Elsevier, Springer und Thieme verklagen ETH-Bibliothek und bekommen Recht

Schon seit 2012 weiss man, dass von Elsevier, Springer und Thieme Klage gegen den Dokumentlieferdienst der ETH-Bibliothek eingereicht wurde. Wie es aber weiterging war weitgehend unklar, insbesondere da die ETH-Bibliothek es tunlichst vermeidet, den Konflikt an die grosse Glocke zu hängen. Am 7. April 2014 fand am Handelsgericht des Kanton Zürich die Gerichtsverhandlung statt. Das anonymisierte und noch nicht rechtskräftige Urteil ist nun auf dem Blog von Martin Steiger zugänglich.

Sieg der Verlage kann Einstellung von Dokumentlieferdienst bedeuten

Kurz zusammengefasst: Das Gericht folgt der Argumentation der Verlage und hält den Dokumentlieferdienst wie ihn die ETH-Bibliothek zurzeit betreibt als unzulässig, da er eine Konkurrenz zu deren eigenen Angeboten darstellt.

Steiger schreibt:

Sofern das Urteil auch vor dem Schweizerischen Bundesgericht Bestand hat, muss die ETH-Bibliothek ihren Dokumentenlieferdienst einstellen oder sich die – meist sehr teuren – Lizenzbedingungen dafür von den Wissenschaftsverlagen diktieren lassen.

Mit Open Access braucht es keinen Dokumentlieferdienst

Es ist zu hoffen, dass dies ein Weckruf für die ETH-Bibliothek und ganz generell für die Schweizer Bibliothekslandschaft zu ernsthaften Anstrengungen für mehr Open Access ist. Denn mit Open Access kann man sich nämlich den Dokumentlieferdienst (zumindest für neue Publikationen) und das juristische „Geplänkel“ gänzlich sparen.

Gerade diejenigen, die im Rahmen des SUK-Programms „Wissenschaftliche Information: Zugang, Verarbeitung und Speicherung“  sich dafür einsetzen Millionen von Franken in „Nationallizenzen“ zu stecken (womöglich gerade an Verlage wie Elsevier, Springer oder Thieme), sollten endlich zur Kenntnis nehmen, dass Investitionen in Open Access um einiges dringender und sinnvoller sind. Heute ist klar, dass Open Access funktioniert und von jedem Verlag und in jeder Disziplin implementiert werden kann. Nationallizenzen würden den Wechsel zu Open Access wieder um Jahre hinauszögern.

Elsevier: Wissenschaft ist Business

Es ist bereits jetzt schwer nachzuvollziehen, dass die Verantwortlichen von Schweizer Hochschulbibliotheken erst eben einem „Big Deal“ mit Elsevier für die Jahre 2014-2016 mit einer jährlichen Preissteigerung von 4.5% zugestimmt haben. Damit fliessen weiterhin Millionenbeträge von Steuergeldern zu Elsevier. Die Universität Bern alleine zahlte im Jahr 2013 eine Mio CHF. Wenn man sich fragt, warum Elsevier in den letzten zehn Jahren trotz Open Access Bewegung seine Gewinnmarge von 33% auf 39% steigern konnte  – und wir sprechen von einem Gewinn von $1.38 Milliarden bei einem Umsatz von $3.56 Milliarden im Jahre 2013 – dann schlicht, weil Bibliotheken sich dies trotz besseren Wissens gefallen lassen und es immer noch nicht verstanden haben, dass man einem global agierenden Verlag auch globale Konzepte entgegenhalten muss. Dabei ist längst bekannt wie Elsevier operiert und das Urteil gegen die ETH-Bibliothek ist kaum eine Überraschung:

Alternativlos ist wirklich ein Unwort

Häufig wird von Bibliotheksseite einfach bequem behauptet, man sei macht- und alternativlos. Forschende brauchen halt nun mal Zugang zu den Inhalten von Elsevier, Springer & Co. um qualitativ hochstehende Forschung zu betreiben, entsprechend müsse man den Angeboten und Bedingungen der Verlage um jeden Preis zustimmen. Dabei wird geflissentlich unterschlagen, dass beispielsweise die Stanford University Libraries sich aus Prinzip schon seit Jahren nicht die ganze Freedom Collection von Elsevier leisten und man wird wohl kaum behaupten können die Forschungsqualität in Stanford habe darunter gelitten. Erfahrungen von anderen Research Libraries aus den USA zeigen auch, dass die negativen Konsequenzen bei Abbestellungen grundsätzlich überschätzt werden. Gespannt schaut die Community zurzeit auch auf die Universität Konstanz, welche Anfangs 2014 die Subskriptionen bei Elsevier komplett abbestellt hat.

