Nationallizenzen und Open Access passen nicht zusammen

Open Access in Holland. Nationallizenzen in der Schweiz. Die Prioritäten könnten unterschiedlicher nicht sein. Deutlich wurde dies anhand zweier Vorträge an den vergangenen Open Access Tage an der Universität Zürich. Zum einen die Präsentation des Bibliotheksdirektors von Leiden über die bemerkenswerten Entwicklungen in Holland, zum andern die Präsentation zum 10-Mio-CHF-Projekt Nationallizenzen in der Schweiz.

Niederlande

Kurt de Belder, UB-Direktor von Leiden präsentierte die Situation in den Niederlanden. Die konservative niederländische Regierung will ausgerechnet jenes, was das der neue ETH-Bibliotheksdirektor kürzlich als „sozialistische Träumerei“ bezeichnet hat, nämlich den totalen Umbau auf Open Access. 60% der niederländischen Forschung soll bis 2016 frei zugänglich sein. Bis 2024 gar 100%. Und dies ohne zusätzliche Mittel. Diese Rahmenbedingungen zwingen die niederländischen Universitäten und ihre Bibliotheken dazu sich ihrer Macht bewusst zu werden und den Grossverlagen Paroli zu bieten. Dies hat nun in den vergangenen Monaten zu wegweisenden „OA-Big-Deals“ mit Springer, Wiley, OUP und Sage geführt, welche es den niederländischen Autoren ermöglichen ohne oder mit minimalen zusätzlichen Kosten mit Hybrid OA in Journals dieser Verlage zu publizieren, währenddessen der Zugriff auf die noch nicht freien Inhalte dieser Verlage weiterhin gewährt bleibt. Sollte dieses niederländische Modell auch in anderen Ländern Schule machen, ist dies der Anfang des Ende des klassischen Subskriptionsmodells. Das weiss natürlich auch Elsevier und will die unmissverständliche Ansage der Holländer nicht akzeptieren. Doch die Holländer bleiben – gestärkt mit den Zielvorgaben der Regierung – standhaft und hatten im Juli nun schon das dritte Angebot von Elsevier den Bach runter geschickt. Kommt bis Ende Jahr kein Angebot von Elsevier, was die Transformation zu OA genügend berücksichtigt, wird Elsevier auf die bequemen Einnahmen über einen Big Deal in NL verzichten müssen und womöglich auch auf die Services (Gutachten und Editortätigkeiten) von niederländischen Forschern. Von der Vereinigung der niederländischen Universitäten (VSNU) wurde inzwischen auch eine PR-Agentur engagiert, um die Forschenden und die Öffentlichkeit über den Stand der Verhandlungen und möglichen Konsequenzen zu informieren.

Schweiz

Nun könnte man meinen, dass die Entwicklungen und auch effektiven Erfolge in den Niederlanden, dazu führen könnten, dass sich Schweizer Bibliotheken über den Hebel Konsortialverhandlungen ebenfalls für mehr OA einsetzen. Doch weit gefehlt. Anstatt OA verfolgt das Schweizer Konsortium zurzeit das 10-Millionen-CHF-Projekt „Nationallizenzen“ welches unter dem irreführenden Titel Zugriff auf alles und für alle – für immer“: Wie das Projekt „Nationallizenzen“ die Schweizerische Open-Access-Bewegung unterstützt an den OA Tagen präsentiert wurde. Doch mit OA hat das Projekt nun leider gar nichts zu tun. Ganz im Gegenteil. Durch die Priorisierung dieses Projekts wird die Transformation zu OA verhindert und hinausgeschoben. Dabei hätte es in der langen Vorgeschichte der Nationallizenzen mehr als genügend Hinweise und Möglichkeiten für einen dringend nötigen Kurswechsel gegeben.

Hintergrund Nationallizenzen

Als 2004 in Deutschland die DFG erstmals Sondermittel für den Erwerb von Nationallizenzen sprach, überlegte man sich in der Schweiz nachzuziehen. Zwar wurde früh erkannt, dass in der Schweiz die entsprechenden Rahmenbedingungen dafür nicht gegeben waren, dennoch blieb der Wunsch pendent und führte 2009 zur Studie „Nationallizenzen: Ausgangslage und Rahmenbedingungen in der Schweiz„. Darin skizzierten die Autoren drei Szenarien für die Einführung von Nationallizenzen für Archivbestände der Schweiz. Während sich die ersten zwei Szenarien mit dem Kauf als Nationallizenzen beschäftigten, wurde schon 2009 auch ein Weg ohne Nationallizenzen aufgezeigt:

Die Entscheidungsträger verzichten auf ein Projekt der Nationallizenzen. Das Konsortium lizenziert weiterhin gemäss bestehendem Leistungsauftrag und fokussiert sich zusätzlich auf den Ausbau seiner übrigen (wichtigen) Dienstleistungen für die Partner. Eine weitere Konzentration und Neuausrichtung gilt der international und national zunehmend stärker werdenden Open-Access-Bewegung.

Die Studie erkannte auch schon damals eine grundlegende Inkonsistenz zu Open Access, indem

Nationallizenzen, egal in welcher Form, vor allem auch die Stellung der etablierten grossen Verlage erheblich stärken und sogar festigen würden.

Nationallizenzen finden trotz deutlicher Kritik den Weg in nationales Förderprogramm

Nach der Studie von 2009 ohne klare Empfehlung war von den Nationallizenzen lange nichts mehr zu hören. Einzelne Schweizer Hochschulbibliotheken, welche den Wunsch und Geld für Backfiles hatten, kauften diese nun ohne Rücksicht auf eine künftige konsortiale Lizenzierung und das Thema schien erledigt zu sein. Doch aus mir unerklärlichen Gründen schafften es die Nationallizenzen in das 36 Mio. CHF Förderprogramm der Schweizer Universitäten: «Wissenschaftliche Information: Zugang, Verarbeitung und Speicherung». Wer genau diese Nationallizenzen so dringend will und dafür auf oberster Ebene lobbyiert ist mir allerdings bislang verborgen geblieben. In der Vernehmlassung zur Strategiesetzung des Programms, stiessen die Nationallizenzen wie kaum ein anderer Punkt auf deutliche Kritik:

