Akademien positionieren sich zur wissenschaftlichen Publikationspraxis

Die Académie des sciences, die Leopoldina und die Royal Society haben gemeinsame Leitsätze (deutsch/englisch) für eine gute wissenschaftliche Publikationspraxis veröffentlicht. Eine Pressemitteilung der Leopoldina fasst diese zusammen:

„Die Académie des sciences, die Leopoldina, und die Royal Society orientieren sich in ihren Leitsätzen für gute wissenschaftliche Publikationspraxis an vier Kriterien: wissenschaftliche Informationen sollen effizient und hochwertig verbreitet, Interessenkonflikte vermieden, die Artikel fair geprüft und Auswahl und Redaktion durch anerkannte Wissenschaftler verantwortet werden.“

U. a. sprechen sich die drei Akademien für die Nutzung von Preprint-Servern aus. Mit der Gründung von SocArXiv, engrXiv, ChemRxiv und PsyArXiv erleben diese gerade eine Renaissance. Auszug aus den Leitsätzen:

„Um Verzögerungen bei der Verbreitung wissenschaftlicher Ergebnisse zu minimieren, sollten Artikel in offenen Archiven (auf so genannten Preprint-Servern) zugänglich gemacht werden.“

Darüber hinaus positionieren sich die drei Akademien zu Open Access:

„Wir unterstützen die Grundsätze von Open Access und würden es begrüßen, wenn so bald wie möglich sämtliche veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeiten unter offener Lizenz frei verfügbar wären – bei Publikationskosten, die für die wissenschaftliche Community tragbar sind. Wir unterstützen sowohl den „Grünen“ als auch den „Goldenen Weg“ im Bereich Open Access und sind überzeugt, dass die Mittel, die derzeit in Abonnements von Fachzeitschriften fließen, in die Finanzierung von Publikationsgebühren umgeleitet werden sollten.“

Die Leitsätze wurden dem EU-Kommissar für Forschung Wissenschaft und Innovation, Carlos Moedas gestern übergeben.

Wissenschaftsorganisationen kritisieren Lizenz-Angebot von Elsevier

Im Rahmen des Projektes „DEAL – bundesweite Lizenzierung von Angeboten großer Wissenschaftsverlage“ haben wissenschaftliche Einrichtungen in Deutschland im Sommer begonnen einen nationalen Vertrag mit dem Verlagsgiganten Elsevier zu verhandeln. Eine Pressemitteilung der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen informiert jetzt über den Stand der Verhandlungen:

„Nach mehrmonatigen intensiven Verhandlungen hat der Verlag Elsevier der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen ein erstes Angebot für eine bundesweite Lizenz für den Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen vorgelegt. Das Angebot entspricht nach Überzeugung der Allianz nicht den Prinzipien von Open Access und einer fairen Preisgestaltung. Trotz der derzeit bei 40 Prozent liegenden Umsatzrendite setzt der Verlag weiter auf Preissteigerungen jenseits der bislang bezahlten Lizenzsummen. Der Verlag lehnt transparentere Geschäftsmodelle ab, die auf der Publikationsleistung basieren und Publikationen offener zugänglich machen würden.“

Aufgrund der aggressiven Preispolitik und des aktiven Lobbyings des Verlages gegen Open Access haben seit 2012 im Rahmen der Initiative „Cost of Knowledge“ über 16.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Zusammenarbeit mit Elsevier eingestellt. Mehrere wissenschaftliche Einrichtungen haben im Kontext von DEAL ihre Verträge mit Elsevier zum Ende dieses Jahres gekündigt u.a. die Staatsbibliothek zu Berlin.

DEAL ist m. E. das wichtigste Projekt wissenschaftlicher Bibliotheken in Deutschland seit vielen Jahren. Es ist zu hoffen, dass alle wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland DEAL aktiv und geschlossen unterstützen und damit ein klares und deutliches Zeichen gegen das wissenschaftsfeindliche Geschäftsgebaren von Elsevier setzen. Das Statement der League of European Research Universities (LERU)  „Christmas is over. Research funding should go to research,  not to publishers!“ aus 2015 sollte weiterhin die Richtung vorgeben.

