HRK-Empfehlung zum Thema Forschungsdatenmanagement

Die Mitgliederversammlung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) hat am 10.11.2015 unter dem Titel „Wie Hochschulleitungen die Entwicklung des Forschungsdatenmanagements steuern können. Orientierungspfade, Handlungsoptionen, Szenarien“ (PDF) umfassende Empfehlungen zum Thema Forschungsdatenmanagement verabschiedet.

Diese bauen auf einer vorhergehenden Empfehlung der HRK aus dem Jahr 2014 auf. Damals wurde die strategische Bedeutung des Themas für die Hochschulen in Deutschland betont. Die jetzt veröffentlichten Empfehlungen richten sich darüber hinaus auch an die Politik. Auszug aus der Pressemitteilung der HRK:

 „Die Mitgliederversammlung fordert die Verantwortlichen in Bund und Ländern auf, sowohl eine koordinierende Rolle beim Aufbau übergreifender Infrastrukturen für das Forschungsdatenmanagement zu übernehmen als auch die notwendige Finanzierung zu sichern.  Als einen entscheidenden Schlüssel auf allen Ebenen sieht die HRK eine stärkere Kooperation. Deshalb solle die Finanzierung so gestaltet werden, dass zusätzliche Anreize für die Zusammenarbeit von Hochschulen sowohl innerhalb der Länder als auch länderübergreifend gesetzt werden. Die Länder sollten verstärkt in gemeinsamen Initiativen zusammenarbeiten. Gleichzeitig müssten die Kooperationsmöglichkeiten von Bund und Ländern nach dem neu gefassten Artikel 91 b Grundgesetz genutzt werden.“

(Crosspost von ALBERTopen.)

Massenrücktritt des Editorial Board beim Elsevier Journal Lingua

Die klare Haltung gegenüber Elsevier verbunden mit einer Kommunikationsstrategie der Niederländer zeigt Wirkung. Das gesamte Editorial Board hat vergangene Woche den Rücktritt aus dem von Elsevier geführten Journal Lingua gegeben. Die Editoren werden ein neues Open Access Journal mit dem Namen Glossa bei Ubiquity Press starten.

Ankündigung von Johan Rooryck auf Facebook, 27.19.2015Elsevier bedauert den Abgang offenbar, will aber Lingua weiterführen.Ling OA

Bereits im Oktober wurde zusammen mit der OLH die Initiative LingOA bekannt gegeben. LingOA will den Transformationsprozess in der überschaubaren Disziplin Linguistik von ca. 26’000 Forschenden fördern. Weitere Journals sollen bald OA werden:

Dabei verfolgt LingOA den Grundsatz „Fair Open Access“ (Bezeichnung angelehnt an Fair Trade Label):

  • The editorial board owns the title of the journals.
  • The author owns the copyright of his articles, and a CC-BY license applies.
  • All articles are published in Full Open Access (no subscriptions, no ‘double dipping’).
  • Article processing charges (APCs) are low (around 400 euros),
    transparent, and in proportion to the work carried out by the publisher.

Wie Gerard Meijer, Präsident der Universität Nijmegen und Leiter der Elsevier Verhandlungen in einem Interview ankündigte, sind weitere Rücktritte aus Editorial Boards von Elsevier Journals nicht auszuschliessen, sofern Elsevier den Forderungen für mehr OA der Niederländer nicht nachkommen will:

Beim Boykott muss man verschiedene Ebenen unterscheiden: Einige hochkarätige Wissenschafter sind in Editorial oder Advisory Boards von Elsevier-Journals. Wir haben sie gefragt, ob sie bereit wären, zurückzutreten, wenn wir zu keinem Abkommen finden. An der Radboud-Universität Nijmegen haben 80 Prozent gesagt, dass sie zurücktreten würden. In den Niederlanden sind es im Schnitt mehr als 60 Prozent. Wir haben auch gefragt, wer noch Review-Tätigkeiten für Elsevier machen würde – fast keiner. Wissenschafter könnten weiterhin in Elsevier-Journals veröffentlichen, aber jeder muss bedenken, ob das der richtige Weg ist. Wie viele das tun würden, haben wir noch nicht erhoben.

Update 5.11.2015

Elsevier hat sich nun noch ganz öffentlich zum Rücktritt des Editorial Board geäussert um Missverständnisse auszuräumen. Wie Martin Eve in seinem Kommentar dazu zeigt, unterliegt Elsevier dabei selber einigen Missverständnissen.

Wer finanziert das DOAJ?

Das Directory of Open Access Journals (DOAJ) ist eines der bekanntesten Open-Access-Instrumente. In nahezu jedem Open-Access-Kontext wird es eingesetzt. Anders als viele andere Tools, die in der Wissenschaftsinfrastruktur eingesetzt werden, steht es allen zur Nutzung offen und verlangt kein Geld dafür. Finanziert wird es über Einrichtungen, die jährliche Zuschüsse zum Betrieb zahlen. Hierbei könnte noch mehr getan werden. Eine österreichische Initiative hat für mehr Finanzierung von DOAJ geworben. In Deutschland gibt es bisher nur wenige unterstützende Einrichtungen. Die Open Access Week könnte zum Anlass genommen werden, in den eigenen Einrichtungen über die DOAJ-Finanzierung zu sprechen.

Wozu dient das DOAJ?

Das DOAJ hat sich erfolgreich etabliert als primäre Quelle zu Open-Access-Zeitschriften. Regelmäßig wird es empfohlen im Kontext von „Wie finde ich eine Open-Access-Zeitschrift in meinem Feld?“. Für diesen Zweck ist es gut aufgestellt, mit vielen tausend gelisteten Zeitschriften und einer Einteilung in akademische Disziplinen. Die Metadaten, die pro Zeitschrift erfasst sind, ermöglichen eine weitere Einschätzung – zum Beispiel ob APC-Kosten anfallen, welche Lizenzen verwendet werden etc. Diese Informationen lassen sich auch automatisch auslesen und auswerten – für einen Überblick über Open-Access-Zeitschriften gängige Praxis. Dabei stehen jedoch immer „Zeitschriften“ als Bezugsgröße im Mittelpunkt. Man kann also sagen: „x Prozent der Zeitschriften im DOAJ verlangen keine APC“, kann aber nicht direkt ablesen, welcher Anteil am Publikationsvolumen (Zahl der Artikel) dadurch abgedeckt wird. Darüber hinaus listet das DOAJ aber auch Metadaten auf Artikelebene. Aktuell ist die Verschärfung der Anforderungen für die Aufnahme ins DOAJ das hauptsächliche Projekt, alle Zeitschriften werden erneut beurteilt, was die Datenqualität weiter verbessert. Wer zu Open Access arbeitet, ob beratend oder forschend, kommt am DOAJ kaum vorbei.

Wer finanziert das DOAJ?

Das DOAJ wird über institutionelle Mitgliedschaften (von Hochschulen und Konsortien), über weitere Mitglieder (Verlage und individuelle Mitglieder) und über Sponsoring finanziert. Informationen über die Förderer sind über die Webseite verfügbar:

Die Liste von Bibliotheken und Hochschulen, die sich an der Finanzierung beteiligen, ist insgesamt nicht sehr lang.

