Archiv für die Kategorie ‘Web 2.0’
Web 2.0 – Nutzung und Relevanz in der Wissenschaft
Eine lesenswerte Studie des Research Information Network (RIN) untersucht die Nutzung und die Bedeutung des Web 2.0 für Forschung und Lehre.
Unter dem Titel „If you build it, will they come? How researchers perceive and use Web 2.0“ wird, wenig überraschend, festgestellt, dass Werkzeuge des Web 2.0 auch mittelfristig nur Ergänzungen der etablierten Formen und Mechanismen der Wissenschaftskommunikation sein werden.
„Overall, there is little evidence at present to suggest that web 2.0 will prompt in the short or medium term the kinds of radical changes in scholarly communications advocated by the open research community. Web 2.0 services are currently being used as supplements to established channels, rather than a replacement for them. While a small number of researchers are making frequent and innovative use of web 2.0 tools, the majority use them only sporadically, or not at all.“ (S. 8 )
Interessanter sind die Ergebnisse im Detail:
- Web 2.0-Anwendungen in der Wissenschaftskommunikation
„We found that current levels of take-up are relatively low, with 13% of respondents using such tools frequently (once a week or more), 45% using them occasionally, and 39% using them not at all.“ (S.6)
- Open Science – Der Blick auf den Schreibtisch
„Our findings show that very few researchers are as yet operating in this way. About half of respondents to our survey share their work with colleagues, but only a small group of enthusiastic open researchers – 5% of our respondents – publish their outputs and their work in progress openly, using blogs and other tools.“ (S. 6)
- Soziale Netzwerke
„Researchers communicate for many purposes other than sharing their results, and our research found that 13% of respondents frequently – at least once a week – use social networking services for purposes related to their work.“ (S. 6)
Die Studie endet mit Empfehlungen für Infrastruktureinrichtungen, Hochschulen und Förderer sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
Literatur
Procter, R.; Williams, R.; Stewart, J. (2010): If you build it, will they come? How researchers perceive and use web 2.0. Research Information Network. 2010. Online.
Apps für die Wissenschaft
Die Anzahl der Apps für Mobilgeräte wie iPhone, iPod Touch und iPad wächst. In der aktuellen Ausgabe der Research Information fasst Sian Harris unter dem Titel „Research in an ‘app’“ den Stand der Entwicklungen für Forschung und Lehre zusammen. Neben der Vorstellung einiger Apps (z.B. von IOP, Nature und OECD) und mobiler Webseiten beschreibt der Autor die Herausforderungen für Verlage und andere Akteure im Feld. Beispiel Authentifizierung: Während der Zugriff auf closed access Journale wie Nature und Co. normalerweise über die IP-Adressen einer wissenschaftlichen Institution, per Lizenzierung, geregelt ist, erwarten Nutzerinnen und Nutzer eines iPhones oder iPads den ortsunabhängigen Zugriff ohne Barrieren:
„For the moment, the approach with many apps is to offer them without authentication barriers but only to provide some of the information and services that is available to subscribers. IOPscience express, for example, is free and does not require any log in. However, it only has the last two years of content, users are limited to 20 downloads per month and they can’t synchronise the PDFs that they access on their iPhone with their PC.“
Open-Access-Journale haben dieses Problem nicht. Seit März 2010 gibt es das PLoS Medicine iPhone App. Dieses erlaubt den kostenfreien Zugriff auf alle Artikel der Open-Access-Zeitschrift, egal ob auf dem Campus oder aus der U-Bahn.
Einen Blick in die Zukunft bietet der PLoS Reader, der für das iPad entwickelt wurde und seit dem 15. Juni 2010 kostenlos zugänglich ist.
Interessant wird sein, wie sich das iPad in der Wissenschaft etabliert. Zum einen eröffnet die Mobilität des Gerätes eine Vielzahl von interessanten Einsatz-Szenarien z.B. in der Feldforschung. Zum anderen behindert die Geschlossenheit des Systems die enge Verknüpfung von wissenschaftlichem Arbeitsprozess, Publikationsprozess und Rezeption. Es sei denn, es wird ein schickes App programmiert, das eine Verknüpfung zwischen den genannten Prozessen herstellt.