Update, 04.12.2016: Elsevier-Statement

Elsevier beschreibt in einem Statement, das mich über die PR-Agentur des Verlages erreichte, seine Sicht auf die Verhandlungen:

„Elsevier wurde von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) darum gebeten, an vertraulichen Verhandlungen teilzunehmen, um erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eine landesweite Vertragsvereinbarung für wissenschaftliche Literatur zu entwickeln. Wir sind diesem Ansinnen nachgekommen und haben Vorschläge für eine Abonnement-Lizenz und separat für Open-Access-Publikationen für deutsche Forscher gemacht.“

„Elsevier wurde auch darum gebeten, einen Vorschlag zu machen, der landesweit mehr Inhaltsvolumen sowie bedeutend mehr Institutionen umfasst, als es momentan über individuelle Verträge der Fall ist. Dies erhöht die Komplexität und das Gesamtvolumen des zu verhandelnden Vertrages.“

Der Verlag macht mit diesem Statement deutlich, dass er Open Access und Subskription weiterhin separat betrachtet. Damit wird deutlich, dass Elsevier kein Interesse an einer Transformation hin zu Open Access hat. Wenig überzeugend ist die Argumentation, mit der Elsevier seine Preissteigerung zu erklären versucht: Dass ein nationaler Vertrag, bei dem der Verlag nur noch mit einer Partei in Deutschland verhandelt, tatsächlich die Komplexität auf Seites des Verlages erhöht, darf bezweifelt werden.

Als Kernaussage dieses Statement bleibt damit nur die wenig überraschende Botschaft, dass der Verlag trotz der zu erzielenden Einsparungen, die über einen zentralen Vertrag zu erreichen sind, auf Preissteigerungen setzt. Dass die wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland diese Preispolitik nicht mehr länger mittragen, ist aus Sicht der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler ein gutes Zeichen.  Äußerst lesenswert ist in diesem Zusammenhang der Blogpost  „Time for Elsexit?“ des Mathematikers Timothy Gowers. Laut Elsevier wurde jetzt beschlossen „die Gespräche bis Anfang des neuen Jahres zu pausieren“.

Alle Forschende in Deutschland, die weiterhin in Elsevier-Journals publizieren, für Elsevier-Journals begutachten oder in den Editorial-Boards von Elsevier-Zeitschriften sitzen, sollten die Verhandlungspause nutzen, um über ihren Beitrag zur Gestaltung eines nachhaltigen und transparenten Publikationssystems nachzudenken, denn jede Einreichung, jedes Review und jede Mitarbeit im Editorial-Board eines Elsevier-Journals stärkt die Machtposition des Verlages.

Wie zitiere ich ein DOI korrekt?

Im nächsten Jahr feiert der Digital Object Identifier (DOI) seinen 20. Geburtstag. Die „Fachartikelnummer„, wie die FAZ den DOI nennt, hat sich fest im Bereich des digitalen Publizierens in den MINT-Fächer etabliert. Jetzt hat CrossRef, die Registrierungsagentur für DOIs im Feld der wissenschaftlichen Textpublikationen, ihre „DOI display guidelines“ aktualisiert. DOIs sollen nun als operable URIs dargestellt werden.
Statt
doi:10.NNNN/doisuffix

soll nun eine „klickbare“ Darstellung der DOI angegeben werden:

http://dx.doi.org/10.NNNN/doisuffix

In der Begründung schreibt CrossRef:

„Previously, Crossref recommended that DOIs be displayed in the format doi:10.NNNN/doisuffix At the time that the DOI system was first envisioned, it was thought that doi: would become native to browsers and automatically resolve DOIs. It appears unlikely that that will happen.“

Auch DataCite, die Registrierungsagentur für DOIs für Forschungsdaten, empfiehlt diese Darstellung in der jüngst veröffentlichten Version 4.0 ihres Metadatenschemas. Dort heißt es:
„For citation purposes, DataCite prefers that DOI names are displayed as linkable, permanent URLs.“

 

Ähnlich ist es übrigens auch bei ORCID, der eindeutigen Kennung für Forschende. Auch hier wird die Darstellung der ORCID iD als operabler URI empfohlen.

 

Wäre toll, wenn die Wissenschaftsverlage sich an diese Empfehlungen halten würden. Leider setzten aktuell weder De Gruyter (Beispiel), Springer (Beispiel) oder Thieme (Beispiel) diese Empfehlungen um.