Vorbild Österreich

Mitte Juni haben der österreiche Wissenschaftsfonds FWF und die Österreichische Universitätenkonferenz (uniko) einen Aufruf an die österreichischen Wissenschaftseinrichtungen veröffentlicht und um eine Beteiligung an der Förderung von DOAJ gebeten. In der Förderempfehlung werden zwei Argumente geliefert:

(1) Der Anteil an Open Access Publikationen wächst stetig, die Forschungsstätten richten Fonds zur Finanzierung von Publikationsgebühren ein oder gründen selbst Open Access Zeitschriften. Umso wichtiger sind verlässliche, autoritative Quellen, die die Qualität von Open Access Publikationen sichern. Das erleichtert auch die Arbeit der Forschungsstätten und Förderorganisationen und senkt Administrationskosten bei der Qualitätssicherung von Publikationen.

(2) Andere bibliographische und bibliometrische Datenbanken wie Scopus oder Web of Science werden von vielen österreichischen Forschungsstätten oft mit mehreren zehntausend Euro pro Jahr subskribiert. Mit seinen offenen Datenstandards bietet DOAJ dagegen die Perspektive, in Zukunft am Markt Alternativen zu etablieren, die langfristig zu mehr Wettbewerb und Kostensenkungen führen können.

Beiden Argumenten kann man nur zustimmen.

Ganz aktuell: Passend zur Open Access Week konnte der Wissenschaftsfonds bekanntgeben, dass der Aufruf mittlerweile die Zahl österreichischer Institutionen, die DOAJ unterstützen, auf 16 geschraubt hat. Die für zunächst zwei Jahre zugesagten 28.486 EUR pro Jahr führen dazu, dass Österreich eine führende Position beim DOAJ-Support einnimmt.

Und in Deutschland?

Aus Deutschland sind auf der Mitglieder-Seite bisher 8 Mitglieder gelistet:

  • Universitaetsbibliothek Bielefeld
  • CSL Behring GmbH
  • Elektronische Zeitschriftenbibliothek, Regensburg
  • German National Library of Medicine (Deutsche Zentralbibliothek für Medizin, ZB MED)
  • Konsortium Baden-Württemberg
  • Max Planck Digital Library
  • Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen
  • Technische Informationsbibliothek und Universitätsbibliothek Hannover

Hier ist noch Luft nach oben – angesichts der Zahl der Hochschulen in Deutschland oder auch nur der Zahl derjenigen Einrichtungen, die Publikationsfonds, Repositorien oder Open-Access-Beratung anbieten. Für Interessierte: Die DOAJ-Seite führt die Mitgliedschaftskriterien auf.

Fazit

Das DOAJ ist vermutlich die am weitesten und häufigsten genutzte einzelne Informationsquelle im Bereich Open Access. An ihrer Finanzierung beteiligen sich nur wenige Institutionen. Es wird Zeit, das zu ändern.

Instituten, die das DOAJ nutzen, sollten prüfen, ob sie sich an der Finanzierung beteiligen können. Wäre das nicht eine gute Sache für die Open Access Week?

Und mit Bezug auf einen offiziellen Appell wie in Österreich: Können wir das für Deutschland auch haben?

Summary

The Directory of Open Access Journals is probably the most widely used tool in the open access landscape. It’s (partly) funded by institutional memberships. While we all use it, only a few institutions (in Germany) have agreed to fund DOAJ. It’s time to change that.

Update

20.10.2015: Ich habe versucht, auf kritische Nachfragen per Kommentar und per Twitter zu antworten (siehe Kommentar unten). Als ergänzende Lektüre zu diesem Blogpost empfehle ich einen Blick in diese Foliensätze:

Aber das soll (und darf) natürlich keine Einrichtung davon abhalten, vor einer Unterstützung nach genauen Informationen zu fragen, die die Angemessenheit des finanziellen Bedarfs, mögliche Kostensenkungen bei ausreichender Beteiligung und die Nachhaltigkeit der Förderung beurteilen helfen. Für letzteren Punkt ist ein entscheidender Punkt, dass die im DOAJ gesammelten und gepflegten Metadaten frei zugänglich und frei kopierbar sind (unter CC BY-SA 4.0, siehe https://doaj.org/faq#restrictions).

Open Access Priorität der EU-Ratspräsidentschaft 2016

Gute Nachrichten zu Beginn der aktuellen Open Access Week. Die Niederländer übernehmen ab Januar 2016 für ein halbes Jahr die EU-Ratspräsidentschaft. Die Chancen stehen gut, dass der aktuelle Drive in NL bezüglich Open Access („Going Dutch„) auch in der EU Politik Niederschlag findet. Die League of European Research Universities (LERU) hat im Vorfeld ein vierseitiges Statement Christmas is over. Research funding should go to research, not to publishers! verfasst um dem Nachdruck zu verleihen.

Das Statement beinhaltet u.a. das „Offsetting“, also das Verrechnen von Subskriptionskosten mit OA Article Processing Charges (APCs):

LERU calls on all stakeholders in the publishing process – researchers, research funders, universities, publishers, libraries and national governments – to convene together in a summit to tackle the issues of Business Models for Open Access publishing and embargo periods for Green OA. LERU recognises the importance of reaching clarity on these issues. LERU notes that some publishers have adopted new Business Models which enable universities and their libraries to offset APCs against subscription costs. This in effect lessens the danger that universities will pay twice for the same content – once for the subscription and once for an APC.

LERU calls on all stakeholders to discuss such offsetting models and to identify principles by which such offsetting agreements can be reached between universities, procurement bodies, and publishers. The following issues should be included in future discussions and agreements:

  • The existing spend of a customer (or a consortium) should be taken as a starting point in negotiations;
  • The customer can use the current spending level to “offset” against payment for APCs for journal articles in hybrid journals;
  • As part of any agreement, publishers should permit all papers published by university researchers taking up the deal to be made Open Access for no extra charge.

Das Statement fand bei Carlos Modeas (EU-Kommissar für Forschung, Wissenschaft und Innovation) und Sander Dekker (Niederländischer Staatssekretär für Bildung, Kultur und Wissenschaft) grossen Anklang.

Dekker bestätigte, dass Open Access eine Priorität für die ab Januar 2016 beginnende EU-Ratspräsidentschaft sein wird:

Sander_Dekker

Sander Dekker

I support the initiative of the League of European Research Universities to join forces towards Open Access in research. Dutch universities already show the importance of organising themselves in the negotiations with publishers. That way they can successfully stand their ground towards publishers. In addition Dutch universities are even prepared to not sign new contracts if needed. The fact that all LERU members now let go of the old subscription-based models with big deals and clearly choose for models based on Open Access perfectly fits with the Dutch Open Science policy. In this policy results of publicly funded research must be available free of charge for everyone. This will be a priority during the Dutch Presidency of the EU in the first semester of 2016.

