Open Library of Humanities gestartet – Open-Access-Modell ohne APC

Am 28. September ist Open Library of Humanities (OLH) offiziell gestartet. OLH ist eine Plattform für Open-Access-Zeitschriften im Feld von Geistes- und Sozialwissenschaften und betreibt sein eigenes gleichnamiges Megajournal. Die Ähnlichkeit zu PLOS ist erkennbar, endet jedoch an einem entscheidenden Punkt: OLH verlangt keine Zahlungen von Autorinnen und Autoren.

Das Projekt, das auf eine mehrjährige Vorbereitungsphase zurückgeht, erhebt einen hohen Anspruch an die Zeitschriften und versucht, Open Access (insbesondere) in den Geisteswissenschaften voranzutreiben.

Vorlauf

"Our mission is to support and extend open access to scholarship in the humanities – for free, for everyone, for ever." – so beschreibt das Projekt sich selbst, darunter macht man es nicht. Eingegangen sind zweieinhalb Jahre Vorbereitungszeit. Martin Paul Eve startete im Januar 2013 einen Aufruf, ein Modell analog zu PLOS für die Geisteswissenschaften zu schaffen. Es fanden sich Personen, Ideen, neue Partnerschaften, und die Planungen wurden offensichtlich schnell konkret. Bereits 2013 wurde der Name OLH verwendet. Im Jahr 2014 gab es bereits Finanzierungszusagen. Im Mai 2014 wechselte die erste Zeitschrift von einem Subskriptionsmodell auf die Open-Access-Plattform. Ab Dezember 2014 waren Einreichungen für die Zeitschrift Open Library of Humanities möglich. Im Moment werden die Artikel, die seitdem erfolgreich vorbereitet wurden, nach und nach veröffentlicht, ab 2016 soll dann kontinuierlich und unmittelbar veröffentlicht werden. Projektfinanzierung unterstützt den Aufbau, zuletzt eine dreijährige Förderung durch die Andrew W. Mellon Foundation.

Megajournal für Geistes- und Sozialwissenschaften

Open Library of Humanities ist ein Megajournal, das einem möglichst großen Kreis von Autorinnen und Autoren aus Geistes- und Sozialwissenschaften offen stehen möchte: interdisziplinäre Artikel und Artikel in anderen Sprachen als Englisch sind ausdrücklich auch willkommen. Die Zeitschrift soll das ganze moderne Spektrum an Qualität bieten: Begutachtung, DOI-Vergabe, Langzeitarchivierung, Sichtbarkeit – und eine Funktion für Anmerkungen/Kommentare.

Die Beiträge sollen begutachtet werden – ob man nun klassisches Peer Review für die beste Methode zur Qualitätssicherung hält oder nicht: Das Bekenntnis zur Qualitätssicherung außerhalb der eigenen Zeitschrift ist beileibe keine Selbstverständlichkeit in Geisteswissenschaften.

Die ersten Artikel sind am 28. September erschienen.

Ein beeindruckendes Academic Steering and Advisory Committee berät die zwei Editors-in-Chief, Martin Paul Eve und Caroline Edwards.

Alle Beiträge in Open Library of Humanities sind kostenlos lesbar, und die Zeitschrift empfiehlt stark die Nutzung der CC-BY-Lizenz, erlaubt anscheinend auch die Verwendung anderer CC-Lizenzen (im Gegensatz zu den sechs anderen Zeitschriften auf OLH, die nur CC BY zulassen).

Erste Zeitschriften

Auf der Plattform erscheinen bisher 7 Zeitschriften:

und schließlich das gleichnamige Megajournal, das ganz eindeutig das Zentrum der Aktivitäten darstellt:

Diese Zeitschriften sind mit der Neugründung oder spätestens mit dem Wechsel zu OLH

  1. voll Open Access
  2. kostenlos für Autorinnen und Autoren
  3. begutachtet

Sie haben Anschluss an DOI-Vergabe und Langzeitarchivierung der Inhalte.

Unklar ist im Moment, was aus den Plänen geworden ist, auch Overlay Journals auf der Plattform zu betreiben, die als unabhängige Zeitschriften Artikel z.B. aus dem Megajournal Open Library of Humanities übernehmen.

Verlag, Zeitschrift, Organisation?

