wie Cornell in ihren Verträgen keine Non-Disclosure Agreements mehr akzeptierten.

Auch bemerkenswert ist die Tatsache, dass sogar der ETH-Rat selbst überprüfte, ob allenfalls das BGÖ hilfreich sein könnte:

Das Bundesgesetz über das Öffentlichkeitsprinzip hilft nicht weiter; ein privatrechtlicher Vertrag ist kein amtliches Dokument. Zudem geht es beim Öffentlichkeitsprinzip darum, Dritten Einsicht in amtliche Dokumente zu gewähren, und nicht darum, einem Vertragspartner zu erlauben, sich von einer durch ihn unterzeichneten Vertraulichkeitsklausel zu distanzieren.

Insgesamt lautete das Fazit der rechtlichen Einschätzung:

Von einer Weiterleitung des Konsortialvertrags an einen von den Institutionen vorgeschlagenen Experten ohne vorgängige schriftliche Einwilligung von Elsevier ist dringend abzuraten.

Also wurde nun versucht diese Einwilligung von Elsevier für die Weitergabe zu erhalten. Die Anfrage übernahm gleich der ETH-Ratspräsident. Er erhielt folgende Antwort von Elsevier:

We agree to the involvement of such an extenal expert but would like to suggest two stipulations: the expert will only use the confidential information tor ETH-internal purposes (for instance an internal report) and the expert will work with the Elsevier experts on the interpretation of the information. The latter we see as vital to avoid misunderstandings and to arrive at a balanced interpretation of the data
We have experienced that a joint approach leads to high-quality interpretation and reporting, all in all higher insights.

Diese Antwort blieb unbefriedigend. Während die Bedingung der rein internen Verwendung als unproblematisch angesehen wurde, konnte sich kein Mitglied der Bereichssitzung einverstanden erklären, die externen Gutachten einer Manipulation von Elsevier auszusetzen. Für das ursprüngliche Vorhaben externe Gutachten einzuholen bedeutete diese Antwort von Elsevier das Ende.

In der Zwischenzeit hatte Neubauer auch seinen Bericht über die Situation der University of California und dem dem Boston Consortium abgeschlossen und der Bereichssitzung vorgelegt. Der Bericht ist überraschend knapp. Die Anfrage beim Boston Consortium wird mit fünf Sätzen abgehandelt. Der letzte davon:

Die kooperative Lizenzierung elektronischer Inhalte ist nicht Teil der Konsortiumsarbeit, so dass von dort keine relevanten Informationen zu erhalten waren.

Etwas mehr Text wurde zur California Digital Library, der Infrastruktureinheit der University of California abgefasst. Hier ein paar ausgewählte Punkte daraus:

  • Die Lizenzverträge mit der überwiegenden Zahl der Lieferanten sind prinzipiell über die Homepage frei zugänglich, wobei allerdings rechtlich kritische Passagen gelöscht sind. Hierzu gehören beispielsweise alle finanzrelevanten Angaben. Beim Schweizer Konsortium sind die existierenden Verträge den Konsortialpartnern ebenfalls zugänglich.
  • Die einzelnen Lizenzverträge sind in weiten Teilen mit denen vergleichbar, die das Schweizer Konsortium abgeschlossen hat. Es gibt jedoch auch Unterschiede. So gestattet beispielsweise die American Chemical Society (ACS) das Verschicken elektronischer Kopien auch an externe Nutzer (soweit aus dem öffentlichen Raum); dies ist bei unseren Verträgen nicht der Fall, da ACS dies kategorisch ablehnt.
  • Das Procedere beim Vertragsabschluss ist mit der Schweizer Situation mehr oder weniger identisch. Es finden erste Verhandlungen mit dem jeweiligen Verlag/Lizenzgeber statt, die dann in unterschiedlicher Form an die Konsortialpartner zurückgespiegelt werden. Wer die Verhandlungen exakt führt, konnte im Falle der CDL nicht abschliessend eruiert werden. Nach meinem Eindruck wird dies sowohl von Einzelpersonen, als auch von kleinen Arbeitsgruppen (2-3 Personen) realisiert. In den deutschen Konsortien führen die Verhandlungen meist 1-2 Personen.
  • Belastbare Aussagen über die finanziellen Randbedingungen der einzelnen Verträge haben die befragten Personen nicht abgegeben. _______

