Zahlungen der Universität Zürich

Was zahlt die Universität Zürich an Elsevier, Springer und Wiley?

Auf diese Frage weigerte sich die Hauptbibliothek der Universität Zürich (HBZ) im Juli 2014 eine Antwort zu geben. Gegen die Ablehnung rekurrierte ich im August 2014 bei der zuständigen Rekurskommission der Zürcher Hochschulen. Während des Rekursverfahrens erhielt ich durch ein Missverständnis und zum Erstaunen aller Beteiligten Einsicht in die gewünschten Daten der HBZ, welche eigentlich nur für die Rekurskommission bestimmt gewesen waren. Im Dezember 2014 zog ich deshalb den inzwischen nicht mehr notwendigen Rekurs gegen die HBZ zurück, führte aber den Rekurs gegen die Einsichtsverweigerung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) bei der gleichen Rekurskommission weiter. So kenne ich nun seit einem Jahr die Zahlungen der Hauptbibliothek und hätte sie, wie mir die Rekurskommission ehrlich antwortete, legal veröffentlichen können. Doch aus Gründen der Fairness wollte ich damit zuwarten bis die rechtliche Situation im Kanton Zürich bei den parallelen Rekursen gegen die Einsichtsverweigerungen der ZHAW oder gegen die Zentralbibliothek Zürich grundsätzlich geklärt worden ist. Das Prinzip scheint mir hier wichtiger als die Zahlen.

Im Dezember 2015 entschied nun endlich die Rekurskommission der Zürcher Hochschulen unter Berücksichtung der kantonalen Gesetzgebung, dass die ZHAW mir ihre Zahlungen an die Verlage zugänglich machen muss. Es ist davon auszugehen, dass die Rekurskommission im Falle der Hauptbibliothek der Universität Zürich gleichermassen entschieden hätte und die HBZ die Zahlen so oder so hätte herausrücken müssen. Wie sie übrigens auch die freihändigen Zuschläge auf simap.ch hätte deklarieren müssen!

Zu den Zeitschriftenausgaben

Hier also nun die Zeitschriftenausgaben der Hauptbibliothek der Universität Zürich. Die Ausgaben der Zentralbibliothek Zürich, welche insbesondere die geisteswissenschaftlichen Fächer an der Universität Zürich abdeckt, sind hier noch nicht eingerechnet (dieser Rekurs läuft noch).

Auch hier (wie bei der UniBE und der ETHZ) können wir überschlagsmässig nun erstmals einen Blick wagen, was dies für die Transformation zu Gold OA bedeuten würde.

Als Datengrundlage bietet sich das Repository ZORA an, wo seit 2008 alle Forschenden der Universität Zürich verpflichtet sind, ihre Publikationen zu hinterlegen.

Sparpotential bei Elsevier

Forschende der Universität Zürich (inkl. Universitätsspital) publizieren pro Jahr gegen die 950 Zeitschriftenartikel bei Elsevier:

Gehen wir hier wieder von einem Corresponding Author Anteil von 60% und einer durchschnittlichen APC von 2700 CHF aus, lässt sich ein Einsparungspotential von fast 0.25 Mio. CHF ausmachen!

Elsevier: 570 Artikel * 2700 CHF = 1'539'000 CHF
(Subskriptionskosten 2014: 1'778'095 CHF)

500’000 CHF mehr bei Springer (APC 3000 CHF)

Ohne SpringerOpen und BMC werden pro Jahr gegen die 600 Artikel durch AutorInnen der Universität Zürich bei Springer veröffentlicht.

Rechnen wir hier auch wieder mit einem 60% Corresponding Author-Anteil und einer APC von 3000 CHF. Mit dieser müsste die UZH gut 500’000 CHF mehr bezahlten.

Springer: 360 Artikel * 3000 CHF = 1'080'000 CHF
(Subskriptionskosten 2014: 589'080 CHF)

150’000 CHF mehr bei Wiley (APC 3000 CHF)

Bei Wiley kann von ca. 650 Artikel pro Jahr ausgegangen werden:

Hier müsste die UZH 150'000 CHF mehr bezahlen.