Etwas verwirrend ist die Namensgleichheit zwischen Plattform und Megajournal. Ob die Aufnahme weiterer Zeitschriften mit engerem Fokus ein Zukunftsmodell ist, wird man sehen. Das Augenmerk richtet sich im Moment eher auf das Megajournal, das aufgrund der transdisziplinären Perspektive und dem attraktiven Gesamtangebot, das in diesem disziplinären Umfeld sehr herausragt, bereits einige Einreichungen und viel Interesse gewinnen konnte.

OLH ist seit September 2015 eine "registered charity", eine "wohltätige Organisation" zur Förderung von Wissenschaft und Open Access, die keinen Profit anstrebt.

Es gibt Gemeinsamkeiten zwischen den Zeitschriften, so dass der Betrieb der Zeitschrift auf dieser Plattform auch ein Qualitätsmerkmal sein kann. Das Projekt hat einige Kompetenz in verschiedenen Beratungs- und Entscheidungsgremien versammelt (zum Beispiel das Library Board). Letztendlich wird man sich aber immer die einzelne Zeitschrift ansehen, die beteiligten Personen, Transparenz der Qualitätsmerkmale und vor allem natürlich die tatsächlich veröffentlichten Artikel.

Martin Paul Eve, der das Projekt vor einigen Jahren auf den Weg gebracht hat, ist nicht nur ein aktiver Kommentator auf Twitter, sondern ein überzeugter Open-Access-Unterstützer mit einem Interesse auch für die technischen Aspekte modernen Publizierens wie XML-basiertes Publizieren oder Annotationsmöglichkeiten. Seine Überlegungen zu Open Access in Geistes- und Sozialwissenschaften, die in OLH eingeflossen sind, hat er in seinem Buch "Open Access and the Humanities" dargelegt.

Geschäftsmodell

OLH verzichtet auf das APC-Modell, das im Open-Access-Umfeld (leider) die Diskussionen dominiert. APC-Zahlungen können ausschließend sein (so dass potentielle Autor/innen auf die Veröffentlichung verzichten müssen), und sie können eventuell falsche Anreize setzen (mehr publizierte Artikel führen zu mehr Einnahmen).

Stattdessen möchte OLH sich über Konsortialzahlungen von Bibliotheken finanzieren. In Großbritannien wird dieses Konsortium zum Beispiel über JISC Collections betrieben, in den USA über LYRASIS. Jährliche Zahlungen von Bibliotheken unterstützen den Betrieb der Plattform und der Zeitschriften. Autor/innen werden nicht danach beurteilt oder zugelassen, ob ihre Einrichtung zu den Unterstützern gehört oder nicht. Damit knüpft das Projekt an Finanzierungsformen für Open-Access-Bücher an, aber auch an Formen von Communityfinanzierung wie bei arXiv.

Host: Ubiquity

OLH nutzt die Dienste des Ubiquity Partner Network. Dabei handelt es sich um ein Verlags-Framework des Open-Access-Verlags Ubiquity Press.

Zukunft und Bewertung

Article processing charges (APC) sind ein Problem – die Zahlungen sind intransparent, schwierig zu steuern und zu verwalten, sie stellen (nicht nur finanzielle) Hürden für Autor/innen auf. Darüber hinaus haben sie in Sozial- und Geisteswissenschaften einen schlechten Ruf (was angesichts sonstiger Zahlungen an Zeitschriften und Verlage und angesichts üppiger Zahlungen für Buchveröffentlichungen etwas verwundert). Ein APC-loses, nachhaltig finanzierbares, innovatives Modell aufzustellen und in beeindruckender Qualität erfolgreich zu starten, ist bewundernswert. Das Projekt ist für mich auch ein Beispiel, was eine kleine Anzahl Menschen mit den richtigen Ideen und mit viel Engagement erreichen können, wenn sie auf notwendige Entwicklungen aktiv hinwirken und nicht nur an andere appellieren, etwas zu tun.

Hier nicht näher betrachtet worden ist, dass auch auf technischer Ebene viele interessante Entscheidungen getroffen worden sind. Besonders auffallend ist die Betonung von XML auch als Publikationsformat (als JATS).

Mit der Möglichkeit, in verschiedenen Sprachen und Disziplinen zu veröffentlichen und keine Zahlungen leisten zu müssen, fallen viele mögliche Einwände gegen Open-Access-Veröffentlichungen in den Geisteswissenschaften weg. Ob Einreichungs- und Begutachtungsprozesse den aufgestellten Ansprüchen genügen und Autor/innen wie Leser/innen überzeugen können, ist nicht garantiert – aber dies wird man mit ein bisschen Abstand besser beurteilen können.