In Cambridge hat der Mathematiker Timothy Gowers kürzlich bei seinen Kollegen eine Umfrage durchgeführt und festgestellt, dass eine überwiegende Mehrheit bereit wäre auf Elsevier Journals zu verzichten, um den Druck auf Elsevier zu erhöhen. Es ist erfreulich, aber auch peinlich für die Bibliothekscommunity zugleich, dass erst ein aussenstehender Mathematiker kommen musste um diese Erkenntnis bekannt zu machen.

Gerade Schweizer Bibliotheken, allen voran die ETH-Bibliothek, befänden sich in einer finanziell guten Postion den Wechsel zu Open Access voranzutreiben. Wie Heather Morrison in ihrem Artikel Economics of scholarly communication in transition aufgezeigt hat, wäre eine Transformation zu Open Access alleine von der Bibliotheksseite mit den bestehenden Geldern von den heutigen Subskriptionen möglich.

Gold OA wird bei aktueller Erwerbungspolitik diskriminiert

Indem Bibliotheken aber weiterhin das Erwerbungsbudget nahezu bedingungslos Closed-Access-Verlagen hinterherwerfen, diskriminieren sie Open Access-Verlage und verhindern somit den Wandel zu Open Access.

Ganz konkret: Wenn heute Schweizer Forschende aus dem STM-Bereich in einem OA-Journal mit APCs publizieren möchten (z.B. bei PLOS, Copernicus, Frontiers oder MDPI) ist die Übernahme der Kosten durch den Förderer oder durch die Institution nicht garantiert. Bei Forschenden ohne SNF/EC-Förderung bietet lediglich die EAWAG/ EMPA eine entsprechende Finanzierung für alle vier Verlage durch einen offenen Publikationsfonds. Die ETH-Bibliothek kommt immerhin vollständig für die Kosten bei PLOS auf. Gerade PLOS veranschaulicht die groteske Situation. Trotz grosser Beliebtheit beim Publizieren und beim Lesen (auf dem Campus der Universität Bern ist PLOS One übrigens das meist gelesene Journal) bezahlen hier die meisten Schweizer Hochschulbibliotheken ab 2014 rein gar nichts mehr. Und eins ist jetzt schon klar, PLOS wird nie eine Schweizer Hochschulbibliothek anklagen, weil sie Inhalte anderen Personen zugänglich macht. Im Gegenteil mit der CC-BY Lizenz ermöglicht PLOS die optimale Verbreitung von Wissen.

Geld weg von Subskriptionen hin zu Open Access

Es bleibt also zu hoffen, dass Entscheidungsträger an Schweizer Bibliotheken den Sieg oder Zwischensieg der Verlage im Bereich des Dokumentlieferdienst als Ansporn nehmen, Open Access ernsthafter als bisher zu verfolgen.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn Bibliotheken nur noch Geld an Elsevier, Springer & Co. bezahlen, wenn diese im Gegenzug den Schweizer AutorInnen ermöglichen Open Access zu Publizieren. Das heisst, wenn eine Institution heute 1. Mio CHF an Elsevier für Subskriptionen zahlt, sollten Autoren dieser Institution bis zu diesem Gegenwert Hybrid publizieren können. Alles andere ist objektiv ein schlechtes Geschäft.

Wenn man radikaler sein will, könnte man auch die Subskriptionen von Elsevier, Springer & Co. ganz einstellen und aus dem freien Geld einerseits ein noch minimalen Zugang zu deren Inhalte (z.B. Kauf von Einzelartikel) ermöglichen, andererseits aber einen Publikationsfonds erstellen, womit man künftig Open Access Publikationen fördert. Dies wäre ein klares Zeichen gegenüber Verlagen und anderen Institutionen. Elsevier, Springer und Thieme haben ja bereits jetzt schon wenige (neue) Open Access Journals in Ihrem Portfolio um genau für diesen Moment vorbereitet zu sein. Wenn sogar der Editor-in-Chief von Nature sagt, dass er Open Access für langfristig unvermeidlich hält, dann wäre es mit diesem Urteil höchste Zeit für Bibliotheken dafür zu Sorgen, das das Unvermeidliche heute Realität wird. Sie hätten es in der Hand.

Ich bin nicht der Meinung wie Hirschi, dass man den Forschenden verbieten muss, bei Journals der traditionellen Grossverlagen zu publizieren. Es sollte eigentlich schon genügen wenn man die finanziellen Anreize richtig setzt. Wie ein Open Access Markt mit APC gestaltet werden muss, damit er kompetitiv wird und bleibt wird im Ausland bereits diskutiert.