Wiley: 390 Artikel * 3000 CHF = 1'170'000 CHF
(Subskriptionskosten 2014: 1'025'733 CHF)

Fazit

Rechnet man mit den Verlags-APCs, 2700 CHF bei Elsevier, 3000 CHF bei Springer und Wiley, müsste die UZH gute 350’000 CHF mehr bei einer Transformation zu OA bezahlen.

Würde man aber mit einer APC von 2600 CHF rechnen, ergäbe sich wieder eine kostenneutrale Transformation

Wiley + Elsevier + Springer : 1320 Artikel * 2600 CHF = 3'4 Mio CHF
(Subskriptionskosten 2014: 3.4 Mio CHF)

Green-OA dümpelt ohne in Fahrt zu kommen

Der Universität Zürich hat schon seit 2008 eine verpflichtende OA-Policy und leistet sich inzwischen ein 7-köpfiges Open Access Team, welches jede Publikation die auf ZORA eingeht prüft und sich um das Einholen von Volltexten bemüht. Schaut man sich den Erfolg bei den Zeitschriftenartikel an, scheint dies zumindest bei den drei grossen Verlagen ziemlich ineffektiv zu sein. Lediglich bei Springer kommt man im Jahre 2014 auf eine Höchstmarke von 35% freien Volltexten im Repository. Bei Elsevier sind es immerhin noch 24%. Bei Wiley bleibt es aber bei kümmerlichen 12%.  Insgesamt sind lediglich 23% (492 von 2126) bei Elsevier, Springer und Wiley publizierten Artikel von Zürcher AutorInnen über ZORA zugänglich.

Im Vergleich zu anderen Unis mögen dies vielleicht sogar gute Werte sein. Nüchtern betrachtet, müsste man sich aber bei diesen Zahlen sieben Jahre nach Einführung der OA-Policy eingestehen, dass es dringend einen Strategiewechsel bedarf. Wenn die Universität Zürich pro Jahr 3,4 Mio CHF an die Verlage Elsevier, Springer und Wiley zahlt (nur Journals!), aber im Gegenzug nur 23% der eigenen bei diesen Verlagen publizierten Artikel frei bei ZORA zugänglich sind, läuft etwas gewaltig schief!

Gold-OA an der Universität Zürich unterfinanziert

Noch absurder wird es, wenn man bedenkt das AutorInnen der Uni Zürich die in einem Gold OA Journal z.B. von Frontiers oder BioMedCentral publizieren wollen für einen Teil der Kosten selber aufkommen sollten. An die Publikationskosten die beim beliebten Verlag PLOS entstehen, zahlt die Hauptbibliothek dann aber schon gar nichts mehr. Obwohl dort im Jahr 2014 bereits 176 Artikel publiziert wurden und somit schon ein Viertel des Publikationsaufkommen bei Wiley ausmacht.

Die Logik, dass die Hauptbibliothek Subskriptionen von drei wissenschaftsfeindlichen Verlagen mit 3,4 Mio CHF fördert und die immensen Kosten am liebsten noch der Öffentlichkeit verschweigt, gleichzeitig aber kein oder nur wenig Geld für ganz offensichtlich nachgefragten Open Access Verlage hat, scheint mir enorm widersprüchlich. Von der Universität Zürich wird das LERU-Statement “Christimas is Over” offenbar nicht gekommen sein. Leider!

Update: 12.1.2016

Dank einem Hinweis des OA-Teams der UZH habe ich festgestellt, einen Bug in meinem Pentaho-Script für die Auswertung des ZORA-XML gehabt zu haben. Ich habe den Fehler und entsprechend die Daten korrigiert. Wie vom OA-Team der UZH korrekt beanstandet, sind es weit mehr Publikationen die von UZH-Wissenschaftler bei Elsevier, Springer und Wiley publiziert werden.

Dies ändert natürlich die überschlagsmässig prognosizierten Kostenersparnisse gravierend, bzw. resultiert bei Wiley und Springer gar in Mehrkosten. Das heisst, das ursprüngliche Fazit das eine kostenneutrale Transformation zu Gold OA selbst bei einer forschungsintensiven Universität mit den von den Verlagen gesetzten APCs möglich ist, scheint falsch zu sein.

