Bundeskanzlei verhindert freien Zugang und subventioniert NZZ Libro Verlag

Die folgende Geschichte fängt mit der Pressemeldung Bundesrat nimmt den Bericht «Die Schweiz 2030» zur Kenntnis vom 16.10.2018 an.

Die Schweizerische Bundeskanzlei hat 77 Persönlichkeiten aus verschiedene Branchen und Landesteilen eingeladen, kurz und prägnant wichtige Entwicklungen, die der Bundesrat bei der Festlegung der Bundespolitik berücksichtigen sollte, zu schildern. Gemäss Pressemeldung wird der Bericht in die Erarbeitung des nächsten Legislaturprogrammes einfliessen.

Bericht ist auch elektronisch kostenpflichtig

Normalerweise würde man nun bei solchen staatspolitisch relevanten Berichten der Verwaltung erwarten, dass der Bericht in der Pressemeldung verlinkt ist. Hier jedoch nicht. Anstelle einer URL gibt es bloss den Hinweis, dass der Bericht im Webshop „Bundespublikationen“ oder beim Verlag „NZZ Libro“ kostenpflichtig erworben werden muss.

Buch „Die Schweiz 2030“ käuflich für 34 Fr. im Shop Bundespublikationen
„Die Schweiz 2030“ käuflich für 20.50 Fr. (E-Book) und für 34 Fr. (Print) im Shop von NZZ Libro

Autorinnen haben kein Honorar erhalten

Da die Bundeskanzlei bei diesem Bericht als Herausgeberin angegeben war, erkundigte ich mich nach dem Hintergrund dieser merkwürdigen Konstellation und verlangte gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz Auskunft und Einblick in die relevanten Akten.

Hinsichtlich des Urheberrechts zu diesem Bericht gab Lorenzo Cascioni, Leiter Sektion Strategische Führungsunterstützung der Bundeskanzlei folgende Auskunft:

Die Autorinnen und Autoren haben ihren Beitrag unentgeltlich verfasst. Als Dank erhalten sie ein Gratisexemplar vom Buch. Die Urheberrechte am Text verbleiben beim Autor/bei der Autorin, die Nutzungsrechte für alle Auflagen und Ausgaben werden den Herausgebern bzw. dem Verlag übertragen.

Bund bezahlte 53’000 Franken

Hinsichtlich der finanziellen Situation wurde ich ans Bundesamt für Bauten und Logistik (BBL) verwiesen, welche das Bestellverfahren durchgeführt und die Abrechnung vorgenommen hat. Ich erhielt Einsicht zu den drei relevanten Bestellbestätigungen. Für die Erstellung und Gestaltung einer druckreifen PDF-Version des Berichts flossen 37k Fr. zum NZZ Libro Verlag. Für den Druck der Buchblöcke, der Umschläge und des Binden von 2000 Exemplaren wurden zusätzlich 16k Fr. an zwei weitere Firmen bezahlt:

Gestaltungsarbeiten (NZZ Libro Verlag)37’000 Fr.
Druck (Ostschweiz Druck AG)  5’530 Fr.
Buchbinderei-Arbeiten (Bubu AG)11’164 Fr
Total bezahlte Kosten durch Bund (exkl. MwSt)53’694 Fr.

Von den 2000 gedruckten Exemplare wurde die Hälfte durch die Bundesverwaltung selber beansprucht:

  • Je ein Gratisexemplar an die Autorinnen und Autoren
  • Je ein Gratisexemplar an die Kantone, Parteien und an die Parlamentarierinnen und Parlamentarier
  • Eigenbedarf innerhalb der Verwaltung (Bundesräte, Departemente/Bundeskanzlei)
  • Verkauf über Shop Bundespublikationen (ca. 500)

Subventionierung des NZZ Libro Verlags

Die andere Hälfte (1000 Ex.) wurde NZZ Libro für den Verkauf zu Verfügung gestellt. Gemäss einer (mir noch nicht zugänglichen) Basisofferte, soll für jedes durch den Verlag verkaufte Exemplar eine Rückzahlung von 20% der Netto-Verlagseinnahmen an den Bund zurückgehen. Der restliche Betrag sei als Entschädigung für die Aufwände und Vermarktung des Buches von Seiten Verlag gedacht. 

