Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben?

Einerseits trägt das web zum „information overflow“ bei, andererseits stellt es auch Lösungen dieses Problems bereit: „collaborative filtering“ und „crowdsourcing“ sind nur zwei Schlagworte, um ein Phänomen zu benennen, das vielleicht am besten anhand von Beispielen beschrieben werden kann.

In den meisten Bereichen der Physik ist der preprint server arXiv mittlerweile das Publikationsmedium. Unabhängig davon, ob ein paper irgendwann einmal in einem traditionellen Journal erscheinen wird – auf arXiv erscheint es zuerst.

Durch diese Stellung sind die Zahlen der Veröffentlichungen auf arXiv immens gestiegen; so daß es in manchen Gebieten der Physik nicht mehr möglich ist, alle neuen papers im Blick zu behalten – ein klassischer Fall von „information overflow“.

„Kobra – übernehmen Sie!“ – ein Fall für „crowdsourcing“ – und zwar mit blogs. Einem Vorbild am Canadian Institute for Theoretical Astrophysics folgend, nutzt das Albert Einstein Institut ein blog – das von der MPDL betrieben wird – um relevante neue arXiv papers für/durch die gravitational waves community zu filtern. Als „Zugeständnis“ an den traditionellen Forschungsbetrieb werden alle drei Monate die abstracts der ausgewählten preprints – angereichtert mit einem zusätzlichen Artikel – als newsletter veröffentlicht.

Ob sich diese Art „low-tech overlay journal“ bewähren wird, oder sich sogar als Beispiel von „worse is better“ gegen overlay journal Systeme mit „echten“ peer review Funktionalitäten durchsetzt, wird interessant zu beobachten sein.

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9 Gedanken zu “Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben?

  1. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Ansatz von GPeerReview, ueber den ich in meinem Blog schon ausfuehrlich berichtet habe. Der Trend, Publikation und Begutachtung weitgehend zu trennen, wird langfristig das etablierte Journal-Modell deutlich veraendern.

  2. Leider ist die overlay-Idee ja schon älter ohne sich bislang richtig durchgesetzt zu haben (s. Blog-Post von Peter Suber zu einem Artikel in 2004). Vermutlich ist die Aussage von Greg Kuperberg weiterhin gültig… und wird es auch bleiben?

    „But existing experiments lack a crucial feature: They are not designed to substitute for journal names in the author’s list of publications.“

  3. der workflow bei brownbag.lisascience.org ist schlicht: jeder besucher der site kann einen arxiv preprint zur aufnahme in die reading list vorschlagen, indem er den identifier im form eingibt. dieser vorschlag geht per email an den editor (und die daten des vorgeschlagenen preprints als post im draft status in’s blog). nun kann der editor entweder den post publizieren, oder loeschen – nach intellektueller auswahl.

  4. Sehr spannend! Cornelius Erinnerung an seinen GPeerReview-Artikel ist in diesem Zusammenhang natürlich wichtig.
    Kann man den Vorschlagsprozess so einfach und offen wie möglich halten (vgl. LISA Brown Bag) und zugleich einen recht traditionell organisierten und somit aufwändigen Peer Review (auch in der Variante veröffentlichte Reviews, plus Ergänzung um informellen „kollaborativen“ Review durch die Community, das ändert ja nichts an dem Aufwand) hinbekommen?

  5. @lambert: was du beschreibst ist sicher die anspruchsvollste variante. nach meiner erfahrung laesst sich die frage, ob sowas moeglich ist, kaum in der theorie beantworten. und auch beispiele aus der praxis duerften kaum zwischen verschiedenen wissenschaftszweigen (oder sogar nur verschiedenen communities) uebertragbar sein.

    zumindest habe ich mich bisher noch bei jedem projekt getaeuscht, wenn es darum ging, die beteiligung der community abzuschaetzen.

    die schlussfolgerung daraus ist aber nicht allzu problematisch: man muss bei gruendung eines journals nur darauf achten, dass man beide stellschrauben (vorschlagsprozess und begutachtungsprozess) tatsaechlich verstellen kann.

  6. Danke für die Antwort, Robert! Klingt einleuchtend. (Heinz hatte mich heute nochmal auf den Artikel aufmerksam gemacht.)

  7. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch Digital Humanities Now (http://digitalhumanitiesnow.org/), ein Twitter-Agreggator für digitale Geisteswissenschaftler. Von der Website:

    „Digital Humanities Now is a real-time, crowdsourced publication. It takes the pulse of the digital humanities community and tries to discern what articles, blog posts, projects, tools, collections, and announcements are worthy of greater attention.“

    Natürlich verweißt DHN nur auf aktuell populäre Beiträge im Netz, aber der Gedanke ist ähnlich.

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