  • Man gebe den ungeliebten Grossverlagen weitere Millionenbeträge, ohne spürbare Mehrwerte zu erhalten (z.B. intelligente Verbindung von Forschungsdaten mit Publikationen, entsprechende APIs, Open Access). Man verstehe den Charme der Nationallizenzen, nämlich mit wenig Risiko ein für viele nützliches neues Angebot zu schaffen. Allerdings sei die Vermittlung des Mehrwerts u.U. schwierig, dem Marketing sei Beachtung zu schenken, sonst merke die Community nichts vom Zusatznutzen. Aus Diskussionen mit Bibliotheksleitungen gehe ausserdem hervor, dass nicht klar sei, welche Kreise wirklich von den Nationallizenzen profitieren würden. Der Auswahl der Inhalte unter Berücksichtigung der Zielgruppen sei grosses Gewicht beizumessen, ebenso der Regelung des Zugriffs auf die lizenzierten Inhalte über Authentifizierungsmethoden (Switch AAI für Bibliotheksnutzer) und der Verhandlung der Lizenzen. (StratGroup EP)
  • Bei Publikationen seien viele Investitionen bereits getätigt worden, das Geld solle besser in die Interoperabilität von Repositorien anstatt in Verlage/Lizenzen investiert werden. (SystemsX)
  • Zuviel für digitale Publikationen und ein Lizenzmodell, von dem man sich verabschieden möchte (ASIUS EPFL)
  • Was der nationale Dienst bei der Verwendung von fast 2/3 der Gelder für die Beschaffung von Lizenzen sei? Diese Kosten sollten wie Software-Lizenzen den Hochschulen verrechnet werden, es seien Betriebskosten, keine Projektkosten. (KFH-FID, fast identisch: SWITCH)
  • Falls dies Lizenzen beinhaltet: besser aus dem Programm ausschliessen, damit Platz für echte Projekte bleibt (SystemsX)
  • Sollte P-2 beabsichtigen, sich auf den Kauf von Lizenzen zu konzentrieren und Grossverlage zu unterstützen, wäre es nötig, für die Förderung von eScience-Infrastruktur ein separates Programm aufzuziehen. (StratGroup DM)

Der Lenkungsauschuss des Programms, nahm auf die Kritik der Vernehmlassung nur oberflächlich Stellung:

Ein breiterer Zugang zu Verlagspublikationen durch Nationallizenzen sind ein langjähriges Desiderat der Hochschulbibliotheken und im Ausland zum Teil bereits umgesetzt. Der Lenkungsausschuss hält fest, dass die Bewilligung entsprechender Investitionen von einem überzeugenden Projektantrag des Konsortiums der Schweizer Hochschulbibliotheken abhängig ist. Die Stellungnahmen zeigen die Erwartungen, die mit einem solchen Antrag verbunden sind, deutlich. Sie sind bei der Evaluation mit zu berücksichtigen.

Die Nationallizenzen behielten ihren vorbelegten Platz im Programm und das Konsortium schrieb pro forma einen Projektantrag.

2.6 Mio CHF bereits bewilligt – weitere 7.6 Mio. CHF reserviert

Am 8. Dezember 2014 wurde durch den Lenkungsauschuss der Antrag im Umfang von 2.57 Mio CHF gutgeheissen, wobei gleich weitere 7.6 Mio CHF für Verlags-Produkte reserviert wurden. Das Projekt läuft bis Ende 2016. Lizenzabschlüsse, welche einzeln noch abgenickt werden müssen, sind auch nach 2016 möglich. Im Juni 2015 wurde nun erstmals etwas ausführlicher über den Projektinhalt informiert.

Wunschliste für Nationallizenzen

Auf der Wunschliste für Nationallizenzen stehen ganz offensichtlich die Archive aller grosser Closed-Access Verlagen:

Wunschliste - Schweizer NationallizenzenNun wie ist diese Auswahl zustande gekommen? Ganz einfach, es wurden im Jahr 2013 die Bibliotheken gefragt, was sie denn gerne national lizenzieren möchten. Von den damaligen Top 30 Antworten wurde dann später die Auswahl auf 18 Produkte reduziert.

Man muss also klar festhalten, dass die zu betrachtende Inhalte nicht einem realen Bedürfnis von Forschenden entstammen, sondern primär eine Wunschliste von Bibliotheken darstellt, was sie gerne hätten, ohne selber dafür zahlen zu müssen.

Falsche Priorisierung

Meine hauptsächliche Kritik an den Nationallizenzen ist die falsche Priorisierung innerhalb des Konsortiums und innerhalb des Förderprogramms P2. Das vordringliche Problem des Zugangs von aktuellen Publikationen ist nachwievor nicht gelöst und wird mit den Nationallizenzen weiterhin nicht gelöst. Im Gegenteil, indem man gerade den Verlagen, welche sich schon bei aktuellen Inhalte gegen OA stellen, noch mit dem zusätzlichen Kauf von Archiven belohnt, stärkt man tatsächlich nur das bestehende defekte System, während letztlich genau dieses Geld bei der Entwicklung von Alternativen fehlt.

Wie wir nun am Beispiel Niederlande sehen, kann über gute Konsortialverhandlungen Gold OA kostenneutral bei traditionellen Subskriptionsverlagen erreicht werden. Was aktuell in NL aber auch AT und UK umgesetzt wird, und der ausländischen Forschung grössere Sichtbarkeit garantiert, ist dabei auch für die Schweiz keine neue Idee. Die Schweizer OA-Gruppe hatte Ende 2012 bereits das Anliegen zur Verrechnung von Subskriptions- und Hybridmodellen an die KUB und somit an den Lenkungsausschuss des Schweizer Konsortiums angebracht. Der Lenkungsauschuss sprach sich in Folge auch dafür aus, sah jedoch den Abklärungsaufwand als zu gross, als das sich die Geschäftstelle des Konsortiums unmittelbar darum kümmern konnte. Diesselbe Einschränkung galt später offenbar nicht für die Nationallizenzen. Hier nahm sich das Konsortium Zeit um einen Projektantrag auszuarbeiten, so dass heute beim Konsortium dedizierte Stellen für Nationallizenzen vorhanden sind, während OA bei den Verhandlungen weiterhin marginalisiert wird.

Und diese problematische Priorisierung wird langsam aber sicher offensichtlich. In der Schweiz steht aktuell eine Erneuerung des konsortialen Big-Deal mit Wiley an und es zeichnet sich bereits ab, dass man aufgrund der mangelnden Vorbereitung weit davon entfernt ist, einen ähnlich guten Deal wie in NL zu erreichen. Möchte man Wiley hinsichtlich OA-Publikationsmöglichkeiten für Schweizer Autoren etwas abringen, braucht es dazu einiges an Koordination, welche das Konsortium in der aktuellen strategischen Ausrichtung nicht leisten kann. Als Konsequenz davon verliert die Schweizer Forschung im Vergleich zum Ausland an Sichtbarkeit.