Zusammenfassend hält Neubauer fest:

Die Befragungen haben aus meiner Sicht keine wesentlich neuen Erkenntnisse gebracht, sondern haben gezeigt, dass vor allem die international tätigen Verlage die Vertragsverhandlungen mit der Vorlage von weltweit standardisierten Vertragsentwürfen beginnen, über die dann unter Berücksichtigung der jeweiligen Randbedingungen verhandelt werden kann. Der nicht unbegründete Verdacht, dass die Schweiz schlechtere Konditionen als andere Länder hat, konnte nicht bestätigt werden. Nach meinem persönlichen Eindruck, sind darüber hinaus belastbare Vergleiche aufgrund der heterogenen Randbedingungen in jedem Falle schwierig. Die Verhandlungsprozesse und -ergebnisse des Konsortiums Schweizer Hochschulbibliotheken sind mit denen anderer Konsortien grundsätzlich vergleichbar, was im Einzelfall allerdings nicht ausschliesst, verbesserte Konditionen zu erreichen.

Es ist auffällig, wie der Bericht von Neubauer mit keinem Wort, den zu dieser Zeit noch recht frischen Konflikt zwischen der University of California (UC) und der Nature Publishing Group (NPG) erwähnte. Die UC ging da sehr wohl neue Wege bezüglich Verhandlungen. Sie stellte die geforderten Preiserhöhungen von NPG öffentlich an den Pranger und forderte ihre Forschenden auf, keine Papers mehr bei NPG zu veröffentlichen und von Aktiväten (Peer-Review, Editor) bei NPG zurückzutreten. Da dieser Streit durch die weltweite Fachwelt ging und mit Sicherheit ein markantes Ereignis in den Verhandlungen der UC darstellte, ist es sehr verwunderlich, dass Neubauer weder im Vorfeld noch im direkten Kontakt mit der CDL auf diesen Konflikt stiess, der für den ETH-Bereich durchaus als Anregung hätte dienen können.

Der dürftige Bericht von Neubauer wurde schliesslich ohne Beanstandung von der Bereichssitzung zu Kenntnis genommen. Aymonin, hatte zu diesem Zeitpunkt die EPFL Bibliothek bereits verlassen und Kritik war von dieser Seite vorerst nicht mehr zu erwarten.

Dennoch, für die ETH-Bereichssitzung und inbesondere für den ETH-Ratspräsident schien die Situation nicht wirklich zufriedenstellend. Ohne Expertise war es nicht gelungen, die Vorbehalte der EPFL gegenüber der abgeschlossenen Elsevier-Lizenz auszuräumen. Und dass der ETH-Bereich nicht einmal eine Expertise durchführen lassen konnte, dürfte der ETH-Bereichssitzung vorgeführt haben, dass die Kritik der EPFL durchaus angebracht war.

Bevor nun das Geschäft ganz ad acta gelegt wurde, erklärte sich der Präsident ETH-Rat bereit, einerseits mit einem Schreiben an das Konsortium Schweizer Universitätsbibliotheken zu gelangen mit dem Anliegen, im Hinblick auf die nächste Vertragslaufzeit (ab 2014) mit Elsevier vorteilhaftere Konditionen zu verhandeln, und andererseits in diesem Zusammenhang die Wettbewerbskommission (Weko) zu kontaktieren. Da dieses Vorgehen den Mitgliedern der Bereichssitzung zwar richtig, aber in der Wirkung etwas schwach erschien, wurde beschlossen, dass die Institutionen zusätzlich in der Öffentlichkeit die Situation transparent darlegen und darauf hinweisen sollten, dass der freie Zugang (open access) zu Daten und Forschungsresultaten nicht funktioniere und die Verlage (vorliegend Elsevier) aufgrund vertraglich vereinbarter Nutzungsrechte (zu) hohe Preise verlangten. Um die gewünschte Wirkung zu erzielen, bedürfe es dazu des Zusammenwirkens verschiedener Partner (Konferenz der Rektoren der Universitäten Schweiz (CRUS), andere Universitäten, usw.). Ferner wurde vorgeschlagen, dass die Institutionen des ETH-Bereichs versuchen, Elsevier gegenüber eine stärkere Positionen einzunehmen, indem sie namentlich keine Reviews mehr für Elsevier verfassen bzw. weniger Elsevier-Produkte beschaffen.