Jedoch wissen wir alle, dass die durchschnittliche APC wohl mit 3000 CHF definitiv ein Maxium darstellt. Sobald man mit einer realistischeren APC von unter unter 2600 CHF bei Elsevier, Wiley und Springer rechnet, ist die UZH auch schon wieder in der Sparzone.

Hinweis

Die für die Grafiken und Auswertungen von ZORA verwendeten Daten sind in diesem Google Spread Sheet zugänglich.

Zahlungen der Universität Bern

Was zahlt die Universität Bern an Elsevier, Springer und Wiley?

Nach einem erfolgreichen Beschwerdeverfahren bei der Erziehungsdirektion des Kanton Bern gegen die initiale Auskunftsverweigerung stellte mir die Universität Bern im vergangenen November endlich ihre Zahlungen zu.

Zeitschriftenausgaben der Universität Bern

Wie schon bei den Zahlungen der ETH Zürich können wir mit diesen Zahlen nun erstmals überhaupt eine kleine “Milchbüchleinrechnung” vornehmen, welche das Potential dieser Kosten für den Wechsel zu Gold OA aufzeigt. Die Universität Bern erfasst schon seit längerem eine zentrale und relativ vollständige Hochschulbibliografie, die vor wenigen Jahren in das Repository BORIS überführt wurde.

200’000 CHF mehr benötigt bei Elsevier definierter APC

Eine Suche nach Zeitschriftenartikel in BORIS die bei Elsevier erschienen sind, ergibt für die Jahre 2010-2015 folgende Zahlen:

In Anbetracht einer möglichen Unvollständigkeit und Unschärfe bei der Suche können wir von max. 750 Artikel pro Jahr ausgehen. Mit einer durchschnittlichen Hybrid-APC von 2700 USD (=2700 CHF) bei Elsevier, sowie einem Anteil von ca. 60% Papers mit einem Berner Corresponding Author ergibt sich folgende Überschlagsrechnung:

Elsevier: 450 Artikel * 2700 CHF = 1'215'000 CHF
(Subskriptionskosten 2014: 930'000 EUR)

300’000 CHF mehr bei Springer definierter Hybrid APC

Eine weitere Suche in BORIS zeigt, dass  ungefähr 400 Artikel durch AutorInnen der Universität Bern pro Jahr bei Springer publiziert werden:


Die Rechnung mit 60% Corresponding Author Anteil und einer APC von 3000 USD/CHF  (“Open Choice“) zeigt ebenfalls, dass ein Wechsel zusätzliche Kosten bedeuten würde.

Springer: 240 Artikel * 3000 CHF = 720'000 CHF
(Subskriptionskosten 2014: 398'000 €)

400’000 CHF mehr bei Springer definierter Hybrid APC

Etwa 450 Artikel pro Jahr werden durch Berner Autoren bei Wiley publiziert.

Geht man hier auch von einer Standard-Hybrid-APC von 3000 USD/CHF (“Online Open“) aus, dürften die Subskriptionskosten für die Gold OA-Transformation nicht reichen:

Wiley: 270 Artikel * 3000 CHF = 810'000 CHF
(Subskriptionskosten 2014: 370'000 €)

Auch wenn man mit der durchschnittlichen APC von $2220 rechnet, welche Wiley zurzeit bei seinen reinen OA-Journals anwendet, wäre eine Transformation immer noch gut 200’000 CHF teurer.

Wiley: 270 Artikel * 2220 CHF = 594'000 CHF
(Subskriptionskosten 2014: 370'000 €)

Fazit

Die hier erstmalig überschlagsmässig vorgenommene Verbindung zwischen Subskriptionskosten und Publikationsverhalten lässt vermuten, dass die Universität Bern bei einem  Wechsel zu den von den drei Verlagen gesetzten APCs Mehrkosten von gut 900’000 CHF entstehen würden.

Eine kostenneutrale Transformation wäre mit einer durchschnittlichen APC von 1750 EUR erreichbar.