Bedürfnisse der Forschenden werden ignoriert

Störend an den Nationallizenzen ist auch die Ansicht, dass es wichtiger sei, den Schweizer Forschenden Zugang zu Archiven von Closed-Access-Verlagen zu kaufen, als endlich dafür zu sorgen, dass Forschenden auch in kostenpflichtigen OA Journals publizieren können. Denn anders als häufig behauptet, wären die Forschenden durchaus für OA zu haben. In der SOAP-Studie beurteilten 89% von 38’000 angefragten Wissenschaftler OA als sinnvoll für ihre Disziplin. Auch wissen wir aus dieser Studie, dass das fehlende Funding, neben dem Fehlen guter Journals, der zweit meist genannte Grund ist, warum nicht OA publiziert wird.

Zum Glück für OA ist die Schweiz ein so reiches Land, so dass sich Gold OA auch trotz fehlendem OA-Funding an Schweizer Bibliotheken durchsetzt. Dies sieht man sehr gut an den Zahlen des Verlags PLOS. 2014 wurden dort 469 Artikel mit einem Schweizer Corresponding Author publiziert, dies obschon nur die ETHZ, EAWAG und EMPA sowie der SNF und die Krebsliga eine explizite Kostenübernahme der APCs vorsehen. Die Zahlen belegen, dass OA für Schweizer Forschende sogar so wichtig ist, dass sie dafür zu zahlen bereit sind, selbst wenn nur begrenztes institutionelles OA-Funding vorhanden ist. D.h. aber auch, würden die Bibliotheken mehr oder schon überhaupt Geld für OA Funding bereitstellen, könnte der Wechsel zu (Gold) OA stark beschleunigt werden.

Nutzen und Nutzung von Nationallizenzen wird überschätzt

Aus der Praxis ist bekannt, dass bei einem „Big Deal“ jeweils nur ein Drittel der lizenzierten Inhalte wirklicht gut genutzt wird. Durch das perfid gestaltete Preismodell der Verlage, sowie dem Komfort für die Verwaltung der Zeitschriften, tendieren Bibliotheken mit genügend Geld jeweils trotzdem zum Abschluss eines Big Deals, wobei zwei Drittel Journals  keinen oder wenig Wert für ihre Kundschaft haben. Wenn die Nutzung bei aktuellen Inhalten schon nur ein Drittel ausmacht, so dürfte die Nutzung von Archivbeständen (also Jahrgänge vor ca. 1995) noch kleiner ausfallen. Insbesondere im STM-Bereich (mit Ausnahme vielleicht von Mathematik) gilt das Interesse der Forschenden hauptsächlich neueren Inhalten.

Print bereits vorhanden

Um das vielleicht zu illustrieren, schauen wir uns als Beispiel die Referenzen des im OA-Journal eLife erschienen Papers zum Homo naledi an. Von insgesamt 71 bibliografischen Rereferenzen sind nur 13 von vor 1995. Und – ich habe es kurz nachgeschaut – alle Inhalte dieser 13 Referenzen sind in irgendeiner Bibliothek in der Schweiz bereits in Printform vorhanden. Durch den Erwerb von Nationallizenzen würde also lediglich der Komfort beim Zugriff (direkt beim Verlag, anstatt Anfordern eines Scans bei einer Bibliothek) von sieben Referenzen verbessert. Auch darf man nicht vergessen, dass in der Deutschschweiz gerade eine kooperative Speicherbibliothek gebaut wird, Dadurch dürfte der Zugriff auf ältere Printbestände wohl künftig auch noch etwas verbessert und effizienter erfolgen.

Rechtlich problematisch

Wenn man über digitalisierte Journal- und Bücherarchive spricht, muss man sich auch die Frage stellen, ob die Verlage, von denen man den Zugriff auf die Digitalisate kaufen möchte, tatsächlich die gültigen Rechteinhaber sind.

Als ich an einer Veranstaltung des Konsortiums zum Thema Nationallizenzen vor zwei Jahren die Frage stellte, wie die Verlage mit Public Domain in „ihren“ Archiven umgehen, schauten mich alle anwesenden Verlagsvertreter verständnislos an. Die Vertreterinnen von De Gruyter wussten offensichtlich nicht was Public Domain ist. Der ebenfalls ahnunglose Herr von Taylor & Francis, holte sich bei Gelegenheit telefonisch Rat bei seinen Juristen, nur um später dem auch etwas verwunderten Publikum mitzuteilen, dass sich bei T&F das Urheberrecht jeweils „erneuere“ (was natürlich Quatsch ist). Der Vertreter von Wiley schloss sogar kategorisch aus, dass es sowas wie Public Domain überhaupt gibt!

Und in der Tat kümmern sich viele Verlage einen Deut um Public Domain. Wiley verkauft z.B. mit dem Archiv der Annalen der Physik (1799-heute) tatsächlich Inhalte der Public Domain.

Public Domain Artikel

Dieser Artikel von 1834 des Autoren Faraday (1791-1867) is public Domain, wird aber von Wiley-VCH verkauft und gar mit einem Copyright-Zeichen versehen.

Und dies ist nicht nur fragwürdig, sondern stellt m.E. in der Schweiz gar den Tatbestand absichtlicher Täuschung und ungerechtfertigter Bereicherung dar (Siehe Frage 11 der FAQ zu Public Domain des IGE).

Inwiefern die Thematik „Public Domain“ im aktuellen Projekt berücksichtigt wird, ist mir nicht bekannt. Es würde mich jedoch nicht überraschen, wenn dies einmal mehr als marginales Detail vollständig ignoriert wird. Schon bei JSTOR blieben die bezahlenden Schweizer Bibliotheken stumm und setzten sich nicht für mehr Offenheit ein. Es brauchte erst die tragischen Ereignisse um Aaron Swartz bis JSTOR seine verwerfliche Praxis änderte. Auch wird innerhalb des aktuellen Nationallizenzen-Projektes weiterhin eine Archivierung mittels Portico angestrebt, obwohl Portico – und dem Konsortium und dessen Lenkungsauschuss ist dies seit Längerem bekannt – Inhalte die unter einer Creative Commons Lizenz stehen, bewusst hinter einer Paywall versteckt (siehe z.B.: http://doi.org/cdx9q9) und so den Zugang zu Publikationen verhindert.