Was kann man zur Unterstützung tun?

Ein solches Open-Access-Modell benötigt im Prinzip sehr ähnliche Dinge wie alle anderen Modelle: Geld zur Deckung der Kosten und Input durch Rückmeldungen, Mitwirkung als Gutachter etc.

Die finanzielle Basis besteht in den jährlichen Zahlungen von Bibliotheken, Förderern, Universitäten. Die Liste der bisher fördernden Einrichtungen enthält vor allem Einrichtungen aus Großbritannien und USA, Einrichtungen aus Deutschland, Österreich oder Schweiz sind bisher nicht vertreten.

Die Liste von Personen, mit denen OLH gerne zusammenarbeiten möchte, beinhaltet neben erwartbarem wie Wissenschaftler/innen und Bibliothekar/innen auch Programmierer/innen und Personen, die bei der Nachhaltigkeitsplanung helfen können.

Fazit

OLH ist ein spannendes Modell, das

  • in seinen Publikationsparametern erfolgreichen Open-Access-Vorbildern nacheifert,
  • in seinem Geschäftsmodell innovativ ist,
  • dem APC-Modell eine Absage erteilt und die Offenheit betont,
  • ein wichtiges Beispiel für Open Access in den Geisteswissenschaften bietet.

Die Open-Access-Publikationslandschaft ist reicher geworden. Wie sich das Projekt nach seinem offiziellen Start weiterentwickelt, wird man beobachten und kritisch begleiten müssen. Erst einmal: Viel Erfolg!

OECD-Report zu Open Science erschienen

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat einen umfangreichen Bericht zu Open Science veröffentlicht (PDF). Auszug aus dem Vorwort:OECD-Open-Science

„This report, Making open science a reality reviews the progress in OECD countries in making the results of publicly funded research, namely scientific publications and research data openly accessible to researchers and innovators alike. The report i) reviews the policy rationale behind open science and open data; ii) discusses and presents evidence on the impacts of policies to promote open science and open data; iii) explores the legal barriers and solutions to greater access to research data; iv) provides a description of the key actors involved in open science and their roles; and finally v) assesses progress in OECD and selected non-member countries based a survey of recent policy trends.“

Die Publikation „Making Open Science a Reality“ gibt einen guten Überblick über die Entwicklung des Themas und beschreibt die aktuellen Herausforderungen bei der Realisierung von Open Science. Neben dem Report stehen Länderbericht und verschiedene Zusammenfassungen auf einer Website bereit.

Nationallizenzen und Open Access passen nicht zusammen

Open Access in Holland. Nationallizenzen in der Schweiz. Die Prioritäten könnten unterschiedlicher nicht sein. Deutlich wurde dies anhand zweier Vorträge an den vergangenen Open Access Tage an der Universität Zürich. Zum einen die Präsentation des Bibliotheksdirektors von Leiden über die bemerkenswerten Entwicklungen in Holland, zum andern die Präsentation zum 10-Mio-CHF-Projekt Nationallizenzen in der Schweiz.

Niederlande

Kurt de Belder, UB-Direktor von Leiden präsentierte die Situation in den Niederlanden. Die konservative niederländische Regierung will ausgerechnet jenes, was das der neue ETH-Bibliotheksdirektor kürzlich als „sozialistische Träumerei“ bezeichnet hat, nämlich den totalen Umbau auf Open Access. 60% der niederländischen Forschung soll bis 2016 frei zugänglich sein. Bis 2024 gar 100%. Und dies ohne zusätzliche Mittel. Diese Rahmenbedingungen zwingen die niederländischen Universitäten und ihre Bibliotheken dazu sich ihrer Macht bewusst zu werden und den Grossverlagen Paroli zu bieten. Dies hat nun in den vergangenen Monaten zu wegweisenden „OA-Big-Deals“ mit Springer, Wiley, OUP und Sage geführt, welche es den niederländischen Autoren ermöglichen ohne oder mit minimalen zusätzlichen Kosten mit Hybrid OA in Journals dieser Verlage zu publizieren, währenddessen der Zugriff auf die noch nicht freien Inhalte dieser Verlage weiterhin gewährt bleibt. Sollte dieses niederländische Modell auch in anderen Ländern Schule machen, ist dies der Anfang des Ende des klassischen Subskriptionsmodells. Das weiss natürlich auch Elsevier und will die unmissverständliche Ansage der Holländer nicht akzeptieren. Doch die Holländer bleiben – gestärkt mit den Zielvorgaben der Regierung – standhaft und hatten im Juli nun schon das dritte Angebot von Elsevier den Bach runter geschickt. Kommt bis Ende Jahr kein Angebot von Elsevier, was die Transformation zu OA genügend berücksichtigt, wird Elsevier auf die bequemen Einnahmen über einen Big Deal in NL verzichten müssen und womöglich auch auf die Services (Gutachten und Editortätigkeiten) von niederländischen Forschern. Von der Vereinigung der niederländischen Universitäten (VSNU) wurde inzwischen auch eine PR-Agentur engagiert, um die Forschenden und die Öffentlichkeit über den Stand der Verhandlungen und möglichen Konsequenzen zu informieren.