Gewiss, die über zehn jährige Geschichte von OA lehrt uns, dass man gut tönende Ankündigungen erst an der eingetretenen Praxis messen muss. Zu oft werden die in der Berliner Erklärung und anderen Open-Policies bekräftigen Ziele in der Praxis verraten. Ohne OA einzufordern, wird trotzdem immer wieder den grossen Subskriptionsverlage Geld hinterhergeworfen wird. Siehe z.B. Schweizer Nationallizenzen-Projekt oder Springer-Deal Baden-Württemberg.

Nun mit Dekker könnte das tatsächlich anders laufen. Dekker weiss um was es bei OA geht, hat den Mut zu handeln und hat mit seinem Land einen pragmatischen Weg aufzeigt, wie OA schneller zu erreichen ist. Die bisher abgeschlossenden „OA-Big-Deals“ haben dabei das gewisse „wir wollen das auch“ und haben gute Chancen zum Selbstläufer zu werden.

Mit Elsevier als grösster Verlag ist freilich noch keine Lösung gefunden. Kommt von Elsevier bis Ende Jahr kein Angebot, welches der Forderung nach OA genügend Rechnung trägt, so werden niederländischen Universitäten die Verträge nicht erneuern. Sollte es soweit kommen, befinden sich die Niederländer mit ihrem mutigen Staatssekretär und dem Vorsitz im Rat der Europäischen Union jedoch in einer hervorragenden Position, um für einen europaweiten Boykott zu weibeln.

Berliner Senat beschließt Open-Access-Strategie

Auszug aus einer Pressemitteilung der Berliner Senatskanzlei vom 13.10.2015:

„Berlin will den freien Zugang zu digitalen Wissensressourcen deutlich ausbauen. Aus diesem Grund hat der Senat heute auf Vorlage der Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft, Sandra Scheeres, eine Open-Access-Strategie beschlossen. ‚Berlin hat eine große Dichte an öffentlich finanzierten Hochschulen, außeruniversitärer Forschung und kulturellen Einrichtungen. Die Ergebnisse, die diese Institutionen generieren, sollen viel mehr als bisher für alle Bürgerinnen und Bürger im Internet frei zugänglich sein‘, so Scheeres.“

Nachdem das Abgeordnetenhaus Berlin im Juni 2014 einen entsprechenden Antrag verabschiedet hatte wurde im Mai 2015 eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Martin Grötschel eingesetzt. Diese Arbeitsgruppe erarbeitete das gestern verabschiedete Strategiepapier:

„In dem Strategiepapier werden konkrete Ziele und Maßnahmen formuliert, die eine umfassende Open-Access-Kultur für die öffentlich finanzierten Wissenschafts- und Kulturbereiche in Berlin schaffen sollen. Zudem werden die technischen und strukturellen Voraussetzungen genannt. Für die Erarbeitung der Strategie wurde auch eine Arbeitsgruppe unter der fachlichen Leitung von Prof. Martin Grötschel, Präsident des Konrad- Zuse-Instituts und designierter Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, eingesetzt.

Die Senatsverwaltungen wollen das Strategiepapier nun „zügig“ im Dialog mit den wissenschaftlichen Einrichtungen in Berlin umsetzten.

DFG: „Leitlinien zum Umgang mit Forschungsdaten“ verabschiedet

Der Senat der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) hat Ende September „Leitlinien zum Umgang mit Forschungsdaten“ (PDF) verabschiedet.

Auszug aus der heutigen Ausgabe der „Information für die Wissenschaft„.

„Mit den vom Senat der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) am 30. September 2015 verabschiedeten „Leitlinien zum Umgang mit Forschungsdaten“ führt die DFG die bereits geltenden Erwartungen an Antragstellende hinsichtlich des Umgangs mit den im Projekt entstehenden Forschungsdaten konsistent zusammen und weist zugleich explizit auf die Angebote hin, mit denen die DFG Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beim Management von Forschungsdaten unterstützt.“

Zur Zugänglichkeit und Nachnutzung der Forschungsdaten heißt es in der Policy:

„Soweit einer Veröffentlichung der Forschungsdaten aus einem DFG-geförderten Projekt Rechte Dritter (insbesondere Datenschutz, Urheberrecht) nicht entgegenstehen, sollten Forschungsdaten so zeitnah wie möglich verfügbar gemacht werden. Die Forschungsdaten sollten dabei in einer Verarbeitungsstufe (Rohdaten oder bereits weiter strukturierte Daten) zugänglich sein, die eine sinnvolle Nach- und Weiternutzung durch Dritte ermöglicht. Um dies sicherzustellen, ist darauf zu achten, dass der Zugang zu den Forschungsdaten auch dann gewährleistet bleibt, wenn im Zusammenhang mit einer Publikation Verwertungsrechte an den Forschungsdaten an Dritte, i.d.R. einen Verlag, übertragen werden müssen.“

In den letzen Monaten hatte verschiede DFG-Gremien bereits fachliche Ausführungen zum Thema veröffentlicht. Z.B.: für die Bildungsforschung und die Biodiversitätsforschung. Eine Übersicht zu weiteren Leit- und Richtlinien gibt es im Wiki Forschungsdaten.org 

High Impact Factor und Open Access passen zusammen

Eine kürzliches erschienenes Paper The presence of High-impact factor Open Access Journals in Science, Technology, Engineering and Medicine (STEM) disciplines zeigt, dass sich OA bezüglich Impact Factor immer weniger zu verstecken braucht. Die Autoren haben im August 2014 das DOAJ mit den Journal Citation Reports (JCR) Sciene Edition 2013 verglichen. Da im Juni 2015 die Impact Factoren von 2014 neu berechnet worden sind, sind die Daten leider nicht mehr ganz aktuell, aber dennoch interessant:

  • Von insgesamt 8470 Journals im JCR Science sind 955 (11%) auch im DOAJ gelistet.
  • Nur 16 Kategorien des JCR Science haben gar kein OA Journal.
  • In über der Hälfte der 176 Kategorien des JCRs gibt es OA Journals im oberen Viertel der Kategorie.
  • In acht Kategorien ist/war das führende Journal gar OA:
Name Verlag Kategorie Rang 2015
Genetic Selection Evolution BMC AGRICULTURE, DAIRY & ANIMAL SCIENCE 1
PLoS Biology PLOS BIOLOGY 2
Journal of Medical Internet Research JMIR MEDICAL INFORMATICS 3
Studies in Mycology CBS-KNAW / Elsevier MYCOLOGY 1
Living Reviews in Relativity Springer PHYSICS, PARTICLES & FIELDS 1
Annals of Family Medicine Annals of Family Medicine, Inc PRIMARY HEALTH CARE 1
PLoS Neglected Tropical Diseases PLOS TROPICAL MEDICINE 1
Veterinary Research BMC VETERINARY SCIENCES 3

Interessant auch die Bemerkung der Autoren:

While the vast majority of OA journals are not paid-publication journals, we find that a substantial majority of high-impact-factor OA journals are paid-publication journals. This latter method seems to be popular among born OA large publishing houses such as BMC or PLoS, while journals without publication fees are usually related to smaller academic publishers or research funders such as the Max Planck Society.