Alternative: Eigene Digitalisierung – tatsächlich für alle

Der Wunsch auf ältere wissenschaftliche Inhalte digital zuzugreifen ist verständlich. Doch hierzu braucht die Schweiz nicht noch einmal mit öffentlichen Steuergeldern das ausbeuterische Geschäftsmodell der Grossverlage zu unterstützen. Bibliotheken können ihre Archive – mindestens im immer grösser werdenden Bereich des Public Domain – selber digitalisieren und frei zugänglich zu machen. Und zum Glück geschieht dies ja auch. Nehmen wir nochmals die Annalen der Physik. Hier sind sind durch die Digitalisierungsleistungen verschiedener Bibliotheken die Jahrgänge 1799-1943 öffentlich zugänglich. In der Schweiz gibt es retro.seals.ch, wo Zeitschriften häufig mit Zustimmung der Verlage und Herausgeber bis weit in die Gegenwart vollständig digitalisiert und frei zugänglich gemacht werden.

Problembereich – Zwischen Public Domain und Open Access

Ich will nicht unterschlagen, dass das Projekt Nationallizenzen mitunter einen Bereich addressiert, wo es tatsächlich Probleme gibt. Für die Vergangenheit haben wir Public Domain, für die Zukunft Open Access. Doch dazwischen haben wir eine Zeitspanne, die den Bibliotheken noch lange Sorgen bereiten wird, da hier die Verbreitungsrechte primär beim Verlag liegen.

Doch auch hier stellt sich die Frage inwiefern es sinnvoll ist, dass jedes Land zu den Verlagen hingeht und einzelne Deals für Archivzugänge abschliesst? Wäre es nicht schlauer und der Wissenschaft zuträglicher, wenn ein weltweites Bibliothekskollektiv z.B. auf Wiley zugeht und gemeinsam eine Lösung sucht, wie z.B. die Jahrgänge Annalen der Physik von 1944 bis heute der ganzen Welt im Sinne von OA zugänglich macht?

Fazit

Nationallizenen sind ein extrem teures „Nice to have“, welches an den echten Bedürfnissen der Schweizer Forschenden vorbei zielt. Zum einen ist das Interesse an älterer Forschung grundsätzlich geringer als Bibliotheken annehmen oder zuzugeben bereit sind, zum anderen kann dieses geringe Bedürfnis ebenfalls über die vorhanden Print-Bestände der Schweizer Bibliotheken, oder allenfalls Fernleihe gedeckt werden.

Die Priorisierung der Nationallizenzen auf der Agenda des Konsortiums und im P2-Programms von swissuniversites ist ein strategischer Fauxpas. Schon 2009 war klar, dass Nationallizenzen im Widerspruch mit OA stehen und letztlich nichts zur Vision der Berliner Erklärung, welche übrigens bereits 2006 durch die damalige Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten unterzeichnet worden war, beitragen werden.

Beim Konsortium führt der Fokus Nationallizenzen dazu, dass OA in den aktuellen Verhandlungen mit den Grossverlagen vernachlässigt wird. Wie ich bereits andererorts geschrieben habe, hätten Bibliotheks-Konsortien von ihrer Positionierung eigentlich eine ideale Ausgangslage OA voranzutreiben. Doch leider ist davon in der Schweiz nichts spürbar.

Im SUK P2-Programm führt die nicht nachvollziehbare Bevorzugung der Nationallizenzen dazu, dass sich potentielle Antragsteller aufgrund des unklaren Profils von P2 zurückhalten, so dass dem Programm bis heute Eingaben in Strategiefeldern von OA fehlen.

Eigentlich wäre es jetzt an der Zeit sich einzugestehen, dass man sich mit den Nationallizenzen in eine Sackgasse manövriert hat. Bevor man weitergeht und zusätzliche 10. Mio CHF öffentliche Steuergelder in ein defektes System wirft, sollten endlich die Hausaufgaben gemacht werden und dafür gesorgt werden, dass das was heute von Schweizer Forschenden publiziert wird, frei zugänglich ist.

Zahlungen der ETH Zürich an Elsevier, Springer und Wiley nun öffentlich.

Was bezahlt die ETH Bibliothek an Elsevier, Springer und Wiley? Die Antwort auf diese einfache Frage liegt nun nach gut 14 Monaten und einem Entscheid der ersten Rekursinstanz (EDÖB) vor. Werfen wir nun also einen Blick in diese nun erstmals öffentlich zugänglichen Daten (auch als XLSX). Die ETH-Bibliothek schlüsselte die Ausgaben wie von mir gewünscht in Datenbanken, E-Books und Zeitschriften auf.

Interessanter Fakt: Alleine die Ausgaben für Zeitschriften, E-Books und Datenbanken an die drei Verlage Elsevier, Wiley und Springer betragen zusammen 7.78 Mio. CHF und machen somit fast die Hälfte des gesamten Erwerbungsbudget der ETH-Bibliothek (17.75 Mio CHF) aus. Ja, die Konzentration im wissenschaftlichen Publikationswesen findet statt.

Ausgaben für Zeitschriften

Konzentrieren wir uns nachfolgend auf die Zeitschriften.

Gleich vorweg, mit der aktuell vorliegenden Granularität lassen sich keine exakte Analysen oder Vergleiche machen. Dazu fehlen Informationen über die konkreten Bedingungen: Anzahl Journals, Historical Spendings und Holdings, Vertragslaufzeit, Kauf oder Miete etc. Auch zu berücksichtigen sind die starken Kursschwankungen zwischen CHF und USD/EUR in den letzten Jahren. Dennoch kann man einige interessante grobe Beobachtungen festhalten.