Schweiz

Nun könnte man meinen, dass die Entwicklungen und auch effektiven Erfolge in den Niederlanden, dazu führen könnten, dass sich Schweizer Bibliotheken über den Hebel Konsortialverhandlungen ebenfalls für mehr OA einsetzen. Doch weit gefehlt. Anstatt OA verfolgt das Schweizer Konsortium zurzeit das 10-Millionen-CHF-Projekt „Nationallizenzen“ welches unter dem irreführenden Titel Zugriff auf alles und für alle – für immer“: Wie das Projekt „Nationallizenzen“ die Schweizerische Open-Access-Bewegung unterstützt an den OA Tagen präsentiert wurde. Doch mit OA hat das Projekt nun leider gar nichts zu tun. Ganz im Gegenteil. Durch die Priorisierung dieses Projekts wird die Transformation zu OA verhindert und hinausgeschoben. Dabei hätte es in der langen Vorgeschichte der Nationallizenzen mehr als genügend Hinweise und Möglichkeiten für einen dringend nötigen Kurswechsel gegeben.

Hintergrund Nationallizenzen

Als 2004 in Deutschland die DFG erstmals Sondermittel für den Erwerb von Nationallizenzen sprach, überlegte man sich in der Schweiz nachzuziehen. Zwar wurde früh erkannt, dass in der Schweiz die entsprechenden Rahmenbedingungen dafür nicht gegeben waren, dennoch blieb der Wunsch pendent und führte 2009 zur Studie „Nationallizenzen: Ausgangslage und Rahmenbedingungen in der Schweiz„. Darin skizzierten die Autoren drei Szenarien für die Einführung von Nationallizenzen für Archivbestände der Schweiz. Während sich die ersten zwei Szenarien mit dem Kauf als Nationallizenzen beschäftigten, wurde schon 2009 auch ein Weg ohne Nationallizenzen aufgezeigt:

Die Entscheidungsträger verzichten auf ein Projekt der Nationallizenzen. Das Konsortium lizenziert weiterhin gemäss bestehendem Leistungsauftrag und fokussiert sich zusätzlich auf den Ausbau seiner übrigen (wichtigen) Dienstleistungen für die Partner. Eine weitere Konzentration und Neuausrichtung gilt der international und national zunehmend stärker werdenden Open-Access-Bewegung.

Die Studie erkannte auch schon damals eine grundlegende Inkonsistenz zu Open Access, indem

Nationallizenzen, egal in welcher Form, vor allem auch die Stellung der etablierten grossen Verlage erheblich stärken und sogar festigen würden.

Nationallizenzen finden trotz deutlicher Kritik den Weg in nationales Förderprogramm

Nach der Studie von 2009 ohne klare Empfehlung war von den Nationallizenzen lange nichts mehr zu hören. Einzelne Schweizer Hochschulbibliotheken, welche den Wunsch und Geld für Backfiles hatten, kauften diese nun ohne Rücksicht auf eine künftige konsortiale Lizenzierung und das Thema schien erledigt zu sein. Doch aus mir unerklärlichen Gründen schafften es die Nationallizenzen in das 36 Mio. CHF Förderprogramm der Schweizer Universitäten: «Wissenschaftliche Information: Zugang, Verarbeitung und Speicherung». Wer genau diese Nationallizenzen so dringend will und dafür auf oberster Ebene lobbyiert ist mir allerdings bislang verborgen geblieben. In der Vernehmlassung zur Strategiesetzung des Programms, stiessen die Nationallizenzen wie kaum ein anderer Punkt auf deutliche Kritik:

