„Wissen“ und „Verwertung“

Da die Kollegen Puschmann und Herb gerade andere Kanäle als dieses Blog nutzen, aggregiere ich im Folgenden zwei lesenswerte Beiträge der lieben Kollegen.

Ulrich Herb schreibt auf TELEPOLIS unter dem schönen Titel „Für Wissenschaftler wertlos“ über das Zählpixel der VG Wort:

Seit 2007 bietet die Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort) für online publizierte Dokumente die Möglichkeit einer Ausschüttung von Tantiemen aus Zweitverwertungrechten nach Urheberrechtsgesetz. Ob man in den Genuss einer Ausschüttung kommt, hängt von einer kruden Technik ab, die Verfasser wissenschaftlicher Dokumente in den meisten Fällen von einer Vergütung ausschließt. Alternativvorschlägen von E-Publishing-Akteuren verschließt sich die VG Wort bislang.

Cornelius Puschmann macht sich in seinem eigenen Blog „Gedanken zur gesellschaftlichen Aufgabe der Wikipedia„:

Das Internet fordert unter anderem deshalb gesellschaftliche Eliten heraus, weil es alternative Zugänge zu und Teilnahme an Wissen ermöglicht. Im Falle der Wikipedia sind es (unter anderem) Schule und Wissenschaft, die herausgefordert werden. Dabei geht es weniger darum, dass die bestehenden System ersetzt würden, als vielmehr um vergrößerte Transparenz und Partizipationsmöglichkeiten durch neue, bislang nicht in den Wissensverhandlungsprozess eingebundene Akteuere. Die Wikipedia ist nicht perfekt, aber das muss sie auch nicht sein. Es genügt völlig, dass sie uns die Komplexität der Wissenskodifizierung vor Augen führt, und dass sie die Barrieren zur Teilnahme an dieser Kodifizierung im Vergleich zum Buchzeitalter merklich reduziert hat. Die Wikipedia ist nicht bedeutsam als ewiger Wissensspeicher, in dem ordentlich sortierte Fakten abgelegt werden. Vielmehr ist sie ein Marktplatz, auf dem Wissen verhandelt wird, und dieser Prozess ist vielleicht wichtiger als sein Endprodukt, auch wenn es zweifellos oft ein ziemlich mühseliger Prozess ist.

Liebe Kollegen, bei diesem Output ist es schwer den Überblick zu behalten! Hinweise auf Eurer Schaffen und Wirken sind auch hier weiterhin willkommen. 🙂

Umfrage zur Expertenbeteiligung bei Wikipedia

Das Wikimedia Research Committee hat unter dem Titel „Expert barriers to Wikipedia“ eine Umfrage zur Position von Wissenschaftlern und „Experten“ zu Wikipedia veröffentlicht. Auszug aus dem Einführungstext:

Wikipedia is now widely regarded as a mature project and is consulted by a large fraction of internet users, including academics and other experts. However, many of them are still reluctant to contribute to it. The aim of this survey is to understand why scientists, academics and other experts do (or do not) contribute to an open collaborative project such as Wikipedia, and whether individual motivation aligns with shared perceptions of Wikipedia within expert communities. We hope this may help us identify ways around barriers to expert participation.

Die Fragen laden zum Nachdenken ein. Ich habe etwa 10 Minuten zur Beantwortung benötigt. Passend zur Umfrage findet sich auf academics.de ein Beitrag von Johannes Becher und Viktor Becher mit dem schönen Titel „Gegen ein Anti-Wikipedia-Dogma an Hochschulen“.

Der Hinweis auf die Umfrage kam von Daniel Mietchen, der Mitautor der Umfrag ist und sich u.a. mit der Funktion von Wikis in der Wissenschaftskommunikation beschäftigt.

SOAP: Perspektiven auf Open Access

Letzten Donnerstag wurden in Berlin die Ergebnisse des EU-Projekts Study of Open Access Publishing (SOAP) präsentiert. SOAP liefert, neben einer ausführlichen Bestandsaufnahme der Open-Access-Publikationslandschaft, einen sehr interessanten Einblick in Perspektiven von Wissenschaftlern auf Open Access. In einer Online-Befragung haben 53.890 Personen zum Thema Stellung genommen. Auf Basis eines Subsets von 38.358 Antworten bieten die Ergebnisse des SOAP-Projekts einen höchst interessanten Blick auf die Positionen von Wissenschaftlern zu Open Access. Ein Bericht der Ergebnisse steht noch aus. [Siehe Update vom 29.01.2011.] Aktuell liefern die Folien des SOAP Symposium einen gute Zusammenfassung der Ergebnisse:

Besonders interessant sind die Folien des letzen Vortrages. Dieser widmet sich der praktischen Umsetzung von Open Access:

Bemerkenswert ist, dass die Daten der Studie in Kürze zur Nachnutzung bereit gestellt werden. Dies ist wohl das erste Mal, dass ein informationswissenschaftliches Forschungsprojekt Daten in diesem Umfang im Open Access zugänglich macht. Glückwunsch an die Projektpartner zu diesem Schritt!

