„What If the Web Really Worked for Science?“

Dieser zentralen Frage geht James Boyle, Jura-Professor und Mitbegründer des Center for the Study of the Public Domain an der Duke Law School in einem kurzweiligen und wenig juristischen Vortrag nach. Auszug:

„The World Wide Web was invented for science. It was invented to help spread scientific research, to connect researchers, to make information search and retrieval global and easy. It has worked, to some extent. But the irony today, is that it is easier to use the Web to search for shoes, books, or porn, than to use it for scientific research. Scholarly articles reporting the results of publicly funded scientific research languish behind paywalls, protected by copyright and digital rights management. Databases are incompatible, and their legal accessibility often unclear.“

Boyle plädiert für die Schaffung eines Anreizsystems, das das „Sharing“ von Wissen und Information im Sinne des Open Access in den Vordergrund stellt und belohnt.  Eine Aufzeichnung seines Vortrags steht bei YouTube (sogar in HD) bereit:

(via Michael Nielsen)

„A catastrophic crash“ — Peter Murray-Rust über die Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens

Der bekannte Open Access-Aktivist Peter Murray-Rust hat einen umfangreichen rant unter dem Titel „What is wrong with Scientific Publishing and can we put it right before it is too late?“ verfasst, den es zu lesen lohnt. Ein Auszug:

Unless the process of scientific publication is rapidly and effectively revised there will be a catastrophic crash. It will be unpredictable in both its timing, speed and nature. It will destroy some of the current participants. It will change parts of the scientific process and will change academia.

Auch wenn man dem Murray-Rust’schen Katastrophenszenario nicht völlig zustimmt, so ist es doch schwer zu leugnen, dass sich das etablierte System des wissenschaftlichen Publizierens in den nächsten Jahren und Jahrzehnten deutlich wandeln dürfte.

BMBF-Thesenpapier zum zukünftigen Internet

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat im Rahmen der Konferenz „Zukünftiges Internet“ (Berlin, 05.07 -06.07.2011) eine Thesenpapier (PDF) zum zukünftigen Internet veröffentlicht. Das Papier umfasst zehn Thesen, die aus Sicht des Ministeriums zentrale Punkte bei der Entwicklung des Internets aufgreifen. Einen Bericht zur Konferenz von Richard Sietmann findet sich auf heise online.

Für mich etwas überraschend findet die Bedeutung des Internets für Forschung und Lehre keine eigenständige Betrachtung in den BMBF-Thesen. Wer sich jedoch einen Überblick über Stand und Entwicklung der digitalen und vernetzten Forschung in Deutschland machen will, kann sich durch den jetzt erschienen Tagungsband (PDF) der Konferenz „Digitale Wissenschaft 2010“ klicken, den wisspub-Kollege Cornelius Puschmann mit herausgegeben hat.

In 28 Beiträge von 61 Autorinnen und Autoren werden auf 210 Seiten die Themenfelder „Digital Humanities“, „Wissenschaftskommunikation und Web 2.0“, „E-Science und Forschungsdatenmanagement“ sowie „Elektronisches Publizieren und Open Access“ behandelt. (Disclosure: Auch ein Beitrag von mir ist enthalten.)

Kriterien zur Zukunft des wissenschaftlichen Journals

In eigener Sache: Auf beyondthejournal.net ist eine überarbeite und englischsprachige Version von Kriterien zur Zukunft der wissenschaftlichen Zeitschrift zu finden. Die Version stammt aus der Feder von Daniel Mietchen, Lambert Heller und mir. Der Text entstand im März 2011, er hat es jedoch erst jetzt ins Web geschafft. Auszug:

Dynamics: Research is a process. The scientific journal of the future provides a platform for continuous and rapid publishing of workflows and other information pertaining to a research project, and for updating any such content by its original authors or collaboratively by relevant communities.

Scope: Data come in many different formats. The scientific journal of the future interoperates with databases and ontologies by way of open standards and concentrates itself on the contextualization of knowledge newly acquired through research, without limiting its scope in terms of topic or methodology.