  • Man gebe den ungeliebten Grossverlagen weitere Millionenbeträge, ohne spürbare Mehrwerte zu erhalten (z.B. intelligente Verbindung von Forschungsdaten mit Publikationen, entsprechende APIs, Open Access). Man verstehe den Charme der Nationallizenzen, nämlich mit wenig Risiko ein für viele nützliches neues Angebot zu schaffen. Allerdings sei die Vermittlung des Mehrwerts u.U. schwierig, dem Marketing sei Beachtung zu schenken, sonst merke die Community nichts vom Zusatznutzen. Aus Diskussionen mit Bibliotheksleitungen gehe ausserdem hervor, dass nicht klar sei, welche Kreise wirklich von den Nationallizenzen profitieren würden. Der Auswahl der Inhalte unter Berücksichtigung der Zielgruppen sei grosses Gewicht beizumessen, ebenso der Regelung des Zugriffs auf die lizenzierten Inhalte über Authentifizierungsmethoden (Switch AAI für Bibliotheksnutzer) und der Verhandlung der Lizenzen. (StratGroup EP)
  • Bei Publikationen seien viele Investitionen bereits getätigt worden, das Geld solle besser in die Interoperabilität von Repositorien anstatt in Verlage/Lizenzen investiert werden. (SystemsX)
  • Zuviel für digitale Publikationen und ein Lizenzmodell, von dem man sich verabschieden möchte (ASIUS EPFL)
  • Was der nationale Dienst bei der Verwendung von fast 2/3 der Gelder für die Beschaffung von Lizenzen sei? Diese Kosten sollten wie Software-Lizenzen den Hochschulen verrechnet werden, es seien Betriebskosten, keine Projektkosten. (KFH-FID, fast identisch: SWITCH)
  • Falls dies Lizenzen beinhaltet: besser aus dem Programm ausschliessen, damit Platz für echte Projekte bleibt (SystemsX)
  • Sollte P-2 beabsichtigen, sich auf den Kauf von Lizenzen zu konzentrieren und Grossverlage zu unterstützen, wäre es nötig, für die Förderung von eScience-Infrastruktur ein separates Programm aufzuziehen. (StratGroup DM)

Der Lenkungsauschuss des Programms, nahm auf die Kritik der Vernehmlassung nur oberflächlich Stellung:

Ein breiterer Zugang zu Verlagspublikationen durch Nationallizenzen sind ein langjähriges Desiderat der Hochschulbibliotheken und im Ausland zum Teil bereits umgesetzt. Der Lenkungsausschuss hält fest, dass die Bewilligung entsprechender Investitionen von einem überzeugenden Projektantrag des Konsortiums der Schweizer Hochschulbibliotheken abhängig ist. Die Stellungnahmen zeigen die Erwartungen, die mit einem solchen Antrag verbunden sind, deutlich. Sie sind bei der Evaluation mit zu berücksichtigen.

Die Nationallizenzen behielten ihren vorbelegten Platz im Programm und das Konsortium schrieb pro forma einen Projektantrag.

2.6 Mio CHF bereits bewilligt – weitere 7.6 Mio. CHF reserviert

Am 8. Dezember 2014 wurde durch den Lenkungsauschuss der Antrag im Umfang von 2.57 Mio CHF gutgeheissen, wobei gleich weitere 7.6 Mio CHF für Verlags-Produkte reserviert wurden. Das Projekt läuft bis Ende 2016. Lizenzabschlüsse, welche einzeln noch abgenickt werden müssen, sind auch nach 2016 möglich. Im Juni 2015 wurde nun erstmals etwas ausführlicher über den Projektinhalt informiert.

Wunschliste für Nationallizenzen

Auf der Wunschliste für Nationallizenzen stehen ganz offensichtlich die Archive aller grosser Closed-Access Verlagen:

Wunschliste - Schweizer NationallizenzenNun wie ist diese Auswahl zustande gekommen? Ganz einfach, es wurden im Jahr 2013 die Bibliotheken gefragt, was sie denn gerne national lizenzieren möchten. Von den damaligen Top 30 Antworten wurde dann später die Auswahl auf 18 Produkte reduziert.