Weitere Berichte zur Veranstaltung gibt es bei The Occasional Pamphlet und bei ScienceInsider.  Die Folien zu meinem kurzen Statement auf dem SOAP Symposium sind bei Slideshare zu finden.

Update, 29.01.2011: Auf  arXiv.org wurde mittlerweile eine Zusammenfassung der Wissenschaftlerbefragung veröffentlicht: Dallmeier-Tiessen, S. et al.: Highlights from the SOAP project survey. What Scientists Think about Open Access Publishing. 2011. arXiv:1101.5260v1

Update, 30.01.2011: Einige Videos des SOAP Symposium sind bei River Vally TV online.

Update, 31.01.2011: Die Daten (csv, xls, xlsx) stehen nun unter CC0, inkl. Beschreibung, zur freien Verfügung.

Neues aus dem Hause Nature

Die Nature Publishing Group (NPG) hat zu Beginn des neuen Jahres drei interessante Pressemitteilungen veröffentlicht.

Am 05.01.2011 gab der Verlag bekannt, Artikel aus den Zeitschriften Nature, Nature Biotechnology, Nature Cell Biology, Nature Medicine und Nature Chemical Biology zukünftig über DeepDyve „ausleihbar“ zu machen. Für 3,99 US-Dollar kann ein Aufsatz 24 Stunden lang betrachtet werden. Druck und Bearbeitung sind nicht möglich.

Darüber hinaus informiert NPG über ein Update des iPad App. Für monatlich 9,99 US-Dollar kann Nature auf dem iPad gelesen werden.

Martin Fenner hat die Neuerungen kommentiert:

In the discussion of subscriptions vs. author-pays for scholarly papers we sometimes forget that it’s really a question of how much we are willing to pay. I’m looking forward to the nature.com app for the iPad, and $9.99 per month seems reasonable. I would not rent a single article for $3.99 – this should either be $0.99 or give me the PDF that I can download and print, something that subscription journals typically charge $10-$30.

Am 06.01.2011 kommunizierte NPG den Start eines Open-Access-Journals namens Scientific Reports. Das Konzept der Zeitschrift erinnert stark an PloS ONE. (Und zeigt so einmal mehr, dass PLoS Innovationsmotor einer ganzen Branche ist.) Auszug aus der Beschreibung des Journals:

Scientific Reports will publish original research papers of interest to specialists within a given field in the natural sciences. It will not set a threshold of perceived importance for the papers that it publishes; rather, Scientific Reports will publish all papers that are judged to be technically valid and original. To enable the community to evaluate the importance of papers post-peer review, the Scientific Reports website will include most-downloaded, most-emailed, and most-blogged lists. All research papers will benefit from rapid peer review and publication, and will be deposited in PubMed Central.

Die Publikationsgebühr beträgt 1350 US-Dollar. Einreichungen sind ab Sommer möglich. Einen lesenswerten Kommentar zu der Ankündigung liefert Cameron Neylon.

Weiter hat NPG am 06.01.2011 in einer Pressemitteilung zum Thema Open Access Stellung genommen. In dieser erläutert David Hoole, Direktor für „Intellectual Property Policy and Licensing“ unter dem Moto „one size does not fit all“ die verschiedenen Open-Access-Aktivitäten des Verlages. Kommentare dazu finden sich u.a. bei Gobbledygook und Trading Knowledge.

Open-Access-Publikationsfonds in Deutschland

Ich bin gerade dabei, eine Liste der mir bekannten Open-Access-Publikationfonds in Deutschland zu erstellen. Ergänzungen und Anmerkungen sind willkommen.

Eine hilfreiche Definition des Begriffes „Open-Access-Publikationsfonds“ bietet  die Scholarly Publishing and Academic Resources Coalition (SPARC):

An open-access fund is a pool of money set aside by an institution or other research-sponsoring entity specifically to defray or cover processing fees for articles published by members of the institution in open-access journals. While open-access funds are administered in a variety of fashions with a wide array of policy distinctions, they share a common goal of encouraging researchers to make their work open to the public. (Quelle.)