So ganz erstauntlich ist dies nicht. Von Frontiers ist mir zum Beispiel bekannt, dass sie nach dem Merger gezielte Hilfe von NPG erhalten haben, um die eigenen Journals auf einen hohen IF zu optimieren. Für das IF-Tuning braucht es also schon etwas Willen, Know-How und Zeit, wobei diese Faktoren bei „idealistisch“ geführten OA-Journals ohne APC seltener vorhanden sein dürften.

Und noch ein Detail am Rande: Google hat den IF neuerdings in die Suche integriert:

Google Suche erkennt Impact Factor

Open Library of Humanities gestartet – Open-Access-Modell ohne APC

Am 28. September ist Open Library of Humanities (OLH) offiziell gestartet. OLH ist eine Plattform für Open-Access-Zeitschriften im Feld von Geistes- und Sozialwissenschaften und betreibt sein eigenes gleichnamiges Megajournal. Die Ähnlichkeit zu PLOS ist erkennbar, endet jedoch an einem entscheidenden Punkt: OLH verlangt keine Zahlungen von Autorinnen und Autoren.

Das Projekt, das auf eine mehrjährige Vorbereitungsphase zurückgeht, erhebt einen hohen Anspruch an die Zeitschriften und versucht, Open Access (insbesondere) in den Geisteswissenschaften voranzutreiben.

Vorlauf

"Our mission is to support and extend open access to scholarship in the humanities – for free, for everyone, for ever." – so beschreibt das Projekt sich selbst, darunter macht man es nicht. Eingegangen sind zweieinhalb Jahre Vorbereitungszeit. Martin Paul Eve startete im Januar 2013 einen Aufruf, ein Modell analog zu PLOS für die Geisteswissenschaften zu schaffen. Es fanden sich Personen, Ideen, neue Partnerschaften, und die Planungen wurden offensichtlich schnell konkret. Bereits 2013 wurde der Name OLH verwendet. Im Jahr 2014 gab es bereits Finanzierungszusagen. Im Mai 2014 wechselte die erste Zeitschrift von einem Subskriptionsmodell auf die Open-Access-Plattform. Ab Dezember 2014 waren Einreichungen für die Zeitschrift Open Library of Humanities möglich. Im Moment werden die Artikel, die seitdem erfolgreich vorbereitet wurden, nach und nach veröffentlicht, ab 2016 soll dann kontinuierlich und unmittelbar veröffentlicht werden. Projektfinanzierung unterstützt den Aufbau, zuletzt eine dreijährige Förderung durch die Andrew W. Mellon Foundation.

Megajournal für Geistes- und Sozialwissenschaften

Open Library of Humanities ist ein Megajournal, das einem möglichst großen Kreis von Autorinnen und Autoren aus Geistes- und Sozialwissenschaften offen stehen möchte: interdisziplinäre Artikel und Artikel in anderen Sprachen als Englisch sind ausdrücklich auch willkommen. Die Zeitschrift soll das ganze moderne Spektrum an Qualität bieten: Begutachtung, DOI-Vergabe, Langzeitarchivierung, Sichtbarkeit – und eine Funktion für Anmerkungen/Kommentare.

Die Beiträge sollen begutachtet werden – ob man nun klassisches Peer Review für die beste Methode zur Qualitätssicherung hält oder nicht: Das Bekenntnis zur Qualitätssicherung außerhalb der eigenen Zeitschrift ist beileibe keine Selbstverständlichkeit in Geisteswissenschaften.

Die ersten Artikel sind am 28. September erschienen.

Ein beeindruckendes Academic Steering and Advisory Committee berät die zwei Editors-in-Chief, Martin Paul Eve und Caroline Edwards.

Alle Beiträge in Open Library of Humanities sind kostenlos lesbar, und die Zeitschrift empfiehlt stark die Nutzung der CC-BY-Lizenz, erlaubt anscheinend auch die Verwendung anderer CC-Lizenzen (im Gegensatz zu den sechs anderen Zeitschriften auf OLH, die nur CC BY zulassen).

Erste Zeitschriften

Auf der Plattform erscheinen bisher 7 Zeitschriften:

und schließlich das gleichnamige Megajournal, das ganz eindeutig das Zentrum der Aktivitäten darstellt:

Diese Zeitschriften sind mit der Neugründung oder spätestens mit dem Wechsel zu OLH

  1. voll Open Access
  2. kostenlos für Autorinnen und Autoren
  3. begutachtet

Sie haben Anschluss an DOI-Vergabe und Langzeitarchivierung der Inhalte.

Unklar ist im Moment, was aus den Plänen geworden ist, auch Overlay Journals auf der Plattform zu betreiben, die als unabhängige Zeitschriften Artikel z.B. aus dem Megajournal Open Library of Humanities übernehmen.

Verlag, Zeitschrift, Organisation?

Etwas verwirrend ist die Namensgleichheit zwischen Plattform und Megajournal. Ob die Aufnahme weiterer Zeitschriften mit engerem Fokus ein Zukunftsmodell ist, wird man sehen. Das Augenmerk richtet sich im Moment eher auf das Megajournal, das aufgrund der transdisziplinären Perspektive und dem attraktiven Gesamtangebot, das in diesem disziplinären Umfeld sehr herausragt, bereits einige Einreichungen und viel Interesse gewinnen konnte.

OLH ist seit September 2015 eine "registered charity", eine "wohltätige Organisation" zur Förderung von Wissenschaft und Open Access, die keinen Profit anstrebt.

Es gibt Gemeinsamkeiten zwischen den Zeitschriften, so dass der Betrieb der Zeitschrift auf dieser Plattform auch ein Qualitätsmerkmal sein kann. Das Projekt hat einige Kompetenz in verschiedenen Beratungs- und Entscheidungsgremien versammelt (zum Beispiel das Library Board). Letztendlich wird man sich aber immer die einzelne Zeitschrift ansehen, die beteiligten Personen, Transparenz der Qualitätsmerkmale und vor allem natürlich die tatsächlich veröffentlichten Artikel.

Martin Paul Eve, der das Projekt vor einigen Jahren auf den Weg gebracht hat, ist nicht nur ein aktiver Kommentator auf Twitter, sondern ein überzeugter Open-Access-Unterstützer mit einem Interesse auch für die technischen Aspekte modernen Publizierens wie XML-basiertes Publizieren oder Annotationsmöglichkeiten. Seine Überlegungen zu Open Access in Geistes- und Sozialwissenschaften, die in OLH eingeflossen sind, hat er in seinem Buch "Open Access and the Humanities" dargelegt.

Geschäftsmodell

OLH verzichtet auf das APC-Modell, das im Open-Access-Umfeld (leider) die Diskussionen dominiert. APC-Zahlungen können ausschließend sein (so dass potentielle Autor/innen auf die Veröffentlichung verzichten müssen), und sie können eventuell falsche Anreize setzen (mehr publizierte Artikel führen zu mehr Einnahmen).