Wiley + Elsevier + Springer : 960 Artikel * 1750 EUR = 1.7 Mio EUR
(Subskriptionskosten 2014: 1.7 Mio EUR)

Letztlich auch eine Motivation für die Universität Bern, mehr Gold OA über die Subskriptionverhandlungen erwirken, müssten die sehr bescheidenen Green-OA Werte auf BORIS sein. Nur gerade 13% (193 von 1535) aller im Jahre 2014 auf BORIS verzeichneten Zeitschriftartikel der Verlage Elsevier, Springer und Wiley sind dort tatsächlich frei verfügbar. Trotz verpflichtendes Mandat.

Dies liegt nicht zu letzt daran, dass die Grossverlage, wie kürzlich Elsevier, den freien Zugang auch über Repositories mit allen gerade noch erträglichen Mitteln zu verhindern suchen.

Es ist deshalb schwer verständlich, wieso die Universität Bern ohne eigene Forderungen (wie z.B. die berechtigte Verrechnung von Subskriptions- und Publikationskosten wie hier aufgezeigt) mit diesen Verlage Jahr für Jahr und steigendem Umsatz Geschäfte macht. Geschäfte, die im Jahre 2014 immerhin 1.7 Mio  betrugen (für Zeitschriften alleine).

Deklaration auf simap.ch

Man muss der Universität Bern übrigens zugute halten, dass sie – wie es scheint als einzige Universität in der Schweiz – die freihändige Vergabe der grossen Lizenzen (= über 230’000 CHF) auf der entsprechenden Plattform ordnungsgemäss nach öffentlichen Beschaffungsrecht deklariert hat. Lustigerweise bin ich selber erst nach meiner Anfrage bei der Universität zufällig darauf gekommen. Während des gesamten Beschwerdeverfahren hat mich auch niemand von der Universtität Bern darauf hingeweisen.

Simap - Elsevier University of Bern

4 Mio CHF Auftragsvergabe für die Elsevier Lizenz auf simap.ch

 

Korrektur 12.1.2016

Dank eines Hinweises der OA-Team der UZH bin ich auf einen wesentlichen Fehler in meinem Auswertungsscript der Repository-Daten gekommen. Auch die Universität Bern publiziert weit mehr Publikationen bei Springer, Wiley und Elsevier als ursprünglich hier dargestellt. Die frühere Einschätzung, dass auch die Universität eine kostennneutrale Transformation zu den Verlags-definierten APCs hinbekäme muss enstprechend revidiert werden. Für eine kostenneutrale Publikation bei der Universität Bern müssten mit einer APC von 1750 EUR gerrechnet werden.

Hinweis

Die für die Grafiken verwendeten Daten sind in diesem Google Spread Sheet zugänglich.

 

Massenrücktritt des Editorial Board beim Elsevier Journal Lingua

Die klare Haltung gegenüber Elsevier verbunden mit einer Kommunikationsstrategie der Niederländer zeigt Wirkung. Das gesamte Editorial Board hat vergangene Woche den Rücktritt aus dem von Elsevier geführten Journal Lingua gegeben. Die Editoren werden ein neues Open Access Journal mit dem Namen Glossa bei Ubiquity Press starten.

Ankündigung von Johan Rooryck auf Facebook, 27.19.2015Elsevier bedauert den Abgang offenbar, will aber Lingua weiterführen.Ling OA

Bereits im Oktober wurde zusammen mit der OLH die Initiative LingOA bekannt gegeben. LingOA will den Transformationsprozess in der überschaubaren Disziplin Linguistik von ca. 26’000 Forschenden fördern. Weitere Journals sollen bald OA werden:

Dabei verfolgt LingOA den Grundsatz “Fair Open Access” (Bezeichnung angelehnt an Fair Trade Label):

  • The editorial board owns the title of the journals.
  • The author owns the copyright of his articles, and a CC-BY license applies.
  • All articles are published in Full Open Access (no subscriptions, no ‘double dipping’).
  • Article processing charges (APCs) are low (around 400 euros),
    transparent, and in proportion to the work carried out by the publisher.