Gelingt es dem NZZ Libro Verlag alle 1000 Exemplare zu einem Preis von 34 Fr. zu verkaufen, kann er ohne eigenes Risiko und und viel Aufwand 27’200 Fr. Erlös erzielen:

34’000 Fr.  – 6800 Fr. = 27’200 Fr. 

Selbst wenn durch den NZZ Libro Verlag (1000 Ex.) wie auch durch den eigenen Shop (500 Ex.) alle bisher 1500 gedruckten Berichte verkauft werden könnten, bliebe der Bund letztlich auf Ausgaben von 30k Fr. sitzen:

53’694 Fr. – 17’000 – 6800 Fr. = 29’894 Fr.

Closed Access soll zu höherer Visibilität führen

Auf die Frage, weshalb trotz dieser enormen öffentlichen Finanzierung der Bericht nicht frei elektronisch zu Verfügung steht, antwortet Lorenzo Cascioni von der Bundeskanzlei:

Für die Buchpublikation wurde ein externer Verlag herbeigezogen, um dem Buch eine grössere Visibilität zu verschaffen. Aufgrund des kommerziellen Aspekts dieser Zusammenarbeit sind die Bücher (print und elektronisch) nur entgeltlich zu erwerben. Wir verweisen zudem auf Artikel 3 der Gebührenverordnung Publikationen. Gemäss Auskunft des BBL ist dies vorliegend die Grundlage für die Entgeltlichkeit.

Gebührenverordnung Bundespublikationen

In der Tat kann die Bundesverwaltung gemäss dieser Verordnung beim Bezug von Publikationen Gebühren erheben. Was beim Bezug von Print-Publikationen ja durchaus nachvollziehbar ist, wird aber mit der Gebühr auf die elektronische Version ad absurdum geführt. Tragischerweise wurde diese Gebühren für elektronische Publikationen erst 2015 mit der Revision dieser Verordnung eingeführt. Auszug aus dem erläuternden Bericht:

Die bisherige Gebührenverordnung Publikationen sah bis anhin keine Gebühren für elektronische Publikationen vor. Der Internet-Shop
Publikationen des Bundesamtes für Bauten und Logistik (BBL) erlaubt
es aber beispielsweise bereits heute, sowohl kostenlose wie auch kostenpflichtige elektronische Publikationen anzubieten. Die neue Gebührenverordnung trägt diesem Umstand Rechnung und sieht deshalb neu die Möglichkeit vor, für elektronische Publikationen eine Gebühr zu erheben. Dies bezieht sich insbesondere auf elektronische Publikationen, deren Erstellung oder Veredelung aufwändig ist. Nicht aufwändige
elektronische Publikationen können aber weiterhin gratis bezogen werden. Damit wird dem Bedürfnis der Herausgeber in der Bundesverwaltung entsprochen, welche einer kostenpflichtigen gedruckten Publikation eine elektronische Version zur Seite stellen wollen.

Im Weiteren ist im Öffentlichkeitsgesetz vom 17. Dezember
2004, (BGÖ; SR 152.3) Art. 17 Abs. 4 festgehalten: „Für die Abgabe von Berichten, Broschüren oder anderen Drucksachen und Informationsträgern kann in jedem Fall eine Gebühr erhoben werden“.

In der allgemeinen Gebührenverordnung vom 8. September 2004 (AllgGebV; SR 172.041.1) wird die Gebührenpflicht im Art. 2, Ziff. 1
für Dienstleistungen begründet: „Wer eine Verfügung veranlasst oder eine Dienstleistung beansprucht, hat eine Gebühr zu bezahlen“.

Mit diesen Erläuterungen fühlt man sich beim Bericht der „Die Schweiz 2030“ gleich mehrfach vor den Kopf gestossen.

  • Die Entscheidung diesen Bericht zu erstellen (und Kosten zu verursachen) lag alleine bei der Bundeskanzlei. Von einer durch BürgerInnen beanspruchten Dienstleistung, welche allenfalls eine Gebühr gemäss Verursacherprinzip rechtfertigen würde, kann insbesondere bei den Herstellungskosten der elektronischen Version, nicht gesprochen werden.
  • Alleine die Tatsache, dass die Bundeskanzlei es für sinnvoll hielt, eine Printausgabe zu erstellen, für welche eine Gebühr gerechtfertigt sein mag, begründet nicht, weshalb die elektronische Version ebenfalls kostenpflichtig sein soll. Die Kosten für das Hochladen und Hosting eines Berichts sind heute vernachlässigbar.

