Studie zur Nachhaltigkeit von Publikations- und Digitalisierungsaktivitäten

Die vom Joint Information Systems Committee (JISC) geförderte Strategic Content Alliance und Ithaka S+R haben eine Studie zu den Geschäftsmodellen von Publikations- und Digitalisierungsaktivitäten im Non-Profit-Sektor veröffentlicht:

Maron, Nancy L. et al.: Sustaining Digital Resources. An On-the-Ground View of Projects Today. 2009 (online)

Die Studie befasst sich im Rahmen von 12 Fallstudien mit der Nachhaltigkeit von Publikations- und Digitalisierungsaktivitäten. Ziel der Studie ist es „to help the not-for-profit sector develop cost-effective strategies for financing technology.“

In Interviews wurden Organisations- und Geschäftsmodelle unterschiedlichster Projekte und Institutionen abgefragt, die digitale Informationsdienste betreiben. Untersucht wurden u.a. DigiZeitschriften (Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen), eBird (Cornell University Lab of Ornithology) und  Hindawi Publishing Corporation.

Die Studie beschreibt eine Vielzahl unterschiedlicher Geschäftsmodelle (S. 21-26):

  • Subscription
  • Licensing to publishers Licensing to users
  • Custom services and consulting
  • Corporate sponsorships and advertising
  • Author fees
  • Endowment
  • Grants
  • Other sources of donated revenue

Als Erfolgsfaktoren für den nachhaltigen Betrieb werden folgende Rahmenbedingungen beschrieben (S. 13-27):

  • Dedicated and entrepreneurial leadership
  • A clear value proposition
  • Minimising direct costs
  • Developing diverse revenue sources
  • Clear accountability and metrics for success

Deutlich wird, dass die Mehrzahl der Aktivitäten auf eine Finanzierung durch ihre Heimatinstitution angewiesen sind:

While many of our case studies, particularly the studies of projects embedded in larger institutions, suggest that this level of host support is a normal state of affairs, we caution project leaders not to take this support for granted. Project leaders should regularly ask themselves whether the host institution will continue to provide these contributions, particularly as more and more digital resources emerge and their collective costs may become more of a burden to bear. Leaders will have to continuously make the case that the project advances the mission or otherwise supports the interests of the host institution. In the absence of clear measures of how this support advances the mission of the host institution, these contributions are at risk, particularly in a time of economic uncertainty. (S. 28)

Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben?

Einerseits trägt das web zum „information overflow“ bei, andererseits stellt es auch Lösungen dieses Problems bereit: „collaborative filtering“ und „crowdsourcing“ sind nur zwei Schlagworte, um ein Phänomen zu benennen, das vielleicht am besten anhand von Beispielen beschrieben werden kann.

In den meisten Bereichen der Physik ist der preprint server arXiv mittlerweile das Publikationsmedium. Unabhängig davon, ob ein paper irgendwann einmal in einem traditionellen Journal erscheinen wird – auf arXiv erscheint es zuerst.

Durch diese Stellung sind die Zahlen der Veröffentlichungen auf arXiv immens gestiegen; so daß es in manchen Gebieten der Physik nicht mehr möglich ist, alle neuen papers im Blick zu behalten – ein klassischer Fall von „information overflow“.

„Kobra – übernehmen Sie!“ – ein Fall für „crowdsourcing“ – und zwar mit blogs. Einem Vorbild am Canadian Institute for Theoretical Astrophysics folgend, nutzt das Albert Einstein Institut ein blog – das von der MPDL betrieben wird – um relevante neue arXiv papers für/durch die gravitational waves community zu filtern. Als „Zugeständnis“ an den traditionellen Forschungsbetrieb werden alle drei Monate die abstracts der ausgewählten preprints – angereichtert mit einem zusätzlichen Artikel – als newsletter veröffentlicht.

Ob sich diese Art „low-tech overlay journal“ bewähren wird, oder sich sogar als Beispiel von „worse is better“ gegen overlay journal Systeme mit „echten“ peer review Funktionalitäten durchsetzt, wird interessant zu beobachten sein.

Warum WissPub.net?

Willkommen, liebe WissPub.net-Leser!

Aha, also noch ein Blog, denken Sie jetzt möglicherweise.

So begeistert man von den Interaktions- und Kommunikationsmöglichkeiten des Internets auch sein mag, so sehr macht die Informationsflut, mit der wir wohl heutzutage alle in Form von Blogs, Newslettern und natürlich unzählbaren E-Mails täglich zu kämpfen haben, es notwendig, jede neue Informationsquelle eingehend auf ihre Relevanz zu prüfen. Längst sind wir nicht mehr mit Informationen unterversorgt – das Gegenteil ist der Fall. Von information overload ist oft die Rede, von Informationsüberflutung.

Weshalb also dieses Blog?