Wie Gerard Meijer, Präsident der Universität Nijmegen und Leiter der Elsevier Verhandlungen in einem Interview ankündigte, sind weitere Rücktritte aus Editorial Boards von Elsevier Journals nicht auszuschliessen, sofern Elsevier den Forderungen für mehr OA der Niederländer nicht nachkommen will:

Beim Boykott muss man verschiedene Ebenen unterscheiden: Einige hochkarätige Wissenschafter sind in Editorial oder Advisory Boards von Elsevier-Journals. Wir haben sie gefragt, ob sie bereit wären, zurückzutreten, wenn wir zu keinem Abkommen finden. An der Radboud-Universität Nijmegen haben 80 Prozent gesagt, dass sie zurücktreten würden. In den Niederlanden sind es im Schnitt mehr als 60 Prozent. Wir haben auch gefragt, wer noch Review-Tätigkeiten für Elsevier machen würde – fast keiner. Wissenschafter könnten weiterhin in Elsevier-Journals veröffentlichen, aber jeder muss bedenken, ob das der richtige Weg ist. Wie viele das tun würden, haben wir noch nicht erhoben.

Update 5.11.2015

Elsevier hat sich nun noch ganz öffentlich zum Rücktritt des Editorial Board geäussert um Missverständnisse auszuräumen. Wie Martin Eve in seinem Kommentar dazu zeigt, unterliegt Elsevier dabei selber einigen Missverständnissen.

Wer finanziert das DOAJ?

Das Directory of Open Access Journals (DOAJ) ist eines der bekanntesten Open-Access-Instrumente. In nahezu jedem Open-Access-Kontext wird es eingesetzt. Anders als viele andere Tools, die in der Wissenschaftsinfrastruktur eingesetzt werden, steht es allen zur Nutzung offen und verlangt kein Geld dafür. Finanziert wird es über Einrichtungen, die jährliche Zuschüsse zum Betrieb zahlen. Hierbei könnte noch mehr getan werden. Eine österreichische Initiative hat für mehr Finanzierung von DOAJ geworben. In Deutschland gibt es bisher nur wenige unterstützende Einrichtungen. Die Open Access Week könnte zum Anlass genommen werden, in den eigenen Einrichtungen über die DOAJ-Finanzierung zu sprechen.

Wozu dient das DOAJ?

Das DOAJ hat sich erfolgreich etabliert als primäre Quelle zu Open-Access-Zeitschriften. Regelmäßig wird es empfohlen im Kontext von “Wie finde ich eine Open-Access-Zeitschrift in meinem Feld?”. Für diesen Zweck ist es gut aufgestellt, mit vielen tausend gelisteten Zeitschriften und einer Einteilung in akademische Disziplinen. Die Metadaten, die pro Zeitschrift erfasst sind, ermöglichen eine weitere Einschätzung – zum Beispiel ob APC-Kosten anfallen, welche Lizenzen verwendet werden etc. Diese Informationen lassen sich auch automatisch auslesen und auswerten – für einen Überblick über Open-Access-Zeitschriften gängige Praxis. Dabei stehen jedoch immer “Zeitschriften” als Bezugsgröße im Mittelpunkt. Man kann also sagen: “x Prozent der Zeitschriften im DOAJ verlangen keine APC”, kann aber nicht direkt ablesen, welcher Anteil am Publikationsvolumen (Zahl der Artikel) dadurch abgedeckt wird. Darüber hinaus listet das DOAJ aber auch Metadaten auf Artikelebene. Aktuell ist die Verschärfung der Anforderungen für die Aufnahme ins DOAJ das hauptsächliche Projekt, alle Zeitschriften werden erneut beurteilt, was die Datenqualität weiter verbessert. Wer zu Open Access arbeitet, ob beratend oder forschend, kommt am DOAJ kaum vorbei.

Wer finanziert das DOAJ?

Das DOAJ wird über institutionelle Mitgliedschaften (von Hochschulen und Konsortien), über weitere Mitglieder (Verlage und individuelle Mitglieder) und über Sponsoring finanziert. Informationen über die Förderer sind über die Webseite verfügbar:

Die Liste von Bibliotheken und Hochschulen, die sich an der Finanzierung beteiligen, ist insgesamt nicht sehr lang.

