Plan S: Antwort auf die Kritik

Es war klar, dass die Kritik an Plan S nicht ausbleiben wird. Via Twitter und Blog von Leonid Schneider ist eine Antwort von mehreren ChemikerInnen um Lynn Kamerlin erschienen. In diesem Blogpost möchte ich auf einige Punkte der geäusserten Kritik eingehen:

Gold OA – Nur für die Reichen

Obwohl Plan S eine Limitierung der Höhe von APCs vorsieht und auch OA-Infrastrukturen ohne Autorenbezahlung gefördert werden sollen, wird bereits darauf hingewiesen, dass der Wechsel zu Gold OA Ungleichheiten schaffen könnte:

Plan S could create a “pay-to-play” system, where only the best-funded researchers and institutions will be able to publish in the mandated journals, thus creating automatic inequality in publishing opportunities based on one’s geographic location and the size of one’s research budget. (Kamerlin et al.)

Mir soll bitte mal jemand mit soliden Zahlen aufzeigen, wie sich die Finanzströme bei einem Wechsel zu Gold OA denn verschieben würden und ob dies dann tatsächlich zu Ungunsten der finanzschwächeren Länder sein wird. Meines Wissens gibt es keine klare Evidenz dafür.

Im Gegenteil, wer sich tatsächlich aufrichtig um globale Chancengleichheit bemüht, kann erkennen, dass ein Wechsel zu einem vorwiegend APC basierten Gold OA auch den weniger finanzkräftigen Forschenden nützt. Denn das heutige Problem, aus finanziellen Gründen keinen Zugang zu Inhalten von Journals zu haben, wiegt massiv schwerer, als das möglicherweise künftige Problem, aus finanziellen Gründen nicht in einem bestimmten Journal publizieren. Das Problem des teuren Zugangs zu Literatur ist real und unumgänglich. Beim Publizieren hingegen gibt es viele günstige Alternativen. Und als Reminder: Gute Forschung ist objektiv auch dann gut, wenn sie in einem günstigen OA-Journal publiziert wird. Oder wie es Éric Archambault schrieb:

There has never been so many ways of diffusing research results in scholarly journals for free – you can find thousands of journals which do not have an APC, and are fully OA. You absolutely do not have to pay $1,000 or $2,500 to publish and have your paper being made widely available, just like you don’t need to buy a Model S Tesla if you want a car.

Gold OA: Motivation viel zu publizieren führt zu sinkender Qualität

Ein weiterer Kritikpunkt: Mit Gold OA und dem Author-Pays-Modell sinkt die Qualität der Papers, da Verlage motiviert sind möglichst viele Papers zu publizieren und dafür bei der Qualitätskontrolle nicht mehr genau hinschauen.

Dieses Incentive problem, wie es der kommerzielle OA-Verlag MDPI nennt, ist selbstverständlich nicht von der Hand zu weisen und ist tatsächlich die grosse Schwäche vom APC-basierten Geschäftsmodell, insbesondere bei profit-orientierten OA-Verlagen.

Anderseits muss man das Problem auch relativieren:

  • Auch in der OA-Welt muss ein Verlag um seine Reputation besorgt sein und kann sich deshalb langfristig nicht leisten qualitativ schlechte Papers zu publizieren. Da ein Verlag die „schlechteren“ Journals nicht mehr via Bundling den Bibliotheken unterjubeln kann, ist die Reputation bei Forschenden sogar noch viel entscheidender.
  • Publication Charges gibt es bereits seit langem auch im Subskriptionsmodell (z.B. bei OSA, IEEE, AGU, PNAS oder APS)
  • Da Editoren und die Peers weiterhin von der Wissenschaftscommunity gestellt werden, ist es für einen Verlag schwierig völlig eigennützig an deren inhaltlichen Interessen vorbei, ein Journal zu verwalten.
  • Die heutige „Publish or Perish“-Kultur mit der Tendenz Quantität vor Qualität zu stellen, ergibt sich aus einem fehlgeleiteten Anreizsystem von Forschungsförderern und Hochschulen. Diese hätten es selbst in der Hand die Anreize so zu setzen, z.B durch die konsequente Umsetzung von DORA, dass Verlage gar nicht in dem Ausmass wie heute in die alleinige Position kommen als Gatekeeper von Qualität in der Wissenschaft zu fungieren.
  • Qualitätsprobleme bei wissenschaftlichen Papers sind nicht nur auf APC-Journals beschränkt, auch wenn sie dort beim Segment der eindeutigen Predatory-OA Journals viel Aufmerksamkeit erhalten haben. Wer Retraction-Watch verfolgt weiss, dass auch in den „besten“ Subskriptionsjournals immer wieder Artikel zurückgezogen werden (müssen). Für dieses Problem muss die Wissenschaft als ganzes, aber natürlich auch jeder Verlag unabhängig vom Geschäftsmodell, Lösungen finden.