ETH-Bereichssitzung vom 14.11.2012

Im November 2012 gab es dann die (vorerst) letzte Sitzung des ETH-Bereichs zum Thema Elsevier. Der Präsident ETH-Rat hatte in der Folge Kontakt mit der Weko aufgenommen. Ein entsprechendes Gespräch fand am 15.5.2012 statt und führte scheinbar zu keinen Ergebnissen.

Weiter brachte der Präsident ETH-Rat in einem Schreiben vom 6.6.2012 an den Präsidenten des Konsortiums folgende Grundanliegen des ETH-Bereichs an:

Ganz generell soll versucht werden, für die Bibliotheken vorteilhaftere Konditionen aushandeln, namentlich:

  • tiefere oder zumindest nicht noch höhere Preise;
  • Verzicht auf Vertraulichkeitsklauseln im Vertrag.

Spezifisch sollen im Sinne der im Fragenkatalog (vgl. Beilage 3) aufgelisteten Punkte verbesserte Bedingungen erreicht werden, indem beispielsweise den individuellen Bedürfnissen der einzelnen Universitäten/Hochschulen vermehrt Rechnung getragen wird und ,,Produkte-Pakete“ mit Teilprodukten, welche im Einzelnen gar nicht benötigt werden (z.B. medizinische Literatur), abgelehnt werden.

Das Schreiben wurde dann im erweiterten Präsidium des Lenkungsauschusses des Konsortiums am 9.7.2012 behandelt. Der damalige Präsident, Heinz Dickenmann (HBZ) antwortete:

Wir werden die Grundanliegen der Bereichssitzung des ETH-Bereichs betreffend eines neuen Elsevier-Vertrags ab 2014 berücksichtigen; sie entsprechen den Forderungen, welche das Konsortium der Schweizer Hochschulbibliotheken von sich aus in die Vertragsverhandlungen einbringen wird. Ob diese am Schluss der Verhandlungen auch erzielt werden können, bleibt abzuwarten.

Dem Wunsch der EPFL nach vermehrtem Einbezug in die Vertragsverhandlungen können wir mit dem Vorschlag der Geschäftsstelle des Konsortiums zur Vorgehensweise weitgehend entsprechen (vgl. Beilage). Die Konsolidierung der geforderten Konditionen bei den grossen Verlagspaketen mittels Einbezug der Partnerbibliotheken im Konsortium einerseits und die Einsetzung einer separaten Arbeitsgruppe für die Vorbereitung eines neuen Elsevier-Vertrags anderseits sollten die wesentlichen Bedürfnisse der EPFL abdecken. Allerdings geht es dem Konsortium nicht allein um eine zusätzliche Berücksichtigung von Wünschen der EPFL allein, sondern um einen stärkeren Einbezug aller Partner im Konsortium. Beim Elsevier-Vertrag streben wir aufgrund der mehrfach als schwierig erfahrenen Gespräche mit diesem Verlag an, den Verhandlungsverlauf und die Verhandlungsergebnisse transparenter zu gestalten.

Wie wir heute wissen, ignorierte das Konsortium das Anliegen des Präsidenten ETH-Rat und akzeptierte auch auf für die Elsevier Lizenz 2014-2016 ohne spürbaren Widerstand die von Elsevier gewünschten Vertraulichkeitsklauseln.

Mit dem Hintergrund, dass die ETH-Bereichssitzung eine aktivere Kommunikation bezüglich Verlagspolitik und Open Access gegenüber der Öffentlichkeit gewünscht hatte, lässt sich nun auch endlich die seltsam distanzierte Kolumne „Open Access, ein Modell für die Zukunft?“ von Neubauer vom Oktober 2012 in ETH Life richtig einordnen. Neubauer schrieb dort nicht aus Überzeugung über Open Access, sondern weil er von oben dazu verknurrt wurde.