Die folgende Liste vereinigt deutsche Institutionen, die einen Open-Access-Publikationsfonds betreiben und unter diesem Begriff kommunizieren:

Die Mehrzahl der genannten Institutionen werden durch das Förderprogramm „Open-Access-Publizieren“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)  gefördert.

Eine Übersicht von Open-Access-Publikationfonds weltweit bietet das Open Access Directory (OAD).

Folien des DINI/Helmholtz Repositorien Workshop online

Vom 30.11. bis 01.12.2010 veranstaltete das Helmholtz Open Access Projekt in Zusammenarbeit mit der Deutschen Initiative für Netzwerkinformation (DINI) im Erwin Schrödinger-Zentrum des Universitätscampus in Berlin-Adlershof einen Workshop zur strategischen Weiterentwicklung von Repositorien. Über 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wissenschaft, Infrasturktureinrichtungen und Verlagen informierten und diskutierenden über die zukünftige Rolle von Repositorien in Forschung und Lehre.

Die Folien der Veranstaltung sind auf der DINI-Website zugänglich. Eine „Dokumentation“ der Veranstaltung ist bei Twitter (#dinihg10) zu finden.

Gedanken zum informationswissenschaftlichen Journal der Zukunft

In eigener Sache: Auf beyondthejournal.net werden Lambert Heller und ich in den kommenden Wochen einige Überlegungen zur informationswissenschaftlichen Zeitschrift der Zukunft veröffentlichen.

In einer sich dynamisch entwickelnden Konzeptstudie formulieren wir einige Überlegungen zur Entwick­lung einer Pu­blikations- und Rezeptionsplattform für die Informationswissenschaften. beyondthejournal.net begleitet und dokumentiert den Prozess. Ideen und Anregungen zum Thema sind willkommen.

In den ersten beiden Beiträgen werden wir uns an einer Bestandsaufnahme der Fachkommunikation in den deutschsprachigen Informationswissenschaften versuchen.

„Das Recht auf Sichtbarkeit“

Unter diesem schönen Titel hat der Bibliotheksjurist Eric Steinhauer eine sehr lesenswerte Publikation zum Verhältnis der Themen Wissenschaftsfreiheit und Open Access veröffentlicht.

Die Anmerkung zum Titel des Buches macht Steinhauers Verständnis von Wissenschaftsfreiheit deutlich (S. 10):

Der Titel des vorliegenden Buches ist programmatisch zu verstehen. Es geht um das Recht des wissenschaftlich arbeitenden Menschen, sich in seinem Streben nach Wahrheit und Erkenntnis in einer Weise mitteilen zu können, die nicht wissenschaftsfremden ökonomischen Zielen, sondern allein der wissenschaftlichen Sache selbst verpflichtet ist. Eine so verstandene Mitteilungsfreiheit ist die unabdingbare Voraussetzung dafür, dass echter wissenschaftlicher Fortschritt durch Erkenntnisaustausch, durch Diskussion und Kritik möglich ist. Kann eine Wissenschaft das Maß ihrer Sichtbarkeit nicht mehr selbst bestimmen, hört sie auf, eine freie Wissenschaft zu sein.

Mir hat dieses Buch in der letzten Woche eine lange Bahnfahrt versüßt. Es versammelt zwei Vorträge von Steinhauer auf den Göttinger Urheberrechtstagungen 2008 und 2009.

Steinhauer beschreibt, in einer für Nicht-Juristen sehr verständlichen Form, die relevanten Aspekte des Themenkomplexes in Grundgesetz, Dienstrecht, Hochschulrecht und Urheberrecht. Dabei plädiert er u.a. für ein unabdingbares Zweitveröffentlichungsrecht. Eine Forderung, die auch von der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen in einer erweiterte Stellungnahme (PDF) zur Novellierung des Urheberrechts aus dem Juli vertreten wird.

Literatur:

Steinhauer, Eric W.: Das Recht auf Sichtbarkeit. Münster : Monsenstein und Vannerdat, 2010. Online. Print.

Call for Papers: Digitale Wissenschaft 2010

Ich melde mich mal wieder mit einem Beitrag in eigener Sache, auch wenn es hoffentlich  unter den Wisspub-Lesern zahlreiche Interessenten an dieser Veranstaltung geben wird. Auch für jede Weiterverbreitung dieses Calls sind wir sehr dankbar!