Verletzung der akademischen Freiheit?

Plan S verlangt faktisch, dass nur noch Pure Gold OA mit CC-BY akzeptiert wird. Damit stehen viele traditionelle Journals nicht mehr zur Auswahl, solange diese Journals nicht zu einem entsprechenden Geschäftsmodell wechseln. Die Kritik: Die akademische Freiheit wird dadurch unzulässig eingeschränkt.

Ob dies wirklich der Fall ist, wird sich bestimmt noch in kommenden länderspezifischen Diskussionen zeigen. Auch wenn viele europäische Staaten die akademische Freiheit kennen und schützen, ist es bei weitem kein einheitliches Konzept. In Deutschland warten wohl alle den Fall der Konstanzer Professoren ab, welche die Zweitveröffentlichungspflicht von Baden-Württemberg angefochten haben.

Als Nicht-Jurist scheint es mir allerdings naheliegend, dass die akademische Freiheit im Zusammenhang mit dem Publizieren, vor allem gewährleistet, dass inhaltlich ohne Einschränkung bzw. Zensur publiziert werden kann. Ob da die Wahl eines ganz spezifischen Journals auch dazu gehört ist fraglich. Wie Marc Schiltz zu Recht anmerkt, gibt es ja immer noch die Wahl zwischen Tausenden von OA Journals.

Die Vorgabe OA zu publizieren, verhält sich ähnlich wie wenn eine Universität vorschreibt, dass bei Dienstreisen nur Hotels in einem bestimmten Preissegement wählbar sind. Zugegeben, in der Regel kann bei der persönlichen Übernahme der Zusatzkosten auch ein teureres Hotel ausgewählt werden. Insofern müsste es bei Plan S eigentlich auch gestattet sein, Hybrid OA zu publizieren, solange die Kosten persönlich übernommen werden.

Nur CC-BY

Kamerlin et al. äussern auch Kritik an der CC-BY Vorschrift:

Several authors of this article, for moral reasons, are strong proponents of CC-BY-NC rather than CC-BY licenses on their work, in order to restrict for-profit commercial exploitation of publicly funded research.

Dieser Gesinnungswandel ist wirklich bemerkenswert, kommt er doch von AutorInnen die sich bis anhin nicht zu schade waren, das Verbreitungsrecht ihrer Arbeit exklusiv an For-profit Verlage abzutreten. Auch wenn die Motivation für CC-BY-NC hier sicherlich gut gemeint ist, gibt es in der Praxis Schwierigkeiten. Nicht von ungefähr empfiehlt die Open Access Scholarly Publishers Association ihren Mitgliedern dringend CC-BY. Die Gründe werden auf der Webseite und der FAQ von OASPA detailliert aufgeführt.

Warum nicht Green OA?

Weiter soll Plan S doch wieder Green OA zulassen:

One possible solution would be to convince all subscription (TA) journals to make all papers fully OA after an embargo period of 6-12 months, without APCs. In this environment, libraries would still buy subscriptions to allow scientists to catch up with the most recent developments, and the broader public would have access to all research without a paywall (but with a slight delay). (Kamerlin et al.)

Das wäre vielleicht vor 5 Jahren noch ein Kompromiss gewesen. Doch dafür ist die Zeit definitiv zu weit fortgeschritten. Gold OA funktioniert, während Green OA seit 15 Jahren vor sich hindümpelt, obwohl via Subskription immense und bislang nachwievor geheime Summen an die Verlage gehen.