 

Btw: Sehr geehrte Wissenschaftsjournalistinnen und Wissenschaftsjournalisten, es wäre ganz toll, wenn Sie in Ihren Artikel die DOIs der Studien über die Sie berichten mit Hilfe der DOI zitieren könnten. Dank des „shortDOI Service“ geht dies recht einfach und nimmt kaum Zeichen weg.

Harvard Library Report: Flipping Journals zu Open Access

Nach einer öffentlichen Kommentierungsphase ist nun der umfangreiche Auftragsreport der Harvard Library zur Konvertierung von Journals zu Open Access online verfügbar:

Die finnischen Autoren haben aufgrund einer ausführlichen Literatur Review verschiedene Wege aufgezeigt, wie Journals in der Vergangenheit zu Open Access überführt wurden. Diesem Text wurden die Kommentare von weiteren 20 Experten (grau) eingefügt. Dies stört zuweilen den Lesefluss, ist aber auf Grund der unterschiedlichen Sichtweisen der Experten mit vielen Praxisbeispielen sehr bereichernd.

Erwartungsgemäss ist das analysierte Spektrum der Wege zu Open Access vielfältig. Für jedes Szenario, sei es nun APC-basiert oder nicht, haben die Autoren die Stärken und Schwächen zusammengetragen. Der Report verzichtet darauf eine klare Empfehlung zu geben.

Allerdings lässt sich gerade mit Blick auf die Schwächen einzelner Szenarien doch ausmachen, dass einige kaum nachhaltig und skalierbar sind. Open Access Journals die sich beispielsweise über eine Fachgesellschaft subventionieren, Einnahmen über Werbung oder Verkäufe der Print-Version (Freemium) realisieren, sowie stark auf freiwilliger Arbeit basieren (z.B. Open Medicine) dürften es im Wettbewerb mit Journals/Verlagen die mit ein APC-Modell operieren schwer haben und eher Nischengeschäftsmodelle bleiben.

Ebenfalls darf der Weg über Hybrid-OA – sofern nicht als Zwischenlösung mittels Offsetting Deals realisiert um double dip zu vermeiden – als nicht funktionierend abgeschrieben werden.

Natürlich wird auch das dominante APC-Modell im Report kritisch angesprochen und die Skepsis, ob das was zurzeit sehr gut funktioniert, wirklich die beste Lösung ist, wird in manchen Kommentaren gut ersichtlich. Alternativ werden auch Submission Fees (Bezahlungen bereits beim Einreichen, und nicht erst bei der Publikation) diskutiert. Besonders lesenswert ist hier der Kommentar von Thomas Munro (S. 84), welcher anmerkt, dass solche Submission Fees in den ökonomischen Zeitschriften bereits normal seien (wenn auch noch nicht um wirklich OA zu finanzieren).

Auch ausführlich besprochen werden die neueren Finanzierungsmodelle via Konsortium (OLH, SCOAP3). Während diese grundsätzlich als attraktiv für konvertierende OA-Journals angesehen werden, stellt sich hier verstärkt das Problem von kollektiven Handeln, dem dadurch entstehenden Koordinationsaufwand, und bei zu vielen Freeridern auch eine Unterfinanzierung.

Dem Report angehängt ist eine kommentierte Bibliografie der gesichteten Literatur, sowie eine Liste aller konvertierten Journals, die im Report erwähnt werden.

Nationale Verhandlungen mit Elsevier gestartet. Ziel: fairere Konditionen

Im Rahmen des Projektes „DEAL – bundesweite Lizenzierung von Angeboten großer Wissenschaftsverlage“ haben wissenschaftliche Einrichtungen in Deutschland jetzt begonnen einen nationalen Vertrag mit dem Verlagsgiganten Elsevier zu verhandeln.

DEAL

Während bisherige Verträge über laufende Subskriptionen wissenschaftlicher Zeitschriften über lokale Verträge und kleinere Konsortien verhandelt wurden, wird nun erfreulicherweise eine nationale Strategie verfolgt.