  • Die effektiven Ausgaben an die klassischen Subskriptionsverlage Elsevier und Wiley sind in den letzten Jahren weiter massiv gewachsen (Mehr Open Access möchte man, mehr Closed Access bezahlt man).
  • Mit 3.55 Mio CHF Ausgaben für Elsevier Zeitschriften im Jahre 2014, toppt die ETH alle britischen Universitäten. Das University College London gab 2014 den grössten Betrag von ca. 2.5 Mio CHF (£1’657’434) für Elsevier Zeitschriften aus. Oxford sogar „nur“ ca. 1.5 Mio. CHF (£990’774).
  • Auch im Vergleich zu amerikanischen Universitäten liegen die Ausgaben der ETH an Elsevier im Spitzenbereich. Cornell bezahlte im Jahr 2013 ca. 2.4 Mio (USD 2’468’244). Das MIT beziffert in seinem Elsevier Factsheet seine Ausgaben auf über 2 Mio USD, wobei das MIT – wie in den USA üblich – nicht alle Journals von Elsevier abonniert hat.
  • Gemäss ETH-Jahresbericht 2014 sind an der ETH gut 7000 Personalstellen mit Lehre und Forschung beschäftigt. D.h. pro wissenschaftlicher Stelle kostet der Elsevier Zugang gute 500 CHF. Natürlich verflacht sich diese Zahl wenn man noch die 18616 Studierenden dazuzählt, aber das ist ja bekanntlich nicht Hauptnutzungsgruppe von Zeitschriften.

Abgesehen davon, lohnt es sich meines Erachtens auch gar nicht, sich zu lange mit der heutigen Situation abzugeben. Denn wie die Ökonomen Bergstrom et al. in ihrem PNAS-Paper über die Preise von US-Universitäten aufzeigen, bezahlen Bibliotheken heute Fantasie-Preise, die sich nicht auf reale und vergleichbare Indikatoren zurückführen lassen:

The contracts that we have seen show remarkable institution-specific price variations that cannot be explained by university characteristics such as enrollment and PhD production. Some institutions have been quite successful in bargaining for lower prices, whereas others may not have been aware that better bargains can be reached. Perhaps this variation explains publishers’ desire to keep contract terms confidential.

Viel interessanter ist die Frage, inwiefern das Geld für einen Wechsel zu Gold OA ausreicht. AutorInnen der Max Planck Digital Library kamen kürzlich zum Schluss, dass zumindest für DE, FR und UK genug Geld im Subskriptionssystem vorhanden sei, um einen sofortigen Wechsel auf ein mehrheitlich APC-finanziertes System ohne zusätzlichen Kosten zu bewerkstelligen. Mit den nun öffentlichen Daten der ETH Zürich, lässt sich dies zumindest für die grösste technische Bibliothek der Schweiz auch nachvollziehen und bestätigen.

Die ETH ist auch Lieferant an die Verlage

Die ETH ist eine forschungsintensive Hochschule, welche gegenüber Elsevier nicht nur als Käufer, sondern auch als Lieferant von wissenschaftlichen Texten auftritt. Wenn man auf Sciencedirect, der Plattform von Elsevier nach wissenschaftlichen Artikel mit AutorInnen der ETHZ sucht findet man für das Jahr 2014 1260 Zeitschriftenartikel (Stand: 30.8.2015):

1260 Articles in Sciencedirect from ETH-AutorInnenSucht man in der ETH-Hochschulbibliografie e-Citations nach Artikel mit Publisher=Elsevier im Jahre 2014 kommt man auf 1374 Artikel. D.h. wenn wir von 1400 Artikel pro Jahr bei Elsevier ausgehen, liegen wir im sicheren Bereich.

Was dies bei einer Umstellung auf ein APC-basiertes Modell bedeuten würde

So lässt sich bereits mal grob ausrechnen, was es kosten würde, müssten ETH-Autoren neu für das Publizieren mit Hybrid/Gold OA APCs bezahlen. Gehen wir also mal von den berühmt-berüchtigten $3000 als Standard-APC aus und rechnen wir überschlagsmässig:

Elsevier: 1400 Artikel * 3000 CHF = 4.2 Mio CHF

Bei den gegenwärtigen Subskriptionskosten (3.5 Mio CHF) müsste die ETH bei einer Umstellung auf ein APC-Businessmodell ca. 700k CHF draufzahlen.

Nun ist aber zu berücksichtigen, dass die beiden Faktoren in Realität wesentlich kleiner sein werden.

  1. Elsevier hat sich bezüglich Gold OA, aber auch bei Hybrid länger als andere Verlage zurückgehalten und hat sehr spät ein dynamisches APC-Modell eingeführt. Je Journal gilt eine andere APC. Ohne es überprüft zu haben, gehe ich davon aus, dass bei Journals mit höheren Impact Faktoren auch der Preis höher ist. Nimmt man die aktuelle APC-Liste und fügt noch die teuren Cell-Press Journals dazu (APC von je $5000) kommt man bei Elsevier auf eine durchschnittliche APC von $2334. Für die ETH ist dieser Wert jedoch zu tief, da ETH-Wissenschaftler eher in den teureren Zeitschriften publizieren. Dies zeigt eine Verknüpfung der 1260 gefunden Artikel in Sciencedirect mit den aktuell gültigen APCs. Beim aktuellen Publikationsverhalten von ETH-Wissenschaftlern und der momentanen Preissetzung durch Elsevier ist ein APC Durchschnitt von $2700 (~CHF 2600) realistischer.
  2. Nicht bei allen Artikel bei dem ein ETH-Wissenschaftler als Autor aufgeführt ist, müsste die ETH die APC bezahlen. Bei Papers mit mehreren internationalen Autoren würde ja zuweilen auch die Publikationskosten über eine andere Institution oder Förderorganisation abgerechnet werden. Hier könnte man sich die Mühe machen und bei den Artikeln jeweils schauen, ob der Corresponding Author (denn dieser zahlt meistens) von der ETH kommt oder nicht. Aus Zeitgründen verzichte ich jedoch darauf und verweise auf die Erfahrungswerte der Max Planck Digital Library:

    Our robust formula is that we [Max Planck Digital Library] expect our authors’ papers to generate invoices for between 50% and 60% of the total number of papers (in fact, for some publishers we observe shares of corresponding author papers even as low as 40%). Already we feel confident enough to base further cost projections on this value.

    Das heisst, wenn wir auch hier vorsichtig rechnen, gehen wir davon aus, dass die ETH bei einem Wechsel auf ein APC finanziertes Model von ihren 1400 Papers bei Elsevier 60%, also 840 Papers selber bezahlen müsste.

Das heisst die viel realistischere, aber dennoch vorsichtige Schätzung wäre:

Elsevier: 840 Artikel * 2600 CHF = 2.2 Mio CHF
(Subskriptionskosten 2014: 3.5 Mio CHF)

Somit wird auch schnell offensichtlich, dass eine Umstellung auf ein APC-fianziertes Geschäftsmodell zumindest bei Elsevier durch die ETH absolut tragbar und gar günstiger (-1 Mio CHF) wäre. (Vorausgesetzt die 3.5 Mio CHF sind tatsächlich regelmässige Subkriptionskosten und nicht Einmalkäufe!).