Fazit

Das Verbreitungsrecht zum Bericht „Die Schweiz 2030“ liegt nachwievor bei der Bundeskanzlei. Möchte sie wirklich die grösst mögliche Visibilität des Berichts erreichen, dann sollte sie diesen Bericht frei elektronisch zugänglich machen. Gemäss Gebührenverordnung Publikationen Art. 4 Abs. 3 obliegt ihr diese Kompetenz.

Die inhaltliche Verlagsarbeit von NZZ Libro wurde mit dem Gestaltungsauftrag von 37’000 Fr mehr als genügend abgegolten. Es ist unwahrscheinlich, dass diese initialen Kosten des Bundes, jemals durch die Erlöse des Verkaufs gedeckt werden. Schon gar nicht, wenn die Bundeskanzlei dem NZZ Libro Verlag in einem unverständlich grosszügigen Akt, nahezu sämtliche Gewinne aus dem Verkauf von 1000 vorfinanzierten Exemplaren überlässt.

Es wäre sinnvoller, wenn sich die Bundeskanzlei von den mitschwingenden Pseudo-Argument der Kostdeckung gemäss Verursacherprinzip gänzlich lossagen würde, und den Bericht elektronisch unter einer offenen CC-Lizenz zugänglich macht. 

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Publikationskosten für Closed-Access: Die verschwiegenen APCs

Wer „Article Processing Charge“ (APC) hört, denkt wahrscheinlich unweigerlich an Gold OA. In der Tat hat sich das APC-basierte Geschäftsmodell insbesondere bei den volumenstarken Gold OA Journals durchgesetzt und steht fälschlicherweise schon fast synonym zu Gold OA.

In der aktuellen Debatte über Vor- und Nachteile von APCs und der Transformation zu OA, wird häufig unterschlagen, dass in einigen Disziplinen bereits schon seit langer Zeit APCs in teils beachtlicher Höhe bezahlt werden. Diese haben aber NICHTS mit Open Access zu tun. Hier ein paar Beispiele aus der Praxis:

American Geophysical Union (AGU) – Wiley

Besonders aktiv im Geschäft mit solchen Non-OA Publication Charges ist die AGU die ihre Journals bei Wiley verlegt. Pro Closed-Access Artikel können gerne schon mal $4125 fällig werden:

Page Charge - Journal of Geopysical Research.jpg

Auf der Website schreibt AGU:

Authors in several AGU journals are asked to help support publication through payment of author fees. Publication fees vary by journal and were designed to keep institutional subscriptions affordable for these journals. Excess page fees are in addition to the standard journal fee.

Für seine Journals sind dann Publication Fees bis $1000 fällig. Dazu kommen dann „Excess Fees“ von je $125 pro Publication Unit.

Angewandete Chemie – Wiley

Beim Journal Angewandte Chemie, welches der Gesellschaft Deutscher Chemiker gehört und von Wiley verlegt wird, können auch mal schnell 1344€ fällig werden, wenn man dem Verlag eine gute Grafik zur Verwendung für das Cover zu Verfügung stellt und weitere 623€ wenn man in seinem Artikel Farbabbildungen verwendet:

Color Figures - Angewandte Chemie.jpg

Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEE)

IEEE verlangt gerne recht happige „Mandatory overlength page Charges“:

Overlength Charges - IEEE.jpg

Oder auch mal „Voluntary Page Charges“:

Voluntary Page Charges - IEEE.jpg

Diese kommen noch dem Print-Zeitalter. In einem Editorial von 1972 findet sich beispielsweise dieser Aufruf:

Voluntary Page Charges.jpeg

Der Betrag von $60 pro Seite hat sich inzwischen nahezu verdoppelt, wie der Auszug aus der Author Information der IEEE Signal Processing Society zeigt:

Upon acceptance of a manuscript for publication, the author(s) or his/her/their company or institution will be asked to pay a charge of $110 per page to cover part of the cost of publication of the first ten pages that comprise the standard length (two pages, in the case of Correspondences).