Man muss also klar festhalten, dass die zu betrachtende Inhalte nicht einem realen Bedürfnis von Forschenden entstammen, sondern primär eine Wunschliste von Bibliotheken darstellt, was sie gerne hätten, ohne selber dafür zahlen zu müssen.

Falsche Priorisierung

Meine hauptsächliche Kritik an den Nationallizenzen ist die falsche Priorisierung innerhalb des Konsortiums und innerhalb des Förderprogramms P2. Das vordringliche Problem des Zugangs von aktuellen Publikationen ist nachwievor nicht gelöst und wird mit den Nationallizenzen weiterhin nicht gelöst. Im Gegenteil, indem man gerade den Verlagen, welche sich schon bei aktuellen Inhalte gegen OA stellen, noch mit dem zusätzlichen Kauf von Archiven belohnt, stärkt man tatsächlich nur das bestehende defekte System, während letztlich genau dieses Geld bei der Entwicklung von Alternativen fehlt.

Wie wir nun am Beispiel Niederlande sehen, kann über gute Konsortialverhandlungen Gold OA kostenneutral bei traditionellen Subskriptionsverlagen erreicht werden. Was aktuell in NL aber auch AT und UK umgesetzt wird, und der ausländischen Forschung grössere Sichtbarkeit garantiert, ist dabei auch für die Schweiz keine neue Idee. Die Schweizer OA-Gruppe hatte Ende 2012 bereits das Anliegen zur Verrechnung von Subskriptions- und Hybridmodellen an die KUB und somit an den Lenkungsausschuss des Schweizer Konsortiums angebracht. Der Lenkungsauschuss sprach sich in Folge auch dafür aus, sah jedoch den Abklärungsaufwand als zu gross, als das sich die Geschäftstelle des Konsortiums unmittelbar darum kümmern konnte. Diesselbe Einschränkung galt später offenbar nicht für die Nationallizenzen. Hier nahm sich das Konsortium Zeit um einen Projektantrag auszuarbeiten, so dass heute beim Konsortium dedizierte Stellen für Nationallizenzen vorhanden sind, während OA bei den Verhandlungen weiterhin marginalisiert wird.

Und diese problematische Priorisierung wird langsam aber sicher offensichtlich. In der Schweiz steht aktuell eine Erneuerung des konsortialen Big-Deal mit Wiley an und es zeichnet sich bereits ab, dass man aufgrund der mangelnden Vorbereitung weit davon entfernt ist, einen ähnlich guten Deal wie in NL zu erreichen. Möchte man Wiley hinsichtlich OA-Publikationsmöglichkeiten für Schweizer Autoren etwas abringen, braucht es dazu einiges an Koordination, welche das Konsortium in der aktuellen strategischen Ausrichtung nicht leisten kann. Als Konsequenz davon verliert die Schweizer Forschung im Vergleich zum Ausland an Sichtbarkeit.

Bedürfnisse der Forschenden werden ignoriert

Störend an den Nationallizenzen ist auch die Ansicht, dass es wichtiger sei, den Schweizer Forschenden Zugang zu Archiven von Closed-Access-Verlagen zu kaufen, als endlich dafür zu sorgen, dass Forschenden auch in kostenpflichtigen OA Journals publizieren können. Denn anders als häufig behauptet, wären die Forschenden durchaus für OA zu haben. In der SOAP-Studie beurteilten 89% von 38’000 angefragten Wissenschaftler OA als sinnvoll für ihre Disziplin. Auch wissen wir aus dieser Studie, dass das fehlende Funding, neben dem Fehlen guter Journals, der zweit meist genannte Grund ist, warum nicht OA publiziert wird.

Zum Glück für OA ist die Schweiz ein so reiches Land, so dass sich Gold OA auch trotz fehlendem OA-Funding an Schweizer Bibliotheken durchsetzt. Dies sieht man sehr gut an den Zahlen des Verlags PLOS. 2014 wurden dort 469 Artikel mit einem Schweizer Corresponding Author publiziert, dies obschon nur die ETHZ, EAWAG und EMPA sowie der SNF und die Krebsliga eine explizite Kostenübernahme der APCs vorsehen. Die Zahlen belegen, dass OA für Schweizer Forschende sogar so wichtig ist, dass sie dafür zu zahlen bereit sind, selbst wenn nur begrenztes institutionelles OA-Funding vorhanden ist. D.h. aber auch, würden die Bibliotheken mehr oder schon überhaupt Geld für OA Funding bereitstellen, könnte der Wechsel zu (Gold) OA stark beschleunigt werden.