Am 20. und 21. September veranstaltet das hbz NRW in Zusammenarbeit mit dem Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) und dem Zentrum für Medien und Interaktivität der Justus-Liebig-Universität Gießen die Tagung Digitale Wissenschaft 2010 (Tagungs-Website, Call als PDF). Aus dem Call:

Der Aufruf zur Teilnahme durch Forschungsbeiträge richtet sich unter anderem an:

  • Wissenschaftler aller Fachrichtungen, (um die Entwicklung und den Bedarf ihrer Disziplin zu schildern)
  • Wissenschaftsforscher (Wissenschaftssoziologen und -historiker, Kulturwissenschaftler)
  • Bibliotheks- und Informationswissenschaftler
  • Unterstützer des wissenschaftlichen Forschungs- und Kommunikationsprozesses an Bibliotheken, Forschungsinstituten und Fördereinrichtungen

Der Fokus der Veranstaltung und geplanten Publikation richtet sich dabei unter anderem auf folgende Bereiche:

  • Elektronisches Publizieren
  • Open Access / Open Data
  • Digitalisierung
  • Langzeitarchivierung
  • Linked Data und Semantic Web
  • Kultur- und kommunikationswissenschaftliche und medientheoretische Grundlagen digitaler Wissenschaft
  • Methoden, Werkzeuge und Infrastrukturen in verschiedenen Wissenschaftsbereichen und Disziplinen (eScience / eSocial Science / eHumanities)

Gewünscht sind u.a Beiträge in folgenden Formaten:

  • Überblicksartikel zur einzelnen Fachdisziplinen und Teilaspekten des Themenkomplexes “Digitale Wissenschaft”
  • Theoretische Studien über kultur-, kommunikations- und informationswissenschaftliche Grundlagen digitaler Wissenschaft
  • Fallstudien/case studies zum Einsatz integrierter Foschungsumgebungen in konkreten Fachkontexten (z.B. ArcheoInf, WALS, HapMap, Pangaea, WormBase, TextGrid)
  • Empirische Untersuchungen zur Nutzung und Akzeptanz digitaler Recherche-, Kommunikations- und Publikationstechniken

Alle Details finden sich wie erwähnt auch auf der Website.

Wichtige Termine

  • 15.6.2010 Eingang der Abstracts (400 Wörter)
  • 1.7.2010 Benachrichtigung der Annahme
  • 20./21.09.2010 Konferenz
  • 15.10.2010 Erweiterte Abstracts (1.500 – 2.000 Wörter)
  • Dezember 2010 Publikation

Im Anschluss an die Konferenz werden zentrale Ergebnisse in Form von Extended Abstracts (1.500 – 2.000 Wörter) gemeinsam mit einigen zentralen Langartikeln in einem hybriden Band (elektronisch + print) publiziert werden.

Wissenschaftliche Kommunikation im Wandel — mal mehr, mal weniger

Im Chronicle of Higher Education gibt es einen interessanten Beitrag zu den Arbeitsgewohnheiten von Wissenschaftlern, basierend auf einer neuen Untersuchung von Ithaka. 3.025 Forscher an amerikanischen Hochschulen wurden zu ihren Recherche- und Publikationsgewohnheiten befragt — mit unterschiedlichen Ergebnissen (Auszüge):

Recherche jenseits der Bibliothek

The first section, „Discovery and the Evolving Role of the Library,“ confirms what many librarians already know: Faculty members do not use the library as a gateway to information nearly as much as they used to.

„One of the really thought-provoking questions that comes out of this study is whether libraries should continue to invest in locally customized discovery tools or whether those investments are not likely to yield value.“

E-Journals ersetzen zunehmend Print

The embrace of digital journals has become so widespread that print editions of current issues „are rapidly becoming a thing of the past“ for many scholars, the survey found. Sixty percent of humanists and more than 80 percent of scientists said they would be fine with having their libraries provide only electronic copies of the latest issues of journals.

Electronic books, however, have not yet conquered faculty hearts and habits the way e-journals have. „Despite the arrival of devices like the Amazon Kindle—and about 10 percent of respondents indicated that they owned an e-book device like the Kindle—e-books have remained marginal to scholars,“ the survey found.

Impact wichtiger als Open Access

„Despite several years of sustained efforts by publishers, scholarly societies, libraries, faculty members, and others to reform various aspects of the scholarly communications system, a fundamentally conservative set of faculty attitudes continues to impede systematic change,“ the report concludes

For instance, about 85 percent of respondents called it „very important“ that a journal they publish in is widely read by colleagues in their field. Only 40 percent said it was very important that the journal provide free online access to its contents.