Access: Free access to scientific knowledge, and permissions to re-use and re-purpose it, are an invaluable source for research, innovation and education. The scientific journal of the future provides legally and technically barrier-free access to its contents, along with clearly stated options for re-use and re-purposing.

Replicability: The open access to all relevant core elements of a publication facilitates the verification and subsequent re-use of published content. The scientific journal of the future requires the publication of detailed methodologies, including all data and code, that form the basis of any research project.

Review: The critical, transparent and impartial examination of information submitted by the professional community enhances the quality of publications. The scientific journal of the future supports post-publication peer review, and qualified reviews of submitted content shall always be made public.

Presentation: Digitization opens up new opportunities to provide content, such as through semantic and multimedia enrichment. The scientific journal of the future adheres to open Web standards and creates a framework in which the technological possibilities of the digital media can be exploited by authors, readers and machines alike, and content remains continuously linkable.

Transparency: Disclosure of conflicts of interest creates transparency. The scientific journal of the future promotes transparency by requiring its editorial board, the editors and the authors to disclose both existing and potential conflicts of interest with respect to a publication and to make explicit their contributions to any publication.

Der Text steht unter einer CCo-Lizenz. Kommentare sind auf beyondthejournal.net willkommen. Bearbeitungen sind erwünscht.

Gesamtkonzept für die Informationsinfrastruktur online

Das „Gesamtkonzept für die Informationsinfrastruktur in Deutschland“ ist online. Erstellt wurde das Gesamtkonzept von der Kommission Zukunft der Informationsinfrastruktur (KII), die im Auftrag der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) arbeitete. Auszug aus der Pressemitteilung der Leibniz-Gemeinschaft:

Die Zusammensetzung der Kommission stellt ein Novum dar. Sie repräsentiert die maßgeblichen Akteure der Informationsinfrastruktur in Deutschland, und zwar sowohl die Dienstleister selbst als auch die Förderorganisationen ebenso wie die wissenschaftlichen Nutzer.

Die Kommission definiert „Informationsinfrastruktur“ als nationales, disziplinübergreifendes „Netz“ von Einrichtungen. Diese nehmen dezidiert in öffentlichem bzw. institutionellem Auftrag die Versorgung im weitesten Sinne von Wissenschaft und Forschung mit Information und damit zusammenhängenden Dienstleistungen wahr. Vor diesem Hintergrund wird dem Konzept ein ganzheitlicher, strukturorientierter Ansatz zugrundegelegt. Disziplin-, sparten- und institutionenübergreifend werden acht Handlungsfelder beleuchtet, die aus heutiger Sicht für die Informationsinfrastruktur von zentraler Bedeutung sind:

  1. Lizenzierung
  2. Hosting / Langzeitarchivierung
  3. Nichttextuelle Materialien
  4. Retrodigitalisierung / kulturelles Erbe
  5. Virtuelle Forschungsumgebungen
  6. Open Access
  7. Forschungsdaten
  8. Informationskompetenz / Ausbildung.

Alle Handlungsfelder stehen miteinander in Zusammenhang. Darüber hinaus wurden 5 der 8 Themen parallel und in Kooperation zwischen der Kommission und der Allianz-Schwerpunktinitiative Digitale Information behandelt.

(Disclosure: Ich war an zwei KII-AGs beteiligt.)

„Kampf gegen wissenschaftliches Fehlverhalten aufnehmen“

Unter diesem Titel hat die SPD gestern einen Antrag (17/5758) in den Bundestag eingebracht. Hintergrund sind die aktuellen Plagiatsaffären um zu Guttenberg, Koch-Mehrin und Saß. In dem Papier (PDF) wird die „Verantwortung des Bundes für den Ruf des Forschungsstandortes Deutschland“ betont. Nach Vorstellung der SPD-Fraktion soll die Bundesregierung zehn Maßnahmen zur Sicherung der guten wissenschaftlichen Praxis umsetzen. U.a. fordert die SPD:

  • eine Initiative der Bundesländer „um bundesweite Kriterien zur Definition, zum Umgang mit und zur Ahndung von Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens zu definieren“,
  • die Prüfung, „ob die Strafen für wissenschaftliches Fehlverhalten […] vereinheitlicht werden können“,
  • die „Entwicklung von Anti-Plagiatssoftware zu unterstützen und ihren verstärkten Einsatz zu befördern“.