Nutzen und Nutzung von Nationallizenzen wird überschätzt

Aus der Praxis ist bekannt, dass bei einem „Big Deal“ jeweils nur ein Drittel der lizenzierten Inhalte wirklicht gut genutzt wird. Durch das perfid gestaltete Preismodell der Verlage, sowie dem Komfort für die Verwaltung der Zeitschriften, tendieren Bibliotheken mit genügend Geld jeweils trotzdem zum Abschluss eines Big Deals, wobei zwei Drittel Journals  keinen oder wenig Wert für ihre Kundschaft haben. Wenn die Nutzung bei aktuellen Inhalten schon nur ein Drittel ausmacht, so dürfte die Nutzung von Archivbeständen (also Jahrgänge vor ca. 1995) noch kleiner ausfallen. Insbesondere im STM-Bereich (mit Ausnahme vielleicht von Mathematik) gilt das Interesse der Forschenden hauptsächlich neueren Inhalten.

Print bereits vorhanden

Um das vielleicht zu illustrieren, schauen wir uns als Beispiel die Referenzen des im OA-Journal eLife erschienen Papers zum Homo naledi an. Von insgesamt 71 bibliografischen Rereferenzen sind nur 13 von vor 1995. Und – ich habe es kurz nachgeschaut – alle Inhalte dieser 13 Referenzen sind in irgendeiner Bibliothek in der Schweiz bereits in Printform vorhanden. Durch den Erwerb von Nationallizenzen würde also lediglich der Komfort beim Zugriff (direkt beim Verlag, anstatt Anfordern eines Scans bei einer Bibliothek) von sieben Referenzen verbessert. Auch darf man nicht vergessen, dass in der Deutschschweiz gerade eine kooperative Speicherbibliothek gebaut wird, Dadurch dürfte der Zugriff auf ältere Printbestände wohl künftig auch noch etwas verbessert und effizienter erfolgen.

Rechtlich problematisch

Wenn man über digitalisierte Journal- und Bücherarchive spricht, muss man sich auch die Frage stellen, ob die Verlage, von denen man den Zugriff auf die Digitalisate kaufen möchte, tatsächlich die gültigen Rechteinhaber sind.

Als ich an einer Veranstaltung des Konsortiums zum Thema Nationallizenzen vor zwei Jahren die Frage stellte, wie die Verlage mit Public Domain in „ihren“ Archiven umgehen, schauten mich alle anwesenden Verlagsvertreter verständnislos an. Die Vertreterinnen von De Gruyter wussten offensichtlich nicht was Public Domain ist. Der ebenfalls ahnunglose Herr von Taylor & Francis, holte sich bei Gelegenheit telefonisch Rat bei seinen Juristen, nur um später dem auch etwas verwunderten Publikum mitzuteilen, dass sich bei T&F das Urheberrecht jeweils „erneuere“ (was natürlich Quatsch ist). Der Vertreter von Wiley schloss sogar kategorisch aus, dass es sowas wie Public Domain überhaupt gibt!

Und in der Tat kümmern sich viele Verlage einen Deut um Public Domain. Wiley verkauft z.B. mit dem Archiv der Annalen der Physik (1799-heute) tatsächlich Inhalte der Public Domain.

Public Domain Artikel

Dieser Artikel von 1834 des Autoren Faraday (1791-1867) is public Domain, wird aber von Wiley-VCH verkauft und gar mit einem Copyright-Zeichen versehen.

Und dies ist nicht nur fragwürdig, sondern stellt m.E. in der Schweiz gar den Tatbestand absichtlicher Täuschung und ungerechtfertigter Bereicherung dar (Siehe Frage 11 der FAQ zu Public Domain des IGE).

Inwiefern die Thematik „Public Domain“ im aktuellen Projekt berücksichtigt wird, ist mir nicht bekannt. Es würde mich jedoch nicht überraschen, wenn dies einmal mehr als marginales Detail vollständig ignoriert wird. Schon bei JSTOR blieben die bezahlenden Schweizer Bibliotheken stumm und setzten sich nicht für mehr Offenheit ein. Es brauchte erst die tragischen Ereignisse um Aaron Swartz bis JSTOR seine verwerfliche Praxis änderte. Auch wird innerhalb des aktuellen Nationallizenzen-Projektes weiterhin eine Archivierung mittels Portico angestrebt, obwohl Portico – und dem Konsortium und dessen Lenkungsauschuss ist dies seit Längerem bekannt – Inhalte die unter einer Creative Commons Lizenz stehen, bewusst hinter einer Paywall versteckt (siehe z.B.: http://doi.org/cdx9q9) und so den Zugang zu Publikationen verhindert.