Auch bei Springer und Wiley würde das bisherige Geld locker ausreichen

Nun die gleiche Rechnung für Springer und Wiley. In e-Citations finden sich für das Jahr 2014 576 Artikel von Springer und 736 Artikel von Wiley.

Gehen wir wieder von den 60% zu zahlenden APCs aus und vereinfachen die Sache, indem wir bei beiden Verlagen von einer durchschnittlichen APC von 3000 CHF ausgehen. Zurzeit sind die Hybrid-APC von Springer und Wiley $3000, obwohl beide Verlage mit ihren Open Access Programmen ebenfalls pro Journal unterschiedliche APC-Rates haben, die im Falle z.B. von BMC einiges unter $3000 liegen. Bei Interesse am APC Markt empfehle ich den Report von Björk und Solomon (2014).

Springer: 350 Artikel * 3000 CHF = 1.1 Mio CHF
(Subskriptionskosten 2014: 1.3 Mio.)
Wiley: 450 Artikel * 3000 CHF = 1.4 Mio CHF
(Subskriptionskosten: 2014: 1.6 Mio.)

Somit zeigt sich auch hier, dass das Geld, welches aktuell über Subskriptionen über die ETH-Bibliothek an Springer und Wiley geht, ausreichend ist, um eine sofortige Transformation hin zum Open Access Publizieren bei diesen Verlagen zu finanzieren.

Fazit

Open Access ist, wie vom ehemaligen ETH-Bibliotheksdirektor beschrieben, ein wünschenswertes wissenschaftliches und politisches Ziel. Mir ist es allerdings ein Rätsel warum sich die ETH-Bibliothek mit ihrem Anspruch die Leading Library in der Schweiz zu sein, sich nicht mehr im Interesse der Wissenschaft für Open Access einsetzt? An zuwenig Geld liegt es ganz offensichtlich nicht. Vielleicht an zuviel?

Warum nimmt eine ETH Zürich die Verlage nicht beisseite und sagt bestimmt :

Wir sind einer eurer Top-Kunden, und wohl auch einer eurer Top-Lieferanten. Kommt, lasst unserer ETH-Autoren bei euch Gold/Hybrid OA publizieren und wir verrechnen dass dann mit den Subskriptionen. Wir wären sogar bereit 10-20% Prozent mehr als jetzt zu bezahlen, letztlich akzeptieren wir ja eure Preiserhöhungen ja sowieso.

Sicher, Verlage haben wenig Interesse diesen Weg zu gehen, solange der Druck nicht gross genug ist. Dass man aber diesen Druck aufbauen muss und kann, zeigen die Niederländer, die mit Springer einen wegweisenden Deal erreicht haben, von dem man liest, nur 7% teurer (=200’000 EUR) zu sein, als was bisher jährlich bezahlt wurde. Neben Zugang zu SpringerLink können niederländische Autoren seit Anfang 2015 ohne zusätzliche Kosten Gold/Hybrid Open Access publizieren. Ein immenser Vorteil, den ETH-Autoren trotz stetig wachsender öffentlicher Unterstützung nachwievor nicht haben und auch nicht haben werden, solange die ETH-Bibliothek nicht endlich aus ihrer Lethargie erwacht und sich aktiver für Open Access einsetzt.

 

Universität Leipzig bricht Verhandlungen mit Elsevier ab

Universität Leipzig:

In der Pressemeldung äussert sich Rektorin Beate Schücking wiefolgt:

Wir sahen uns zum wiederholten Male damit konfrontiert, dass eine Reduzierung des Angebots mit einer deutlichen Preissteigerung einhergehen sollte. Dieser aggressiven Preispolitik können und wollen wir nicht mehr folgen. Und unsere Bereitschaft, über alternative Lizenzmodelle ins Gespräch zu kommen, stieß nicht auf positive Resonanz. Wir sehen nunmehr keine andere Möglichkeit als den Abbruch der Verhandlungen.

Update 17.02.2015

Der Direktor der UB Leipzig hat sich in der FAZ zur Abbestellung des Elsevier-Deals geäussert. Bemerkenswert ist folgende Aussage auf die Frage wie Leipziger Wissenschaftler nach der Abbestellung aller Elsevier Journals an die Inhalte kommen:

Wir müssen tatsächlich über Dokumentenlieferdienste operieren, die einzelne Aufsätze beschaffen. Das ist umständlicher, für uns aber momentan preiswerter.

Crowdfunding für mehr Transparenz bei Bibliotheken

Vor gut einem halben Jahr habe ich Schweizer Bibliotheken die einfache Frage gestellt, wieviel sie an die Verlage Elsevier, Springer und Wiley bezahlen. Die mehrheitlich ablehnenden Antworten der Bibliotheken habe ich im Oktober in diesem Beitrag bekannt gemacht, der den Klickzahlen zu Folge auf enormes Interesse stiess. In der Zwischenzeit habe ich bei verschiedenen Hochschulen die mir zu Verfügungen stehenden Rechtsmittel in Anspruch genommen um die Ablehungen zur Akteneinsicht von einem unabhängigen Gremium überprüfen zu lassen. Im Kanton Genf ist dies durch den Genfer Datenschutz und Öffentlichkeitsbefauftragten erfolgt, welcher zum Schluss kommt, die Universität Genf solle die Zahlen herausgeben. Leider folgte die Universität Genf dieser Empfehlung nicht. Der Rektor stellte zwar in Aussicht, dass man bei den nächsten Verhandlungen, das Transparenzgebot berücksichtigen werde, blieb aber auf dem Standpunkt, dass die unterzeichnete Vertraulichkeitsklauseln eingehalten werden müssen. Da mir immer noch keine vernünftige Begründung geliefert wurde, warum aber an erster Stelle Vertraulichkeitsklauseln unterzeichnet worden sind, werde ich diesen Entscheid vor dem Genfer Verwaltungsgericht anfechten und suche dazu nun Unterstützung für Anwaltskosten.

wemakeit_supportUpdate 17.02.2015

Update 20.09.2015

Springer und Nature sollen fusioniert werden

Das Investorenkarusell hat sich mal wieder gedreht. Springer SBM soll mit Geschäftssparten von Macmillan Science and Education im Besitz der Holtzbrinck Publishing Group fusioniert werden, sofern die Aufsichtsorgane die Zustimmung für diese Fusion erteilen.