Die Welt des wissenschaftlichen Informationsaustauschs steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Das Internet ist dabei, die interpersonelle Kommunikation wie wir sie kennen nachhaltig zu verändern. Diese Veränderung, zuweilen verständlicherweise als Vermarktungshype der Medienbranche abgetan, basiert auf Innovationen bei Internettechnologien einerseits und Endgeräten andererseits. Ich haben diesen Blogeintrag auf meinem Telefon begonnen, während ich in einem Cafe in Hamburg saß – eine Tatsache, die man als nebensächlich abtun könnte, wenn ich damit nicht eine Reihe von starken Reibungsverlusten ausgeschaltet hätte, die in der Vergangenheit Wissenschaftler und Nicht-Wissenschaftler gleichermaßen an der effektiven Verbreitung ihrer Gedanken gehindert haben. Geld, Zeit, institutionelle Unterstützung – all diese Ressourcen war bislang in einem hohem Mass notwendig, um selbst ein eng begrenztes Publikum zu erreichen. Heute genügt – zumindest theoretisch – ein Klick. Damit ist jedoch nur der „harte“ technische Aspekt des Publikationsvorgangs abgedeckt. „Weiche“ kulturelle Kriterien wie peer review oder die Veröffentlichung bei einem renommierten Verlag sind aber für die meisten Wissenschaftler von entscheidender Bedeutung. Etwas zu veröffentlichen beinhaltet mehr, als es lediglich hochzuladen, sondern ist verknüpft mit einer ganzen Reihe von bewährten Verfahren und Traditionen, die eng mit der  Solidität wissenschaftlicher Forschung in Verbindung gebracht werden.

Digitales Publizieren ist weder frei von Kosten und Aufwand (wie die Förderprogramme der DFG belegen), noch inhärent „besser“ als andere Formen der Wissensvermittlung. Der Inhalt ist immer bedeutender als die Verpackung, aber die Verpackung hat einen nachhaltigen Einfluss auf den Inhalt – ein Umstand, der mit dem Ende der Gutenbergalaxis sehr deutlich geworden ist. Man muss nicht gleich Marshall McLuhans berühmtem Diktum folgen, nach dem Medium und Nachricht praktisch untrennbar sind, aber es ist es nur sehr schwer vorstellbar, dass die Formen wissenschaftlicher Kommunikation in 20 Jahren noch so aussehen werden, wie sie dies heute tun.

Die Veränderung der medialen Nutzungsgewohnheiten, die sich zur Zeit vollzieht, geht auch an der Wissenschaft nicht spurlos vorüber, denn auch Wissenschaft ist ein gesellschaftlicher Prozess und Wissenschaftler Teil von communities of practice. Auch wenn die vielzitierten digital natives, die mit dem Internet Aufgewachsenen, schlussendlich weniger revolutionär oder radikal anders sind als oftmals behauptet wird, so ist ihre Vorliebe für digitale gegenüber papierbasierter Information unbestreitbar und ihr Umgang mit dem Internet nachweislich anders als der vorangegangener Nutzergenerationen. Das Zeitungssterben, welches im Moment besonders auf dem US-amerikanischen Markt stattfindet, ist nicht das Ergebnis einer bewussten Entscheidung für ein Medium oder gegen ein anderes, sondern vielmehr der Ausdruck eines natürlichen technologischen Fortschritts der auch die kulturelle Praxis dauerhaft verändert.

Wie können sich die politischen Instanzen und öffentlichen Einrichtungen, die Wissenschaft fördern, unterstützen und verwalten, auf diese Veränderungen vorbereiten und sie erfolgreich begleiten? Es mangelt nicht an Interesse und auch nicht an guten Ideen, aber Orientierungshilfen auf dem Weg hin zu echtem digital scholarship sind schwer zu finden. Jede Wissenschaftsdisziplin besitzt ihre ganz eigene Publikationskultur und wird das neue Medium anders in seine Kommunikationspraktiken integrieren. Während zum Beispiel die Verlinkung von Primärdaten in naturwissenschaftlichen Publikationen ein deutlich erkannter Vorteil ist, spielen solche Möglichkeiten in den Geisteswissenschaften (bisher) nur eine geringere Rolle und werden anders bewertet. Traditionen und Praktiken, die über einen langen Zeitraum entstanden sind und sich bewährt haben, werden nicht über Nacht verschwinden.

Dieses Blog will ein Forum für Information und Diskussion zum Themenkomplex des digitalen wissenschaftlichen Publizierens sein.  Die Autoren sind entweder als Unterstützer wissenschaftlicher Kommunikation tätig – bei Wissenschaftsgesellschaften, Universitäten, Bibliotheken und Forschungsförderungseinrichtungen -, oder sie sind selbst Wissenschaftler, die die Entwicklung im eigenen Fach verfolgen. Nachrichten und Informationen über relevante Veranstaltungen werden hier ebenso zu finden sein wie Kommentare und Meinungen. Die bewusst weit gefasste thematische Klammer schließt dabei aktuelle Themen wie science blogging, wikis, E-Journals und Open Access-Repositorien ebenso ein wie Open Data, Rechtsfragen und das Verlagswesen.

Ich freue mich auf viele interessante Nachrichten, Ideen und Meinungen, und vor allem auf einen regen Gedankenaustausch mit allen, die sich ebenfalls mit diesen Themen befassen.

Angelehnt an eine Kollegin, die Soziologin danah boyd (die tatsächlich auf diese Schreibweise ihres Namens großen Wert legt), möchte ich ein Motto für dieses Blog vorschlagen, welches unser ‚Programm‘ in meinen Augen sehr treffend beschreibt:

„Making connections where none previously existed“

In diesem Sinne – blog on, dear colleagues.

– Cornelius Puschmann