Platinum OA

Fälschlicherweise wird Platinum OA nicht als kompatibel mit Plan S kritisiert. Solange ein CC-BY Lizenz verwendet wird (wie z.B. bei den Beilstein Journals) ist das völlig kompatibel. ACS Central Science ist zwar Platinum OA, verwendet allerdings eine eigene Lizenz, bei der kommerzielle Nutzung nicht gestattet ist und wäre in der Tat nicht kompatibel.

Fazit

Es ist gut, wenn Wissenschaftler sich in die Debatte einmischen. Nach Jahren Vertrauen und Gewähren, fordern nun die Forschungsförderer Loyalität bezüglich Open Access ein. Dies wird einige Forschenden vor harte persönliche Entscheidungen bei ihrem Publikationsverhalten stellen. Es ist sehr verständlich, wenn versucht wird, dieser persönlichen Entscheidung und Verantwortung aus dem Weg gehen, indem man lieber nochmals die Prinzipen von Plan S in Frage stellt und abzumildern sucht. Die Kritik von Kamerlin et al. überzeugt mich nicht. Sympathie habe ich jedoch mit dem Anliegen, das wissenschaftliche Publizieren nicht erneut den kommerziell orientierten Verlagen zu überlassen. Dazu muss aber die Wissenschaftscommunity endlich reagieren und aktiv werden. Gerade in der Chemie sind viele Journals eigentlich im Besitz von Fachgesellschaften (GDCh, ACS, RSC), welche sich aber bisher nur zaghaft der OA-Transformation angenommen haben.

Advertisements

13 Gedanken zu “Plan S: Antwort auf die Kritik

  1. Pingback: Plan S – response to alternatives proposed by Kamerlin et al. | Innovations in Scholarly Communication

  2. I will only speak for myself here, rather than on behalf of all of my coauthors. Apologies for writing in English, but I have time for only a brief reply. I try hard to make my research as accessible as possible. Whenever a publisher asks for me to sign over all my copyrights to them, I usually (though, I admit, not always) attempt to negotiate with them to retain rights (using the SPARC addendum). I have had mixed results.

    To say, though, that the fact that I have signed over my copyrights to for profit publishers somehow undermines the claim that mandating CC-BY (or equivalent) interferes with academic freedom is simply false. I resist having to sign over my copyrights, as well.

    That CC-BY requires attribution is not always a fair exchange for reuse. In history, for instance, an early career researcher typically turns her dissertation into her first book. If the dissertation is published immediately and fully open (including CC-BY), then anyone can simply take her work and, with proper attribution, publish it before she can get a book contract. With her major discoveries already in the literature, this can undermine her chances of getting a book contract. CC-BY in this case effectively requires her to accept a footnote instead of a book. It’s simply not fair, and it is unethical to mandate it for all researchers, regardless of differences in fields.

  3. Thanks for the comment. In this case you don’t belong to the estimated 97% of authors that don’t care about their rights. In my entire career as repository manager I only have seen one successful use of the SPARC addendum.

    Your scenario seems quite hypothetical to me.
    1. It’s quite the norm that dissertations are published freely available on the repository of the university. I can’t see why a publisher would be interested to sell already free available content. Where’s the added value consumers would pay for?
    2. If a dissertation becomes published by a regular book publisher, usually the authors still has to invest time in preparing the specific content for or with the publisher. Usually the author even has to pay for this service, as the revenue by selling dissertation hardly covers the costs of producing the book. If you want to publish your book Open Access, at least in Switzerland you can apply for funding: http://oa100.snf.ch/en/funding/books-and-book-chapters/
    3. You’re pointing out that it’s important to get a book contract. I’m indeed aware that in some fields it’s indeed important to get published by a „known“ publisher, which often means that a doctoral student will have to sign over all rights to the publisher. I don’t think however that’s what you really want as author. You just do this because of a misdirected reward system, which also will be addressed by Plan S.

  4. I just happen to know that historians are especially concerned about OA-related mandates from past discussions with many of them. I searched the American Historical Association site for „open access,“ and it returned these results: https://www.historians.org/search-results?Keywords=Open+access. They are concerned. They are not the only ones. Policies that mandate CC-BY (or equivalent), rather than simply expressing this as a preference, impinge on academic freedom.

