Gedanken zum informationswissenschaftlichen Journal der Zukunft

In eigener Sache: Auf beyondthejournal.net werden Lambert Heller und ich in den kommenden Wochen einige Überlegungen zur informationswissenschaftlichen Zeitschrift der Zukunft veröffentlichen.

In einer sich dynamisch entwickelnden Konzeptstudie formulieren wir einige Überlegungen zur Entwick­lung einer Pu­blikations- und Rezeptionsplattform für die Informationswissenschaften. beyondthejournal.net begleitet und dokumentiert den Prozess. Ideen und Anregungen zum Thema sind willkommen.

In den ersten beiden Beiträgen werden wir uns an einer Bestandsaufnahme der Fachkommunikation in den deutschsprachigen Informationswissenschaften versuchen.

Apps für die Wissenschaft

Die Anzahl der Apps für Mobilgeräte wie iPhone, iPod Touch und iPad wächst. In der aktuellen Ausgabe der Research Information fasst Sian Harris unter dem Titel „Research in an ‚app'“ den Stand der Entwicklungen für Forschung und Lehre zusammen. Neben der Vorstellung einiger Apps (z.B. von IOP, Nature und OECD) und mobiler Webseiten beschreibt der Autor die Herausforderungen für Verlage und andere Akteure im Feld. Beispiel Authentifizierung: Während der Zugriff auf closed access Journale wie Nature und Co. normalerweise über die IP-Adressen einer wissenschaftlichen Institution, per Lizenzierung, geregelt ist, erwarten Nutzerinnen und Nutzer eines iPhones oder iPads den ortsunabhängigen Zugriff ohne Barrieren:

„For the moment, the approach with many apps is to offer them without authentication barriers but only to provide some of the information and services that is available to subscribers. IOPscience express, for example, is free and does not require any log in. However, it only has the last two years of content, users are limited to 20 downloads per month and they can’t synchronise the PDFs that they access on their iPhone with their PC.“

Open-Access-Journale haben dieses Problem nicht. Seit März 2010 gibt es das PLoS Medicine iPhone App. Dieses erlaubt den kostenfreien Zugriff auf alle Artikel der Open-Access-Zeitschrift, egal ob auf dem Campus oder aus der U-Bahn.

Einen Blick in die Zukunft bietet der PLoS Reader, der für das iPad entwickelt wurde und seit dem 15. Juni 2010 kostenlos zugänglich ist.

Interessant wird sein, wie sich das iPad in der Wissenschaft etabliert. Zum einen eröffnet die Mobilität des Gerätes eine Vielzahl von interessanten Einsatz-Szenarien z.B. in der Feldforschung. Zum anderen behindert die Geschlossenheit des Systems die enge Verknüpfung von wissenschaftlichem Arbeitsprozess, Publikationsprozess und Rezeption. Es sei denn, es wird ein schickes App programmiert, das eine Verknüpfung zwischen den genannten Prozessen herstellt.

Spannend wird insbesondere die Entwicklung der Apps zur Literaturverwaltung werden. Nach meinem Wissen gibt es außer dem Papers App bisher keine Anwendung zur wissenschaftlichen Literaturverwaltung. (Siehe dazu auch die Diskussionen im Mendeley-und im Zotero-Forum.)

Literatur:

Harris, S.: Research in an ‚app‘. In: Research Information, June/July 2010. Online.

„Yes, we are open – Wissenschaft, E-Books und das Urheberrecht“

Es war der Titel der Veranstaltung, der mich bisher abgeschreckt hat. Aber: Die Aufzeichnung des 52. Zukunftsgespräches ist durchaus hörenswert.

Am 02.03.2010 diskutierten:

  • Claudia Lux (Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin)
  • Katja Mruck (Freie Universität Berlin, CeDiS)
  • Eric Merkel-Sobotta (Springer Science+Business Media)
  • Florian R. Simon (Duncker & Humblot Verlag)

über die Zukunft der wissenschaftlichen Informationsversorgung.

Neben den Themenfeldern Open Access und Urheberrecht wurde u.a. das zukünftige Rollenverständnis von Bibliotheken und Verlagen thematisiert.

Insbesondere die Beiträge von Mruck („[…] das Buch ist die Postkutsche der Zukunft.“) und Merkel-Sobotta („Wir nutzen Google Book Search als eines der wichtigsten Marketingtools […]„) sind interessant.

Zur Aufzeichnung.

Die Veranstaltungsreihe Zukunftsgespräche wird von der Berliner Landesinitiative Projekt Zukunft in Zusammenarbeit mit dem Inforadio veranstaltet.

Rückblick auf die APE 2010

Unternehmensberater Ehrhardt F. Heinold hat in seinem Blog einige lesenswerte Eindrücke der diesjährigen „Academic Publishing in Europe“ (APE 2010) Konferenz festgehalten. Neben einer Zusammenfassung der diskutierten Themen kommentiert er die Entwicklungen der letzten Jahre:

Viele Verlage haben Fehler gemacht, sie haben eine teilweise kundenunfreundliche Preis- und Lizenzpolitik verfolgt (gegenüber ihrer Hauptkundengruppe Bibliotheken), sie haben ihre Leistungen (gegenüber Kunden und der Politik) nicht ausreichend erklärt, und sie haben sich nicht genügend um die Kunden und ihre Bedürfnisse gekümmert (Autoren, Leser, Bibliotheken). Das hat sich geändert. Der Dialog hat längst begonnen. Open Access taugt nicht mehr als Feindbild.