Eine Pressemitteilung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) informiert jetzt über das Vorhaben:

„Vorbereitet wurden die Verhandlungen im Rahmen des Projekts DEAL – bundesweite Lizenzierung von Angeboten großer Wissenschaftsverlage, das die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen auf Anregung der HRK ins Leben gerufen hat. Nach Abschluss der Vorbereitungen sind unter Leitung des HRK-Präsidenten die Verhandlungen mit Elsevier für einen deutschlandweiten Lizenzvertrag angelaufen. Ziel ist der Abschluss eines Vertrages mit Laufzeit ab dem 1. Januar 2017. Mit den Verlagen Springer Nature und Wiley werden in diesem Jahr erste Sondierungsgespräche geführt.“

Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) Horst Hippler erläutert das Ziel der DEAL-Verhandlungen:

„Wir brauchen signifikante Verbesserungen bei der Informationsversorgung der Wissenschaft. Erstmals nehmen nun die großen deutschen Wissenschaftseinrichtungen Verhandlungen mit einem der bedeutenden Wissenschaftsverlage auf, um fairere Konditionen für den Literaturerwerb zu erreichen“

Aufgrund der aggressiven Preispolitik und des aktiven Lobbyings des Verlages gegen Open Access haben seit 2012 im Rahmen der Initiative „Cost of Knowledge“ über 16.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Zusammenarbeit mit Elsevier eingestellt. Darüber hinaus haben verschieden Hochschulen in Deutschland ihre Verträge mit Elsevier (z. B. Universität Konstanz und Universität Leipzig) gekündigt.

 

Studie zu den ökonomischen Auswirkungen einer Bildungs- und Wissenschaftsschranke veröffentlicht

Die Studie „Ökonomische Auswirkungen einer Bildungs- und Wissenschaftsschranke im Urheberrecht“, die im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) von Justus Haucap, Ina Loebert, Gerald Spindler und Susanne Thorwarth erstellt wurde, ist jetzt online.

Die Studie beziffert u. a. die Ausgaben der wissenschaftlichen Informationsversorgung für Bildung und Wissenschaft in Deutschland. Auszug:
  • „Im Jahr 2014 gaben die öffentlichen Bildungs- und Wissenschaftseinrichtungen etwa 1 Mrd. Euro für den Erwerb von urheberrechtlich geschütztem Material aus. Davon entfiel etwa die Hälfte auf die wissenschaftlichen Bibliotheken von Hochschulen und Forschungsinstituten.“ (S. 7)
  • „Die an die Verwertungsgesellschaften gezahlte Vergütung für die Anwendung der Schranken des Urheberrechts im Bereich der Bildungs- und Wissenschaftseinrichtungen belief sich hingegen auf etwa 32,5 Millionen Euro.“ (S. 7)
Mit Blick auf das aktuelle Urheberrecht stellt die Studie fest:
  • Bildschirmfoto 2016-08-03 um 14.32.29„Die geltenden Schrankenregelungen sind für die meisten Bibliotheken nur schwer handhabbar – vor allem im Hinblick auf zahlreiche unbestimmte Rechtsbegriffe und auf die Komplexität der Ausgestaltung einzelner Regelungen.“ (S. 8)

Die Studie spricht sich für die Einführung einer allgemeine Bildungs- und Wissenschaftsschranke aus. Die Einführung einer solche Schrankenreglung im Urheberrechtsgesetz haben CDU, CSU und SPD 2013 im Koalitionsvertrag angekündigt.  Hierzu stellt die Studie u. a. fest: „Die Einführung der allgemeinen Bildungs-und Wissenschaftsschranke dürfte für die Verlagsbranche insgesamt erlösneutral ausfallen.“ (S. 8)

Wiley & Hindawi Partnerschaft

Ab 2017 wechseln 9 etablierte Subskriptionszeitschriften von Wiley in ein APC-basiertes OA-Modell unter einer neuen Partnerschaft von Wiley und Hindwai. Während der bisherige Inhalt bei Wiley verbleibt, soll die Redaktion und der Produktionsprozess der neuen Inhalte über die Hindawi Plattform abgewickelt werden.

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9 Journals von Wiley wechseln ab 2017 auf OA-Modell bei Hindawi

Die beiden knappen Pressemeldungen von Wiley und Hindawi geben keine Rückschlüsse über die Gründe dieser nicht einfach nachvollziehbaren Partnerschaft. Wiley führt ja seit längerer Zeit eine eigene Sparte mit Open Access Zeitschriften und es ist nicht klar, weshalb hier Wiley auf einen externen Partner und Konkurrenten setzt.

Womöglich geht es jedoch um Kosten. Von ägyptischen Verlag Hindawi ist bekannt, dass er vergleichsweise tiefe Produktionskosten hat. Pro Artikel $290. Die Gewinnmarge wird auf Grund einer Aussage des Verlagsgründer trotzdem auf 50% geschätzt. Im Gegensatz dazu dürfte Wiley mit seinen veralteten und aufgeblähten Strukturen (Marketing, Vertrieb etc.) viel höhere Produktionskosten haben.