Darüber hinaus soll die Leopoldina beauftragen werden, eine Stellungnahme zur „Bewertung von und Sanktionen bei wissenschaftlichem Fehlverhalten“ auszuarbeiten. Leider berücksichtigt auch die SPD nicht das Potenzial von Open Access zur Aufdeckung und Vermeidung von Plagiaten und Fälschungen. In weiteren Maßnahmen wird der Blick auf die europäische und internationale Ebene gelenkt.

Im europäischen Kontext muss auf zwei interessante Publikationen der European Science Foundation (ESF) zur Qualitätssicherung in der Wissenschaft hingewiesen werden, die bisher in Deutschland nur wenig Beachtung gefunden haben.

Im April veröffentlichte die ESF gemeinsam mit dem Akademien-Verbund ALLEA (All European Academies) einen „European Code of Conduct for Research Integrity“ (PDF). Der Code wurde bereits 2010 auf der Second World Conference on Research Integrity vorgestellt und ist das Ergebnis einer gemeinsamen Arbeitsgruppe der beiden Organisationen. Eine Website der ESF informiert über die Entstehungsgeschichte und vorhergehende Publikationen.

Bereits im März veröffentlichte die ESF einen „European Peer Review Guide“ (PDF). Dieser ist auf Basis einer ebenfalls veröffentlichten Studie entstanden ist. Auszug aus der Pressemitteilung zur Veröffentlichung:

„Peer review is an internationally recognised way of assessing the quality and excellence in all research. The European Peer Review Guide will help all research funding organisations to learn more about different peer review processes, to perform evaluations more efficiently and with better quality,” said Dr Risto Vilkko, Science Adviser for Finland’s Research Council for Culture and Society, who contributed to the guide. The guide is based on a comprehensive survey that benchmarked and identified good practice amongst the many different systems and criteria currently in use in European countries. This includes research funding and performing organisations, councils, private foundations and charities, which all have roles in evaluating research applications.”

Nicht weniger Interessant ist, dass sich das Science and Technology Committee des britischen Parlaments heute in einer Anhörung mit dem Thema Peer Review befasst hat. Eine Videoaufzeichnung der Anhörung ist online.

LINKE fordert unabdingbares Zweitveröffentlichungsrecht

Nachdem die SPD im März bereits einen Gesetzentwurf für eine Zweitveröffentlichungsrecht in den Bundestag eingebracht hat, widmet sich die Linksfraktion nun in einem eigenen Antrag (17/5479) dem Thema. Unter dem Titel „Wissenschaftliche Urheberinnen und Urheber stärken – Unabdingbares Zweitveröffentlichungsrecht einführen“ fordert die LINKE die gesetzliche Verankerung von Open Access. Nach den Vorstellungen der LINKE soll das Zweitveröffentlichungsrecht folgende Bedingungen berücksichtigen:

  • „Das Recht erstreckt sich auf alle wissenschaftlichen Publikationen, die überwiegend aus öffentlichen Mitteln finanziert worden sind.“
  • „Eine Zweitveröffentlichung wird nicht nur in nichtkommerziellen, sondern auch in kommerziellen Publikationen ermöglicht.“
  • „Die Sperrfrist, nach der das Zweitverwertungsrecht in Anspruch genommen werden kann, beträgt höchstens sechs Monate.“
  • „Das Recht gilt auch für eine formatgleiche Zweitveröffentlichung, deren Ursprung in der Erstveröffentlichung jedoch anzugeben ist.“
  • „Vertragliche Vereinbarungen, die das Zweitveröffentlichungsrecht einschränken, sind unwirksam.“

Der Bundestag hat dazu eine kurze Meldung veröffentlicht.

DHV: Empfehlungen zum wissenschaftlichen Publizieren

Vor dem Hintergrund der Plagiatsaffäre um Karl-Theodor zu Guttenberg gewinnt die Diskussion um das wissenschaftlichen Publikationsverhalten an Relevanz.