Stattdessen möchte OLH sich über Konsortialzahlungen von Bibliotheken finanzieren. In Großbritannien wird dieses Konsortium zum Beispiel über JISC Collections betrieben, in den USA über LYRASIS. Jährliche Zahlungen von Bibliotheken unterstützen den Betrieb der Plattform und der Zeitschriften. Autor/innen werden nicht danach beurteilt oder zugelassen, ob ihre Einrichtung zu den Unterstützern gehört oder nicht. Damit knüpft das Projekt an Finanzierungsformen für Open-Access-Bücher an, aber auch an Formen von Communityfinanzierung wie bei arXiv.

Host: Ubiquity

OLH nutzt die Dienste des Ubiquity Partner Network. Dabei handelt es sich um ein Verlags-Framework des Open-Access-Verlags Ubiquity Press.

Zukunft und Bewertung

Article processing charges (APC) sind ein Problem – die Zahlungen sind intransparent, schwierig zu steuern und zu verwalten, sie stellen (nicht nur finanzielle) Hürden für Autor/innen auf. Darüber hinaus haben sie in Sozial- und Geisteswissenschaften einen schlechten Ruf (was angesichts sonstiger Zahlungen an Zeitschriften und Verlage und angesichts üppiger Zahlungen für Buchveröffentlichungen etwas verwundert). Ein APC-loses, nachhaltig finanzierbares, innovatives Modell aufzustellen und in beeindruckender Qualität erfolgreich zu starten, ist bewundernswert. Das Projekt ist für mich auch ein Beispiel, was eine kleine Anzahl Menschen mit den richtigen Ideen und mit viel Engagement erreichen können, wenn sie auf notwendige Entwicklungen aktiv hinwirken und nicht nur an andere appellieren, etwas zu tun.

Hier nicht näher betrachtet worden ist, dass auch auf technischer Ebene viele interessante Entscheidungen getroffen worden sind. Besonders auffallend ist die Betonung von XML auch als Publikationsformat (als JATS).

Mit der Möglichkeit, in verschiedenen Sprachen und Disziplinen zu veröffentlichen und keine Zahlungen leisten zu müssen, fallen viele mögliche Einwände gegen Open-Access-Veröffentlichungen in den Geisteswissenschaften weg. Ob Einreichungs- und Begutachtungsprozesse den aufgestellten Ansprüchen genügen und Autor/innen wie Leser/innen überzeugen können, ist nicht garantiert – aber dies wird man mit ein bisschen Abstand besser beurteilen können.

Was kann man zur Unterstützung tun?

Ein solches Open-Access-Modell benötigt im Prinzip sehr ähnliche Dinge wie alle anderen Modelle: Geld zur Deckung der Kosten und Input durch Rückmeldungen, Mitwirkung als Gutachter etc.

Die finanzielle Basis besteht in den jährlichen Zahlungen von Bibliotheken, Förderern, Universitäten. Die Liste der bisher fördernden Einrichtungen enthält vor allem Einrichtungen aus Großbritannien und USA, Einrichtungen aus Deutschland, Österreich oder Schweiz sind bisher nicht vertreten.

Die Liste von Personen, mit denen OLH gerne zusammenarbeiten möchte, beinhaltet neben erwartbarem wie Wissenschaftler/innen und Bibliothekar/innen auch Programmierer/innen und Personen, die bei der Nachhaltigkeitsplanung helfen können.

Fazit

OLH ist ein spannendes Modell, das

  • in seinen Publikationsparametern erfolgreichen Open-Access-Vorbildern nacheifert,
  • in seinem Geschäftsmodell innovativ ist,
  • dem APC-Modell eine Absage erteilt und die Offenheit betont,
  • ein wichtiges Beispiel für Open Access in den Geisteswissenschaften bietet.

Die Open-Access-Publikationslandschaft ist reicher geworden. Wie sich das Projekt nach seinem offiziellen Start weiterentwickelt, wird man beobachten und kritisch begleiten müssen. Erst einmal: Viel Erfolg!

OECD-Report zu Open Science erschienen

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat einen umfangreichen Bericht zu Open Science veröffentlicht (PDF). Auszug aus dem Vorwort:OECD-Open-Science

„This report, Making open science a reality reviews the progress in OECD countries in making the results of publicly funded research, namely scientific publications and research data openly accessible to researchers and innovators alike. The report i) reviews the policy rationale behind open science and open data; ii) discusses and presents evidence on the impacts of policies to promote open science and open data; iii) explores the legal barriers and solutions to greater access to research data; iv) provides a description of the key actors involved in open science and their roles; and finally v) assesses progress in OECD and selected non-member countries based a survey of recent policy trends.“

Die Publikation „Making Open Science a Reality“ gibt einen guten Überblick über die Entwicklung des Themas und beschreibt die aktuellen Herausforderungen bei der Realisierung von Open Science. Neben dem Report stehen Länderbericht und verschiedene Zusammenfassungen auf einer Website bereit.

Nationallizenzen und Open Access passen nicht zusammen

Open Access in Holland. Nationallizenzen in der Schweiz. Die Prioritäten könnten unterschiedlicher nicht sein. Deutlich wurde dies anhand zweier Vorträge an den vergangenen Open Access Tage an der Universität Zürich. Zum einen die Präsentation des Bibliotheksdirektors von Leiden über die bemerkenswerten Entwicklungen in Holland, zum andern die Präsentation zum 10-Mio-CHF-Projekt Nationallizenzen in der Schweiz.

Niederlande

Kurt de Belder, UB-Direktor von Leiden präsentierte die Situation in den Niederlanden. Die konservative niederländische Regierung will ausgerechnet jenes, was das der neue ETH-Bibliotheksdirektor kürzlich als „sozialistische Träumerei“ bezeichnet hat, nämlich den totalen Umbau auf Open Access. 60% der niederländischen Forschung soll bis 2016 frei zugänglich sein. Bis 2024 gar 100%. Und dies ohne zusätzliche Mittel. Diese Rahmenbedingungen zwingen die niederländischen Universitäten und ihre Bibliotheken dazu sich ihrer Macht bewusst zu werden und den Grossverlagen Paroli zu bieten. Dies hat nun in den vergangenen Monaten zu wegweisenden „OA-Big-Deals“ mit Springer, Wiley, OUP und Sage geführt, welche es den niederländischen Autoren ermöglichen ohne oder mit minimalen zusätzlichen Kosten mit Hybrid OA in Journals dieser Verlage zu publizieren, währenddessen der Zugriff auf die noch nicht freien Inhalte dieser Verlage weiterhin gewährt bleibt. Sollte dieses niederländische Modell auch in anderen Ländern Schule machen, ist dies der Anfang des Ende des klassischen Subskriptionsmodells. Das weiss natürlich auch Elsevier und will die unmissverständliche Ansage der Holländer nicht akzeptieren. Doch die Holländer bleiben – gestärkt mit den Zielvorgaben der Regierung – standhaft und hatten im Juli nun schon das dritte Angebot von Elsevier den Bach runter geschickt. Kommt bis Ende Jahr kein Angebot von Elsevier, was die Transformation zu OA genügend berücksichtigt, wird Elsevier auf die bequemen Einnahmen über einen Big Deal in NL verzichten müssen und womöglich auch auf die Services (Gutachten und Editortätigkeiten) von niederländischen Forschern. Von der Vereinigung der niederländischen Universitäten (VSNU) wurde inzwischen auch eine PR-Agentur engagiert, um die Forschenden und die Öffentlichkeit über den Stand der Verhandlungen und möglichen Konsequenzen zu informieren.