Vorbild Österreich

Mitte Juni haben der österreiche Wissenschaftsfonds FWF und die Österreichische Universitätenkonferenz (uniko) einen Aufruf an die österreichischen Wissenschaftseinrichtungen veröffentlicht und um eine Beteiligung an der Förderung von DOAJ gebeten. In der Förderempfehlung werden zwei Argumente geliefert:

(1) Der Anteil an Open Access Publikationen wächst stetig, die Forschungsstätten richten Fonds zur Finanzierung von Publikationsgebühren ein oder gründen selbst Open Access Zeitschriften. Umso wichtiger sind verlässliche, autoritative Quellen, die die Qualität von Open Access Publikationen sichern. Das erleichtert auch die Arbeit der Forschungsstätten und Förderorganisationen und senkt Administrationskosten bei der Qualitätssicherung von Publikationen.

(2) Andere bibliographische und bibliometrische Datenbanken wie Scopus oder Web of Science werden von vielen österreichischen Forschungsstätten oft mit mehreren zehntausend Euro pro Jahr subskribiert. Mit seinen offenen Datenstandards bietet DOAJ dagegen die Perspektive, in Zukunft am Markt Alternativen zu etablieren, die langfristig zu mehr Wettbewerb und Kostensenkungen führen können.

Beiden Argumenten kann man nur zustimmen.

Ganz aktuell: Passend zur Open Access Week konnte der Wissenschaftsfonds bekanntgeben, dass der Aufruf mittlerweile die Zahl österreichischer Institutionen, die DOAJ unterstützen, auf 16 geschraubt hat. Die für zunächst zwei Jahre zugesagten 28.486 EUR pro Jahr führen dazu, dass Österreich eine führende Position beim DOAJ-Support einnimmt.

Und in Deutschland?

Aus Deutschland sind auf der Mitglieder-Seite bisher 8 Mitglieder gelistet:

  • Universitaetsbibliothek Bielefeld
  • CSL Behring GmbH
  • Elektronische Zeitschriftenbibliothek, Regensburg
  • German National Library of Medicine (Deutsche Zentralbibliothek für Medizin, ZB MED)
  • Konsortium Baden-Württemberg
  • Max Planck Digital Library
  • Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen
  • Technische Informationsbibliothek und Universitätsbibliothek Hannover

Hier ist noch Luft nach oben – angesichts der Zahl der Hochschulen in Deutschland oder auch nur der Zahl derjenigen Einrichtungen, die Publikationsfonds, Repositorien oder Open-Access-Beratung anbieten. Für Interessierte: Die DOAJ-Seite führt die Mitgliedschaftskriterien auf.

Fazit

Das DOAJ ist vermutlich die am weitesten und häufigsten genutzte einzelne Informationsquelle im Bereich Open Access. An ihrer Finanzierung beteiligen sich nur wenige Institutionen. Es wird Zeit, das zu ändern.

Instituten, die das DOAJ nutzen, sollten prüfen, ob sie sich an der Finanzierung beteiligen können. Wäre das nicht eine gute Sache für die Open Access Week?

Und mit Bezug auf einen offiziellen Appell wie in Österreich: Können wir das für Deutschland auch haben?

Summary

The Directory of Open Access Journals is probably the most widely used tool in the open access landscape. It’s (partly) funded by institutional memberships. While we all use it, only a few institutions (in Germany) have agreed to fund DOAJ. It’s time to change that.

Update

20.10.2015: Ich habe versucht, auf kritische Nachfragen per Kommentar und per Twitter zu antworten (siehe Kommentar unten). Als ergänzende Lektüre zu diesem Blogpost empfehle ich einen Blick in diese Foliensätze:

Aber das soll (und darf) natürlich keine Einrichtung davon abhalten, vor einer Unterstützung nach genauen Informationen zu fragen, die die Angemessenheit des finanziellen Bedarfs, mögliche Kostensenkungen bei ausreichender Beteiligung und die Nachhaltigkeit der Förderung beurteilen helfen. Für letzteren Punkt ist ein entscheidender Punkt, dass die im DOAJ gesammelten und gepflegten Metadaten frei zugänglich und frei kopierbar sind (unter CC BY-SA 4.0, siehe https://doaj.org/faq#restrictions).