Bei dieser Pilot Partnerschaft könnte es bei Wiley darum gehen, von Hindawi zu lernen, um fit für den voraussehbaren Kostenwettbewerb in einer OA-Welt zu werden.

Für Hindwai dürfte der Zugzug von 9 Journals mit Impact Factor vorerst ein Reputationsgewinn darstellen, welcher für das weitere Wachstum seiner eigenen Journals nützlich sein wird.

Finnland: Transparenz von Subskriptionskosten

Die Subskriptionskosten von über 200 Verlagen aller finnischen Universitäten und weiteren Forschungsinsitutionen von 2010-2015 sind ab sofort in einer Datenbank frei zugänglich:

Subscirption Costs Finland DB

Datenbank mit Subskriptionskosten finnischer Forschunginstituionen (2010-2015)

 

Im Frühling 2014 fragte Leo Lahti im Namen der Open Knowledge Foundation (OKF), die Aalto Universität, sowie andere Universitäten bezüglich Ausgaben an Elsevier an. Ähnlich wie in der Schweiz,  wurden die Anfragen negativ beantwortet. Leo Lathi zog mit OKF vor das Verwaltungsgericht Helsinki. Das Gericht gab ihm Recht: Kosten von Subskriptionen sind öffentliche Informationen. Nach diesem Urteil sprang die Open Science and Research Initiative (ATT) des finnischen Ministerium für Bildung und Kultur ein und übernahm das offizielle Sammeln der Daten und die heutige Veröffentlichung.

Eine erste Analyse der Daten ist nun ebenfalls verfügbar.

Informationen über den Stand von weiteren Transparenzinitiativen in anderen Ländern bezüglich Subskriptionskosten werden auf dieser Wiki-Seite von OKF gesammelt.

 

EU- und G7-Staaten setzen auf Open Science

Heute hat der Rat für Wettbewerbsfähigkeit („Competitiveness Council“) der Europäischen Union seine „Council Conclusions on the Transition towards an Open Science System“ verabschiedet (PDF).

In einer Pressemitteilung der niederländischen Ratspräsidentschaft, unter dem Titel „Europa entscheidet sich für Open Access“, wird der Kern der europäischen Open-Science-Strategie deutlich:

„Ab 2020 müssen alle wissenschaftlichen Publikationen zu Ergebnissen öffentlich finanzierter Forschungsarbeiten frei zugänglich sein.“

Über diese klare Richtungsentscheidung hinaus sollen, so der Rat, auch die „Beurteilungskriterien für wissenschaftliche Arbeiten angepasst werden“:

„Es sollte nicht mehr vorrangig darum gehen, wie viele Publikationen ein Wissenschaftler vorweisen kann und wie oft er in anderen Arbeiten zitiert wird. Vielmehr sollten die gesellschaftlichen Auswirkungen einer Forschungsarbeit eine viel größere Rolle spielen.“

Zur offen Zugänglichkeit und Nachnutzung von Forschungsdaten unterstreichen der Rat in seinen „Conclusions“,

„that research data originating from publicly funded research projects could be considered as a public good, and encourages the Member States, the Commission and stakeholders to set optimal reuse of research data as the point of departure, whilst recognising the needs for different access regimes because of Intellectual Property Rights, personal data protection and confidentiality, security concerns, as well as global economic competitiveness and other legitimate interests. Therefore, the underlying principle for the optimal reuse of research data should be: ‚as open as possible, as closed as necessary‘.“

Amsterdam Call for Action on Open Science

Amsterdam Call for Action on Open ScienceIn den „Conclusions“ werden auch einige Maßnahmen des lesenswerten „Amsterdam Call for Action on Open Science“ (PDF) aufgegriffen, der im April im Rahmen der niederländischen Ratspräsidentschaft veröffentlicht wurde.

Dieser „Call“ benennt zentrale Maßnahmen zur Förderung von Open Science auf. U. a. gibt es eine Aufforderung an die wissenschaftlichen Einrichtungen in Europa zukünftig auf Vertraulichkeitsvereinbarungen mit Verlagen zu verzichten.