Schweiz

Nun könnte man meinen, dass die Entwicklungen und auch effektiven Erfolge in den Niederlanden, dazu führen könnten, dass sich Schweizer Bibliotheken über den Hebel Konsortialverhandlungen ebenfalls für mehr OA einsetzen. Doch weit gefehlt. Anstatt OA verfolgt das Schweizer Konsortium zurzeit das 10-Millionen-CHF-Projekt „Nationallizenzen“ welches unter dem irreführenden Titel Zugriff auf alles und für alle – für immer“: Wie das Projekt „Nationallizenzen“ die Schweizerische Open-Access-Bewegung unterstützt an den OA Tagen präsentiert wurde. Doch mit OA hat das Projekt nun leider gar nichts zu tun. Ganz im Gegenteil. Durch die Priorisierung dieses Projekts wird die Transformation zu OA verhindert und hinausgeschoben. Dabei hätte es in der langen Vorgeschichte der Nationallizenzen mehr als genügend Hinweise und Möglichkeiten für einen dringend nötigen Kurswechsel gegeben.

Hintergrund Nationallizenzen

Als 2004 in Deutschland die DFG erstmals Sondermittel für den Erwerb von Nationallizenzen sprach, überlegte man sich in der Schweiz nachzuziehen. Zwar wurde früh erkannt, dass in der Schweiz die entsprechenden Rahmenbedingungen dafür nicht gegeben waren, dennoch blieb der Wunsch pendent und führte 2009 zur Studie „Nationallizenzen: Ausgangslage und Rahmenbedingungen in der Schweiz„. Darin skizzierten die Autoren drei Szenarien für die Einführung von Nationallizenzen für Archivbestände der Schweiz. Während sich die ersten zwei Szenarien mit dem Kauf als Nationallizenzen beschäftigten, wurde schon 2009 auch ein Weg ohne Nationallizenzen aufgezeigt:

Die Entscheidungsträger verzichten auf ein Projekt der Nationallizenzen. Das Konsortium lizenziert weiterhin gemäss bestehendem Leistungsauftrag und fokussiert sich zusätzlich auf den Ausbau seiner übrigen (wichtigen) Dienstleistungen für die Partner. Eine weitere Konzentration und Neuausrichtung gilt der international und national zunehmend stärker werdenden Open-Access-Bewegung.

Die Studie erkannte auch schon damals eine grundlegende Inkonsistenz zu Open Access, indem

Nationallizenzen, egal in welcher Form, vor allem auch die Stellung der etablierten grossen Verlage erheblich stärken und sogar festigen würden.

Nationallizenzen finden trotz deutlicher Kritik den Weg in nationales Förderprogramm

Nach der Studie von 2009 ohne klare Empfehlung war von den Nationallizenzen lange nichts mehr zu hören. Einzelne Schweizer Hochschulbibliotheken, welche den Wunsch und Geld für Backfiles hatten, kauften diese nun ohne Rücksicht auf eine künftige konsortiale Lizenzierung und das Thema schien erledigt zu sein. Doch aus mir unerklärlichen Gründen schafften es die Nationallizenzen in das 36 Mio. CHF Förderprogramm der Schweizer Universitäten: «Wissenschaftliche Information: Zugang, Verarbeitung und Speicherung». Wer genau diese Nationallizenzen so dringend will und dafür auf oberster Ebene lobbyiert ist mir allerdings bislang verborgen geblieben. In der Vernehmlassung zur Strategiesetzung des Programms, stiessen die Nationallizenzen wie kaum ein anderer Punkt auf deutliche Kritik:

  • Man gebe den ungeliebten Grossverlagen weitere Millionenbeträge, ohne spürbare Mehrwerte zu erhalten (z.B. intelligente Verbindung von Forschungsdaten mit Publikationen, entsprechende APIs, Open Access). Man verstehe den Charme der Nationallizenzen, nämlich mit wenig Risiko ein für viele nützliches neues Angebot zu schaffen. Allerdings sei die Vermittlung des Mehrwerts u.U. schwierig, dem Marketing sei Beachtung zu schenken, sonst merke die Community nichts vom Zusatznutzen. Aus Diskussionen mit Bibliotheksleitungen gehe ausserdem hervor, dass nicht klar sei, welche Kreise wirklich von den Nationallizenzen profitieren würden. Der Auswahl der Inhalte unter Berücksichtigung der Zielgruppen sei grosses Gewicht beizumessen, ebenso der Regelung des Zugriffs auf die lizenzierten Inhalte über Authentifizierungsmethoden (Switch AAI für Bibliotheksnutzer) und der Verhandlung der Lizenzen. (StratGroup EP)
  • Bei Publikationen seien viele Investitionen bereits getätigt worden, das Geld solle besser in die Interoperabilität von Repositorien anstatt in Verlage/Lizenzen investiert werden. (SystemsX)
  • Zuviel für digitale Publikationen und ein Lizenzmodell, von dem man sich verabschieden möchte (ASIUS EPFL)
  • Was der nationale Dienst bei der Verwendung von fast 2/3 der Gelder für die Beschaffung von Lizenzen sei? Diese Kosten sollten wie Software-Lizenzen den Hochschulen verrechnet werden, es seien Betriebskosten, keine Projektkosten. (KFH-FID, fast identisch: SWITCH)
  • Falls dies Lizenzen beinhaltet: besser aus dem Programm ausschliessen, damit Platz für echte Projekte bleibt (SystemsX)
  • Sollte P-2 beabsichtigen, sich auf den Kauf von Lizenzen zu konzentrieren und Grossverlage zu unterstützen, wäre es nötig, für die Förderung von eScience-Infrastruktur ein separates Programm aufzuziehen. (StratGroup DM)

Der Lenkungsauschuss des Programms, nahm auf die Kritik der Vernehmlassung nur oberflächlich Stellung:

Ein breiterer Zugang zu Verlagspublikationen durch Nationallizenzen sind ein langjähriges Desiderat der Hochschulbibliotheken und im Ausland zum Teil bereits umgesetzt. Der Lenkungsausschuss hält fest, dass die Bewilligung entsprechender Investitionen von einem überzeugenden Projektantrag des Konsortiums der Schweizer Hochschulbibliotheken abhängig ist. Die Stellungnahmen zeigen die Erwartungen, die mit einem solchen Antrag verbunden sind, deutlich. Sie sind bei der Evaluation mit zu berücksichtigen.

Die Nationallizenzen behielten ihren vorbelegten Platz im Programm und das Konsortium schrieb pro forma einen Projektantrag.