Weiter findet sich auf boersenblatt.net eine interessante Zusammenfassung der Konferenz, die in ihrem fünften Jahr unter dem Motto „Researchers, Librarians & Publishers“ stand.

PANGAEA und Elsevier kooperieren

Robert Huber weist auf Stratigraphy.net internals auf die jüngst gestartete Kooperation zwischen dem Forschungsdaten-Repositorium Publishing Network for Geoscientific & Environmental Data (PANGAEA) und Elseviers Zeitschriftenplattform ScienceDirect hin.

Das Forschungsdaten-Repositorium, das vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) und vom Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen MARUM betrieben wird, macht geowissenschaftliche Daten im Sinne des Open Access nachnutzbar. Dabei referenziert PANGAEA in den Metadaten eines gespeicherten Datensatzes immer auch auf Zeitschriften-Aufsätze, die auf Grundlage dieses Datensatzes entstanden sind. Weiter sind alle gespeicherten Forschungsdaten über einen Digital Object Identifier (DOI) dauerhaft adressierbar.

Neu ist nun, dass auch von der Zeitschriftenplattform ScienceDirect (Elsevier) auf in PANGAEA gespeicherte Datensätze verlinkt wird: Beim Zugriff auf die Eingangsseite eines geowissenschaftlichen Artikels in ScienceDirect prüft die Zeitschriftenplattform, ob zu der jeweiligen Publikation ein Datensatz in PANGAEA gespeichert ist. Ist dies der Fall, erscheint das PANGAEA-Logo mit dem Hinweis „Supplementary Data“.

Beispiel:

  • Verlinkung in ScienceDirect (doi:10.1016/j.marmicro.2007.09.002)
  • Verlinkung in PANGAEA (doi:10.1594/PANGAEA.676719)

Diese Kooperation, (die selbst nicht Teil der Elsevier-Initiative „Article of the Future“ ist), kann gut und gerne als zukunftsweisend bezeichnet werden, da somit, dank DOI, die Verbindung zwischen wissenschaftlichen Daten und den auf ihnen basierenden Text-Publikationen geschaffen wird.

Hintergrund: Die persistente Adressierung von Forschungsdaten wurde im Rahmen des STD-DOI-Projektes erfolgreich erprobt und wird aktuell im Rahmen der DataCite-Initiative weitergeführt.

Update, 01.03.2010: Schreibfehler korrigiert (PANGAEA statt PANGEA).

ORCID: Neue Initiative zur Autoren-ID

Die Landschaft der Autoren-Identifikatoren ist bisher durch konkurrierende Dienste wie z.B. Scopus Author ID (Elsevier) und Researcher ID (Thomson Reuters) geprägt. (Siehe dazu z.B. Martin Fenners Beitrag.)

Die diesen Monat gestartete Open Researcher Contributor Identification Initiative (ORCID) verfolgt nun das Ziel, einen unabhängigen und offenen Standard zur Identifikation von wissenschaftlichen Autorinnen und Autoren zu etablieren.

The ORCID Initiative represents a community effort to establish an open, independent registry that is adopted and embraced as the industry’s de facto standard. Our mission is to resolve the systemic name ambiguity, by means of assigning unique identifiers linkable to an individual’s research output, to enhance the scientific discovery process and improve the efficiency of funding and collaboration. (Quelle)

Der Blick auf die Mitgliederliste der Initiative macht die zukünftige Bedeutung von ORCID deutlich: Neben Verlage wie Elsevier, Nature Publishing Group, Public Library of Science (PLoS) und Springer sind Forschungseinrichtungen wie das CERN und die European Molecular Biology Organization (EMBO), sowie weitere Akteure, z.B. OCLC, Microsoft und CrossRef Mitglied.

Im Rahmen von INSPIRE, der Informationsplattform für die Hochenergiephysik, ist auch das Helmholtz-Zentrum DESY an der Entwicklung von ORCID beteiligt.

Ein lesenswerter Artikel über ORCID ist in der aktuellen Ausgabe der Nature erschienen.

Weitere Informationen bietet die Website und die Pressemitteilung der Initiative.

[via Martin Fenner]

Studie zur Nachhaltigkeit von Publikations- und Digitalisierungsaktivitäten

Die vom Joint Information Systems Committee (JISC) geförderte Strategic Content Alliance und Ithaka S+R haben eine Studie zu den Geschäftsmodellen von Publikations- und Digitalisierungsaktivitäten im Non-Profit-Sektor veröffentlicht:

Maron, Nancy L. et al.: Sustaining Digital Resources. An On-the-Ground View of Projects Today. 2009 (online)

Die Studie befasst sich im Rahmen von 12 Fallstudien mit der Nachhaltigkeit von Publikations- und Digitalisierungsaktivitäten. Ziel der Studie ist es „to help the not-for-profit sector develop cost-effective strategies for financing technology.“

In Interviews wurden Organisations- und Geschäftsmodelle unterschiedlichster Projekte und Institutionen abgefragt, die digitale Informationsdienste betreiben. Untersucht wurden u.a. DigiZeitschriften (Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen), eBird (Cornell University Lab of Ornithology) und  Hindawi Publishing Corporation.