Zur weiteren Begleitung des Prozesses hin zu Open Science hat Carlos Moedas, EU-Kommissar für Forschung, Wissenschaft und Innovation, Mitglieder für die „European Open Science Policy Platform“ (OSPP) nominiert (PDF).

European Open Science Cloud

Bereits gestern hat der Rat „Conclusions“ zum „Digital Single Market“ veröffentlicht (PDF). In diesen wird u. a. die Bedeutung der „European Open Science Cloud“ (EOSC) betont. Mit Hilfe dieser „Europäische Dateninfrastruktur“ sollen Forschungsdaten „über Fachgebiete und Grenzen hinweg“ ausgetauscht werden können. Carlos Moedas, erklärte im April in einer Pressemitteilung das Anliegen der EOSC:

„Unser Ziel ist die Schaffung einer Europäischen Cloud für offene Wissenschaft – einer zuverlässigen Umgebung, die es über Technologien, Fachgebiete und Grenzen hinweg Millionen von Forschern ermöglicht, Forschungsdaten auszutauschen und zu analysieren, um so die Effizienz und Produktivität in der Wissenschaft zu erhöhen. Wir haben den Appell der Wissenschaftler, eine Infrastruktur für offene Wissenschaft aufzubauen, gehört und einen umfangreichen Plan entwickelt, mit dem wir uns nun an die Arbeit machen können. Der Nutzen der offenen Daten für Europas Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft wird enorm sein.“

G7 –  Tsukuba Communiqué

Auch die G7-Wissenschaftsministerinnen und -ministern befassten sich Mitte Mai im japanischen Tsukuba mit dem Thema Open Science. In dem dort verabschiedeten „Tsukuba Communiqué“ (PDF) heißt es:

„We recognized a growing need to share common international principles for open science and to put these principles into practice through open access to scholarly publications and open data. Furthermore, we recognized the importance of stronger foundations for the support of open science, such as incentives for researchers and institutions, support systems and human resources. We recognize the need to promote access, taking into consideration privacy, security, and legitimate proprietary rights, and different legal and ethical regimes, as well as global economic competitiveness and other legitimate interests.“

Open Innovation, Open Science, Open to the WorldWeiter kündigen die G7-Wissenschaftsministerinnen und -ministern in dem „Communiqué“ die Einsetzung einer Arbeitsgruppe an, die sich u. a. mit Praktiken und Anreizen für Open Science befassen soll.

Passend zu diesen Entwicklungen hat die EU-Kommission heute das Zukunftskonzept  „Open Innovation, Open Science, Open to the World – a vision for Europe“ veröffentlicht – natürlich frei zugänglich (PDF).

Zwischenbilanz als Elsevier Aktionär: Christmas is not over yet!

Es war eine Kombination aus Frust, Neugier und Lust zur Provokation, die mich im September 2014 dazu verleitete 5350 EUR in Elsevier Aktien zu investieren. Jetzt wo sich die Aktien in einem Allzeithoch bewegen, ein guter Zeitpunkt um eine Zwischenbilanz zu ziehen:

Würde ich heute die Aktien verkaufen, käme ich abzüglich 150 EUR Courtage, Depotgebühren und Steuern auf einen Gewinn von ca. 1950 EUR, was eine Steigerung von 36% in 14 Monaten bedeutet!

Relx (ehemals Reed Elsevier) Aktienentwicklung über die letzten zwei Jahre

Aktienkurs der RELX Group (ehemals Reed Elsevier) der letzten 2 Jahre.

Aber bislang sehe ich noch keinen Grund die Aktien zu verkaufen. Der Bereich STM (worin auch der Verlag Elsevier zu verorten ist) trug 2014 44% zum Gewinn der RELX Group bei und war verglichen mit dem Umsatz der anderen Bereichen überdurchschnittlich profitabel.

Bereinigter Gewinn der RELX Group 2014 (Quelle: 2014 Annual Financial Report)

Aufteilung von Umsatz und bereinigter Gewinn innerhalb der RELX Group
(Quelle: 2014 Annual Financial Report, p.12)

Und solange wissenschaftliche Bibliotheken mit ihren Subskriptionen – welche gemäss Schätzungen der Branche (STM Report 2015) bis 75% des Umsatzes im wichtigen (und immer noch wachsenden) Journal-Markt beitragen – offensichtlich unfähig sind, sich zu koordinieren, gibt es keinen Grund sich als Aktionär Sorgen zu machen. Christmas is not over yet!