Update 14.12.2014

  • Die Beschwerde der ETH-Bibliothek ist vom Bundesgericht gutgeheissen worden. Dies ist eine gute Nachricht für die Schweizer Bibliotheksszene, wo die bisherige Praxis des Dokumentlieferdienst weiterhin erlaubt bleibt.

Update 18.12.2014

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12 Gedanken zu “Elsevier, Springer und Thieme verklagen ETH-Bibliothek und bekommen Recht

  1. Erstaunlicherweise hört man sehr wenig von der Open-Access-Komponente der deutschen Allianz-Lizenzen, die es in der Regel ermöglichen, grünen OA mit der Verlagsversion zu praktizieren. Hier schlafen wohl die deutschen Bibliotheken. Worauf ich hinauswill: Big deals können durchaus eine OA-Komponente enthalten.

    http://archiv.twoday.net/stories/410257771/

  2. Gut. Self-Archiving Komponenten in Lizenzen sind vielleicht noch ein Zwischenschritt. Wenn man allerdings die Liste der Allianz- und Nationallizenzen genau anschaut, reduziert sich die Liste noch auf 6 Verlage, wo eine wesentliche Verbesserung zu generellen Self-Archiving Policy erreicht wurde. Da scheint mir eine Verrechnung mit Hybrid doch interessanter.

    Klar besser:

    • Lippincott Williams & Wilkins – Verlags-PDF durch Allianzlizenz nach 12 Mt. ansonsten nur akzeptierte Version.
    • Karger – Verlags-PDF durch Allianzlizenz nach 12 Mt. ansonsten nur akzeptierte Version.
    • EMS Journals – Verlags-PDF durch Allianzlizenz nach 12 Mt. ansonsten nur akzeptierte Version.
    • Sage Journals – Verlags-PDF durch Allianzlizenz nach 12 Mt. ansonsten nur akzeptierte Version.
    • Emerald – Verlags-PDF durch Allianzlizenz nach 12 Mt. ansonsten nur akzeptierte Version.

    Ein bisschen besser:

    • De Gruyter – Verlags-PDF durch Allianzlizenz sofort, ansonsten nur nach 12 Mt.
    • RSC Journals. Auf Author Website grundsätzlich Verlagsversion ohne Embargo erlaubt. Auf Repository grundsätzlich nur Pre-print. Mit Allianz Verlagsversion auf Repository nach 12 Monaten. Ist also eine „Verschlimmbesserung“. Erübrigt sich aber wohl eh mit dem Gold for Gold-Programm
    • Brill – Verlags-PDF durch Allianzlizenz sofort im Repository erlaubt. Ansonsten Verlags-PDF sofort nur auf Author Website.

    Gleich wie allgemeingültige Self-Archiving Policy

    • Cambridge University Press erlaubt allen die Verlags-PDF nach 12 Mt.
    • AIP erlaubt grundsätzlich Verlags-PDF auf Employers-Websiten.
    • Annuals Review – ePrint URL für Autoren gibts für alle.
    • Oxford UP – Akzeptierte Version nach 12-24 Mt. gilt für alle

    Wenig relevant:

    • China Academic Journals
    • Zentralblatt MATH Online Database (Springer)
    • CAB Abstracts incl. CAB Reviews (CABI; Wolters Kluwer / Ovid)
    • International Monetary Fund E-Library
    • Blackwell Publishing Journal Backfiles (Blackwell) (1879-2005) – Erhalt von Postprints dieser Zeit absolut unrealistisch
    • The Nation Digital Archive (EBSCO)
    • The Endocrine Legacy
    • Psychiatry Legacy Collection
  3. Was mir ein wenig schleierhaft ist: Warum ist es so verdammt teuer, OA zu publizieren?
    Ich reiche ein fertig formatiertes Manuskript ein, unbezahlte Reviewer begutachten es, und wenn es akzeptiert wird, kommt es auf die Webseite. Warum kostet das hunderte oder gar tausende Euro (http://www.plos.org/publications/publication-fees/)? Dafür sind oft keine Projektmittel vorhanden (im letzten Antrag wurden die als erstes gestrichen), so dass es nahe liegt, das nächste Manuskript doch wieder bei Elsevier einzureichen, auch wenn man lieber OA unterstützen würde.