Holtzbrinck Publishing Group

Die ursprünglich von Georg von Holtzbrinck gegründete Gruppe besteht aus den Geschäftsbereichen: Geschäftsfelder “Macmillan Science and Education” (Wissenschaft und Bildung), “Macmillan Publishers” (Belletristik und Sachbuch) sowie “Holtzbrinck Digital, Information & Services” (Internetunternehmen, Nachrichtenmedien und Dienstleistungen).

Der für den Merger einzig relevante Bereich Macmillan Science und Education setzt sich mehrheitlich aus dem ursprünglich wissenschaftlichen Teil von Macmillan zusammen. Macmillian, zu dem auch die Nature Publishing Group gehört, wurde 1995 von Holtzbrinck gekauft:
Auftteilung Macmillan Science and Education

Auftteilung Macmillan Science and Education

Von dem Merger ausgenommen bleiben Untergruppen wie z.B. Digital Science zu der eine grosse Anzahl Startups gehört wie z.B. Figshare, Readcube oder Altmetric. Ausgenommen ist  auch der OA Verlag Frontiers, mit dem Macmillian 2013 auch ein Joint Venture eingegangen ist.

BC Partners

Im Jahre 2013 haben BC Partners Springer SBM von EQT Partnerns AB und der Government of Singapore Investment Corporation für für 3.3 Milliarden Euro übernommen. Für den kommenden „Merger“ ist der ganze Springer Konzern vorgesehen.

BC Partners nennt sich auf seiner Website ein international führendens Private Equity-Haus. Der Fokus liegt auf attraktiven Investitionsmöglichkeiten mit einem ausgewogenen Chancen- und Risikoprofil für die Investoren. Aktuell berät BC Partners Fonds mit einem Gesamtvolumen von 12 Milliarden Euro.

Motivation könnte Stabilität und Aussichten für einen Börsengang sein

In der FAZ äussert sich Ewald Walgenbach von BC Partners dahingehend, dass sich seine Privat-Equity-Gesellschaft in drei bis vier Jahren zurückziehen möchte und dabei einen Börsengang als mögliches (lohnendes) Exit-Szenario sieht. Danach könnte Holtzbrinck als Mehrheitsgesellschafter und Ankeraktionär verbleiben. Bereits jetzt wird Holtzbrinck 53% des fusionierten Verlags besitzen, so dass man wohl besser von einem Teil-Aufkauf anstatt einem „Merger“ sprechen muss.

Vermutlich dürfte der Zusammenschluss mit Holtzbrinck Springer für einen Börsengang attraktiver machen.

Neuer Megaverlag: Springer und MacMillan

Bundesgericht hält Versand von Zeitschriftenartikeln durch Bibliotheken für zulässig

Das Schweizer Bundesgericht hat entschieden: Bibliotheken dürfen auf Bestellung einzelne Aufsätze aus wissenschaftlichen Zeitschriften einscannen und per E-Mail an berechtigte Benutzer verschicken. Der von der ETH Zürich betriebene Dokumentenlieferdienst ist mit dem Urheberrecht vereinbar. Das Bundesgericht hebt das Urteil des Zürcher Handelsgerichts auf und weist die Klage von Elsevier, Springer und Thieme ab.

Erlaubte Herstellung beinhaltet auch Versand

Während das Zürcher Handelsgericht zwar der ETH-Bibliothek zubilligte Kopien/Scans für den Eigengebrauch herzustellen, hielt es jedoch den Versand als unzulässig. Dieser Auffassung konnte das Bundesgericht nicht folgen. Wenn ein Benutzer in der Bibliothek berechtigt ist eine Kopie für den Eigengebrauch anzufertigen, dann darf die Bibliothek dies auch auf aktives Nachfragen für den Benutzer tun. Allerdings dürfen Bibliotheken nicht auf Vorrat scannen, ansonsten tatsächlich die Dienstleistung der Verlage kopiert würde.
Auch anerkennt das Bundesgericht, dass die Interessen der Verlage (denen mit einem Verbotsrecht des Dokumentlieferdienstes zweifelsohne am Besten gedient ist) und der Autoren nicht notwendigerweise deckungsgleich sind, wie von den Verlagen mal wieder frech behauptet. Eine Beeinträchtigung legitimer Interessen der Autoren sei durch das Betreiben eines Dokumentlieferdienst durch eine Bibliothek nicht auszumachen.

Gratulation!

Mit diesem Entscheid geht nun eine grosse Verunsicherung in der Schweizer Bibliothekslandschaft zu Ende. Entsprechend kann ich mich dem (Eigen)Lob der ETH  anschliessen, welche inzwischen in einer Pressemeldung verlautbaren liess:

Somit lässt sich an dieser Stelle festhalten, dass im vorliegenden Fall die Interessen von Wissenschaft, Forschung und Lehre gegenüber den kommerziellen Interessen einiger Verlage die Oberhand behalten haben. Die Standhaftigkeit der ETH Zürich hat auf diese Weise einen nicht unbedeutenden Beitrag zur Sicherung des Wissenschaftsstandortes Schweiz beigetragen.

Dieser Kampf ist tatsächlich gewonnen und das ist sehr erfreulich. Gratulation an alle Beteiligten für die Standhaftigkeit.

Standhaftigkeit weiterhin nötig

Allerdings soll dies nicht davon ablenken, dass im Bereich Open Access noch mehr Standhaftigkeit benötigt wird. Denn nachwievor bleibt die ETH-Bibliothek was die Bezahlungen gegenüber den Verlagen betrifft intransparent. Nachwievor ist eine überwiegende Mehrheit der Publikationen (ca. 10’000 pro Jahr) der ETH Zürich nicht frei zugänglich, wie das eigentlich im Interesse von Wissenschaft, Forschung und Lehre und der eigenen Policy seit Jahren der Fall sein sollte und mit entsprechenden zu treffenden Massnahmen auch erreicht werden könnte. Siehe Beispiel Holland.

Zukunftsweisende Vereinbarung zwischen niederländischen Universitäten und Springer

Der erste Open Access Newsletter der VSNU ist erschienen.

Mit minimalen Zusatzkosten schnell zu Gold OA bei etablierten Journals. Die Niederländer haben dies bei Springer erreicht:

Negotiations with Springer have yielded an agreement in principle for 2015 and 2016. Instead of a paid subscription model, the publisher will now charge for the open access publication of articles in almost all Springer journals (1,500 titles). This concerns all articles by corresponding authors from institutions currently entering into the new agreement with Springer. Researchers will not have to pay APC’s for these articles. All journals previously featured in the portfolio will remain accessible to Dutch researchers, who will continue to enjoy current user rights. This agreement will result in a minimal rise in costs, reflecting a win – win situation for the Dutch scientific community: no APC’s will apply for the 1,500 journals in questions!