Die Studie beschreibt eine Vielzahl unterschiedlicher Geschäftsmodelle (S. 21-26):

  • Subscription
  • Licensing to publishers Licensing to users
  • Custom services and consulting
  • Corporate sponsorships and advertising
  • Author fees
  • Endowment
  • Grants
  • Other sources of donated revenue

Als Erfolgsfaktoren für den nachhaltigen Betrieb werden folgende Rahmenbedingungen beschrieben (S. 13-27):

  • Dedicated and entrepreneurial leadership
  • A clear value proposition
  • Minimising direct costs
  • Developing diverse revenue sources
  • Clear accountability and metrics for success

Deutlich wird, dass die Mehrzahl der Aktivitäten auf eine Finanzierung durch ihre Heimatinstitution angewiesen sind:

While many of our case studies, particularly the studies of projects embedded in larger institutions, suggest that this level of host support is a normal state of affairs, we caution project leaders not to take this support for granted. Project leaders should regularly ask themselves whether the host institution will continue to provide these contributions, particularly as more and more digital resources emerge and their collective costs may become more of a burden to bear. Leaders will have to continuously make the case that the project advances the mission or otherwise supports the interests of the host institution. In the absence of clear measures of how this support advances the mission of the host institution, these contributions are at risk, particularly in a time of economic uncertainty. (S. 28)

Video Abstracts – neue Kanäle der Wissenschaftskommunikation?

Angeregt durch einen Beitrag von Gavin Baker über Quantiki Video Abstracts in den Open Access News habe ich mich etwas näher mit der Audiovisualisierung wissenschaftlicher Zeitschriftenaufsätze befasst.

Das Konzept des so genannten Video Abstracts ist simpel: In einem kurzen Videobeitrag stellt ein Autor einen von ihm verfassten Artikel vor. Falls der Zuschauer den Beitrag als relevant einstuft, hat er die Möglichkeit den Volltext in aller Ausführlichkeit zu studieren.

John F. Kuemmerle, Online-Editor der Zeitschrift Gastroenterology der American Gastroenterological Association (AGA) betont das Potenzial des Video Abstracts. Dieser, so Kuemmerle, biete u.a. die Chance die Motivation eines Wissenschaftlers an seiner Forschungsarbeit zu beschreiben. So fördert der Video Abstract die Möglichkeit, jenseits der häufig engen Autoren-Richtlinien, bestimmte Aspekte einer Forschungsarbeit zu betonen. Typisch für den Video Abstract ist die Verwendung von Folien, Tafeln und anderen Hilfsmittel, welche z.B. dazu dienen Formeln oder Grafiken darzustellen.

Im YouTube Channel der AGA, der seit Mitte Februar 2009 existiert und als Plattform für die Video Abstracts der beiden Zeitschriften der AGA Clinical Gastroenterology and Hepatology und Gastroenterology genutzt wird, sind bereits 5 Video Abstracts online (Stand: 21.05.2009). In der Beschreibung der Videos wird auf den jeweiligen Artikel gelinkt.

Ein weiteres Beispiel ist die Elsevier-Zeitschrift Journal of Number Theory: Auch hier werden die Video Abstracts über einen YouTube Channel publiziert. Der Channel startete im April 2008. Bereits 19 Video Abstracts stehen dem Zuschauer zur Verfügung (Stand: 21.05.2009). Auch hier wird in der Beschreibung eines Videos auf den jeweiligen Artikel gelinkt. Interessant ist, dass wiederum auch im Abstract der Aufsätze auf ScienceDirect auf den jeweiligen Video Abstract verwiesen wird (Beispiel).

An der ETH Zürich wird das Konzept des Video Abstracts von dem Lehrstuhl für Strategisches Management und Innovation unterstützt. Angehörige des Lehrstuhls präsentieren ihre Papers auf einer Webseite des Instituts. Leider sind, außer Angaben zu Titel und Autor, keine bibliographischen Daten zu den jeweiligen Publikationen vorhanden, so dass der Zuschauer selbst nach der vorgestellten Publikation recherchieren muss.

Ein weiteres Beispiel ist Quantiki, einem Wiki für Physiker. In diesem werden die Video Abstracts nutzerfreundlich präsentiert: Per arXiv-ID ist der unkomplizierte Zugriff auf die Open-Access-Publikationen möglich.

Die Beispiele zeigen, dass der Video Abstract interdisziplinär die Chance bietet wissenschaftliche Inhalte audiovisuell zu vermitteln. Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielseitig. Abzuwarten bleibt, ob in Zukunft auch Verlagsplattformen eigene Tools zur Erstellung von Video Abstracts bereitstellen. Die bisherigen Video Abstracts lassen auf eine spannende Entwicklung schließen.