Der Deutsche Hochschulverband (DHV) hat am 14.04.2011 disziplinübergreifende Empfehlungen zum wissenschaftsadäquaten Publikationsverhalten veröffentlicht. In den Empfehlungen werden die „Rechtsgrundlagen der Autorenbenennung“ behandelt und“ wissenschaftsethische Publikationsempfehlungen“ formuliert. Die DHV-Empfehlungen sind online.

Weiter fordert der DHV die Abgabe von Qualifikationsarbeiten in digitaler Form:

„In einer Resolution, die die Delegierten auf dem 61. DHV-Tag verabschiedeten, werden die Hochschulen aufgefordert, Studierende, Doktoranden und Habilitanden qua Prüfungsordnung dazu zu verpflichten, ihre Arbeiten auch in digitaler Form abzugeben, damit Texte besser und schneller auf Übereinstimmungen mit fremden Texten abgeglichen werden können.“

Dabei macht es sich der DHV leider etwas einfach in dem er a) „Diplomarbeitsbörsen“ verdächtigt Plagiarismus zu fördern und  b) das Potenzial von Open Access zur Plagiaterkennung nicht berücksichtigt.

Darüber hinaus werden in der aktuellen DIE ZEIT (14.4.2011 Nr. 16) die Ergebnisse einer Veranstaltung der Robert Bosch Stiftung aus dem November 2009 aufgewärmt. In dem Thesenpapier (PDF) zu der damaligen Veranstaltung werden sieben „Vorschläge zur Sicherung der Integrität und Qualität der Wissenschaft“ formuliert. U.a. heißt es dort:

„Die Autorschaft für eine wissenschaftliche Publikation bedingt substanzielle inhaltliche Anteile an der zu veröffentlichenden Arbeit. Die Autorschaft ist heute eine Währung der Wissenschaft geworden, die mit Geld belohnt wird. Das System der leistungsorientierten Mittelvergabe sollte daher die tatsächlichen Beiträge eines Autors prüfen und lediglich strategische Autorschaften ohne verantwortliche inhaltliche Beteiligung ächten.“

SCOAP3: Start der operativen Phase

Das Sponsoring Consortium for Open Access Publishing in Particle Physics (SCOAP3) geht in die operative Phase. Ziel von SCOAP3 ist die Überführung der Kernzeitschriften der Hochenergiephysik in Open Access. Bereits über 70 Prozent der benötigten 10 Millionen Euro sind zugesagt.

Auf dem „decision-making meeting“ am 06.04.2011 wurde das weitere Vorgehen mit den beteiligten Ländervertretern abgestimmt. Das Meeting wurde mit einer Grußbotschaft von Neelie Kroes, EU-Kommissarin für die Digitale Agenda, eröffnet. Ein Video und ein Transkript (PDF) ihrer Rede sind online. Auszug:

„We all know that change in scientific publishing is both possible and inevitable. But what should each actor do today to help make it happen?
SCOAP3 says: Let’s go all the way in one step, let’s get together and convert the publications of a whole scientific field to Open Access. This is a radical approach and I applaud it.
You are pioneers. Your success will be more than just a proof of concept. It will show us a passable way into the future of scientific publishing that others can follow. SCOAP3 is key.“

Darüber hinaus wurde das weitere Vorgehen mit den potenziellen Verlagspartnern diskutiert. In Kürze wird nun die Ausschreibung gestartet.

Eine Video-Aufzeichnung der Veranstaltung ist online. Empfehlenswert ist insbesondere die Einführung von Salvatore Mele (siehe Screenshot). In seinem Vortrag beschreibt er u.a. die Entwicklung des Publikationswesens in der Physik während der letzten 60 Jahren.

Michael Nielsen über Open Science

Der australische Quantenphysiker Michael Nielsen, auf desen Buch „Reinventing Discovery: The New Era of Networked Science“ ich mich schon sehr freue, hat auf der TEDxWaterloo einen sehr empfehlenswerten Vortrag zum Thema Open Science gehalten.

Falls nicht bekannt:Die Essays von Nielsen zum Thema „The future of science“ sind sehr lesenswert.

(via Daniel Mietchen.)