  5. So, given your experience managing repositories at universities, have you not encountered resistance from some researchers about CC-BY (or equivalent) licenses? I am not here referring to the general resistance of researchers to deposit their works in an institutional repository. I understand that’s incredibly frustrating. I am talking about researchers who routinely deposit their work.

    For instance, I am ok with publishing some of my papers under a CC-BY or equivalent license; but I want the freedom to publish under a more restrictive license if I choose, on a case by case basis. I have no problem whatsoever making everything I publish free to read immediately (in fact, if I could always do so, I would). I just might sometimes have a problem with certain pieces being reused in ways that I don’t want. For those pieces, I would want a more restrictive license than CC-BY. I understand that a lot of scientists don’t have such issues, perhaps because ‚priority‘ of discovery is the most important thing to them. For many of us in the humanities, however, the actual presentation of our work is also vitally important. I don’t want bad translations that I had no say in floating around, with people reading them and judging my work by reading them.

  6. In my experience an overwhelming majority of authors does not really care about open access at all. When choosing a journal, the least important attribute is Open Access (eg. See table 3: http://dx.doi.org/10.3390/publications4030022). Usually they go with what the publisher offers. So they accept the worst possible CTA, but also CC-BY if that’s the default by the publisher. Only a minority would even care about the details of the licence. Possible reasons for choosing a more restrictive licence are indeed the desire to prevent misuse (commercial exploitation) or restoring the integrity (bad translation or not appear in a unwanted context). Often it’s simply the desire to retain the possibility to say no to misuse, but als the element to get asked and notified about the possible reuse.

    I do respect that motivation. Yet I think it’s guided by a very pessimistic view of the world, that gives a preference to the potential bad, than the potenial good. I mean let’s be honest. How often does someone want to translate your texts? How likely is it in this case that the translator would not give you a notification and would not care about your feedback?

    With a restrictive CC licence you not only restrict the potential but unlikely misuse, but also the potential beneficial use that you usually not have in mind. Also if we think of the possibilities of text and data mining, it is simply not possible for projects to ask each author individually for permission of a certain reuse, that you have restricted in the beginning, but you probably would approve when asked.

  7. “ I mean let’s be honest. How often does someone want to translate your texts? How likely is it in this case that the translator would not give you a notification and would not care about your feedback?“

    Well, I guess you don’t know that I’m a world famous philosopher.
    😉
    As a matter of fact, this has actually happened to me. Someone — I have no idea who — translated my dissertation into Chinese and was selling the PDF. I only discovered it because I co-authored a book with some Chinese scholars that was published in English and China, and somehow my dissertation came up when I searched for that book online. No one contacted me about it, and I have absolutely no idea how good the translation is. As someone who has a few things translated into Chinese, I guess I have started to build a reputation there. How does this pirate translation affect that reputation? Again, I have no idea. The bottom line is, I just don’t like it.

    Now, I suppose you could come back and say that the existing copyright laws didn’t prevent this sort of behavior, and neither would a more restrictive license than CC-BY. That’s true enough. But it still sends a message — don’t mess with my stuff without asking.

    So, I am an exception to the general rule that researchers don’t think about licenses and such. But that’s even more reason to give them a choice, rather than forcing them into a single license for all their works. They may still put little thought into it; but little is still more than none.

  8. I see. You’re really that guy who gets the rarest things happening.

    Now, what disturbs you the most in this situation?

    a) Some making money out of your work?
    Can’t you get over this trouble, being aware that you actually haven’t lost any money and that you have been fully compensated for the work by the salary of your University/Research grant?

    b) Having lost the control over you work and your name associated to something you haven’t approved?
    Isn’t that something that you experience in science all the time when someone quotes your work? There is no guarantee that the person referencing your work has understood your text as you would like it to be understood?
    What I understand about Chinese culture is that illegal copying has a positive connotation, because it is a payment of respect to the author. Therefore, there is a chance that it is an acceptable translation, which you could actually be happy about, since your work is now more read.

    c) …?

    And yes you’re right. The fact that classical copyright cannot be enforced globally is not automatically a good argument in favour of CC-BY. Yet it also shows the limitation of the current system.

  9. B is what upsets me the most. If someone misinterprets a quote, that makes them look bad. If someone mistranslates an entire book I authored, that makes me look, if not bad, not like me.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s