  4. Ja, die Frage nach den realen Kosten ist eine sehr spannende die umbedingt vertieft werden sollte, damit wir bei den APCs nicht nocheinmal eine völlig Entkoppelung erleben, wie das zurzeit bei den Subskriptionen der Fall ist. Zu den Kosten sei der Beitrag Open access: The true cost of science publishing empfohlen, welcher  zeigt unterschiedlich hier die Kosten gerechnet werden. Die Differenz zwischen Hindawi $290 und Nature $35’000 ist bemerkenswert!

    Wenn man wie Heather Morrison davon ausgeht, dass heute ein Subskriptionsverlag pro Artikel $4326 einnimmt, scheinen die Preise von PLOS allerdings immer noch die bessere Wahl.

  5. Pingback: Links vom 13.06.2014 | Offene Wissenschaft

  6. Pingback: Die ungeklärte Legalität der document delivery – die ETH-Bibliothek als Präzedenzfall? | Das Urheberrecht im Internet

  7. Lieber Christian,

    ich stolpere über dieses Beispiel:
    „Dabei wird geflissentlich unterschlagen, dass beispielsweise die Stanford University Libraries sich aus Prinzip schon seit Jahren nicht die ganze Freedom Collection von Elsevier leisten und man wird wohl kaum behaupten können die Forschungsqualität in Stanford habe darunter gelitten.“
    Wenn ich auf den Seiten von Stanford nach Zeitschriften aus dem Elsevier-Verlag suche, erhalte ich in ihrer SFX A-Z Liste (http://sul-sfx.stanford.edu/sfxlcl41/az, more options, filtern nach Vendor Elsevier ScienceDirect) „a total of 3204 journals“. Darunter sicher auch einige, die nicht mehr laufen, den Verlag gewechselt haben, über eine Volltextdatenbank oder frei zugänglich sind etc. Wenn ich das mit der Universität Zürich (UZH) vergleiche, ganz grob, dann komme ich auf ca. 2450 Titel, ca. 2800 inkl. frei zugänglichen Titeln. Die UZH lizenziert u.a. die Freedom Collection (http://lib.consortium.ch/products_licenses.php?id=217).
    Hier geht die Rechnung also irgendwie nicht ganz auf bzw. dem scheint wohl ein anderes Lizenzmodell zugrunde zu liegen. Ich finde im Netz keine (aktuellen) Quellen zu dieser Standford-Aussage – kannst du mir hier weiterhelfen?
    Bei einigen Zeitschriften steht in der A-Z Liste zudem in der Info unter „i“ folgendes: „Availability: Elsevier SD Freedom Collection“ (Beispiel Cellular Immunology), ausserdem scheinen sie einiges an Backfiles gekauft zu haben, weiteren Beispielen aus den einzelnen Zeitschrifteninformationen nach zu schliessen…

  8. Liebe Moni
    Danke für den Hinweis. Ich bezog mich auf eine Aussage von Michael Keller während seines Library Science Talk in der Nationalbibliothek. Gut möglich, dass sich die Situation in Stanford inzwischen geändert hat. Belegt ist zumindest dass der Senat 2004 beschlossen hat die Subkriptionen zu reduzieren: http://news.stanford.edu/news/2004/february25/journals-225.html
    Ich habe mal bei Stanford angefragt, wie sich die Situation heute präsentiert.

    Aber Stanford ist (oder war) ja nicht das einzige Beispiel. Dem kürzlich erscheienen Paper

    • Bergstrom, T. C., Courant, P. N., McAfee, R. P., & Williams, M. a. (2014). Evaluating big deal journal bundles. Proceedings of the National Academy of Sciences, 1–6. doi:10.1073/pnas.1403006111

    kann man folgendens entnehmen:

    Sometimes bargaining between publishers and institutions has led to an impasse in which a big deal was cancelled, and some- times bargaining has led to significant concessions. Harvard University, Massachusetts Institute of Technology (MIT), Caltech, Minnesota, Oregon, Oregon State, Purdue, and Kansas are among the major universities that currently do not subscribe to Elsevier’s Freedom Collection. Of the 2,200 journals in the Elsevier bundle, Harvard subscribes on a title-by-title basis to 892 journals, Minnesota to 899, and Oregon, Oregon State, and Purdue each subscribes to about 800 Elsevier journals, whereas MIT subscribes to fewer than 700 and Kansas and Caltech each subscribes to about 425.

  9. Pingback: biblioth|ê|thique | La bibliothèque de l’ETH Zürich (EPFZ) condamnée pour concurrence déloyale – la société de l’information menacée ?

  10. Pingback: Intransparenz bei den Bibliotheksausgaben von Schweizer Hochschulen | wisspub.net

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