Alternative: Eigene Digitalisierung – tatsächlich für alle

Der Wunsch auf ältere wissenschaftliche Inhalte digital zuzugreifen ist verständlich. Doch hierzu braucht die Schweiz nicht noch einmal mit öffentlichen Steuergeldern das ausbeuterische Geschäftsmodell der Grossverlage zu unterstützen. Bibliotheken können ihre Archive – mindestens im immer grösser werdenden Bereich des Public Domain – selber digitalisieren und frei zugänglich zu machen. Und zum Glück geschieht dies ja auch. Nehmen wir nochmals die Annalen der Physik. Hier sind sind durch die Digitalisierungsleistungen verschiedener Bibliotheken die Jahrgänge 1799-1943 öffentlich zugänglich. In der Schweiz gibt es retro.seals.ch, wo Zeitschriften häufig mit Zustimmung der Verlage und Herausgeber bis weit in die Gegenwart vollständig digitalisiert und frei zugänglich gemacht werden.

Problembereich – Zwischen Public Domain und Open Access

Ich will nicht unterschlagen, dass das Projekt Nationallizenzen mitunter einen Bereich addressiert, wo es tatsächlich Probleme gibt. Für die Vergangenheit haben wir Public Domain, für die Zukunft Open Access. Doch dazwischen haben wir eine Zeitspanne, die den Bibliotheken noch lange Sorgen bereiten wird, da hier die Verbreitungsrechte primär beim Verlag liegen.

Doch auch hier stellt sich die Frage inwiefern es sinnvoll ist, dass jedes Land zu den Verlagen hingeht und einzelne Deals für Archivzugänge abschliesst? Wäre es nicht schlauer und der Wissenschaft zuträglicher, wenn ein weltweites Bibliothekskollektiv z.B. auf Wiley zugeht und gemeinsam eine Lösung sucht, wie z.B. die Jahrgänge Annalen der Physik von 1944 bis heute der ganzen Welt im Sinne von OA zugänglich macht?

Fazit

Nationallizenen sind ein extrem teures „Nice to have“, welches an den echten Bedürfnissen der Schweizer Forschenden vorbei zielt. Zum einen ist das Interesse an älterer Forschung grundsätzlich geringer als Bibliotheken annehmen oder zuzugeben bereit sind, zum anderen kann dieses geringe Bedürfnis ebenfalls über die vorhanden Print-Bestände der Schweizer Bibliotheken, oder allenfalls Fernleihe gedeckt werden.

Die Priorisierung der Nationallizenzen auf der Agenda des Konsortiums und im P2-Programms von swissuniversites ist ein strategischer Fauxpas. Schon 2009 war klar, dass Nationallizenzen im Widerspruch mit OA stehen und letztlich nichts zur Vision der Berliner Erklärung, welche übrigens bereits 2006 durch die damalige Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten unterzeichnet worden war, beitragen werden.

Beim Konsortium führt der Fokus Nationallizenzen dazu, dass OA in den aktuellen Verhandlungen mit den Grossverlagen vernachlässigt wird. Wie ich bereits andererorts geschrieben habe, hätten Bibliotheks-Konsortien von ihrer Positionierung eigentlich eine ideale Ausgangslage OA voranzutreiben. Doch leider ist davon in der Schweiz nichts spürbar.

Im SUK P2-Programm führt die nicht nachvollziehbare Bevorzugung der Nationallizenzen dazu, dass sich potentielle Antragsteller aufgrund des unklaren Profils von P2 zurückhalten, so dass dem Programm bis heute Eingaben in Strategiefeldern von OA fehlen.

Eigentlich wäre es jetzt an der Zeit sich einzugestehen, dass man sich mit den Nationallizenzen in eine Sackgasse manövriert hat. Bevor man weitergeht und zusätzliche 10. Mio CHF öffentliche Steuergelder in ein defektes System wirft, sollten endlich die Hausaufgaben gemacht werden und dafür gesorgt werden, dass das was heute von Schweizer Forschenden publiziert wird, frei zugänglich ist.