Elsevier tut sich schwerer und kriegt trotzdem noch ein Jahr Schonfrist:

Elsevier submitted a new proposal to the VSNU negotiation team. This proposal is currently being assessed, and the negotiation teams are arranging new talks. The existing contract with Elsevier was extended by a period of one year.


EPFL verzichtet auf online Ausgabe von Science

Ab 2015 haben die Forschenden der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) keinen komfortablen Zugriff mehr auf Science Online, Science Signaling, Science Express und Science Translational Medicine.

Auf der Website der Bibliothek steht schlicht:

Science AAAS publisher, is taking advantage of its dominant position and trying to impose not only an unjustified price increase, but also new contract terms, which are very restrictive and as a result unacceptable for us.

Beigefügt ist aber ein Link zum Intranet der EPFL, wo vermutlich weitere Details über die absurden Konditionen von AAAS stehen. Während die Online-Version abbestellt wird, bietet die Bibliothek einen Scan-On-Demand Service an, da offenbar noch eine Print Version in der Bibliothek zugänglich ist.

Mit dem Scan-On-Demand Service nutzt die EPFL noch eine Option, die in der Schweiz vielleicht bald vorbei sein dürfte. Wird das erstinstanzliche Urteil des Zürcher Handelgericht im Falle Elsevier, Springer und Thieme gegen die ETH-Bibliothek vor Bundesgericht bestätigt, wäre dieses Angebot der Bibliothek wahrscheinlich künftig unzulässig.

Nach langem Schweigen hat nun auch die Konferenz der Universitätsbibliotheken in der Schweiz sich besorgt über die drohenden Konsequenzen dieses Urteils geäussert.

Update 23.9.2015

Wie man vernimmt, ist die EPFL wieder mit AAAS ins Geschäft gekommen, als diese der EPFL eine Senkung von 5% angeboten hat.

Das Ende von Open Medicine: Idealismus alleine reicht auf Dauer nicht

Nach 7 Jahren mit 31 Ausgaben schliesst das kanadische Journal Open Medicine. Das Journal entstand 2007 nach Streitigkeiten des Editorial Boards zur inhaltlichen Unabhängigkeit des Journal of the Canadian Medical Association, CMAJ.

Im Editorial der letzten Ausgabe erwähnen die Herausgeberinnen die fehlende finanzielle Nachhaltigkeit als Hauptgrund.

Had we a crystal ball in 2006, what would we have done differently? There is no question that financial sustainability has been foremost in our minds. Although we have attempted to pay modest stipends for journal operations, neither our scientific editors nor our editors-in chief have been compensated, and most of our administrative and production staff have volunteered much of their time. For fear of turning away authors, we delayed instituting publication charges until quite late in the game. As researchers, we struggled to be good fundraisers, communication specialists, information technology and web developers, and public relations experts. As busy doctors, we struggled to create space in our lives to accommodate our enthusiasm for what was possible.

[…]

Launching and running a medical journal is more work than it might seem. Based on our previous experiences, we thought we might need operational funding of about $3 million dollars per year. Ultimately, by dint of optimism and volunteerism, we were able to run the journal and publish articles for a tiny fraction of that. We built upon the Public Knowledge Project’s Open Journal System, the open source platform whose development was led by our friend and publisher John Willinsky, and which now hosts over 7000 open access journals in 105 countries. We were also accepted for indexing in PubMed after three short years; this was no small achievement We had immense support from Canadian research libraries, thanks to their own commitment to making knowledge freely available and their frustration with ever-escalating fees for bundled journal subscriptions. We also had contributions from our own colleagues and institutions to build on in our early years. Finally, thousands of volunteer hours were generously given to journal logistics, technical support, and web design, not to mention what accrued from the editorial and communications expertise of team members and the contributions of our valued bank of peer reviewers.

[…]

Despite everyone’s best intentions, it was challenging for a small team to keep stoking the interest and engagement of the general academic community, and it was difficult to recruit members to our editorial board and board of directors who could provide the kind of hands-on involvement that our small but ambitious operation required. Academic medicine has been slow to recognize the importance of stepping out of the comfort zone of traditional publishing: unfortunately, the benefits of disseminating information freely still takes second place to the allure of publishing in a prestigious forum, however difficult that forum may be for readers to access. .

Die Inhalte des Journals sind weiterhin über die Journalwebsite oder PubMed Central zugänglich.

Details zum Elsevier Deal in Frankreich

Der Widerspruch wird immer offensichtlicher. Verantwortliche in Wissenschaftsinstitutionen möchten eigentlich seit Jahren Open Access, entscheiden sich aber trotzdem immer wieder und immer mehr Geld für Closed Access zu bezahlen. So auch in Frankreich, wo Couperin und die Agence bibliographique de l’enseignement supérieur (Abes) mit Elsevier kürzlich einen 5-Jahres Vertrag (2014-2018) für 172 Mio. EUR abgeschlossen haben. Eine erste Tranche von 34 Mio. EUR wurde nun im September überwiesen, womit nun 476 Universitäten und Spitäler in Frankreich Zugriff auf die Freedom Collection von Elsevier haben.

Bereits im Februar 2014 wurde durch einen aufmerksamen Wikipedianer Informationen zu diesem Closed Access Deal in einem Blog veröffentlicht. Nun folgte in dem Online-Magazin Rue89 (fr) bzw. auf dem Open Knowledge Foundation Blog (engl.) ein weiterer Beitrag mit dem auch ein 15-Seitiger Auschnitt (Cahier des clauses adminstratives particulieres) des Vertrages öffentlich gemacht wird.

Gemäss Vertrag soll zwar jährlich eine Liste mit Gold Open Access Artikel, an welchen mindestens ein Autor einer französischen Institution beteiligt war erstellt werden. Soweit ich den Vertrag verstehe, wurde jedoch keine direkte Verrechnung (Offsetting) von Hybrid APCs vereinbart. Eine verpasste Chance. Elsevier’s durchschnittliche Hybrid-APC ist £1,643 (ca. 2100 EUR). Das heisst, für das gleiche Geld hätte Frankreich 2014 schon mal 16190 Artikel von französischen Autoren freikaufen können.