2.6 Mio CHF bereits bewilligt – weitere 7.6 Mio. CHF reserviert

Am 8. Dezember 2014 wurde durch den Lenkungsauschuss der Antrag im Umfang von 2.57 Mio CHF gutgeheissen, wobei gleich weitere 7.6 Mio CHF für Verlags-Produkte reserviert wurden. Das Projekt läuft bis Ende 2016. Lizenzabschlüsse, welche einzeln noch abgenickt werden müssen, sind auch nach 2016 möglich. Im Juni 2015 wurde nun erstmals etwas ausführlicher über den Projektinhalt informiert.

Wunschliste für Nationallizenzen

Auf der Wunschliste für Nationallizenzen stehen ganz offensichtlich die Archive aller grosser Closed-Access Verlagen:

Wunschliste - Schweizer NationallizenzenNun wie ist diese Auswahl zustande gekommen? Ganz einfach, es wurden im Jahr 2013 die Bibliotheken gefragt, was sie denn gerne national lizenzieren möchten. Von den damaligen Top 30 Antworten wurde dann später die Auswahl auf 18 Produkte reduziert.

Man muss also klar festhalten, dass die zu betrachtende Inhalte nicht einem realen Bedürfnis von Forschenden entstammen, sondern primär eine Wunschliste von Bibliotheken darstellt, was sie gerne hätten, ohne selber dafür zahlen zu müssen.

Falsche Priorisierung

Meine hauptsächliche Kritik an den Nationallizenzen ist die falsche Priorisierung innerhalb des Konsortiums und innerhalb des Förderprogramms P2. Das vordringliche Problem des Zugangs von aktuellen Publikationen ist nachwievor nicht gelöst und wird mit den Nationallizenzen weiterhin nicht gelöst. Im Gegenteil, indem man gerade den Verlagen, welche sich schon bei aktuellen Inhalte gegen OA stellen, noch mit dem zusätzlichen Kauf von Archiven belohnt, stärkt man tatsächlich nur das bestehende defekte System, während letztlich genau dieses Geld bei der Entwicklung von Alternativen fehlt.

Wie wir nun am Beispiel Niederlande sehen, kann über gute Konsortialverhandlungen Gold OA kostenneutral bei traditionellen Subskriptionsverlagen erreicht werden. Was aktuell in NL aber auch AT und UK umgesetzt wird, und der ausländischen Forschung grössere Sichtbarkeit garantiert, ist dabei auch für die Schweiz keine neue Idee. Die Schweizer OA-Gruppe hatte Ende 2012 bereits das Anliegen zur Verrechnung von Subskriptions- und Hybridmodellen an die KUB und somit an den Lenkungsausschuss des Schweizer Konsortiums angebracht. Der Lenkungsauschuss sprach sich in Folge auch dafür aus, sah jedoch den Abklärungsaufwand als zu gross, als das sich die Geschäftstelle des Konsortiums unmittelbar darum kümmern konnte. Diesselbe Einschränkung galt später offenbar nicht für die Nationallizenzen. Hier nahm sich das Konsortium Zeit um einen Projektantrag auszuarbeiten, so dass heute beim Konsortium dedizierte Stellen für Nationallizenzen vorhanden sind, während OA bei den Verhandlungen weiterhin marginalisiert wird.

Und diese problematische Priorisierung wird langsam aber sicher offensichtlich. In der Schweiz steht aktuell eine Erneuerung des konsortialen Big-Deal mit Wiley an und es zeichnet sich bereits ab, dass man aufgrund der mangelnden Vorbereitung weit davon entfernt ist, einen ähnlich guten Deal wie in NL zu erreichen. Möchte man Wiley hinsichtlich OA-Publikationsmöglichkeiten für Schweizer Autoren etwas abringen, braucht es dazu einiges an Koordination, welche das Konsortium in der aktuellen strategischen Ausrichtung nicht leisten kann. Als Konsequenz davon verliert die Schweizer Forschung im Vergleich zum Ausland an Sichtbarkeit.

Bedürfnisse der Forschenden werden ignoriert

Störend an den Nationallizenzen ist auch die Ansicht, dass es wichtiger sei, den Schweizer Forschenden Zugang zu Archiven von Closed-Access-Verlagen zu kaufen, als endlich dafür zu sorgen, dass Forschenden auch in kostenpflichtigen OA Journals publizieren können. Denn anders als häufig behauptet, wären die Forschenden durchaus für OA zu haben. In der SOAP-Studie beurteilten 89% von 38’000 angefragten Wissenschaftler OA als sinnvoll für ihre Disziplin. Auch wissen wir aus dieser Studie, dass das fehlende Funding, neben dem Fehlen guter Journals, der zweit meist genannte Grund ist, warum nicht OA publiziert wird.

Zum Glück für OA ist die Schweiz ein so reiches Land, so dass sich Gold OA auch trotz fehlendem OA-Funding an Schweizer Bibliotheken durchsetzt. Dies sieht man sehr gut an den Zahlen des Verlags PLOS. 2014 wurden dort 469 Artikel mit einem Schweizer Corresponding Author publiziert, dies obschon nur die ETHZ, EAWAG und EMPA sowie der SNF und die Krebsliga eine explizite Kostenübernahme der APCs vorsehen. Die Zahlen belegen, dass OA für Schweizer Forschende sogar so wichtig ist, dass sie dafür zu zahlen bereit sind, selbst wenn nur begrenztes institutionelles OA-Funding vorhanden ist. D.h. aber auch, würden die Bibliotheken mehr oder schon überhaupt Geld für OA Funding bereitstellen, könnte der Wechsel zu (Gold) OA stark beschleunigt werden.

Nutzen und Nutzung von Nationallizenzen wird überschätzt

Aus der Praxis ist bekannt, dass bei einem „Big Deal“ jeweils nur ein Drittel der lizenzierten Inhalte wirklicht gut genutzt wird. Durch das perfid gestaltete Preismodell der Verlage, sowie dem Komfort für die Verwaltung der Zeitschriften, tendieren Bibliotheken mit genügend Geld jeweils trotzdem zum Abschluss eines Big Deals, wobei zwei Drittel Journals  keinen oder wenig Wert für ihre Kundschaft haben. Wenn die Nutzung bei aktuellen Inhalten schon nur ein Drittel ausmacht, so dürfte die Nutzung von Archivbeständen (also Jahrgänge vor ca. 1995) noch kleiner ausfallen. Insbesondere im STM-Bereich (mit Ausnahme vielleicht von Mathematik) gilt das Interesse der Forschenden hauptsächlich neueren Inhalten.

Print bereits vorhanden

Um das vielleicht zu illustrieren, schauen wir uns als Beispiel die Referenzen des im OA-Journal eLife erschienen Papers zum Homo naledi an. Von insgesamt 71 bibliografischen Rereferenzen sind nur 13 von vor 1995. Und – ich habe es kurz nachgeschaut – alle Inhalte dieser 13 Referenzen sind in irgendeiner Bibliothek in der Schweiz bereits in Printform vorhanden. Durch den Erwerb von Nationallizenzen würde also lediglich der Komfort beim Zugriff (direkt beim Verlag, anstatt Anfordern eines Scans bei einer Bibliothek) von sieben Referenzen verbessert. Auch darf man nicht vergessen, dass in der Deutschschweiz gerade eine kooperative Speicherbibliothek gebaut wird, Dadurch dürfte der Zugriff auf ältere Printbestände wohl künftig auch noch etwas verbessert und effizienter erfolgen.