Open Access Priorität der EU-Ratspräsidentschaft 2016

Gute Nachrichten zu Beginn der aktuellen Open Access Week. Die Niederländer übernehmen ab Januar 2016 für ein halbes Jahr die EU-Ratspräsidentschaft. Die Chancen stehen gut, dass der aktuelle Drive in NL bezüglich Open Access (“Going Dutch“) auch in der EU Politik Niederschlag findet. Die League of European Research Universities (LERU) hat im Vorfeld ein vierseitiges Statement Christmas is over. Research funding should go to research, not to publishers! verfasst um dem Nachdruck zu verleihen.

Das Statement beinhaltet u.a. das „Offsetting“, also das Verrechnen von Subskriptionskosten mit OA Article Processing Charges (APCs):

LERU calls on all stakeholders in the publishing process – researchers, research funders, universities, publishers, libraries and national governments – to convene together in a summit to tackle the issues of Business Models for Open Access publishing and embargo periods for Green OA. LERU recognises the importance of reaching clarity on these issues. LERU notes that some publishers have adopted new Business Models which enable universities and their libraries to offset APCs against subscription costs. This in effect lessens the danger that universities will pay twice for the same content – once for the subscription and once for an APC.

LERU calls on all stakeholders to discuss such offsetting models and to identify principles by which such offsetting agreements can be reached between universities, procurement bodies, and publishers. The following issues should be included in future discussions and agreements:

  • The existing spend of a customer (or a consortium) should be taken as a starting point in negotiations;
  • The customer can use the current spending level to “offset” against payment for APCs for journal articles in hybrid journals;
  • As part of any agreement, publishers should permit all papers published by university researchers taking up the deal to be made Open Access for no extra charge.

Das Statement fand bei Carlos Modeas (EU-Kommissar für Forschung, Wissenschaft und Innovation) und Sander Dekker (Niederländischer Staatssekretär für Bildung, Kultur und Wissenschaft) grossen Anklang.

Dekker bestätigte, dass Open Access eine Priorität für die ab Januar 2016 beginnende EU-Ratspräsidentschaft sein wird:

Sander_Dekker

Sander Dekker

I support the initiative of the League of European Research Universities to join forces towards Open Access in research. Dutch universities already show the importance of organising themselves in the negotiations with publishers. That way they can successfully stand their ground towards publishers. In addition Dutch universities are even prepared to not sign new contracts if needed. The fact that all LERU members now let go of the old subscription-based models with big deals and clearly choose for models based on Open Access perfectly fits with the Dutch Open Science policy. In this policy results of publicly funded research must be available free of charge for everyone. This will be a priority during the Dutch Presidency of the EU in the first semester of 2016.

Gewiss, die über zehn jährige Geschichte von OA lehrt uns, dass man gut tönende Ankündigungen erst an der eingetretenen Praxis messen muss. Zu oft werden die in der Berliner Erklärung und anderen Open-Policies bekräftigen Ziele in der Praxis verraten. Ohne OA einzufordern, wird trotzdem immer wieder den grossen Subskriptionsverlage Geld hinterhergeworfen wird. Siehe z.B. Schweizer Nationallizenzen-Projekt oder Springer-Deal Baden-Württemberg.

Nun mit Dekker könnte das tatsächlich anders laufen. Dekker weiss um was es bei OA geht, hat den Mut zu handeln und hat mit seinem Land einen pragmatischen Weg aufzeigt, wie OA schneller zu erreichen ist. Die bisher abgeschlossenden “OA-Big-Deals” haben dabei das gewisse “wir wollen das auch” und haben gute Chancen zum Selbstläufer zu werden.

Mit Elsevier als grösster Verlag ist freilich noch keine Lösung gefunden. Kommt von Elsevier bis Ende Jahr kein Angebot, welches der Forderung nach OA genügend Rechnung trägt, so werden niederländischen Universitäten die Verträge nicht erneuern. Sollte es soweit kommen, befinden sich die Niederländer mit ihrem mutigen Staatssekretär und dem Vorsitz im Rat der Europäischen Union jedoch in einer hervorragenden Position, um für einen europaweiten Boykott zu weibeln.