Spannend wird insbesondere die Entwicklung der Apps zur Literaturverwaltung werden. Nach meinem Wissen gibt es außer dem Papers App bisher keine Anwendung zur wissenschaftlichen Literaturverwaltung. (Siehe dazu auch die Diskussionen im Mendeley-und im Zotero-Forum.)
Literatur:
Harris, S.: Research in an ‘app’. In: Research Information, June/July 2010. Online.
Neu: Microblogging im Wissenschaftsnetzwerk ResearchGATE
Die Online-Community für Wissenschaftler ResearchGATE hat mittlerweile die Publikumsmedien (u. a. Spiegel, Deutschland Radio) erreicht und beschert seinen Nutzern neue Features. Wer die Microblogging-Option in seinem Profil aktiviert, kann nun Kontakte mit Twitter-ähnlichen Kurzinformationen von 420 Zeichen Länge versorgen oder den Microblog-Feeds anderer User folgen, Bewertung und Kommentierung von Postings sind ebenfalls möglich. Feeds aus LinkedIn, Facebook, FriendFeed oder Twitter können ins ResearchGATE-Profil eingebunden werden, umgekehrt können ResearchGATE-Feeds auch in vorhandenen Profilen der vier genannten Services angezeigt werden. Zusätzlich können User jede Microblog-Nachricht um Dateien, Bilder, Links oder Publikationsinformationen ergänzen, um möglichst rasch und unkompliziert Forschungsinformation zu kommunizieren. Damit haben die ResearchGATE-Macher die Funktionalitäten ihres Parallelprojekts ScienceFeed nun auch in ResearchGATE implementiert.
Survival of the newest? Sind wissenschaftliche Mailinglists vom Aussterben bedroht?
Einen interessanten Beitrag zu diesem Thema hat Anita Bader vom Forschungsverbund Interactive Science gebloggt. Sie geht darin der Frage nach, ob neue Dienste wie Sciencefeed die altehrwürdige Mailinglist bald ablösen könnten:
Was geschieht denn eigentlich wenn zwei oder mehrere Formate Ähnliches zu leisten versuchen? Welche Auswirkungen haben solche Konkurrenzfälle auf die „älteren” Formaten, die bisher für diese Zwecke genutzt wurden? Werden sie einfach von den neueren und innovativeren Formaten abgelöst und sterben aus?
Einen ganz so simplen „Verdrängungswettbewerb“ zwischen unterschiedlichen Formaten erkennt Bader aber nicht. Tatsächlich ändern sich die Funktionen, die unterschiedliche Formate übernehmen:
Beispiele, bei denen wir einen Nutzungsrückgang beobachten können, der möglicherweise auf das Hinzutreten eines neuen Formats zurückzuführen ist, gibt es zweifellos. Trotzdem – ganz so einfach wie in Kellys Hypothese scheint es bei genauerer Betrachtung doch nicht zu sein. Denn es gibt durchaus auch Beispiele, in denen die Malinglists alles andere als auszusterben scheinen. Stattdessen können wir dort andere interessante Entwicklungen beobachten.
Als Beispiel zieht Bader den in der Sprachwissenschaft sehr populären Dienst LINGUIST List heran, bei dem sich ein Wandel vom Diskussionsforum zu einer Art wissenschaftlichen Nachrichtendienst vollzogen hat:
Anstelle von Diskussionsbeiträgen werden jetzt fast nur Beiträge mit Service-Charakter über die Liste verschickt, also Stellenausschreibungen, Tagungsankündigungen, Call for Papers, Rezensionen und Ähnliches. Es hat sich also in diesem Fall ein Funktionswandel vollzogen: Die Liste hat sich von einer Diskussions- und Serviceliste zur fast reinen Serviceliste entwickelt. (Im Gegensatz dazu gibt es aber auch durchaus noch Listen, in denen sehr lebhafte Diskussionen geführt werden und über die dagegen nur ganz selten Service-Beiträge verschickt werden, wie z.B. die Luhmann-Liste, Shakesper oder die Argthry-List.)
Interessant an dieser Formalisierungstendenz (von „offenen“ Diskussionen und spontanen Beiträgen hin zu Meldungen mit einer zumeist relativ starren Form) finde ich die Tatsache, dass sich eine ähnliche Entwicklung ja auch bei wissenschaftlichen Journals vollzogen hat. Die frühen Beiträge in den Proceedings der Royal Society hatten eher den Charakter von persönlichen Briefen und wurden erst mit der Zeit immer stärker formalisiert, bis hin zum modernen scientific paper.