Rechtlich problematisch

Wenn man über digitalisierte Journal- und Bücherarchive spricht, muss man sich auch die Frage stellen, ob die Verlage, von denen man den Zugriff auf die Digitalisate kaufen möchte, tatsächlich die gültigen Rechteinhaber sind.

Als ich an einer Veranstaltung des Konsortiums zum Thema Nationallizenzen vor zwei Jahren die Frage stellte, wie die Verlage mit Public Domain in „ihren“ Archiven umgehen, schauten mich alle anwesenden Verlagsvertreter verständnislos an. Die Vertreterinnen von De Gruyter wussten offensichtlich nicht was Public Domain ist. Der ebenfalls ahnunglose Herr von Taylor & Francis, holte sich bei Gelegenheit telefonisch Rat bei seinen Juristen, nur um später dem auch etwas verwunderten Publikum mitzuteilen, dass sich bei T&F das Urheberrecht jeweils „erneuere“ (was natürlich Quatsch ist). Der Vertreter von Wiley schloss sogar kategorisch aus, dass es sowas wie Public Domain überhaupt gibt!

Und in der Tat kümmern sich viele Verlage einen Deut um Public Domain. Wiley verkauft z.B. mit dem Archiv der Annalen der Physik (1799-heute) tatsächlich Inhalte der Public Domain.

Public Domain Artikel

Dieser Artikel von 1834 des Autoren Faraday (1791-1867) is public Domain, wird aber von Wiley-VCH verkauft und gar mit einem Copyright-Zeichen versehen.

Und dies ist nicht nur fragwürdig, sondern stellt m.E. in der Schweiz gar den Tatbestand absichtlicher Täuschung und ungerechtfertigter Bereicherung dar (Siehe Frage 11 der FAQ zu Public Domain des IGE).

Inwiefern die Thematik „Public Domain“ im aktuellen Projekt berücksichtigt wird, ist mir nicht bekannt. Es würde mich jedoch nicht überraschen, wenn dies einmal mehr als marginales Detail vollständig ignoriert wird. Schon bei JSTOR blieben die bezahlenden Schweizer Bibliotheken stumm und setzten sich nicht für mehr Offenheit ein. Es brauchte erst die tragischen Ereignisse um Aaron Swartz bis JSTOR seine verwerfliche Praxis änderte. Auch wird innerhalb des aktuellen Nationallizenzen-Projektes weiterhin eine Archivierung mittels Portico angestrebt, obwohl Portico – und dem Konsortium und dessen Lenkungsauschuss ist dies seit Längerem bekannt – Inhalte die unter einer Creative Commons Lizenz stehen, bewusst hinter einer Paywall versteckt (siehe z.B.: http://doi.org/cdx9q9) und so den Zugang zu Publikationen verhindert.

Alternative: Eigene Digitalisierung – tatsächlich für alle

Der Wunsch auf ältere wissenschaftliche Inhalte digital zuzugreifen ist verständlich. Doch hierzu braucht die Schweiz nicht noch einmal mit öffentlichen Steuergeldern das ausbeuterische Geschäftsmodell der Grossverlage zu unterstützen. Bibliotheken können ihre Archive – mindestens im immer grösser werdenden Bereich des Public Domain – selber digitalisieren und frei zugänglich zu machen. Und zum Glück geschieht dies ja auch. Nehmen wir nochmals die Annalen der Physik. Hier sind sind durch die Digitalisierungsleistungen verschiedener Bibliotheken die Jahrgänge 1799-1943 öffentlich zugänglich. In der Schweiz gibt es retro.seals.ch, wo Zeitschriften häufig mit Zustimmung der Verlage und Herausgeber bis weit in die Gegenwart vollständig digitalisiert und frei zugänglich gemacht werden.

Problembereich – Zwischen Public Domain und Open Access

Ich will nicht unterschlagen, dass das Projekt Nationallizenzen mitunter einen Bereich addressiert, wo es tatsächlich Probleme gibt. Für die Vergangenheit haben wir Public Domain, für die Zukunft Open Access. Doch dazwischen haben wir eine Zeitspanne, die den Bibliotheken noch lange Sorgen bereiten wird, da hier die Verbreitungsrechte primär beim Verlag liegen.

Doch auch hier stellt sich die Frage inwiefern es sinnvoll ist, dass jedes Land zu den Verlagen hingeht und einzelne Deals für Archivzugänge abschliesst? Wäre es nicht schlauer und der Wissenschaft zuträglicher, wenn ein weltweites Bibliothekskollektiv z.B. auf Wiley zugeht und gemeinsam eine Lösung sucht, wie z.B. die Jahrgänge Annalen der Physik von 1944 bis heute der ganzen Welt im Sinne von OA zugänglich macht?

Fazit

Nationallizenen sind ein extrem teures „Nice to have“, welches an den echten Bedürfnissen der Schweizer Forschenden vorbei zielt. Zum einen ist das Interesse an älterer Forschung grundsätzlich geringer als Bibliotheken annehmen oder zuzugeben bereit sind, zum anderen kann dieses geringe Bedürfnis ebenfalls über die vorhanden Print-Bestände der Schweizer Bibliotheken, oder allenfalls Fernleihe gedeckt werden.

Die Priorisierung der Nationallizenzen auf der Agenda des Konsortiums und im P2-Programms von swissuniversites ist ein strategischer Fauxpas. Schon 2009 war klar, dass Nationallizenzen im Widerspruch mit OA stehen und letztlich nichts zur Vision der Berliner Erklärung, welche übrigens bereits 2006 durch die damalige Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten unterzeichnet worden war, beitragen werden.

Beim Konsortium führt der Fokus Nationallizenzen dazu, dass OA in den aktuellen Verhandlungen mit den Grossverlagen vernachlässigt wird. Wie ich bereits andererorts geschrieben habe, hätten Bibliotheks-Konsortien von ihrer Positionierung eigentlich eine ideale Ausgangslage OA voranzutreiben. Doch leider ist davon in der Schweiz nichts spürbar.

Im SUK P2-Programm führt die nicht nachvollziehbare Bevorzugung der Nationallizenzen dazu, dass sich potentielle Antragsteller aufgrund des unklaren Profils von P2 zurückhalten, so dass dem Programm bis heute Eingaben in Strategiefeldern von OA fehlen.

Eigentlich wäre es jetzt an der Zeit sich einzugestehen, dass man sich mit den Nationallizenzen in eine Sackgasse manövriert hat. Bevor man weitergeht und zusätzliche 10. Mio CHF öffentliche Steuergelder in ein defektes System wirft, sollten endlich die Hausaufgaben gemacht werden und dafür gesorgt werden, dass das was heute von Schweizer Forschenden publiziert wird, frei zugänglich ist.