Optical Society of America (OSA)

Die OSA kennt Page Charges…

Page Charges OSA2.jpg

.. und auch Voluntary Fees:

Page Charges OSA.jpg

Die OSA schreibt dazu:

Voluntary page-charge contributions help defray the cost of editorial preparation and composition. These charges assist OSA in maintaining comparatively low subscription rates for OSA members and libraries, thus maximizing the dissemination of research results. Payment is neither an obligation nor a prerequisite for publication. In general, publication charges are regarded as an essential part of research budgets, since publication is the final process in a research project. As such, OSA asks authors to consider making voluntary contributions ($125 per page) in partial support of their research and to offset fundamental costs attached to its publication.

Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS)

Bei PNAS sind alle Artikel nach 6 Monaten frei auf der Journal Website zugänglich. Für eine klassische Subskriptionszeitschrift tönt das grosszügig. Zumindest wenn man nicht weiss, dass PNAS eben nicht nur Geld via Subskription einnimmt, sondern seinen AutorInnen auch standardmässig eine gesalzene Publikationsgebühr verrechnet:

PNAS Page Charges.jpg

1700$ sind es bei einem „Regular research article“. Bei einem „PNAS Plus article“ können es auch schon 2830$ sein. Dieser Preis kann sich dann noch erhöhen, wenn Color Figures oder Supplemental Information dazu kommen.

Kidney International – Elsevier

Auch bei Elsevier kennt man Page Charges, so z.B. beim Journal „Kidney International“ der International Society of Nephrology.

Page charges cover a proportion of the costs of processing and producing the article for publication. After final layout for publication, each page of an article will incur a fixed charge of US$165 per page.

Elsevier.jpg

SpringerNature

Im Journal „Nature Climate Change“ von SpringerNature kosten 5 Color Figures £1230.

SpringerNature

American Phyiscal Society (APS)

Auch Journals wie Physical Review Letters oder Physical Review B verlangen Author Fees:

Author Fees.jpg

Gemäss APS scheinen die Kosten offenbar (neu?) bei denen angewendet zu werden, welche das Manuskript nicht in einer akzeptablen Form einreichen:

To help defray editorial and production expenses, authors of manuscripts that are not submitted in acceptable electronic format are expected to pay a publication charge of $1585/article, $990/Rapid Communication, $360/Comment or Reply

FASEB Journal

Das Journal der Federation of American Societies for Experimental Biology verlangt $199 pro Seite, sowie $199 für Supplemental Units:

A supplemental unit is defined as one 8.5 x 11 inch page of text or figures with 1 inch margins using Times New Roman, Courier, Arial, Calibri, and/or Tahoma fonts at 9 points or larger. For multimedia files (i.e. audio or video), each file is considered one unit.

FASEB.jpg

Fazit

Diese Beispiele zeigen, dass bei diversen Journals AutorInnen schon heute beachtliche Kosten für ihre Artikel selber tragen müssen und die Publikation anschliessend nicht OA ist. Für UK schätzt Andrew Gray in der Publikation Considering Non-Open Access Publication Charges in the “Total Cost of Publication” (2015) diese Non-OA Publikationskosten auf etwa 2% der gesamten Subskriptionskosten.

Allerdings werden diese Kosten sinnvollerweise pro Journal betrachtet, wo sie natürlich einen grösseren Effekt haben. Möglicherweise ist auf dieser Ebene der Schritt zur vollständig Umstellung zu Gold OA mit APCs gar nicht mehr so weit.

Jüngst geschehen bei den Zeitschriften „Journal of Glaciology“ und „Annals of Glaciology“ der International Glaciological Society. Bis 2016 verlangte die Society entweder eine Hybrid APC von £2300 oder eine Page Charge von £90 bzw. £80 pro Seite. Seit 2016 sind beide Journals Gold OA mit einer APC von £1200 verlegt bei CUP.

Wenn AutorInnen schon zahlen sollen, dann bitte doch gleich für Gold OA. Das wäre einfach ehrlicher und transparenter.

Update 11.01.2017

Wie ich gerade bemerke hat AIP soeben bekannt gegeben auf Page Charges künftig zu verzichten:

The company’s decision followed an assessment of the global publishing landscape, which found that the charges represented potential barriers to some researchers, and no longer serve the AIP Publishing non-profit mission.