Scienefeed – des Forschers Twitter
Seit heute existiert ein weiteres Web 2.0 Phänomen in einer Wissenschaftler-Variante: Der Microblogging-Service Sciencefeed (aus der Werkstatt der ResearchGate-Macher) ging online.
Ausgestattet mit einem exklusiven Test-Account konnte WissPub.net vorab einen Blick auf die Anwendung werfen.
Sciencefeed ist eng mit Facebook, Friendfeed, Twitter verbunden – wer einen Account bei einem dieser Services hat kann diesen zum Sciencefeed- Login verwenden, braucht also keinen neuen Zugang. Daher können Postings in Sciencefeed auch in die erwähnten Services – so der Nutzer will – übergeben werden und umgekehrt Postings aus diesen Services in Sciencefeed angezeigt werden.
Eigene Postings können eine Länge von 420 Zeichen haben und um Bilder, Dateien, Links oder Publikationen ergänzt werden. Um eine Publikation an ein Posting zu heften, kann entweder ein Import aus einem ganzen Pool von Suchmaschinen und Datenbanken (RePEc, PubMed, CiteSeer, DOAJ, arXiv, NASA Technical Report Server, IEEE, BioMed Central, einer Auswahl an OAI-Servern oder dem Katalog der Cornell University) vorgenommen werden oder eine Website mit Coins-Tags bzw. ein RSS-Feed eingelesen werden. Neben Postings können auch private Nachrichten, direct messages, verschickt und ebenfalls um Bilder, Dateien, Links oder Publikationen ergänzt werden. Userprofile geben Auskunft über verfasste Kommentare, positiv bewertete Postings, die Anzahl der Follower eines Teilnehmers sowie die Anzahl der Teilnehmer, deren Follower man ist. Selbstredend können Nutzer Gruppen gründen, Kontakte verwalten sowie Postings anderer Nutzer bewerten oder kommentieren. Gruppen können drei unterschiedliche Sichtbarkeitsstufen haben, von privat (nur für Eingeladene) über Standard (jeder kann kommentieren, nur der Gruppengründer kann posten) bis öffentlich (jeder kann posten und kommentieren). Sehr schick: Wird eine Gruppe als Event, etwa als Konferenz, markiert, wird mit allen Hashtags im Event ein Pull auf Twitter ausgeführt und alle dortigen Posts mit passenden Hashtags werden in den Feed der Sciencefeed Gruppe übertragen.
Wissenschaftler, denen Twitter zu wenig nützliche Werkzeuge lieferte, könnten bei Sciencefeed fündig werden: Über das Verfolgen von Nachrichten anderer User hinaus existieren in Sciencefeed Funktionen zur Kollaboration, zum Informations- und Datenaustausch und zur Vernetzung.
Nutzungsdaten & Zitation: eine Notiz aus Mendeley
Mendeley.com, ein Social Community Angebot für Wissenschaftler, skizziert in einer aktuellen Meldung einen interessanten Zusammenhang zwischen Nutzungszahlen und Zitationshäufigkeiten. Die herangezogenen Nutzungszahlen wurden innerhalb Mendeleys (das auch eine Literaturverwaltung mit Onlinekomponente und Offline-Client bietet) ermittelt und beruhen auf der Häufigkeit, mit der ein Dokument in Nutzerbibliotheken erscheint und der Anzahl unterschiedlicher Tags. Die Auswertung bezog sich ausschließlich auf Dokumente, die im Jahr 2009 erschienen. Für die fünf am häufigsten genutzten Artikel aus der Biologie ermittelte man einen Korrelationskoeffizienten von 0,76 zwischen den erwähnten Nutzungsinformationen und den Zitationswerten der Artikel gemäß des Web of Knowledge von Thomson Scientific. Einschränkend wirkt selbstredend die geringe Datenbasis.