Berliner Senat beschließt Open-Access-Strategie

Auszug aus einer Pressemitteilung der Berliner Senatskanzlei vom 13.10.2015:

“Berlin will den freien Zugang zu digitalen Wissensressourcen deutlich ausbauen. Aus diesem Grund hat der Senat heute auf Vorlage der Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft, Sandra Scheeres, eine Open-Access-Strategie beschlossen. ‘Berlin hat eine große Dichte an öffentlich finanzierten Hochschulen, außeruniversitärer Forschung und kulturellen Einrichtungen. Die Ergebnisse, die diese Institutionen generieren, sollen viel mehr als bisher für alle Bürgerinnen und Bürger im Internet frei zugänglich sein’, so Scheeres.”

Nachdem das Abgeordnetenhaus Berlin im Juni 2014 einen entsprechenden Antrag verabschiedet hatte wurde im Mai 2015 eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Martin Grötschel eingesetzt. Diese Arbeitsgruppe erarbeitete das gestern verabschiedete Strategiepapier:

“In dem Strategiepapier werden konkrete Ziele und Maßnahmen formuliert, die eine umfassende Open-Access-Kultur für die öffentlich finanzierten Wissenschafts- und Kulturbereiche in Berlin schaffen sollen. Zudem werden die technischen und strukturellen Voraussetzungen genannt. Für die Erarbeitung der Strategie wurde auch eine Arbeitsgruppe unter der fachlichen Leitung von Prof. Martin Grötschel, Präsident des Konrad- Zuse-Instituts und designierter Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, eingesetzt.

Die Senatsverwaltungen wollen das Strategiepapier nun “zügig” im Dialog mit den wissenschaftlichen Einrichtungen in Berlin umsetzten.

High Impact Factor und Open Access passen zusammen

Eine kürzliches erschienenes Paper The presence of High-impact factor Open Access Journals in Science, Technology, Engineering and Medicine (STEM) disciplines zeigt, dass sich OA bezüglich Impact Factor immer weniger zu verstecken braucht. Die Autoren haben im August 2014 das DOAJ mit den Journal Citation Reports (JCR) Sciene Edition 2013 verglichen. Da im Juni 2015 die Impact Factoren von 2014 neu berechnet worden sind, sind die Daten leider nicht mehr ganz aktuell, aber dennoch interessant:

  • Von insgesamt 8470 Journals im JCR Science sind 955 (11%) auch im DOAJ gelistet.
  • Nur 16 Kategorien des JCR Science haben gar kein OA Journal.
  • In über der Hälfte der 176 Kategorien des JCRs gibt es OA Journals im oberen Viertel der Kategorie.
  • In acht Kategorien ist/war das führende Journal gar OA:
Name Verlag Kategorie Rang 2015
Genetic Selection Evolution BMC AGRICULTURE, DAIRY & ANIMAL SCIENCE 1
PLoS Biology PLOS BIOLOGY 2
Journal of Medical Internet Research JMIR MEDICAL INFORMATICS 3
Studies in Mycology CBS-KNAW / Elsevier MYCOLOGY 1
Living Reviews in Relativity Springer PHYSICS, PARTICLES & FIELDS 1
Annals of Family Medicine Annals of Family Medicine, Inc PRIMARY HEALTH CARE 1
PLoS Neglected Tropical Diseases PLOS TROPICAL MEDICINE 1
Veterinary Research BMC VETERINARY SCIENCES 3

Interessant auch die Bemerkung der Autoren:

While the vast majority of OA journals are not paid-publication journals, we find that a substantial majority of high-impact-factor OA journals are paid-publication journals. This latter method seems to be popular among born OA large publishing houses such as BMC or PLoS, while journals without publication fees are usually related to smaller academic publishers or research funders such as the Max Planck Society.

So ganz erstauntlich ist dies nicht. Von Frontiers ist mir zum Beispiel bekannt, dass sie nach dem Merger gezielte Hilfe von NPG erhalten haben, um die eigenen Journals auf einen hohen IF zu optimieren. Für das IF-Tuning braucht es also schon etwas Willen, Know-How und Zeit, wobei diese Faktoren bei “idealistisch” geführten OA-Journals ohne APC seltener vorhanden sein dürften.

Und noch ein Detail am Rande: Google hat den IF neuerdings in die Suche integriert:

Google Suche erkennt Impact Factor