Twitter, Wikipedia und ihr Potential für die Wissenschaft
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, auf die unten genannten Veröffentlichungen einmal genauer einzugehen, dummerweise fehlt mir im Endsemesterstress momentan jedoch einfach die Zeit. Aber der interessierte Leser kann sich dank Open Access selbst ein Bild machen: Michael Nentwich, Renê König und Axel Kittenberger (Institut für Technikfolgenabschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften), Jana Herwig (Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien) und Jan Schmirmund (Zentrum für Medien und Interaktivität, Universität Gießen) haben Wikipedia und Twitter im Hinblick auf ihr Potential für den Einsatz in wissenschaftlichen Kontexten untersucht und dabei viel Spannendes herausgefunden.
Wissenschaft in Wikipedia und anderen Wikimedia-Projekten. Steckbrief 2 im Rahmen des Projekts Interactive Science ITA-Reports. Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA). Wien, ITA (2009) <http://epub.oeaw.ac.at/ita/ita-projektberichte/d2-2a52-2.pdf> [M. Nentwich, R. König].
Microblogging und die Wissenschaft. Das Beispiel Twitter. Steckbrief 4 im Rahmen des Projekts Interactive Science ITA-Reports. Institut für Technikfolgen-Abschätzung. Wien, ITA: 56 (2009) <http://epub.oeaw.ac.at/ita/ita-projektberichte/d2-2a52-4.pdf> [M. Nentwich, J. Herwig, A. Kittenberger, J. Schmirmund ].
YouTube für Wissenschaftler
SciVee kann man getrost als YouTube für Wissenschaftler bezeichnen – eigentlich sogar als „YouTube Enhanced“: Wissenschaftler können Texte einstellen und ihre Thesen in einem Videovortrag darlegen, User können zu den Dokumenten und Videos Kommentare und Bewertungen verfassen – womit SciVee auch das Prinzip einer Open Review anwendet. SciVee ging aus einer Kooperation der National Science Foundation, der Public Library of Science PLoS und dem San Diego Supercomputing Center hervor. Nähere Informationen dazu findet man in einem älteren Telepolis-Artikel: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26011/1.html
Weniger der Zirkulation neuer wissenschaftlicher Ideen als der Verbreitung audiovisueller Lehrmaterialien dient yovisto. Yovisto macht vorrangig Materialen deutsch- und englischsprachiger Universitäten entgeltfrei zugänglich, scheint aber auch für andere Initiativen offen: so finden sich neben den knapp 2.500 Videos der Berkeley University auch cirka 190 Vorträge des Chaos Communication Congress der Jahre 2007 bis 2009.
JISC-Studie zum Thema Open Science
Liz Lyon (University of Bath) hat einen spannenden Consultative Report für das Joint Information Systems Committee (JISC) zum Thema Open Science veröffentlicht:
Lyon, L.: Open Science at Web-Scale. Optimising Participation and Predictive Potential Consultative Report, 2009. Online.
Inhalt:
„This report has attempted to draw together and synthesise evidence and opinion associated with data-intensive open science from a wide range of sources. The potential impact of data-intensive open science on research practice and research outcomes, is both substantive and far-reaching. There are implications for funding organisations, for research and information communities and for higher education institutions.“
In der Zusammenfassung werden sechs „Consultation Challenge“ benannt, die zentrale Herausforderungen im Themenfeld Open Science beschreiben:
1. Scale, Complexity and Predictive Potential
2. Continuum of Openness
3. Citizen Science
4. Credentials, Incentives and Rewards
5. Institutional Readiness and Response
6. Data Informatics Capacity and Capability
Besonders interessant ist dabei der Fokus auf dem Thema „Citizen Science“.
Frage an die Leserinnen und Leser: Gibt es bereits eine Zusammenfassung deutscher „Citizen Science“ Programme?
Data Publishing – ein kleiner Leitfaden
Erik Wilde, Eric Kansa und Raymond Yee von der UC Berkeley School of Information beschreiben in ihrem Bericht Web Services for Recovery.gov eine sinnvolle Architektur um Daten online zu publizieren.
Durch seine Beschraenkung auf die wichtigsten Architekturmerkmale, Orientierung an der Realitaet und gute Lesbarkeit ist dieser Bericht als Leitfaden fuer alle zu empfehlen, die mit Projekten im Bereich data publishing befasst sind. Dass das Atom Publishing Protocol in dieser Architektur eine zentrale Rolle spielt, scheint angesichts seiner Verbreitung und Flexibilitaet wenig verwunderlich.
Via inkdroid.


